„Auf der Jagd“ von Tom Bouman

Auf der Jagd

von Tom Bouman

Die ausgeplünderten Berge und die fruchtbaren Flusstäler des Nordostens von Pennsylvania hüten einige schreckliche Geheimnisse.
 
Der Polizist Henry Farrell  ist, nachdem er als Soldat aus Somalia zurückgekehrt ist und einen Posten als Polizist in Wyoming innehatte, um alles beraubt und seelisch beschädigt, in das Land seiner Geburt zurückgekehrt, nachdem seine Frau an einer Vielzahl von Gesundheitsproblemen gestorben ist. Wir befinden uns in der kleinen fiktiven Stadt Wild Thyme im Holebrook County. Sippen und Geschichten reichen zurück bis zum Bürgerkrieg und darüber hinaus. Die Bewohner sind diejenigen, die „die Gesetze umgehen, Einwände gegen die Regierung haben, Gewinne aus dem Land ziehen. Wilderer von Holz und Rotwild, Einbrecher, und solche, von denen gesagt wird, ihre Hände im Drogenhandel zu haben und die glauben, sie kämpfen eine ewige Whiskey-Rebellion. In der stillen Ecke von Henrys Pennsylvania kämpfen ärmliche Milchbauern und Kleinbetriebe ums Überleben. Über Jahre gab es nur wenig Arbeit und viel Armut. Aber dies änderte sich durch den Einfluss von Firmen, die Land für Gasbohrungen pachten. Farrell kennt die Nebenstraßen um die Berge und Grate und auch die Geschichten der Familien, die dort leben. Es ist eine harte Welt, die immer noch geteilt ist durch alte Familienfehden und deren Geheimnisse.
 
Ein bitterkalter Winter weicht einem trägen März, der den Körper eines jungen Mannes enthüllt. Der verstümmelte Körper wird auf dem Besitz von Aub Dunigan gefunden. Zur gleichen Zeit erscheint Danny Stiobhard in einer örtlichen Klinik, um sich Schrottkugeln aus seinem Körper herauspicken zu lassen, nachdem Aub „aus Versehen“ auf ihn schoss. Henry begreift, dass er den Sheriff und die Staatspolizei hinzuziehen muss. Farrell wird auf der Fahrt zum Grundstück von Aub, von dessen Cousin Kevin begleitet. Vieles im Roman beschreibt verwandtschaftliche Verhältnisse, egal wie zerrüttet die Familien sind durch Kummer und Verrat. Farrell verfolgt diese Tragödien bis auf die Bohrfelder, den verlassenen Häusern, auf Berge und in die Sümpfe, und in verzweifelte Gespräche in kleinen traurigen Küchen. Aub, der an Demenz leidet, hat wenig zu sagen, und Danny verschwindet, bevor die Polizei zu viele Fragen stellen kann. Das Leben von Henry wird nicht leichter, als Henrys Stellvertreter, George Ellis, erschossen wird und Henry ein altes, gut verstecktes Grab, ebenfalls auf Aubs Grundstück,  entdeckt. Henry kennt viele der Verdächtigten aus seinen Kindertagen, ging mit ihnen zur Schule und glaubt, dass, abgesehen von ihren gelegentlichen Diebstählen und Wildereien, keiner von ihnen imstande ist, einen Mord zu begehen. Aber das Bohren nach Gas hat zu einem Zustrom von nicht einheimischen Arbeitern geführt, verhärtet Nachbar gegen Nachbar und öffnet die Tür zu gefährlichen Drogenköchen und Heroindealern, die ihre Geschäfte in verlassenen Stätten aufbauen. Der Schlüssel, der zur Lösung von Henrys Fall führen könnte, liegt vielleicht in dem gut konservierten Körper, der in dem versteckten Grab gefunden wurde. Familienbande und die Fesseln, die sie Menschen auferlegen können, sind ein starkes Thema im Roman. Die berührende Geschichte des alten Aub Dunigan und seiner verlorenen Liebe nimmt zentralen Platz ein. Aber in den meisten der beschriebenen Familien gibt es ein destabilisierendes Element, dunkel und zerstörerisch.
 
 
Boumans Erstlingswerk, ein aufregendes und vor allem aufwühlendes Buch, zeigt ländlichen „Noir“ vom Feinsten: ein poetisch geschriebener Kriminalroman über einen Mann, der mit seinen inneren Dämonen kämpft und einer Landschaft mit einer großen natürlichen Schönheit – vor dem Gas Boom.
 
„Die Natur der Landschaft, über die ich schreibe, ist die, dass sie wunderschön und wild ist und gleichzeitig verwüstet, oft voller Müll. Es gibt einen Bereich von sozioökonomischen Bedingungen – Armut und so fort an einem Ende, und ein wenig Wohlstand und Komfort am anderen Ende. Und immer eine starke gesellschaftliche Engstirnigkeit über die ganze Bandbreite, sogar zwischen Menschen, die als Individuen unerbittlich unabhängig sind. Wenn ich über Verbrechen auf dem Land schreibe, schreibe ich zum größten Teil nicht über Menschen, die sich vom Rest der Gesellschaft losgesagt und getrennt haben. Ich schreibe, über jemandes Cousin oder so etwas.“
 
Der Roman spielt in der bergigen Region im Nordosten von Pennsylvania über der Marcellus-Formation, ein ausgedehnter geologischer Schatz, ausgebeutet und aufgebrochen wegen seiner natürlichen Gasvorkommen. Natur findet man hinter jeder Ecke. So wie auch Eingriffe der Zivilisation – und die Ausbeutung des Landes – und die Verzweiflung der Armut. Es gibt Hoffnung (Fracking Geld und Verpachtungen an die Energieunternehmen) und Sehnsüchte (Meth).
 
„In jenen Frühzeiten des Booms äußerte man sich nur sehr zurückhaltend über „Gasgeld“. Die Menschen sagten nie geradeheraus, wie teuer sie sich ihre Unterschrift hatten bezahlen lassen, aber ihre Cottages und neuen Trucks sprachen für sich…Nachbarn blieben sich zwar nachbarlich verbunden, hielten aber ein wachsames Auge auf ihre Grundstücksgrenze.“
 
Fracking
Die Wälder sind dunkel und düster, die Sümpfe trübe. Nachbarn, die in Fehde miteinander liegen, wegen der Frage, ob sie die Bohrrechte an Firmen verpachten sollen, um dann beschuldigt zu werden, die Umwelt zu vergiften. Ein Land voller alter Sünden, die einen langen Schatten werfen. Da ist es kein Wunder, dass ein alter verrückter Einsiedler wie Aubrey Dunigan sehr gereizt auf jeden reagiert, der auf seiner heruntergekommenen Farm herumschleicht. Aber diese Berge sind auch überrannt von Meth-Köchen, Drogenhändlern und mexikanischen Drogenkartellen. So macht die Tatsache, dass ein Fremder auf seinem Grundstück gefunden wurde, aus dem armen alten Aubrey noch keinen Mörder.

Der Polizist Henry Farrell ist einer dieser stoischen Helden, die sehen, was vor ihren Augen geschieht, aber sich deshalb die Herzen nicht zerbrechen lassen. Er spielt Geige, an  Dienstagabenden mit seinen Freunden, die noch die alten Blue Grass Noten spielen können. Er jagt Rotwild und hält seine Waffe sauber, obwohl er sich schlecht fühlt, bei dem Gedanken an die Wälder, die voller Müll sind, übersät mit den Trümmern von gedankenlos gelebten Leben. Farrell wird vom ersten Augenblick an für den Leser lebendig und zieht ihn in die Geschichte vom ersten flüchtigen Blick auf ihn, barfuss auf der Veranda, mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Als ein geduldiger und sorgfältiger Cop versucht sich Farrell an die alte Regel seines Geigenlehrers zu halten – „an die Kraft der Langsamkeit.“

 
Die Handlung deckt langsam die Vergangenheit von Farrell auf und entwickelt seinen Charakter. Er ist in vielerlei Hinsicht einnehmend, durch seine nachdenkliche, bedächtige, ab und zu grüblerische und vorsichtige Art und Weise. Er ist einer dieser wohlbekannten Gestalten aus der Kriminalliteratur, der Außenseiter ist, gleichzeitig aber auch die Innenansicht hat und ein einsamer Sucher der Wahrheit ist. Nicht, dass es Henry einfach hätte oder alles in Wild Thyme entspannt wäre. Kaum. Der Fall erfordert jedes bisschen Energie; aber er ist kein Jammerlappen. Er ist ein unermüdlicher Verfolger der Wahrheit und ist sich seiner Situation voll bewusst. Er weiß, dass zuhören genauso wichtig ist, wie das beobachten. Seine Methode, einen Fall zu klären, zeigt sich an seiner Erklärung des Begriffes „still hunter“.
 
„Ein Pirschgänger, der allein auf die Jagd geht. Er hat niemanden dabei, der ihm das Wild zutreibt. Er weiß, wo der Hirsch stehen wird. Er ist nicht „still“ im  Sinne von „reglos“, er schleicht durchaus ein wenig herum. Er begegnet dem Wild auf Augenhöhe.“
 
Die andere Geschichte, die Tom Bouman erzählt, ist entmutigender, als die Kriminalerzählung selbst. Eine Geschichte vom Schmerz über einen Verlust, dessen Ursache man nicht eindeutig zuordnen kann. Von dem man aber vermutet, was es ausgelöst haben könnte. Die Umweltvergiftung durch Fracking. Und die Hilflosigkeit gegenüber dem Landplünderer. Es ist eine Geschichte über eine hoffnungslose Generation von ländlichen Amerikanern, die nicht mehr ihr eignes Land bearbeiten – wenn sie überhaupt noch ein wenig Land übrig haben und noch irgendeine Arbeit. Die Sippe Stiobhards sind ein schauriger Haufen und ihre Engstirnigkeit und ihre bösartigen Ränke spuken durch das Buch. Farrell hat Freunde in Wild Thyme aber keine besonderen Feinde. Nur solche, wie die Stiobhards, die nicht zögern würden, ihn zu verletzen, sollte er ihnen in die Quere kommen. Die Sippe der Stiobhards kämpft wild um ihren Besitz, verbunden mit Gewalt, Kriminalität und Diebstahl. Es eine zähe und dunkle Seite von Amerika.
 
„dass die einzigen Dinge, derentwegen es sich zu prügeln lohnte, die Dinge waren, die man nicht haben konnte oder für die man nichts konnte.“
 

 
Diese in ihren Nischen und Sümpfen übersehenen Familien, sind beschädigt durch Ignoranz und Armut. Verdächtige Menschen leben mit ihren Wachhunden in Trailern und verlassenen Schulbussen und sie sind so erfüllt mit blindem Hass gegenüber jeder Art von Autorität, dass sie den Abgrund unter ihren Füssen nicht sehen können.
 
„Sie offenbarte einen Anflug von Trotz, der eine harte Kindheit vermuten ließ, als misstraue sie jeglicher Autorität, die nicht mit brutaler Gewalt daherkam, und eine jederzeit abrufbare Verachtung der Welt, weil diese so funktionierte.“
 
Was Tom Bouman bemerkenswert gut macht, ist, den Leser zu überzeugen, dass die Menschen im Buch schmerzlich „real“ sind. Die Entwicklungsgeschichte Farrells von einem von Gram heimgesuchten Wittwer zu einem Gesetzeshüter mit einer festen inneren Entschlossenheit, die sich durch das Buch hindurch zieht, ist glaubhaft geschildert. Dazu gibt es immer wieder eingestreute Passagen, in denen der Autor ein bewegendes Bild auf die sich verändernde Landschaft wirft. Durch das Szenario vorgegeben, gibt es eine starke Unterströmung von Isolation gegen die Idee von Gemeinschaft, von Zusammenarbeit und Verbundenheit durch Familie und gemeinsamen Ansichten.
 
„Die Welt, über die ich schreibe, ist nicht strikt eingeteilt in Kriminelle und aufrichtigen Bürgern, oder entlang politischer, kulturellen oder sozialökonomischen Grenzen geschrieben. Alles ist ineinander übergreifend.“
 
Bouman behandelt alle Figuren im Buch, ob nun Neben- oder Hauptdarsteller, mit der gleichen Genauigkeit und Mitgefühl, sogar wenn ihr Erscheinen auf den Seiten des Buches nur sehr kurzlebig ist. Dazu sagt Tom Bouman:
 
„Ich neige dazu, mehr von meinen Figuren zu wissen, als das, was später im Buch erscheint. Und dies deshalb, da sie Dinge tun müssen, und um zu wissen, welche Dinge sie dabei sind zu tun, muss ich wissen, welche ihre Motivation dazu ist. Und dies beinhaltet, in der Vergangenheit zu schürfen, in der Kindheit, der Familie, in Enttäuschungen, Glücksmomenten, Geheimnissen, Religionen, Sucht, Sehnsüchten, Obsessionen, Vorurteile, Bildung, Liebeserlebnisse und so weiter. Wenn Figuren nicht mit Liebe und Respekt behandelt werden hat es einen abstumpfenden Einfluss auf das gesamte Werk und ich arbeite hart, um dies zu vermeiden.“
 
Der Autor Tom Bouman
Menschen, die darüber entzweit sind, ob sie sich und ihre Heimat an die Gasgesellschaften verkaufen sollen oder nicht, ist ein Handlungsstrang. Die Landschaft verdirbt und gutes Farmland verwandelt sich zurück in Buschland und Sümpfe. Es ist ein alter Ort, einst besiedelt durch irische Söldner, die im Bürgerkrieg gekämpft haben, den ein Gefühl von Verfall und Zusammenbruch durchdrängt. Dies alles ist ein plastischer Hintergrund für die sich entwickelnde, übereinander  gelagerten Handlungen, die Vergangenheit mit Gegenwart verbinden und alte Wunden und Rivalitäten offen legen. Die schlussendliche Lösung des Falles bringt, auf eine sehr befriedigende Weise, diese Fäden wieder zusammen..
 
Der Originaltitel des Romans „Dry Bones in the Valley“ bezieht sich wahrscheinlich auf Ezechiel, einem der drei großen Schriftpropheten und auf einen Abschnitt des alten Testaments. Ezechiels Traum vom Tal der verdorrten Gebeine. Ezechiel macht darin deutlich, dass die Gegenwart Gottes den entscheidenden Unterschied zwischen den Lebendigen und den Toten ausmacht. Es gibt Hoffnung für die Toten. Das Ende aber auch der Neubeginn liegt in seiner Hand. Aus dem Grauen der Hoffnungslosigkeit wird zuletzt ein Schauder der Gottesfurcht.
 
 
 
Tom Bouman
Übersetzt von Röckelein, Gottfried
Auf der Jagd (Dry Bones in the Valley)
ars vivendi 2017
 

Lori Nix – Post-Humane Utopie

Heute möchte ich wieder einmal auf die amerikanische Künstlerin zurückkommen, der ich mein Hintergrundbild für meinen Blog verdanke. Lori Nix, deren Dioramen, uns zeigen, um wie viel besser doch die Welt sein wird, wenn die Menschen – diese fest etablierte Laune der Natur – verschwunden sind und die Menschen ihre Bauwerke den Kräften dieser Natur hinterlassen haben, die diese mit ihren Kräften zermalmt. Lori Nix benötigt mindestens sieben Monate um jedes ihrer kleinmaßstäblichen Konstruktionen zu bauen, die alltägliche Institutionen darstellen (Kunstmuseen, Waschsalons, U-Bahnen, Bars, Büchereien), bar jeden menschlichen Lebens und zurückerobert von neuer grüner Natur.
 
„Ich möchte keine Bühnen mit vielen Menschen bauen, die einen Massentod unterstellen“ erzählte sie der Zeitung Newsweek. „Es sollte sein, als sei man in New York und die Menschen verschwinden über Nacht. Menschen sind inmitten ihrer Tätigkeiten und – lösen sich in Luft auf. Ich weiß nicht, warum sie verschwunden sind. Es ist an dir, dies herauszufinden.“
 
 Ein Besuch Ihrer Webseite ist sehr zu empfehlen.
 
Oder auch der Bilderzyklus „The City“ http://www.lorinix.net/the-city/
 
Oder zum Nachlesen ein Aufsatz auf Englisch aus dem Culturetrip
 

Leonard Gardner – Fat City

 

Fat City

von Leonard Gardner

Leonhard Gardner war ein Student im Aufbaustudium für kreatives Schreiben im Staat San Francisco, als er mit dem vierjährigen Schreibprozess bis zur Endfassung von „Fat City“ begann. Er wuchs in Stockton, Kalifornien auf und kämpfte dort als Amateurboxer. Stockton, mit dem Sportstudio Lido, dem Hotel Coma, den Imbissbuden der Hauptstraße, wo die dunklen Kneipen den Männern und Frauen eine zeitweilige Ruhepause gönnen, deren rückenbrechende Arbeit auf den Feldern ihnen kaum erlaubt, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Die Stadt ist eine der zentralen Figuren im Roman. Fat City ist auch ein alter Spottname für diese historische Stadt in Kalifornien. Gardner war 36 Jahre alt, als der Roman schließlich 1969 erschien. Das Buch war auch in der Endausscheidung für den „National Book Award“ im Jahre 1970. Zusammen mit dem Roman „Schlachthaus 5“ von Kurt Vonnegut und dem letztendlichen Gewinner „Jene“ von Joyce Carol Oates. Gardner schrieb ab nun für Film und Fernsehen, einschließlich das Drehbuch für den 1972 uraufgeführten Film „Fat City“. John Huston führte Regie in diesem Film, mit einem bis dahin noch ziemlich unbekannten Stacy Keach, dem jungen Jeff Bridge und der brillanten Susan Tyrell.

Leonhard Gardners einziger Roman, ein dünnes, 223 seitiges, pralles Buch, dass seines Status als Klassiker der amerikanischen Literatur, durch seine makellose, beschwörende Prosa, eine mitfühlende, aber doch verbitterte Sicht auf das menschliche Befinden und die unbedingte Glaubwürdigkeit seiner Beschreibung des Sports der zerbrochenen Nasen verdient hat. Das Buch wird als Meisterwerk des „dreckigen Realismus“ gehandelt. Ein Roman, der Generationen von Lesern seit seinem Erscheinen verblüfft und fasziniert hat. „Fat City“ ist ein eindringlicher Roman über Hartnäckigkeit und Kampf, von dem mächtigen Versprechen eines guten Lebens und die Verzweiflung und dem Alkohol, die denjenigen auflauern, denen sich das gute Leben entzieht.
 

1969 sagte Gardner im Life-Magazine über den Titel seines Buches: „Viele Leute haben mich nach dem Titel meines Buches gefragt. Er ist Teil des Slangs der Schwarzen. Wenn du sagst, du möchtest nach Fat City gehen, meint dies, du möchtest ein gutes Leben haben. Mir kam die Idee für diesen Titel nachdem ich eine Fotografie eines Miethauses auf einer Ausstellung in San Francisco gesehen habe. Fat City war mit Kreide auf die Hauswand geschmiert worden. Der Titel ist Ironie. Fat City ist ein verrücktes Ziel und niemand wird es jemals erreichen.“ Aber wie es der alte Boxmanager von Billy Tully ausdrückt: „Es gibt immer wieder jemanden, der bereit war zu kämpfen.“

Ross Macdonald schrieb über „Fat City“: In seinem Mitleid und seiner Kunst bewegt sich Gardner über Rassen, über Schuld und Bestrafung hinaus, wie Twain und Melville es taten, in eine tragische Vergebung hinein. Ich habe selten einen solchen schönen und individuellen Roman gelesen wie diesen.“

Im Grunde genommen ist „Fat City“ kein Roman über das Boxen. „Fat City“ ist eine allgemein gültige Geschichte über düstere Gegebenheiten und vergiftete Selbsttäuschungen. Für die Männer in diesem Roman ist Boxen eine Chance, ein Schimmer von Hoffnung. Fat City ist alter Jargon und steht für Wohlstand und Annehmlichkeit – für ein gutes Leben. Bist du in Fat City, hast du Glück. Aber dieser Titel des Romans ist, wie Gardner sagt, verdrehte Ironie. Das Buch ist erfüllt mit der Erkenntnis, dass Gelegenheiten vergehen, Träume einen behindern können, kostbare Zeit verschwendet wird und alle Zukunftschancen dabei zu Asche verbrannt werden. Viele sind gefangen in diesen Lebensverhältnissen. Kein Geld und jeden Tag auf der Suche nach einem Job auf den kargen Feldern der Umgebung. Und da ist Boxen ein Ausweg. Eine alte Binsenweisheit des Boxsports ist, dass er so schwierig ist, dass nur der Verzweifelte ihn erdulden kann, als eine zermürbende Flucht aus einem kulturellen, finanziellen oder seelischen Ghetto, das sie gefangen hält. Es ist ein fordernder und schmerzhafter Weg mit keinerlei Garantie und viel Risiko. Und so ist das Buch, wie gesagt, nicht nur ein Buch über das Boxen, sondern auch ein Buch, wie es war, in Stockton zu leben, am Ende der 1950er Jahre. Der Roman zeigt dem Leser eine Welt von schmutzigen Kneipen, von ausgezehrten chinesischen Schweinswurstköchen, von ersten Freundinnen, die geheiratet werden, weil der Verlust der Jungfräulichkeit, Schwangerschaft bedeutet und vom Leben in heruntergekommenen Hotelzimmern, die die Seele weinen lässt.

Ein paar Jahre bevor die Handlung des Romans beginnt, war Billy Tully in Fat City. Er lebte anständig und gewann Kämpfe. Er hatte ein Haus, ein gutes Auto und eine hübsche Frau. Dann erlitt er eine unglückliche Niederlage im Ring, die ihm sein Selbstvertrauen raubte. Er gab das Boxen auf, fing an zu trinken, konnte seine Arbeit nicht halten, verlor sein Auto und sein Haus. Dann verließ ihn seine Frau. Nun verdiente er als Tagelöhner auf den Zwiebelfeldern des Tales gerade so viel, dass es für ein schäbiges Hotelzimmer und seine nächtlichen Sauftouren reichte.

Rowohlt 1991 „Fat City“

Wenn wir Tully zum ersten Mal im Buch begegnen, denkt er über eine sich kürzlich ereignete Kneipenschlägerei nach, in der er einen anderen Saufkumpan mit einem Schlag niedergestreckt hat. Diesen Schlag nimmt sein verkatertes Hirn als Beweis, dass er seine Fähigkeiten als Boxer noch nicht verloren hat. Er beschließt in den YMCA zu gehen und damit zu beginnen, sich wieder in Form zu bringen. Er will ein Comeback. Als Tully dort eintrifft, ist der einzige weitere Benutzer des Gym, der 18jährige Ernie Munger, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, an einer Tankstelle die Windschutzscheiben zu reinigen und Autos zu betanken. Er schlägt sich die Zeit tot, indem er auf einen Sandsack eindrischt. Tully überredet ihn, einen Sparringskampf mit ihm zu machen. Dieses Treffen verändert das Leben des jungen Ernie Munger. Tully drängt ihn, in den Box Club zu gehen und bringt ihn mit seinem alten Manager und Trainer zusammen.

New York Review Books
Fat City 2015

Der Roman verbindet die Geschichten von Billy Tully und Ernie Munger. Ernie versucht als Boxer in die Riege der Männer aufzusteigen. Billy versucht, wieder in Form zu kommen und sein Leben wieder in die Spur zu bringen. Ernie ist Tullys Vergangenheit und Tully ist Ernies Zukunft. Wir werden in jeden hineinversetzt und erhalten flüchtig Eindrücke von anderen Boxern, die um das Studio kreisen. Diese Einblicke in das Leben und Denken anderer Boxer sind durchgehend im Roman, wo Hoffnung ununterscheidbar von Selbsttäuschung ist.  

„Willst du wissen, was einen guten Boxen ausmacht?“ „Was denn?“ „Dass du an dich glaubst. Dass du siegen willst. Der Rest – Kondition. Wenn du deinen Gegner fertigmachen willst, machst du ihn fertig.“ „Hoffentlich hast du recht.“ „Wenn du ihn nicht fertigmachen willst, bist du selber dran.“

Fehler werden gemacht. Lebendig geschilderte Charaktere tauchen auf. Die Frauen im Leben der Boxer werden zu kraftvollen Mächten. Für Ernie ist es seine junge Frau, die ihm ein Kind schenkt. Für Tully ist es Oda, die streitbare Alkoholikerin, mit der er in wilder Ehe lebt, während er daran arbeitet, seine Boxkarriere wieder aufzufrischen. Ungeachtet der Verbindung zwischen den zwei Erzählungen über die zwei Boxkämpfer ist Ernies Zukunft am Schluss des Buches offen. Er wird wahrscheinlich kein großer Boxer aber er kann es vielleicht und schlussendlich dazu bringe, zu einem vernünftigen und bodenständigen menschlichen Wesen zu werden.

Cover „Fat City“ EA

Verzweiflung ist eines der Schlüsselwortes des Romans. Verzweiflung am Dasein. Am Leben, wie es einem mitspielt. Tully überkommt nach einem verlorenen Kampf und nach der Trennung seiner Freundin ein Schmerz. „Eine entsetzliche Niedergeschlagenheit brach über ihn herein, eine rauschende Welle der Verwirrung und Verzweiflung. Er hatte keinen Zweifel mehr, dass er verloren war.“ Wes Haynes, ein weiterer Boxer im Buch, überkommt die Erkenntnis, dass er ein Nichts war.

„Er drückte die Wange an das kalte Glas und dachte daran, sich umzubringen. Aber Jahre zuvor, an den Beinen seines Vaters in einer Menge stehend, hatte er einmal einen toten, im eigenen Blut liegenden Mann gesehen, seinen stumpfen, überraschten Blick – und Wes wusste, wenn er schon gewaltsam sterben sollte, würde er es bestimmt nicht selbst erledigen. Sie müssten schon kommen, um ihn zu holen, und er würde sie niederknüppeln, er würde würgen und schießen, und dann würde er abhauen.“

Dies legt aber nicht nahe, dass das Weglaufen es besser machen würde oder dass das Leben, zu dem er läuft, ein Leben ist, das er sich wünscht. Im Roman findet man beides. Schmerz, der einen zusammenzucken lässt und tiefen Genuss. Gardners Erfolg lebt aber gerade deshalb weiter, weil „Fat City“ nicht bedrückend ist. Die Erzählung ist dunkel aber ist angereichert mit Kraft. Sie ist verlockend, gewinnend und leuchtend, allen Widrigkeiten zum Trotz, durch eine Lebendigkeit, die in sich schon eine Form von Hoffnung beinhaltet. 

Der Roman ist auf seine Weise wunderbar.

 

 

Leonard Gardner
Fat City
Übersetzt von Gregor Hens
Blumenbar Verlagr

Etwas von der Grösse des Universums von Jón Kalman Stefánsson

„Jeder lebt sein eigenes Leben“

Dieser Roman „Etwas von der Grösse des Universums“, der eine Fortsetzung – Erweiterung – des im Jahre 2013 erschienen Romans „Fische haben keine Beine“  ist, erzählt die Geschichte von Ari und seiner Familie nicht neu sondern vertieft sie. Knöpft Erzählfäden zusammen, die in „Fische haben keine Beine“ lose und unerzählt geblieben sind. Vertieft einige Familiengeschichten, erzählt neue und lüftet einige Geheimnisse. In „Fische haben keine Beine“ kehrt Ari, ein Mann mittleren Alters, getrennt lebend und betrübt, nach Island, an den Ort seiner Kindheit zurück, um seinen kranken Vater zu besuchen. Der ungenannte Erzähler, ein Cousin von Ari, wartet in Keflavík auf Ari und erzählt aus seiner und der Kindheit von Ari. Blättert die Familienhistorie der Großeltern, deren hartes Leben als Fischer in den Ostfjorden, das Leben der Eltern und die Jugend von Ari auf. Um diese sturmgepeitschten Klippen der Ostfjorde und das Leben der Protagonisten rollt und wogt die Prosa von Stefánsson mit ungeheurerem Glanz und Pracht. „Gott“, so drückt es der literarisch angehauchte Fischer Tryggvi aus, „komponiert herrliche Verse“.
 
Das Meer trat unheimlich vor die Augen der Leser von „Fische haben keine Beine“. Ebenso die rauen Ostfjorde, die Halbinsel Reykjanes mit dem Städtchen Keflavík. Die Halbinsel und Ortschaft, die jeder Islandreisende zuerst sieht, wenn er in Island mit dem Flugzeug ankommt. Mächtig und funkelnd ist das Meer, gleichzeitig der Hintergrund und das Lebenselixier für die Geschichte von drei Generationen einer ehemaligen Fischerfamilie und wie sie sich verlieben und entlieben. Die wüste Schwärze des mit Lava überzogenen Landes wird aufgehoben durch die unberührbare Grenze des Wassers, welches das schwarze karge Land umgibt. Ein eindrucksvolles Bild eines ansonsten ziemlich trostlosen Ortes. Die Fischfabrik, in welcher der junge Ari gearbeitet hat, schloss, als betrügerische Geschäfte mit den „Meeresbaronen“, Keflavík als „quotenfreie“ Stadt zurückließ. Keine Fischfangquoten mehr, die die Stadt am Leben erhielten. 
 
 
 Wir befinden uns in Keflavík. „Es schneit auf Arbeitslosigkeit, leere Straßen, ein kleines zweistöckiges Holzhaus und das Hotel, das auf den Trümmern von Skáli Millons Kühlhaus errichtet worden ist, schneit auf diesen Ort voller Erinnerungen, auf Aris und meine Spuren, es schneit auf die Siedlung, in der Aris Vater Jakob wohnt.“ Aris ist zurück in der Stadt, in der er aufgewachsen ist, liegt im Hotel und gibt sich seinen Erinnerungen hin bzw. der Erzähler erzählt uns die Familiengeschichte von Aris. Aris ist nach Island gereist, um seinen Vater zu besuchen Ein Brief seiner Stiefmutter, die ihm geschrieben hat, dass das Leben seines Vaters zu Ende geht. Nun liegt er im Hotel und denkt über alles nach. Über sein Verhältnis zu seinem Vater, das von Schweigen beherrscht wird. „Wenn wir nicht miteinander reden können, uns nicht trauen, dann kann das Schweigen, das der Tod hinterlässt, im Laufe der Zeit größer und schwerer werden als das Leben“. Sein Verhältnis zum Vater ist gestört. Nach dem Tod der Mutter heiratet der Vater wieder. Der Sohn versteht es nicht. „Vater und Sohn, haben zusammen Tod und schwere Zeiten erlebt. Zusammen und doch endlos voneinander entfernt.“
 
 
Das zentrale Thema des Romans ist, wie es Stefánsson im Buch niederschreibt „…das uns Unbegreifliche, über das wir keine Kontrolle haben.“ Das Unbegreifliche kann die Liebe sein, der Hass, der Tod oder das Schicksal. Das Unbegreifliche in Aris Leben ist die Gewalt, die von Männern seiner Familie den Frauen gegenüber ausgeübt wird. Auch er hat Gewalt ausgeübt, hat das Geschirr vom Tisch gefegt und ist geflohen. Geflohen vor sich und seinen Dämonen. Floh vor dem Erbe in seinem Blut, „lief davon, weil er auf einmal nicht mehr wusste, wer er überhaupt war und wer er sein sollte.“ Rennt weg von seiner Frau und der Geliebten, weiß nicht, zu wem er zurückkehren soll. Rennt weg vom Fluch seiner Familie vor seinen inneren Dämonen.
 
„Aber was dauerhaft Einfluss auf Menschen ausübt, vererbt sich von einer Generation auf die andere. Darum kämpfen Familien vielfach mit denselben Ungeheuern, Generation für Generation. Bis es endlich einer schafft, aus dem Teufelskreis auszubrechen. Dann erstarrt der Troll zu Stein, und es fällt leichter zu leben. Und zu sterben. Unser innerer Troll heißt vermutlich Feigheit.“
 
Und dann gibt es den Fisch, der die Geschichte von Aris Familie und die Geschichte Islands prägte. Der Fisch, Grundstock der modernen isländischen Gesellschaft, Motor ihrer Entwicklung. Alles hatte sich um die Welt des Fisches gedreht. Aris Großvater Oddur war Fischer aus Überzeugung. „Auf See, beim Fischfang, da lösten sich seine sämtlichen Probleme, er fing für seinen Lebensunterhalt und damit das Volk die volle Unabhängigkeit erlangen und sich aus Armut und primitiven Lebensumständen befreien konnte.“  Für den Großvater Oddur war das Leben auf See eine Vorsehung. Für Margret seine Frau, brachte dieses gewaltige Element Wasser nur Einsamkeit, Furcht und Tod. Und eine verbotene Liebe, die in diesem Roman erzählt wird.
 
 

 „Sie haben geweint, weil sie dazu verdammt waren, jedes Mal einen anderen zu betrügen, wenn sie zusammen sein wollten. Ein Glück, das sich der Welt nicht offen zeigen darf, versteckt sich unter großer Traurigkeit.“ Und so ist es von der Liebe gleich weit zum Glück wie ins Unglück, wie es an einer Stelle des Buches heißt.

Der Fisch ist der Anfang und das Ende. Als der Fischfang in die Hände weniger gelangte, zerfiel die ländliche Struktur. Landflucht setzte ein. Vor allem nach Reykjavik.

Für einen Leser ohne Vorkenntnis des Vorgängerbandes ist der Einstieg in diesen Roman etwas schwierig. Zeit- und Ortswechsel, eine Familiengeschichte über drei Generationen mit einem vielfältigen Personenrepertoire macht die Lektüre nicht einfach. Aber mit dem Fortlauf der Handlung werden einem die Figuren vertrauter und man kann der Geschichte folgen. Und nach und nach enthüllen sich einige Geschehnisse und Verbindungen. Was einen unbedingt an diesem Buch festhält ist die Sprache von Stefánsson. Manchmal erinnert sie an die Sprache der alten Sagen und immer wieder stehen wunderbare poetische Sätze in diesem Buch über die man gerne nachdenkt und den Widerhall des Gesagten nachklingen lässt.

Es werden alle Gefühle geschildert, die in den Beziehungen der Menschen eine Rolle spielen – Hoffnung, Liebe, Ängste, Hass und Träume. Es geht um Liebe, verpasste Gelegenheiten und die Hoffnung auf eine zweite Gelegenheit. Um Hoffnung, es besser zu machen. Im Buch heißt es: „Aber ihr Lebenden könnt uns Toten helfen. Du musst uns aus dem Dunkel des Vergessens hervorheben, bring das Schöne an uns zum Leuchten, unsere Enttäuschungen und Gedankenlosigkeit kommen dann auch zum Vorschein. Hol dir Kraft aus dem, was gut ist, lerne aus dem weniger Guten.“ Stefánsson schildert die Figuren, ihre Träume und Hoffnungen, ihr Glück und ihren Kummer. Zeigt uns ihre Gedanken und Gefühle. Streift die wesentlichen Fragen unserer Existenz. Was macht uns aus, was bleibt. Der Tod ist allgegenwärtig und „den Tod hält niemand auf, wenn er erst einmal unterwegs ist. Er betritt die Erde, und du bist weg, verschwunden. Dann wirst du vergessen.“ Auf dem Gang über einen Friedhof fällt Ari auf,  dass „ein ganzes Leben zu einem Gedankenstrich komprimiert“ wird.

Und eine Bitte an die Nachkommen und Chronisten bleibt. Wer und wann kann man zwischen Liebe und Gewohnheiten unterscheiden. „Ist das nicht etwas, wobei ihr Dichter uns helfen solltet? Und uns nebenher erklären, warum es den Menschen so schwerfällt, glücklich zu sein? Ich meine, wozu sind Dichter denn da, wenn sie einem nicht helfen können zu leben?“ Ist es wirklich unser Unglück, dass wir zu viel nachdenken und zu wenig fühlen?

Jón Kalman Stefánsson zeigt keinen Ausweg aus diesen menschlichen Unzulänglichkeiten. Aber das Buch „Etwa von der Grösse des Universums“ bleibt im Gedächtnis. Wegen seiner Sprachpoesie und wegen seiner Figuren, die schlussendlich versuchen, ihren Weg in dieser Welt zu suchen und zu finden. Zwar fehlerverhaftet aber doch oder deshalb allzu menschlich. Etwas bleibt übrig.

 

"Etwas von der Grösse des Universums"von Jón Kalman StefánssonÜbersetzer: Karl-Ludwig Wetzig
Piper Verlag 2017

Dieser Volkszähler von China Miéville

„dass alle Welt geschätzt würde“

„Dieser Volkszähler“ von China Miéville

Der Leser oder die Leserin kann sich nie ganz sicher sein, woran sie mit dem Roman von China Miéville „Dieser Volkszähler“ sind. Die Zeit und der Ort sind unklar – eine anonyme Stadt nach einer mysteriösen Apokalypse. Der Erzähler und die meisten der auftretenden Personen werden nicht benannt und die Regeln der geschilderten Gesellschaft und ihrer Bewohner sind so undurchsichtig wie sie unvermeidbar erscheinen. Sogar die Stimme des Erzählers ist zerrissen, die abrupt zwischen erster und dritter Person wechselt, wenn er diese Erinnerungen einer Kindheit erzählt, die durch ein unaufgeklärtes schreckliches Ereignis geprägt ist.
 
„Ein Junge rannte schreiend einen Bergpfad hinunter. Der Junge war ich. Er streckte die Hände vor sich aus, als hätte er sie in Flüssigkeit getaucht, als wolle er ein Bild malen, sie auf ein Blatt Papier drücken, doch er hatte nur Dreck an ihnen.“ „An seinen Händen war kein Blut.“ Und der Junge platzt heraus: „Meine Mutter hat meinen Vater umgebracht!“. Doch nach ein paar Minuten voller Konfusion ändert er seine Anschuldigung dahingehend, dass sein Vater seine Mutter umgebracht hat. Dazu im Buch: „…zu sagen versuchte, dass einer meiner Eltern jemanden umgebracht hatte – den anderen vielleicht.“ Ich streckte die Hände hoch, die ich für blutig hielt, damit alle sie sehen konnten.“ Diese Unklarheit der Details und Aussagen wie diese, ist typisch für dieses Buch. Die Grenzen unserer Sprache und Erinnerungen erschweren unsere Wahrnehmung von Geschehnissen. Wir können uns unserer Erinnerungen nie sicher sein. Und dies erstreckt sich auch auf die Schilderung der Natur, des Dorfes und der Menschen. Es gibt verschiedene erzählte Einzelheiten, die man als übernatürlich lesen und deuten kann. Gleichzeitig kann man dies ebenfalls als kindliche Fantasie auslegen. Der Junge, neun Jahre alt („Er war neun, glaube ich“), oder der Erzähler, der Hauptcharakter des Buches, bleibt ein Rätsel. Im Buch stellt er an einer Stelle fest, dass seine Identität eine “rätselhafte Geschichte“ sei, sogar für ihn selbst.
 
„Ich war ein Bergler. Über meinem Zuhause erhob sich ein steiler Hang aus Gras und lockerem Boden. Kein Pfad führte zum Gipfel dieses Berges. Unser Haus stand auf gleicher Höhe wie die der wenigen Wetterbeobachter, Eremiten und Hexen.“ Ein altes Haus mit einem verlassenen Dachboden. Zwei Wände beklebt mit alten Tapeten, auf die der Junge seine Phantasien überträgt. „Der Berg spuckt seine eigenen Alpträume  aus.“
 
 
Es handelte sich um ein Dorf, das sich über die Flanken zweier Berge verteilt und einer Brücke zwischen ihnen. „Wie alle anderen auf diesen beiden Bergen gehörten auch wir zu dieser Gemeinde, dabei lebten wir in einem Haus, das so weit abseits der Straßen lag, wie es gerade noch möglich war, um dazuzuzählen. Wir unterstanden dem Gesetz dieses Dorfes. Als ich an jenem Tag nach unten kam, rannte ich nicht, um das Gesetz zu holen; das Gesetz fand mich.“ Ein von einem Krieg verheertes Dorf. Ein Dorf, in dem die Straßenkinder Fledermäuse auf verfallenen Brücken aus der Luft fischen, um sie zu essen, wo riesige Eidechsen in zu kleinen Gehegen gehalten werden und Schrott von zerstörten Maschinen gesammelt wird. Unsichtbare Turbinen sorgen für etwas Strom. Armut und Verfall ist überall. Es kann irgendwo in Asien sein (der Tropenbaum Banyan wird erwähnt) mit einer schwachen Drehung zum Surrealen oder einem Vereinigten Königreich nach einigen Jahrhunderten an Ressourcenausbeutung. Oder irgendwo, wo trockene Erde und zerfallene Plastiktüten, der natürliche Boden unter den Füßen ist. Oder der Ort Bas Lag, bekannt aus vielen Romanen von China Miéville. Ein Hauch von Postapokalypse schwebt über dem Erzählten. Und Magie.
 
 
Die Mutter, eine maskuline, grimmige und ausdruckslose Frau, von manchen als stark, sogar attraktiv beschrieben. Der Junge fand sie schön. Sie erteilt ihm Unterricht in „einer anderen Sprache als jener, in der ich heute schreibe.“ Sie stammt aus einer Stadt, wo Züge fuhren, und die am Meer lag. Sie kümmert sich um einen kargen Ackerbau, deren Erzeugnisse sie im Dorf verkauft oder tauscht.
 
Der Vater, ist ein großer blasser Mann, der ständig erschrocken aussah. Er machte magische Schlüssel, um etwas zu öffnen, um die Zukunft zu erfahren. Einen Schlüssel zu Geld, Liebe, Glück. „Vater kommt von anderswo. Hat viel früher in einer anderen Sprache gedacht. Hat seine Heimat verlassen müssen, eine große Stadt; ganz weit weg, wegen der Unruhen dort.“ Vater und Sohn sprechen nicht miteinander. Der Sohn hat Angst vor dem Vater. Versteht ihn nicht. „Ich hatte schon vor dem Mordtag, als sein Gesicht und das meiner Mutter zuckten, Wutanfälle meines Vaters erlebt. Wutanfälle sage ich, dabei war er in diesen Augenblicken reglos und unberührt: Er wirkte abwesend und tief in Gedanken versunken.“
 
Die Mutter bleibt verschwunden. Der Leser weiß nicht was mit ihr geschah. Ist sie wirklich tot? Ein Abschiedsbrief wurde gefunden. Ist sie gegangen? Hat der Vater sie verschwinden lassen, in der Grube, in der er tote Tiere entsorgt? Tiere, die er vorher getötet hat. Sind es Tieropfer oder unverständliche, für den Jungen nicht zu verstehende Rituale, der Fremdheit seines Vaters geschuldete Rituale? „Tote Tierkadaver in einer Hölle in eine Grube – als hätte er all das, dieses Töten, nur deshalb getan, um ein Tier hinabstürzen zu sehen. Sein Vater fütterte nur die Dunkelheit mit diesen Tieren.“ Es wird angedeutet, dass in dieser Grube bisweilen Menschen auch verschwunden sind.
 
Und dann dieser Krieg. Zwei Kriege! Einer drinnen, einer draußen. Vor Jahren. Die Ursachen unklar, nur angedeutet: „Sie hatten Angst vor den Maschinen und hatten sie alle zerstört.. Die anderen haben gewonnen. Und das Ganze endete damit, dass Leute ausgesandt werden, die den Bestand aufnehmen, Fremde zählen. Wie deinen Vater.“
 
Jemand würde kommen, um Fremde zu suchen und jene, die von Fremden geboren worden waren. Es waren Leute ausgesandt worden, die solche Aufgaben übernehmen sollen, die zählen sollten, und nun würde jemand kommen. Und fast am Ende des Buches taucht er auf, der Volkszähler, Wie eine Figur aus einem Steampunk Roman. Ausgestattet mit einem wunderlichen Gewehr.
 
Dieser Volkszähler erzählt dem Jungen: „Ich muss Protokoll führen. Dein Vater ist eine dieser Personen wegen seiner Herkunft. Dein Vater, als er im Krieg war. In einer Stadt. Was er dort gemacht hat. Zu anderen Zeiten, gutes und nicht so gutes.“  „Ich zähle Menschen. Ich zähle Menschen und Dinge. Nicht jeden. Wenn man jeden zählen würde, dann würde man ja nie fertig werden oder?“
 
Die Geschichte legt nahe, dass dieser Volkszähler jemand ist, der von seinen Mitbürokraten getrennt wurde, also auf eigene Faust unterwegs ist. So klingt der Vater sehr verzweifelt, als er so ziemlich am Ende des Buches ruft: „Sie wurden zurückgerufen! Warum zählt dieser immer noch? Dieser Mann denkt, er weiß, was ich getan habe? Wann? Immer?“ Die Idee eines Datensammlers, der zum Schurken wird und sich auf die Fährte von Fremden setzt,  ist reizvoll. Denn Schüsse hallen in der Nacht. Schüsse, die der Vater kennt. „Geht eine neue Jagd los?“ „Das ist die Art von Schuss, mit der man einen Menschen tötet“.
 
Und es fällt ein Schuss und der Junge geht mit dem Volkszähler.
 
Beim Lesen dieses kurzen Romans kommt einem an manchen Stellen auch die Bibel in den Sinn. Natürlich vor allem die Passage über die biblische Volkszählung:
 
„Es geschah aber in jenen Tagen, dass eine Verordnung vom Kaiser Augustus ausging, den ganzen Erdkreis einzuschreiben. Diese Einschreibung geschah als erste, als Cyrenius Statthalter von Syrien war. Und alle gingen hin, um sich einschreiben zu lassen, ein jeder in seine Stadt. Es ging aber auch Josef von Galiläa, aus der Stadt Nazareth, hinauf nach Judäa, in Davids Stadt, die Bethlehem heißt, weil er aus dem Haus und Geschlecht Davids war, um sich einschreiben zu lassen mit Maria, seiner Verlobten, die schwanger war.“ – Lukas 2,1–5
Des Weiteren widmet sich Miéville auch über die Funktion des Schriftstellers und des Lesers. Eine Erzählung über das Lesen und über Bücher und über denjenigen, der diese Bücher verfasst. So schreibt der Erzähler, der (vielleicht) ein Gefangener und in einem Zimmer eingeschlossen ist:
 
„Das hier ist mein zweites Buch.“ So heißt es an einer Stelle des Buches. „Das erste Buch habe ich vor drei Jahren begonnen, in einem fernen Land, das dritte ein Jahr später. Jetzt ist es endlich an der Zeit, mit diesem zweiten Buch anzufangen.“
 
„Mein erstes Buch ist eins der Zahlen. Darin gibt es Listen und Berechnungen. Dieses erste Buch ist für alle, doch kaum einer will es haben oder weiß, wie man es lesen muss. Das dritte meiner Bücher ist für mich selbst. Du führst ein Buch, so sagte er (mein direkter Vorgesetzter) zu mir, das du allein für dich liest und in dem du deine Geheimnisse notierst. Du kannst Dir allerdings nie sicher sein, dass niemand sonst es lesen wird. Das ist das Risiko dabei, auf diese Art funktioniert das dritte Buch eben.“
 
Und das vorliegende, dass ist das Buch des Erzählens: „Hier ist nichts verschlüsselt. Aber – und wieder zählte er bis eins und hatte meine ganze Aufmerksamkeit – du kannst darin Geheimnisse preisgeben und Botschaften senden. Du kannst sie rundheraus erzählen oder sie in den Wörtern verstecken, in ihren Buchstaben, in der Anordnung der Zeilen, des Arrangements und Melodien.  Das zweite Buch sagte er, ist eine Darbietung. Du kannst auf jede nur erdenkliche Art erzählen, sagte er, du kannst ich sein, oder er oder sie oder wir oder sie oder du, und du würdest nicht lügen, auch wenn du zwei Geschichten auf einmal erzählst.“
 
Eine von Miévilles Lieblingsthemen ist die Unzulänglichkeit der Sprache, das Phantastische und das Tiefgründige zu beschreiben. Es gibt überall Schmucklosigkeit, Knappheit, Stillstand, außer in der Sprache, die im Gegensatz dazu, aufwendig, anspruchsvoll und ein wenig in Wörtern schwelgt. Der ganze Roman ist verborgen hinter dem Mysteriösen – fast niemand in der Geschichte hat einen Namen. Undurchdringlich, dunkel, ein faszinierendes  Labyrinth, in dem man verloren gehen kann. Die Geschichte endet abrupt, kompromisslos und ohne Erklärung. Die Geschichte ist an der Grenze des Erzählens, der Sinn ist niemals ganz klar, dem Leser bleibt es überlassen, die Einzelsteile der Geschichte für sich zusammen zu fügen. Und sie hallt lange nach.
 

 

Dieser Volkszähler
China Miéville
Dieser Volkszähler
Aus den Englischen von Peter Torberg
liebeskind Verlag 2017
 

Sweetgirl von Travis Mulhauser

Sweetgirl

von Travis Muhlhauser

Ein „coming of age“ auf die harte Tour erzählt Travis Mulhauser in seinem Roman „Sweetgirl“. Percy, gerade 16 Jahre alt geworden, ist wieder einmal auf der Suche nach ihrer verschwundenen Mutter Carletta. Dies ist nicht gerade eine Überraschung für ihre Tochter. Oder wie Percy sich ausdrückt: „Eigentlich war das Einzige, was mich überraschte, meine Überraschung. Egal wie oft Carletta mich sitzen ließ, jedes Mal fühlte es sich an wie ein Schlag in den Bauch, von dem mir ganz schwindlig wurde, genau wie beim ersten Mal, als sie vergaß, mich von der Schule abzuholen.“ „Trotzdem fehlte sie mir. Sie fehlte mir, und ich hatte die Nase voll von diesem Leben, weil ich rumsaß wie bestellt und nicht abgeholt und mir dauernd Sorgen um sie machte. Ich hatte es satt, mich ständig zu fragen, wo sie war, ständig Angst um sie zu haben, die sich um mein Herz legte wie eine Schlingpflanze.“

Percy ist ein beherztes und raues Mädchen, dass die High School verlassen hat und nun ihr Geld damit verdient, alte Möbelstücke in einem einheimischen Laden aufzufrischen, um damit ihre Mutter und sich zu ernähren. „Die Ladies in Cutler nennen sie Wildfang, so hieß man hier eben, wenn man sich nicht schminkte und trotzdem keine Lesbe war.“

Carletta, methsüchtig und unfähig, sich um ihre Tochter zu kümmern, ist aus ihrer gemeinsamen schäbigen Wohnung in einem verkommenen Stadtteil verschwunden. Der Schauplatz ist Cutler County in Michigan, an der nordwestlichen Spitze der Halbinsel, zwischen dem Lake Michigan im Westen und dem Lake Huron im Osten. Das County ist erdacht, aber der Ort der Geschichte passt gut auf Petoskey in Michigan, dem ehemaligen Heimatort von Mulhauser.

Ein Freund von Percy hat Carletta bei deren Dealer gesehen. Shelton Potter, der Dealer, ist der Neffe von Rick Potter. Dieser Rick Potter verdiente sein Geld mit Kokain und Marihuana, ein ehrbares Geschäft im Vergleich zur Vorliebe für hausgemachtes Chrystal Meth. Rick war also eine Stütze der Gesellschaft, während Shelton ein Bösewicht war.

Blizzard

Percy setzt sich in ihren Pick-up und fährt, trotz eines herannahenden Blizzards, in die Berge, den North Hills, um ihre Mutter aus der Drogenhöhle nach Hause zu bringen. Dies macht sie nicht zum ersten Mal. „Ein Kind sollte nicht seiner Mutter nachlaufen.“ Und trotzdem macht sie sich auf den Weg. Ihr Verantwortungsgefühl für ihre hemmungslos süchtige Mutter hält sie fest. „Unsere Bindung war so eng, in Blut und Knochen und Seele.“. Umso mehr, als ihre ältere Schwester geheiratet und Cutler County verlassen hat. Auf dem Grundstück des Dealers Shelton Potter entdeckt sie das Auto ihrer Mutter und im Haus den Dealer selbst und eine fremde junge Frau. Beide vollgedröhnt mit Drogen. Auf der Suche nach ihrer Mutter findet sie einen toten Hund und ein schreiendes Baby, das unter einem offenen Fenster liegt und bereits mit Schnee bedeckt ist. Impulsiv nimmt sie das Baby und flieht mit ihm aus dem Haus. Entschlossen, das Baby in ein Krankenhaus zu bringen, kämpft sie sich durch den Schnee zu einem Ex-Freund ihrer Mutter, zu Portis Dale. Dieser ist Alkoholiker, aber fein und gebildet. „Portis – war ein zäher Vogel und überlebte alles Mögliche, das eigentlich nicht zu überleben war.“ Portis und Percy verbindet ein familiäres Gefühl. Für Percy ist er ein Ersatzvater. Er fühlt sich für sie verantwortlich. Durch ihre kurz entschlossene Tat setzt Percy jedoch eine Reihe von Ereignissen in Gang, die für einige Protagonisten tödlich enden werden.

Die Erzählperspektive dieses Romans wechselt sich ab, zwischen der jungen Erwachsenen, Percy und dem erwachsenen Jungen, Shelton, Zwischen Percys verzweifelten Versuchen, dem rachsüchtigen Shelton auszuweichen und Sheltons eigenen schwerfälligen Versuchen, das Baby zu finden; seine Quest durch die schneebedeckten Wälder, mit seiner vertrauensvollen Glock Pistole und seinen Selbstgesprächen. Eine Handlung voller Ereignisse und Wendungen. Carletta kreuzt zwischendurch auf und am Ende der Geschichte ist das Baby in sicheren Händen und vier Männer sind gestorben: durch Verbrennung, durch einen unglücklich abgegebenen Schuss, durch Selbstmord und durch einen Aufprall eines Schneemobils auf einen Baum. Mulhauser beschreibt die freudlose Landschaft und die sich krass auflösenden sozialen Sitten einer isolierten Gemeinschaft, wenn die Touristen verschwunden sind und die Bewohner in einem langen Winter ausharren müssen. Beide Bücher, die von Mulhauser bisher erschienen sind, „Sweetgirl“ und der im Jahre 2005 erschienene Erzählband „Greetings from Cutler County“,  beschreiben das fiktionale Cutler County. „Und das ist das Seltsame an Cutler – es ist eine raue Gegend, aber manchmal so wunderschön, dass man gar nicht weiß, was man sagen soll.“ Aber wiederum so menschenfeindlich, dass ein Gang vor das Haus schon tödlich enden kann. Das Wetter, vor allem der Schnee und der eisige Wind, ist so bedeutungsvoll für die Geschichte, dass es ein wichtiger Bestandteil des Romans ist. „Und das ist das echt üble am Winter in Cutler County – eigentlich nicht so sehr die Kälte, mehr die Tatsache, dass es sich irgendwann persönlich anfühlt.“

Der Titel des Romans „Sweetgirl“ bezieht sich auf zwei Personen. Eine ist Jenna, das Baby, die andere ist Percy selbst. Wir erfahren so ziemlich am Ende des Buches, dass Carletta auch Percy so genannt hat, als diese noch ein kleines Kind war. „Mama liebte mich. Das wusste ich. Sie liebte mich auf eine Weise, wie selbst Starr mich nicht lieben konnte. Aber es war lange her – dass ihre Liebe sich nicht konfus und irgendwie traurig angefühlt hätte. Mamas Liebe war immer kompliziert gewesen und war es bis heute geblieben. Sie war gleichzeitig die Sonne, der ich mein Leben verdankte, und der unendlich, kalte Weltraum, durch den ich um sie kreiste.“ Travis Mulhauser sagt in einem Interview über Percy: „“Ich wusste, sie war in Schwierigkeiten, war ein Kind in Not, aber ich hatte nicht erkannt, dass es über ihr Entkommen aus den Fängen ihrer Mutter gehen würde.“ „Ich war es, die sie verlassen hatte, nicht umgekehrt, und deswegen fühlte ich mich so zerrissen und verzagt. Ich hatte meine Wahl getroffen, als ich ihr Jenna aus dem Arm gerissen, sie hinaus in den Schneesturm gestoßen und die Tür abgeschlossen hatte.“

Hütte im Schnee

„Sweetgirl“ ist schlecht einzuordnen. Es ist im Ganzen kein Thriller, auch kein Krimi, bedient sich aber aus beiden Genres. „Sweetgirl“ ist trostlos und erdrückend aber voller unerwartetem Humor. Humor mit Tragödie zu verbinden ist immer ein ziemlicher Balanceakt, besonders in einem Roman über Drogenabhängigkeit, zerbrochenen Familien und Gewalt und Tod. Aber Mulhauser schafft diesen Spagat, besonders mit seinen brillanten Dialogen. Mulhauser gelingen komplexe Charakter, auch und im Besonderen mit Shelton. Mulhauser behandelt sie mit einem erstaunlichen Maß an Mitleid. So auch Shelton. Obwohl er klar ein Schurke ist, wird er mit einem sicheren Maß an Verständnis beschrieben. So definiert Shelton seine geistige Beschränktheit als Lernschwäche, aber sieht sich nicht als behindert. Er wollte so gern von allen gemocht werden. Aber keiner redete groß mit Shelton. Und in seinem Inneren spürt er die Echos der Demütigungen, die er als Kind erfahren hatte und die ihn gewalttätig werden lassen. „Manchmal, wenn ich glücklich bin“, sagte Shelton, „dann kommt es mir gar nicht echt vor. Manchmal ist Traurigkeit das Einzige, was sich echt anfühlt.“ Und eine letzte Erkenntnis, die Shelton überkommt: „…dass so wenige jemals einen Blick auf die tiefsten und schönsten Absichten in seinem Herzen erhascht hatten.“Und Percy denkt an Shelton: „Ich konnte nicht sagen, dass er ein guter Mensch gewesen wäre, aber ich wusste, dass Shelton Potter mehr war als die Summe seiner schlechten Taten.“

„Sweetgirl“ ist übermütig, herzzerreißend und wahrhaftig. „Sweetgirl“ packt den Leser am Herzen und der Gurgel und lässt ihn nicht mehr los. Die Heldin ist ein Zigarette rauchendes, großmäuliges Mädchen, die den Mut eines Kämpfers und die Zähigkeit eines Jagdhundes hat. Am Ende, beweist sie sich als großherzig und zeigt ihr Vermögen an Liebe, als sie das Baby Jenna Eltern überläßt, die sich um sie kümmern können. Es ist eine gewisse Schönheit in der Welt, die Mulhauser erschafft. Es ist eine bittere, eisige und trostlose Welt aber doch keine ohne eine gewisse Hoffnung auf Besserung oder Veränderung.

„Ich bin die, die sie gefunden hat. Aber ich bin nicht mehr dieselbe, die ich war. Durch Jenna habe ich mich verändert, und durch Portis Dale,  auch glaube ich, wir haben alle versucht, einander in dem Sturm zu retten, und zum Teil haben wir es geschafft.“

 

Travis Mulhauser
photo credit: viki redding

 

dtv premium
Deutsch von Sophie Zeitz
Deutsche Erstausgabe, 256 Seiten,
13. Januar 2017

Weiterführende Links:

https://www.dtv.de/special-travis-mulhauser-sweetgirl/start/c-1308

www.travismulhauser.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stewart O’Nan – Halloween

Im dunklen Herzen des Landes

Halloween
von Stewart O’Nan

 
An Halloween verpasst ein Toyota Camry mit fünf feiernden Teenagern durch zu schnelles Fahren eine Kurve und kollidiert frontal mit einem Baum. Was danach geschieht, mit denen die überleben, und denen, die nicht überleben, sorgt für einen wilden und bösen Ritt in Stewart O’Nans „Halloween“  („The Night Country“). Eine kleine, geisterhafte Geschichte, in der Tradition von Ray Bradbury, die Eltern eine Vor-Halloween Nervosität garantiert.
 
Es ist die Cabbage Night, die Nacht vor Halloween in Avon, eine wohlhabende Vorstadt von Connecticut. Mit gepflegtem Rasen vor den Häusern, menschenleeren, mit Licht überfluteten Straßen und Läden, gefüllt mit den allgegenwärtigen nationalen Marken. Avon ist langweilig, langweilig, langweilig. Nichts übles stört hier, niemals.
 
In der Kurzgeschichte „Willkommen in Lakewood“ schreibt O’Nan: „Wenn Sie das nächste Mal an Lakewood denken, werden Sie es nicht einordnen können,    (… ) – nur irgendeine entlegene Kleinstadt war das, durch die Sie gefahren sind, ohne auszusteigen. Folgenlos, abgesehen von dem unruhigen Gefühl, dass man nicht hierher gehörte, dass dies eine grundsätzlich andere Welt war als die, in der Sie leben. Fremd. Verlebt. Blöd. Es wird nach ein, zwei Tagen – vielleicht sogar noch heute Nacht, wenn Sie zwischen den ein wenig starren Bettlaken wegdämmern – den Anschein haben, als wäre diese Stadt dort hinten, dort drunten nichts als ein schlechter Traum.“
 
 
Tim und Kyle, zwei Kumpel, sind auf der Heimfahrt von ihrer Schicht als Aushilfen beim Stop’n Shop, verfolgt vom freundlich besorgten Officer Brooks. Jeder von ihnen war schon vor einem Jahr mit dabei, als der Toyota Camry fünf Jugendliche gegen einen Baum warf. Drei Kinder starben in dieser Nacht. Toe, der Fahrer, Danielle, Tims Freundin, und Marco, unser Erzähler. Es gab zwei Überlebende: Kyle, dessen massive Verletzungen ihn debil werden ließen, und Tim, dessen „Überlebensschuldgefühle“ sich in Selbstmordgedanken verhärtet haben. Brooks, der Offizier, der die schreckliche Szene als erster  erreichte, und der den Wagen mit Sirenengeheul verfolgt hatte, hat sich in sein Schneckenhaus zurückgezogen, um seine inneren Dämonen zu bekämpfen. Seine einzige Mission ist nun, Tim und Kyle, davon abzuhalten, diese schreckliche Szene an diesem Halloween zu wiederholen.
stop-n-shop
 

Was die Geschichte „Halloween“ so erschreckend macht, ist die jagende Präsenz der spöttischen Untoten. Das Geistertrio weht in und aus den Leben von Tim, Kyle und Brooks, schwächer werdende, verschwommene Anspielungen ihrer Selbst in einer „Andernwelt“. Obgleich O’Nan Marco, „den Stillen“, als Erzähler erwählt hat, fügen Toe und Danielle eine Fülle von Kommentaren hinzu. Beiläufig, tadelnd, böse, kommentieren die drei Untoten das Geschehen, wie der Chor einer griechischen Tragödie. Jeder der Figuren erzählt seine eigene Geschichte, erlaubt somit O’Nan ruhig die Perspektiven zu wechseln, um so ein lebhaftes Panorama aus Gefühlen und Verständnis bereitzustellen.

The Night Country
The Night Country

O’Nan, Autor von bisher zwanzig, von der Kritik freudig begrüßten Büchern, sagt in einem Interview, dass er in einer Zeitung die Nachricht über einen aktuellen Todesfall gelesen hat, in den mehrere Jugendliche verwickelt waren. Dies geschah in einer Nachbargemeinde. Er konnte dies nicht abschütteln. Ein Jahr später, an demselben Tag, stiegen zwei Überlebende in einen Jeep, einen Koffer voller Bud in Dosen und einem Handy und fuhren um die Stadt, besuchten all die alten Orte, die sie gewöhnlich mit ihren Freunden besucht hatten, telefonierten mit all ihren anderen Freunden, sagten: „Wir werden uns umbringen, wir wollen nicht mehr weiter leben wegen diesem Unfall vom letzten Jahr. Wir wollen uns von euch verabschieden.“ Und sie fuhren in denselben Baum, der ihre Freunde erschlagen hat. Danach legten ihre Freunde, die ganze Stadt, all diese Blumenkränze und Teddybären um diesen einen Baum. Dann kam die Stadt und fällte den Baum, weil sie nicht wollten, dass jemand dies wiederholt. Sehr verrückt.“

Ein Horror Fan seit seinen ersten Tagen, als er in Pittsburgh aufwuchs (auch Heimatstadt von George A. Romero, der berühmte Regisseur von „Night of the Living Dead“, bemerkt O’Nan stolz), hat O’Nan lange davon geträumt, eine Hommage an Ray Bradbury zu schreiben, dem auch „Halloween“ gewidmet ist.

„Er war einer meiner ersten großen Vorbilder. Es ist etwas magisches mit seinen Kurzgeschichten. Eines meiner Lieblingsbücher aller Zeiten ist „Something Wicked This Way Comes“ (dt. Das Böse kommt auf leisen Sohlen). Ich liebe dieses Buch und schon seit Jahren sage ich, dass ich so etwas auch schreiben möchte“, sagt O’Nan.
 
Der Unfall der Jugendlichen und der Doppelselbstmord schien die perfekte Grundlage für einen Roman zu sein. In Bradburys „Something Wicked This Way Comes“ kommt das Unheimliche in die kleine Stadt, und es liegt an den Unschuldigen dort, zwei Jungen und ihrem Vater, der Bibliothekar ist, gegen dieses gefährliche Ding, einen Jahrmarkt, zu kämpfen. Bradburys Buch ist ein moderner Klassiker zu dem Thema Kindheit und Jugend im ländlichen Amerika. Vorläufer dieses Themas ist sicherlich Mark Twains „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“.
Something Wicked This Way Comes
Something Wicked This Way Comes
„Es gibt keine kleinen Städte mehr, dort wo ich lebe, es sind alles Vorstädte. Als ich damit begann, das Buch zu schreiben, dachte ich OK, bringe diesen Zauber in diesen Ort, der fraglos nicht zauberhaft ist.
 
Wie in „Halloween“ einem seiner beliebtesten Horrorstreifen, beschwört O’Nan eine schlimme Ahnung des sehr alltäglichen Lebens in Avon. Wie schrecklich es auch sein mag, in einem verdrehten Autowrack jung zu sterben, überleben mit Kyles Behinderungen, ist weitaus entsetzlicher. „Im Kino, Fernsehen und Popsongs, wird nur über die Oberfläche von Ereignissen berichtet und geschrieben anstatt den Konsequenzen daraus,“ sagt O’Nan. „Diese Dinge geschehen und das ist wahrscheinlich der Höhepunkt. Doch mit diesem Ereignis und seinen Folgen zu leben – wie bekommst du dann dein Leben in den Griff? Wir alle müssen das. Dein Leben ist nicht plötzlich zu Ende, es muss irgendwie weitergehen“.
 
O’Nan, wie Bradbury, ist ein entschieden formal ungebundener Autor, wenn auch einige Aspekte der Gothic Novel immer wieder in solch verschiedenartigen Werken wie „Wish you Were Here“ (dt. Abschied von Chautauqua (2002)), „A Prayer for the Dying“ (dt. Das Glück der anderen (1999)) und „A World Away“ (dt. Sommer der Züge ( 1998)) auftauchen.
 
In einem Essay über den „Sniper von Washington“ schreibt er: „Die besondere Befriedung, die ein „mystery“ vermitteln kann, liegt darin, die Antworten zu erraten, bevor der Erzähler sein Geheimnis preisgibt. Irgend etwas beinahe, aber dann doch nicht ganz zu wissen, ist eine erregende Erfahrung – und das gleiche gilt für Wendungen in einer Geschichte, die den Glauben an die von uns gefundene Lösung erschüttern. Etwas nicht zu wissen, das ist genauso wichtig wie etwas zu wissen“.
 
Auf die Frage, nach seinem persönlichem Schrecken, antwortet O’Nan: „Alles. Ich dachte eine sehr, sehr lange Zeit, dass ich bei einem Autounfall sterben würde. Angst vor einem Wirtschaftskollaps. Angst vor republikanischen Präsidenten. Angst ist eines der großen Themen, die ich in jedem von meinen Romanen verarbeite.“
 
Es ist bestimmt redlich zu sagen, das Zerstreutheit Bestandteil in seinem kreativen Schreibprozess ist. „Was passiert, ist, ich beginne mit einem Buch, habe die Charaktere, die Handlung und die Szenerie, den ganzen Stoff, und ein kleiner, zarter Charakter saust über einen Satz und beansprucht damit viel mehr Aufmerksamkeit. Was ich dann mache, ist, ich folge der Person, über die ich nichts weiß, dahin, wo ich hoffe, dass es dort interessanter ist. Und das ist das Buch, welches ich zu Ende schreibe, und das Buch, welches ich zu schreiben geplant habe, vollende ich nie“.
 
Obgleich ihm die Geschichte während des Schreibens nicht unter die Haut ging, kann O’Nan nun „Halloween“ zu der Liste von Dingen dazurechnen, die ihn um den Schlaf bringen. „Nun schickt es sich an, mir ein wenig Gänsehaut zu verursachen. Ich habe eine Tochter, die gerade ihren Führerschein bekommen hat und sie geht auf die gleiche High School. Es ist sehr unheimlich. Meine große Angst ist, dass diesen Herbst etwas schlimmes passiert, gerade wenn das Buch in unserer Stadt erscheint. Ich mache mir darüber Sorgen“.
 
 O’Nan hat nicht nur ein Meisterstück subtilen Horrors geschrieben. Er hat auch einen der engagiertesten, menschlichsten und tief empfundenen Roman geschrieben. Er liefert uns wieder einen intimen Blick auf die Menschen, die die Hoffnung hochhalten und er zeigt uns die Konsequenzen, wenn sie fehlgehen.
Halloween
 
Stewart O'Nan "Halloween"
Rowohlt Verlag 2004
Übersetzer: Thomas Gunkel

Joe R. Lansdale – Akt der Liebe

Die brutale Kunst eines scharf geschliffenen Wahnsinns

 

„Akt der Liebe“
Ein Roman von Joe R. Lansdale

 
„Genreschreiberei ist eine bedrohte Spezies. Auf unserem Spielfeld hat sich über alle Maßen Unkraut breitgemacht. Man nehme ein wenig überflüssige, tumbe Gewalt, werfe etwas aufgesetzten Sex dazu, klatsche ein paar Gedärme und Haare an die nächste Wand, träufle einen Hauch von Mystik darüber … und schon spaziert man auf der dunklen Seite. So schreibt Andrew Vachss, Anwalt und Schriftsteller, in dem Vorwort zum Roman „Akt der Liebe“.
 
Akt der Liebe von Joe R Lansdale Heyne
Akt der Liebe von Joe R Lansdale Heyne
Lansdales Buch, erschienen 1981, gilt als Vorläufer für die Romane, die sich mit dem Phänomen der Serienkiller beschäftigen. Ob es Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“ von Thomas Harris, Michael Plunkett in „Stiller Schrecken“ von James Ellroy, oder Temple Goult in den Romanen von Patricia Cornwell ist – sie alle hatten einen Vorgänger: den Houston Hacker aus „Act of Love“. Und diese wiederum hatten reale Vorbilder im Leben: Randy Steven Kraft, der „Score-card-killer“, von dem man vermutet dass er über sechzig Menschen ermordet hat; David Berkowitz, alias „Son of Sam“; der „Hillside Strangler“; ,,Zodiac“; John Gacy oder der Müllsack-Mörder – sie alle berühren einen verborgenen Nerv der amerikanischen Seele.
 
Sie entsetzen und faszinieren uns gleichzeitig. Bücher und Filme – gute und schlechte – nehmen sich des Themas an. Serienmörder sind angesagt. Das Spielfeld von „Akt der Liebe“ ist Houston, Texas. Besser gesagt, das Ghetto Fifth Ward, wo „Tod, Blut und Gewalt“ keine Unbekannten sind. „Es ist eine enge, schwarze Welt, vollgestopft mit Fleisch und Armut, eine Sickergrube der Verzweiflung“. Houston. „Die Stadt. Diese krabbelnde, tosende, hämmernde Stadt.“
 
„Die Stadt und ihre Gerüche. Erbrochenes, Babywindeln, stinkende Binden, verschimmelte Unterwäsche und alle Sorten von Essensresten“. Hier, in diesem Ghetto, in dem Morast aus Ignoranz, Schmerz und Zerstörung, wie Vachss schreibt, begeht der Houston Hacker seinen ersten Mord. „Akt der Liebe“ ist ein brutales, rohes Buch. Lansdale schreibt in seinem Nachwort: “ … (das Buch) setzt(en) sich mit der dunklen Seite der menschlichen Natur auseinander, und die dunkle Seite war hier dermaßen dunkel, als gäbe es keinen Sonnenaufgang mehr. Es gibt keinen Mond und keine Sterne, eigentlich bloß eine Abwesenheit des Lichts“.
 
Fifth Ward
Fifth Ward
Gewalt wird so beschrieben wie sie ist – kalt, erschreckend, verstörend. Nichts wird geschönt. Die Opfer haben keine Chance. Der Killer suhlt sich in seiner Macht. Blut spritzt, die Opfer werden zerhackt, verstümmelt, vergewaltigt. Nichts wird ausgelassen. Kannibalismus, Vampirismus und Nekrophilie – alle Perversionen des menschlichen Handelns werden beschrieben. Lansdale schreibt dazu: „Er (der Roman) war sehr graphisch. Genau wie die Verbrechen, über die ich gelesen hatte, graphisch waren. Ich hatte wahre Verbrechen und deren Schilderungen verwendet, um meinen Roman zu schreiben. Die Gewalt mag übertrieben erscheinen – besonders damals – aber sie war sehr nahe an der Realität. .. . Ich hatte nicht den Eindruck, ich würde Gewalt banalisieren, doch ich war mir ihrer natürlichen Anziehungskraft bewusst und fühlte, wie ich versuchte, der Gewalt ins Gesicht zu blicken, um zu sehen, wie sie wirklich war…. die Gewalt kommt erbarmungslos daher, sachkundig und experimentell, wenn nicht sogar ein wenig ausbeuterisch. Auf irgendeine Art sind Gewalt und Sex immer ausbeuterisch, egal mit welcher Intention. Aber es ist die Intention, die zählt, und ich bin überzeugt, dass meine Intentionen gute waren“.
 

Der Cop.

Sein Name war Marvin Hanson. Schwarz, hässlich, aufgewachsen im Ghetto. Gebildet, ehrlich, durch und durch Polizist. Spielt bei den Verhören den Bad Boy. Sein Partner, ein Weißer, den Good Boy. Nimmt seine Arbeit persönlich. „Bei diesem Geschäft gibt es kein zweierlei Maß. Da waren die Guten und da die Bösen.“ Er gehörte zu den Guten. Aber er ist müde. Die Gewalt, das Verbrechen, laugen ihn aus. „Jeder Tag nur ein neuerliches Wälzen im Dreck. Noch mehr Tod und Zerstörung, und wieder ein Job mehr für einen Cop. Der Fall frisst ihn auf. “ … weil es der Inbegriff von allem ist, was ich hasse“. Gewalt in der Ehe, Rassismus, Machos, Kindesmisshandlung, sexueller Sadismus. Der Schrecken wird alltäglich. Eine neue Form der Normalität. Eine Normalität, die Krankheit, Tod und Verzweiflung umspannt. Alle Abnormitäten entspringen dem Normalen. Er schwört sich, den Killer zu töten, um der Gesellschaft ein Krebsgeschwür zu entfernen.

Der Autor.

„Schließlich begann ich mit dem Schreiben. Die Arbeit am Buch ging einige Monate gut und schnell voran 1980, aber es nagte an mir. All dieses Forschen in der Dunkelheit, all die dunklen Träume, die ich hatte, die Tatsache, dass ich mit der dunklen Seite meines Naturells in Berührung kam, und das Bewusstsein, dass wir alle jene dunkle Seite besitzen, war ziemlich verwirrend. Ein merkwürdiges Gefühl von Depression überkam mich. .. Willkürliche Gewalt wurde zu meinem größten Trauma“. Und die Erkenntnis: Es könnte jedermann sein. Sie. Ich.

Der Täter.

Sein Gott hieß Tod, und den Tod zu bringen war seine Form des Gebets. Ich bin der neue Messias. Ich verkünde eine neue Botschaft. Nicht die von Liebe und Frieden. Vielmehr die von Tod und Zerstörung. Tod. Der bloße Gedanke daran versetzte die meisten in Angst und Schrecken. Ihm hingegen ersetzte es das Wort Liebe. Finsternis, das Dunkel, Gestank, Schmerz und Blut verschaffen ihm Befriedigung. Und langsam näherte sich sein Element, die Nacht. Sie kroch heran, schwarzer Samt voller Geräusche der Stadt und ihrer Gerüche. Er liebte ihn. Der Geruch war Nektar. Er ist ein Produkt unserer Gesellschaft. Er weiß genau, was er tut. Er kennt keine Reue. Ist nicht verrückt. Er ist ein moderner Mensch, ein Mensch, der in unserer technologischen, gefühllosen Umgebung überleben kann. Köstlich. Es war köstlich gewesen, und das Beste, der Geruch des Todes haftete noch an ihm.
 
Akt der Liebe pulpmaster
Akt der Liebe pulpmaster
Wie schreibt Vachss in seinem Vorwort: „Lesen sie Joe Lansdale, und sehen sie selbst. Fühlen Sie es“. Und möge es in Ihrem Leben keine dunklen Momente geben.
 
Joe R. Lansdale  ,,Akt der Liebe"
pulpmaster Berlin 1999
Neuauflage Heyne 2010
aus dem amerikanischen von Gabriete Bärtels
 Teilweiser Abdruck im Literaturblatt „LISTEN“ Nr. 54/1999

Ottessa Moshfegh – McGlue

„Mein Hirn kommt nicht mit“

McGlue

Ein Roman von Ottessa Moshfegh

In einem Interview mit dem „bomb Magazine“ erzählt Ottessa Moshfegh über die Entstehung des Romans „McGlue“. Sie berichtet, dass das Buch von einem kurzen Artikel in einer Zeitschrift aus dem Jahr 1851, also aus dem Jahr, in dem auch die Handlung des Buches angesiedelt ist, angeregt wurde. Inzwischen hat sie den Artikel zwar verloren, aber in dem Moment, in dem sie den Artikel gelesen hatte, trat der Charakter von McGlue in seiner vollständigen Form hervor. Ottessa Moshfegh erzählt, dass, so weit sie sich erinnert, es ein langer zusammengesetzter Satz war und  sich ungefähr so las:

„McGlue. Salem. Mr. McGlue the sailor has been acquitted on the count of murder which he was found guilty of committing in the port of Zanzibar by reason of his being out of his mind since having hit his head when he fell from a train several months prior and because he was blacked out state of drunkenness at the time he stabbed a man to death“.

Weiter gibt sie an: „In diesem Satz lag das ganze Buch: der Charakter, die Handlung, die entstellte Sprache. Ich fühlte mich, als wäre ich auf Gold gestoßen“. Soweit Ottessa Moshfegh zur Entstehung der Geschichte um den Seefahrer McGlue, der die Welt nur im Zustand vollkommener Trunkenheit aushalten kann. Ein Trinker, der Blut nach Geschmack zuordnet: „Es ist dunkles Blut und schmeckt nach Rum. Muss meins sein“. Ein Heimatloser und Lüstling, aber mit durchaus zweifelhaften Fähigkeiten, der wenig Respekt vor Autoritäten zeigt, was den Leser dazu bringt, für den Protagonisten durchaus Sympathie zu empfinden.

Ottessa Moshfegh
Ottessa Moshfegh

Eingesperrt auf einem Schiff im Loch, auf dem Weg nach Salem, Massachusetts, angeklagt, seinen guten Freund Johnson ermordet zu haben, reist McGlue um die halbe Welt. Die Schwierigkeit ist, dass McGlue sich an nichts erinnern kann, geschweige denn, wie sein bester Freund starb oder ob er überhaupt tot ist.

McGlue ist Alkoholiker und so ist sein Denken ganz darauf ausgerichtet, an Alkohol zu kommen. Die Qual nach dem Rausch oder dem Entzug in der Haft scheint er zu genießen, lenken sie ihn doch von anderen Empfindungen seines Körpers ab. Seine Gedanken wiederholen sich, bewegen sich ständig im Kreis. Eine Menge aufeinander folgender Gedanken, voller Erinnerungen an den letzten Drink, den letzten Rausch. Als er schließlich im Schiff und später in der Gefängniszelle in Salem eingekerkert ist, beschäftigten sich seine Gedanken nur mit dem Thema, wie er an Alkohol kommen könnte. Die Qual, dass ihm der Zugriff auf den Alkohol verweigert wird, zwingen ihn dazu, sich seiner Lage zu stellen, den Grund für seine Einkerkerung zu hinterfragen und zwar den Mord an seinem Freund Johnson. Das führt dazu, dass seine Gedanken aus dem Kreislauf „Alkohol“ ausbrechen und tief, bis in sein Innerstes, in sein seelisches Leben eintauschen. Der Schmerz aus den Erkenntnissen, die ihm nach und nach bewusst werden, bewegen ihn zuerst dazu, weiterhin trinken zu wollen. Aber das Begreifen baut sich schrittweise auf, kreist um ihn, bis die Erinnerung an den Mord schlussendlich auf ein klares, vom Alkohol befreites Bewusstsein trifft.

Verhör
Verhör

Was über den Tod von Johnson so nach und nach aus dem Gedächtnis von McGlue auftaucht, ist das wahre aber auch schwierige Gefühl von Freundschaft – eine zarte Schilderung von Aufopferung von Offenbarung, von McGlues eigenen Möglichkeiten, in der widerlichsten Ecke einer brutalen und verhärteten Welt zu überleben. Es gibt verschiedene Arten von Qualen, von Selbsthass, schmerzhaften Erinnerungen und vergrabenen Dingen, Definitionen von Lastern, Einsamkeit in seinem Schädel.

McGlue und Johnson. Die Freunde – McGlue, der dem Untergang geweiht ist und Johnson, der den Untergang sucht. Jonson, denkt McGlue. „..war nur ein Adept des Elends. Er hielt es für heroisch, Glück und Wohlstand auszuschlagen und das schlimmste Schicksal zu erdulden. Auf die Frage, was er mit seinem Leben anfangen wolle, wählte er den stinkendsten Pfad, er wollte sich und sein Leben ruinieren“. „Und immer war ich für ihn da, wachte auf, um ihm zuzuhören“. „Ich diente seiner Eitelkeit. Aber da war ich schon süchtig nach ihm“. „Es ist schöner als betrunken zu sein“. Geschildert wird eine Freundschaft, die von einer fragwürdigen Männlichkeit getragen wird. Wobei es verschiedene Arten von Freundschaft gibt.

„Mich mochte er, weil ich undurchschaubar war, was er nie fertigbrachte. Im nüchternen Zustand nannte er mich eiskalt, mit einem Gesicht, so tot wie bei einer Leiche. Wenn ich trank wurde ich ein wenig durchschaubarer und offenbarte mehr. Aber wir konnten uns nie auf demselben Niveau treffen – er trank nicht so viel wie ich“.

Eine Attraktion für alle ist das Loch, der Spalt in McGlues Schädel. Bei einem Sturz aus einem fahrenden Zug schlug er sich den Schädel auf. Und jetzt kann jeder in seinen Schädel schauen. „Sieht mir von oben auf den Kopf, vermutlich will er den Sprung in meiner Tasse sehen“. Aber auch für McGlue ist dieser Spalt ein Zugang zu seinen Gedanken. „Hätte ich Schnaps zu vergießen, würde ich ihn mir da oben in den Spalt schütten, damit die Schlangen Ruhe geben. Damit sie mit dem Zucken und Zischen aufhören. Wenn ich genug trinke, liegen sie eine Weile still, und ich kann einen Augenblick einfach nur leben, wie ich es hie und da bisweilen getan habe“.

„Das ist mein verfaultes Gehirn“. „Wollen sie mir das vergammelte Gewirr aus dem Kopf ziehen und den Haien zum Fraß vorwerfen?“
 
„Sie ist echt in meiner Hand, während ich auf meinen Kopf einhacke und darin herumgrabe, so gut ich kann. Der Spalt in meinem Schädel ist nicht breit genug, um die Scherbe richtig hineinzubekommen und ihn aufzuhebeln, aber ich versuche es trotzdem. Es tut schön weh. Blut tropft mir von der Nase auf die helle Wolldecke. Ich bin fest entschlossen, jetzt will ich sehen, was in mir ist, und so arbeite ich mich weiter vor. …dass ich an mein Inneres herankomme. Meine Hände sind heiß und nass vom Blut“.
 

Je mehr McGlue aus seinem Delirium tremens erwacht, sich seine Gedanken klären, umso mehr widmen sich diese auch den existenziellen Fragen. Den Fragen nach Gott, dem Leben. „Früher einmal wusste ich, es gibt einen Gott, der meine Gedanken hört, und früher einmal gab ich acht, worüber ich nachdachte, und früher einmal, schlug ich aus Scham über das, was mir durch den Kopf ging, selbigen gegen die Wand“. Dann, als es mit dem Alkohol begann, stopfte er sich mit diesem den Kopf voll. Denn er bekam es mit der Angst zu tun. Und diese Angst war Gott“.

Cover McGlue
Cover McGlue

„Ich wollte es nicht schaffen. Ich wollte es mit ins Bett nehmen, es würgen und töten und retten und gesund pflegen und wieder erwürgen, und ich wollte gehen und vergessen, wo ich hinging, und ich wollte meinen Namen ändern und mein Gesicht vergessen und trinken und meinen Kopf zugrunde richten, aber es schaffen – darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Das hatte ich noch nie im Sinn gehabt“.

Was ist dieses „es“? Die offensichtlichste Antwort ist Nüchternheit. Aber dieses „es“ geht tiefer. Dieses „es“ ist die Erinnerung von McGlue an seinen toten Bruder, der in Salem an der Straße begraben ist. Der Bruder, „der besser war als ich, der am Feuer kochte und mich wegstieß, wenn ich die Hand danach ausstreckte“. Das „es“ bedeutet, dass Gott existiert, doch Güte trotzdem töten kann. Vielleicht gab der Tot seines Bruders den Antrieb für McGlues Alkoholismus, oder seine ständige Verweigerung nüchtern zu werden oder Frieden mit „es“ oder „ihm“ zu machen.

Ottessa Moshfegh hat eine verstörende, dunkle Geschichte über Apathie, Gedächtnis, Freundschaft und Liebe, und einen Mord geschrieben.

„Ich kann nur vermuten, dass er sterben wollte“.

 

McGlue

Ottessa Moshfegh
McGlue
Übersetzer: Anke Caroline Burger
liebeskind 2016

Bragi Olafsson – Die Haustiere

„Preis der Vernunft“

„Die Haustiere“
Roman von Bragi Olafsson

„Ohne zu missachten, was gut ist, bin ich rasch zur Stelle, mich dem Grauen auszusetzen, und könnte sogar gesellig damit tun – ließen sie mich nur -, denn es ist nur gut, auf vertrautem Fuße mit allen Bewohnern der Welt zu stehen, in der man wohnt.“ (aus Moby-Dick, Kapitel l)

“ … verschwand (er) durch die Tür – auf die gleiche Weise wie andere fremde Menschen, die man wieder aus den Augen verliert; Menschen, die man für den Rest seines Lebens nicht wieder zu treffen glaubt.“

Aber der Ich-Erzähler dieses Romans, Emil S. Halldórsson, trifft diesen Mann wieder, und es stellt sich im weiteren Verlauf der Geschichte heraus, dass er ihn schon lange kennt. Emil war in London auf Einkaufstour, nachdem er im Lotto gewonnen hatte. Kaum zu Hause, klingelt es an der Tür. Und er, Hávardur Knutsson, steht vor der Tür. Emil gibt sich nicht zu erkennen und versteckt sich unter dem Bett, damit Hávardur ihn nicht entdeckt. Und als dieser durch das offene Küchenfenster in die Wohnung einsteigt, beginnt eine verrückte Geschichte aus Island.

In Rückblenden wird aus der Sicht von Emil erzählt, wie Emil und Hávardur sich kennengelernt und was sie erlebt haben. Sie verbrachten einige Wochen zusammen in London, um auf die Wohnung und die Haustiere eines Bekannten aufzupassen. Dabei ging einiges schief, das Geld wurde schnell knapp, die Haustiere kamen auf mehr oder weniger makabere Art und Weise ums Leben und die Bekanntschaft ging in die Brüche. Emil gab schließlich Hávardur Geld, damit dieser verschwand.

Hávardur nahm bei seiner Abreise eine Erstausgabe des Romans „Moby-Dick“ und ein Modell des Walfängers „Essex“ mit. Schließlich erfährt man noch, dass Hávardur einige Zeit in Schweden in einer Nervenklinik verbracht hatte. Nicht nur die Erstausgabe von „Moby-Dick“ sondern auch, dass die Haustiere Namen aus diesem Roman tragen (Ahab heißt der Leguan, Moby und Dick das Kaninchen und das Meerschweinchen), führen uns zu Melville und dem Roman „Moby-Dick“. Auch der Erzähler macht ein Wortspiel mit dem Namen Ismael und Emil. Ismael – in der Bibel der Prototyp des von der Gemeinschaft mit Gott Ausgestoßenem, bei Melville ein frei handelndes  Individuum ohne Vorgeschichte oder sichtbare Verbindung zu anderen Menschen.

Unterm Bett

Und so liegt der Erzähler unter dem Bett und muss mit ansehen und anhören, wie Hávardur von seiner Wohnung, seinen Sachen, seinem Alkohol und CDs Besitz ergreift; seine Freunde und Bekannte hereinlässt und sie bewirtet und seine Telefongespräche entgegennimmt. Eigentlich sein, Emils, Leben lebt. Er rührt sich nicht. Wiederholt hat er das Gefühl, dass er in Wirklichkeit nicht hier wohnt, dass dies nicht sein Zuhause ist.

Dass ihn der Sonderling dort oben zum Besten hält.

„Gewiss ist es manchmal so, als würde irgendein Sonderling den Menschen und Dingen hier auf der Erde nach Lust und Laune Plätze zuweisen; als mache sich dort oben jemand ein Vergnügen daraus, uns aufzustellen, wie es ihm gerade in den Sinn kommt, entgegen jedem gesunden Menschenverstands. Mir ist das Gefühl nicht fremd, dass mich manchmal, in der einen oder anderen Situation, jemand im Nacken packt und zurechtrückt, oft, um mich vor Schwierigkeiten zu bewahren oder – was mir häufiger der Fall zu sein scheint – mich unmittelbar in die Klemme zu bringen.“

Auch dies ein Thema in ,,Moby-Dick“. Gedanken über Vorbestimmung und freien Willen. Was passiert, wenn ich jetzt dies tue und das sein lasse. Was verändert sich dadurch, wie verläuft „meine Geschichte“, wohin führt mich mein Weg, wenn ich zwischen diesem oder jenem Weg wähle; tue ich dies bewusst oder unbewusst. Was machen die Zufälle des Lebens aus. Was oder wer bestimmt uns? Wie steht es mit dem freien Willen? So wie Ahab „das unfassbare Phantom des Lebens“ sucht, sucht Emil nach seiner Identität, nach dem was sein Leben bestimmt. Und so wie Kapitän Ahab im weißen Wal die Personifizierung aller verborgenen Dämonen des Lebens und Denkens sah, so sieht Emil dies in Hávardur. Ismael wird als einziger gerettet. Und es heißt bei Melvilles „Moby-Dick“ am Anfang und wird so auch in diesem Roman zitiert: „Nennt mich Ismael“. Dies meint, es könnten auch Sie oder jemand anderes beauftragt sein, zu überleben und, nach dem Auszug des Menschen und allen Fährnissen des Lebens, aufzuerstehen.

Geschichten jedoch haben normalerweise ein vernünftiges Ende. Ein erkennbares Ende. Aber nicht diese seltsame, verrückt/komische Geschichte von einer fernen Insel – diese Geschichte endet mit einem großen Fragezeichen.

Bragi Olafsson
 "Die Haustiere" dtv premium
Aus dem isländischen von Tina Flecken; EA 2005