Der Lasermann von Gellert Tamas

Grenzenloser Hass

„Der Lasermann“ von Gellert Tamas

Als Truman Capote 1965 sein Buch „In Cold Blood“ veröffentlichte, den er im Untertitel „Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen“ nannte, schuf das einstige Wunderkind der amerikanischen Literatur damit einen Welterfolg. Er nannte seinen Roman einen „nichterfundenen Roman“ (nonfiction novel). „Es ist eine eigenartige Mischform“, sagte er darüber, „ich glaube, es ist eine große, unerforschte Kunstgattung.“ Kritiker stritten darüber, ob er tatsächlich eine neue Gattung eingeleitet hat oder ob es sich hier um einen „auf sein spezifisches Talent zugeschnittenen Sonderfall, der sich nicht beliebig wiederholen läßt„, handelt, wie es der Kritiker G. Blöcker einmal ausdrückte.

Inzwischen haben die Nonfiction Novels und darunter auch die sogenannten True Crimes eine breite Leserschaft gewonnen. Es gibt kaum ein aufsehenerregendes Verbrechen, dem nicht bald ein Buch folgt. Im Jahr 2007 hat der „Militzke-Verlag ein Buch des schwedischen Journalisten Gellert Tamas veröffentlicht. Und dieses Buch ist aktueller den je. Es ist die Geschichte des schwedischen Einwandererkindes John Ausonius, der im Winter 1991/1992 ganz Stockholm in Angst und Schrecken versetzte. Dieser „nicht imaginäre Roman“ ist die Geschichte über das Leben und den Tod von Menschen. Zehn Menschen, alles Einwanderer mit dunkler Hautfarbe werden verletzt, einige davon schwer. Ein Mensch wird getötet. Und es ist die Geschichte des Täters, John Ausonius, ein Kind von Einwanderern – einer Deutschen und eines Schweizers. Ausonius, der eigentlich als Wolfgang Alexander John Zaugg geboren wurde, hatte eine Vergangenheit mit Höhen und Tiefen. Er wurde als Kind wegen seiner schwarzen Haare gehänselt, besuchte  die Deutsche Schule in Stockholm (eine Eliteschule), brach die Schule ab, schlug sich als Filmvorführer und Gelegenheitsarbeiter durch, schrieb sich an der Technischen Universität ein, wurde reich im Optionshandel und verlor auch alles wieder an der Börse. Um seinen Lebensstandard zu halten, verübte er zehn Banküberfälle. Und verspielte alles beim Roulette.

"Ich drückte ab und fühlte, dass ich einen Schritt zu weit gegangen war, dass ich ein schlechter Mensch war, das...ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Ich hatte ganz einfach einen Schritt in die falsche Richtung gemacht."

Stockholm

Und es ist eine Geschichte, ein Buch über Schweden, über Rassenhass und Politik. Beschrieben wird der Aufstieg der rechtspopulistischen Partei „Ny demokrati“ und ihren Zerfall. Die Partei verstand sich darauf, Strömungen in der Gesellschaft zu erkennen. Viele waren in Angst wegen der Rezession, die Schweden mit ganzer Kraft getroffen hatte. Die Sozialdemokratie schien nicht mehr über die selbstverständlichen Antworten zu verfügen. Viele waren gewillt, auf jemanden zu hören, der einfache Lösungen für komplizierte Probleme versprach. Im Dunstkreis dieser politischen Stimmungen wird die Entwicklung des Rechtsradikalismus in Schweden aufgezeigt.

Minuziös, mit klinischer Exaktheit, wird das düstere und blutige Ereignis in seine einzelnen Phasen zerlegt, analysiert und rekonstruiert. Der Bericht ist von strenger Genauigkeit, er baut sich allein auf Begebenheiten und Dialogen auf. Das Buch stützt sich auf reichhaltiges Quellenmaterial, darunter auch Gespräche mit dem Täter, die allein 700 Seiten umfassen. Man spürt, das protokollhafte, was auch daran liegen mag, dass die Kapitelüberschriften mit Datum versehen sind. Nichts scheint Erfindung zu sein, alles ist belegt, was man den Anmerkungen am Schluss des Buches entnehmen kann. Das Ergebnis könnte also genau so banal sein wie eine ausführliche Polizeiakte. Aber indem er die Lebensgeschichte des Täters, seine Träume und Sehnsüchte, seine Hassgefühle, seine Komplexe, die Scheidung der Eltern, die Schläge der überforderten Mutter und deren wechselnden Männerbekanntschaften, seine latente Homosexualität und die daraus resultierende Kontaktscheue – sein alltägliches Leben also, beschreibt, verwandelt sich dieser Bericht in den gelungenen Versuch einer psychologischen und psychiatrischen Erklärung.

Auch die „allgemeinen, durchschnittlichen“ realen Menschen sind nicht einfach. Jeder von ihnen hat die Spannweite der – erfundenen – Gestalten, die die Literatur bevölkern. Der Autor entschuldigt nicht, er klagt nicht an, er richtet nicht. Er ist ein genialer Untersucher, peinlich genau, geduldig und menschlich. Nur ab und zu schimmert durch, auf welcher Seite seine Sympathien liegen. Nicht ohne Gespür für den Humor, wenn auch manchmal tragischen, der in manchen Situationen liegt. Ihm ist es zu danken, dass aus diesem Ereignis ein Meisterwerk wurde: Eine Geschichte über einen Menschen, der an sich zerbricht und über eine Gesellschaft, die Gefahr läuft, ebenso zu zerbrechen.

Die Tage, Wochen und Monate, die dem Schrecken jenes Freitags im August 1991 folgen, als der erste Anschlag verübt wurde, werden von Gellert Tamas peinlich genau geschildert. Die panische Furcht, die sich der Nachbarn und der Freunde der Opfer bemächtigte, den Verdacht, das Misstrauen, das Gefühl der Einwanderer Freiwild zu sein, den Umgang mit den Opfern durch die Behörden, die Presse und die Polizei. Die Familien, die sich beim Anbruch der Nacht hinter verschlossenen Türen verbergen, die Nachts nicht mehr allein ausgehen oder nur noch in Begleitung.

Erst nach dem dritten Anschlag beginnen die Ermittler im Gewaltdezernat an einen Zusammenhang zu glauben. Die Angriffe führten zu Schwedens zweitgrößter Polizeiaktion nach der des Mordes an Olof Palme 1986. Zeitweise arbeiten fast 50 Polizisten in Stockholm an dem Fall, weitere 10 an dem Mordversuch in Uppsala. Zu dieser Zeit kam es auch zu Bombenanschlägen in Stockholm, Anschläge auf Asylantenheime, so dass zeitweise Hunderte von Polizisten an diesen Fällen mit rechtsradikalem Hintergrund ermittelten. Und gleichzeitig wurde, zum ersten Mal in der schwedischen Kriminalgeschichte, bei der Jagd auf einen Mörder ein Täterprofil erstellt.

Die Spannung, die Gellert Tamas hervorruft, ist vollkommen, obwohl der Leser von Anfang an weiß, wer der Täter ist und was seine Motive sind. Der Leser weiß was geschehen ist, warum und wie.

Stockholm

Es ist ein Bericht über die „Reise ans Ende der Nacht“ von John Ausonius. Dies ist wahrhaftig eine Reise ans Ende der Nacht, eine wirklich erlebte. Psychologischer Bericht, Kriminalroman, Abenteuer, unerträgliche Politiker, alles findet der Leser hier vereint. Ja sogar komische, tragisch- komische Episoden. Wir lernen den Mensch, den Verbrecher kennen: seine dramatische Kindheit, seine jugendlichen Ambitionen, seine Indifferenz gegenüber dem brutalen Mord und den weiteren Opfern, sein harmloses Auftreten, seine geheimsten Gedanken, seine Sicherheit, straflos auszugehen, das Fehlen jeglichen Reuegefühls.

"Ich rechtfertigte die Anschläge damit, dass es Einwanderer waren, dass es politisch falsch war, sie hereinzulassen. Hätte ich Schweden erschossen, dann hätten alle versucht, mich zu schnappen. Alle! Schweden und Einwanderer! Niemand mag jemanden, der herumgeht und schießt. Ich wandte mich ja gegen die Einwanderer, weil es so viele gab, die sie nicht leiden konnten...vielleicht zwanzig, dreißig Prozent dachten ja wie ich, dass es zu viele Einwanderer in Schweden gab. Und es machte ihnen wenig, überhaupt nichts oder auf alle Fälle weniger."

Nun kann man sicherlich darüber streiten, wie das Erstarken der rechtsradikalen Parteien in Schweden Ausonius dazu brachte, seine Taten zu begehen. Oder ob er die vorhandene Stimmung gegen die Einwanderer in seinem verquasten Denken als Entschuldigung für sich adaptierte. Dieser Punkt, die von ihm gezogenen Parallelen zwischen dem Aufstieg der rechtspopulistischen Parteien in Schweden mit der Gesellschaft sowie der rassistischen Bewegungen, den Anschlägen auf Einwanderer mit deren Verbindungen zu Ausonius, wurde kritisiert. Einige Mal kommt auch der Mord an Olof Palme vor. So war zum Beispiel Ausonius auch im Dunstkreis der Verdächtigten im Mordfall Palme. Aber zu diesem Zeitpunkt war er wegen anderer Vergehen im Gefängnis,  so dass er für den Mord nicht in Frage kam.

Aber wenn man dieses Buch gelesen hat, so kann man nicht umhin, dieser These von Tamas, zum großen Teil zuzustimmen. Bedenklich stimmt auch seine Kritik an den Medien, die diese Stimmung durch ihre Berichterstattung noch aufheizten und an den bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien, die zuerst nicht wissen, wie sie mit den Rechtsparteien umgehen sollten und dann unbewusst oder bewusst dazu übergingen, ihnen nach dem Mund zu reden und Teile ihrer Forderungen zu übernehmen. Aus Angst, politischen Einfluss zu verlieren. Die Menschen, die Einwanderer blieben dadurch allein. Erstaunlich auch, wie sich Parallelen zu der Situation in Deutschland in der jüngsten Vergangenheit ergeben. Auch hier ein Anwachsen rechtspopulistischer Parteien, mit einem Versagen der bürgerlichen Parteien, der Medien, die meinen, auf diesen Zug auch noch aufspringen zu müssen, um die Macht zu erhalten.

"Außerdem war ich ja nicht der Einzige, der sie nicht ausstehen konnte. Es gab viele Schweden, die Einwanderer nicht mochten. Es gab ja auch eine gewisse politische Unterstützung. Neue Demokratie bekam ja massenhaft Stimmen. Deren Einwanderungspolitik war richtig. Die von neue Demokratie sagten frei heraus, dass sie die Einwanderer aus dem Land werfen wollten. Aber nicht aus rassistischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. Es wurde ganz einfach zu teuer. Außerdem wirkten sich die kulturellen Unterschiede immer stärker aus. Ich teilte deren Ansichten. Ich habe sie gewählt."

Solange solche Bücher geschrieben werden, kann die Frage, ob die „Nonfiction Novel“ eine eigene Kunstgattung ist, nur mit ja beantwortet werden. Und es bleibt zu konstatieren, dass „Cold Blood“ von Truman Capote kein Sonderfall ist. Er hat hier einen würdigen Nachfolger gefunden.

Im Zuge der Berichterstattung über die NSU Morde an ebenfalls ausländischen Mitbürgern wird auch auf viele Parallelen zwischen beiden Mordserien hingewiesen. Auf den Hass, die scheinbar willkürliche Auswahl der Opfer, die Kaltblütigkeit und das Agieren aus dem Untergrund. Auch dass der/die Täter mit dem Fahrrad zu den Banküberfällen oder zu den Tatorten gefahren sind. Das Wegschauen der Polizei und der Politik zu Beginn der Mordserien. Und die Gleichgültigkeit der Gesellschaft am Geschehen. Darüber schrieben zum Beispiel die „Berliner Zeitung“ und die „Stuttgarter Zeitung“. Und der „Berliner Zeitung“ gab Ausonius Jahre später ein Interview.
Der Lasermann Gellert Tamas
„Der Lasermann – vom Eliteschüler zum Serientäter: Ein Buch über Schweden“
von Gellert Tamas; Übersetzer: Erik Glossmann
Militzke Verlag, 2007
Leicht überarbeitete Fassung / Zuerst erschienen 2007 bei www.schwedenkrimi.de

 

Hermann Hesse

Öde des Lebens

Hermann Hesse in Esslingen am Neckar

Innere Brücke Esslingen
Innere Brücke Esslingen
Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen was von selber aus  mir  heraus wollte. Warum war das so sehr schwer? (Demian)1

Ob der junge Hermann Hesse, gerade einmal 16 Jahre alt, nachdem er, vermutlich nach dem Abendessen, die Zehentstrasse in Esslingen am 30. Oktober 1893 heimlich verließ oder sich noch verabschiedete, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob er seine bewegliche Habe mitnahm. Jedenfalls kehrte er nicht mehr in die Logis der Lehrersfamile Krauß zurück. Zwei Nächte blieb er verschwunden und meldete sich erst am 2. November in Stuttgart wieder. Und ob er diese Nächte, die sicherlich nicht warm waren, in den Weinbergen rund um Esslingen und Stuttgart oder am Neckar verbrachte, ist auch nicht bekannt. Und ob ihn diese Nächte, die er wahrscheinlich unter freiem Himmel verbrachte auch zu den Gedanken geführt hat, die er später in seiner Erzählung „Schön ist die Jugend“ festgehalten hat, wissen wir auch nicht:

„Bei Nacht im Freien unterwegs zu sein, unter dem schweigenden Himmel, das ist stets geheimnisvoll und regt die Gründe der Seele auf. Wir sind dann unserm Ursprung näher, fühlen Verwandtschaft mit Tier und Gewächs, fühlen dämmernde Erinnerungen an ein vorzeitliches Leben, da noch keine Häuser und Städte gebaut waren und der heimatlos streifende Mensch Wald, Strom und Gebirg, Wolf und Habicht als seinesgleichen, als Freunde oder Todfeinde lieben und hassen konnte. Auch entfernt die Nacht das gewohnte Gefühl eines gemeinschaftlichen Lebens; wenn kein Licht mehr brennt und keine Menschenstimme mehr zu hören ist, spürt der etwa noch Wachende Vereinsamung und sieht sich losgetrennt und auf sich selber gewiesen. Jenes furchtbarste menschliche Gefühl, unentrinnbar allein zu sein, allein zu leben und allein den Schmerz, die Furcht und den Tod schmecken und ertragen zu müssen, klingt dann bei jedem Gedanken leise mit, dem Gesunden und Jungen ein Schatten und eine Mahnung, dem Schwachen ein Grauen.“2

Wovor flüchtete der junge Hermann? Es war ja nicht das erste Mal, dass er davonlief. Dieser Flucht aus Esslingen nun gingen wenige Tage voraus, die Hermann Hesse in der Stadt verbracht hatte. Drei Tage insgesamt, wie es in den meisten Biographien steht. Wobei diese Tage in Hermann Hesses Leben den Biographen nur wenige Zeilen wert sind. So schreibt zum Beispiel Wilfried Setzler: „Eine Woche später erfolgte ein weiterer und vorerst letzter Versuch der Eltern, den Weg des Sohnes in die bürgerliche Existenz zu bahnen: eine Lehrstelle als Buchhändler in Esslingen. Nach drei Tagen bricht Hermann ab.“3 Die Vorgeschichte zu diesem Esslinger Intermezzo ist dagegen ausführlicher beschrieben worden. Esslingen ist wie ein Schlussstrich unter einer gescheiterten jugendlichen Existenz. Alle waren rat- und hilflos.

der junge Hesse

Später schrieb Hesse über diese Zeit in Maulbronn und Cannstatt: „Mehr als vier Jahre lang ging alles unweigerlich schief, was man mit mir unternehmen wollte, keine Schule wollte mich behalten, in keiner Lehre hielt ich es lange aus. Jeder Versuch, einen brauchbaren Menschen aus mir zu machen, endete mit Misserfolg, mehrmals mit Schande und Skandal, mit Flucht oder mit Ausweisung.“4  Die Vorgeschichte ist sattsam bekannt.

Das Scheitern in Maulbronn, die Aufenthalte in einer Nervenheilanstalt, eine unglückliche Liebe und einen Selbstmordversuch, dann Basel, um zur Ruhe zu kommen. Von dort erreicht dann auch ein Brief des Pfarrers Pfister, bei dem Hermann sich aufhält, die Eltern. Darin schreibt er: „Ich sagte ihm, ich glaube, es sei Zeit, dass er irgend in eine geordnete Tätigkeit, sei es theoretischer sei es praktischer Art komme. Langeweile und Ungewissheit nage an ihm und rege ihn auf mehr als Arbeit (…) Ob er denn überhaupt so aufs Studium versessen sei. Er meinte, das nicht, aber er möchte doch als Deutscher den Einjährigen erlangen. (Ein Beruf wie Buchhändler würde ihm auch einleuchten, wenn es nicht gut weiterginge).“ Und weiter: „Er kam dann auf das Gymnasium zu Cannstatt zu sprechen mit dessen Rektor Du bekannt seiest und in dem die Schülerzahl nicht zu groß sei; wo auch bei Herrn Rektor sich ein Platz finden würde.“5 So der Pfarrer Pfister an Johannes Hesse am 27.10.1892. Nur wenige Tage später war alles organisiert. Der Vater reiste nach Cannstatt und „brachte alles soweit ins Reine. H. soll bei Praezeptor Geiger wohnen mit 3 Anderen und kann eintreten sobald er will. Nun wird er in den nächsten Tagen heimreisen.“6 Hermann kann es aber abwenden, mit drei anderen Mitschülern ein Zimmer teilen zu müssen und zieht in das Haus gegenüber zu Frau von Montigel. Dort wird er seine Zeit in Cannstatt verbringen. Aber auch die Cannstatter Zeit ist nicht frei von Sorge und Ärger. Schon bald drängt es Hermann wieder, das Gymnasium zu verlassen, möchte die Prüfung früher ablegen. Ist unzufrieden und verzweifelt. Er suhlt sich in einer Art Selbstmitleid, schreibt unter anderem: „Turgenjeff  sagt, es gewähre einen angenehmen Schmerz, vernarbte Wunden wieder aufzureißen. So geht mir’s auch. (…) Doch einerlei, es macht mir Vergnügen, die Wunden aufzureißen: Ihr braucht’s ja nicht zu lesen“7 Ein Weltschmerz umflort ihn, den er auch seinen Eltern mitteilt: „Ich sitze da in Cannstatt und lebe und lerne, was sie da zu sorgen und zu bemitleiden. Wenn du glaubst, ich sei traurig über das letzte Jahr, über Enttäuschungen, Liebesschmerz; mich quäle die Reue wegen des Selbstmords, irrst Du Dich. Dass meine Ideale von Welt und Liebe und Kunst und Leben und Wissen etc. verknallt sind, darüber gräme ich mich wenig. Denn alle diese Träume, der Wunsch, geliebt zu sein, etc. waren ja unnötig und unsinnig.“ Und weiter: „Aber ich interessiert mich für nichts. Da schwatzt man Tag für Tag an mich hin, von Sprachen, Verfassungen, Kriegen, Völkern, Zahlen, Vermutungen, Forschungen, Kaisern, Kräften, Elektroskopen, und wie der Schund heißt – und ich höre zu; das Eine behalte ich, das Andre nicht und alles, alles ist mir einerlei.“8 Weiter schreibt er, dass ein weiteres Studium für ihn nicht in Frage komme, er kein „Studienrat oder so was werden, der das Privilegium hat, dumm zu sein und einen großen Bauch und seidne Weste mit goldener Uhrkette zu tragen“9 Am gleichen Abend, dem 20. Januar 1893 schreibt er an dem Brief weiter und es kommt noch dramatischer: „..heute Nachmittag hatt‘ ich wieder so einen häßlichen Anfall, wie seit Basel nimmer. Ich saß da und las im Eichendorff, da kam mit einem Mal der ganze alte böse (unleserlich) über mich, all das trübe Herzweh, der grüttelnde Liebesschmerz, die Erinnerung an alles, was ich in Boll erlebt. Ich nahm rasch einige Bücher, ohne Auswahl, und kaufte in Stuttgart dafür – einen Revolver. Und jetzt sitz ich wieder da und vor mir liegt das rostige Ding. –.“10 Sofort eilt die Mutter nach Cannstatt. Es wurde für beide keine gute Nacht. Hermann ist zornig und unglücklich. Die Mutter bleibt über Nacht, übernachtet in einer kleinen Kammer neben ihm. Am Sonntag morgen erkundigt sie sich bei den Lehrern über Hermann. Die finden nur Lob. Hermann tobt, schreit seine Mutter an und beschimpft sie, sieht seine Pläne, dass Cannstatter Gymnasium frühzeitig zu verlassen, gefährdet. Krank und hilflos, reist seine Mutter ab.

Doch schließlich und endlich kommt die befreiende Nachricht aus Cannstatt: Am 18. Juli 1983 schreibt Hermann Hesse in einem Brief an Johannes und Marie Hesse: „Das Examen ist, wenn auch nicht glänzend, bestanden! Mein Kopfweh ist seit drei Wochen in flore.“11

Hesse selbst schreibt über die Zeit in seinen kurzen biographischen Skizzen, die er gelegentlich verfasst: „8.11.1982 Eintritt ins Gymnasium in Cannstatt (7. Klasse). Pension Geiger. Arbeite bald fast nichts, außer mit Liebe Latein. Musik. Werde Sozialdemokrat und laufe ins Wirtshaus. Bier und Raisonieren. Lese fast nur Heine, den ich sehr nachahmte. Stehe mit Calw immer schlecht und mache in den Ferien Szenen“.12 So Hesse in seinen Aufzeichnungen „1899 – November 1902 in „Bagels Geschäftskalender“ vom 14.03. In einem anderen autobiographischen Beitrag von 1903 für Franz Brümmer und seinem Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten im Reclam Verlag in Leipzig schreibt er, nicht ohne geschickt Hinweise auf zwei seiner Bücher einzustreuen,  etwas ausführlicher: “ Herbst 1982 kam ich, nach monatelangen Herumsitzen (siehe Unterm Rad) ins Gymnasium Cannstatt, wo ich ein wenig länger als ein Jahr blieb, bis in die Obersekunda, aus der ich während des Schuljahrs austrat. Ich war in Sprachen, Geschichte etc. gut, das hielt mich, dagegen kam ich in der Mathematik, gegen die ich ganz gleichgültig war, nicht mit, und geriet damals in Kameradschaft mit den „Lumpen“ und übel angesehenen älteren Schülern, lernte die Abende verbotenerweise in Wirtshäusern hinbringen, tüchtig saufen etc. Einiges davon steht im „Demian.“13

Dieses Einjährig-Freiwilligen-Examen, nicht ohne Müh und Not und auch nicht ohne Ärger mit der Familie und der Vermieterin Montigel, in Cannstatt abgelegt, befreite den nun sechzehnjährigen Jungen gleichzeitig auch von einer dreijährigen Wehrpflicht. Hermann Hesse und seine Eltern standen  nun vor der Frage, wie es in seinem Leben weitergehen sollte.

Das Kopfweh, das Hesse in den letzten Wochen vor den Prüfungen heftig plagte, wie auch aus einem Brief von Lotte Geiger an Marie Hesse14 hervorgeht, nimmt dieser zum Anlass, Cannstatt erst einmal zu verlassen und zu seinen Eltern nach Calw zurück zu kehren. In dieser Zeit in Calw scheint er unbekümmert zu sein. So schreibt seine Mutter an Adele Hesse, die Schwester, am 15. August 1893: „Hermann ist ordentlich und traktabel, fischt, badet, spaziert doch auch mit hie und da, und raucht fast immer fort (…)15 In diesen Tagen scheint auch der Entschluss gefallen zu sein, dass Hermann Hesse ein weiteres Jahr in die Schule nach Cannstatt gehen sollte. Denn in diesem Monat August wurde mit der Vermieterin Frieda Montigel ein weiteres Jahr Aufenthalt vereinbart. Und so neigt sich die Ferienzeit seinem Ende zu. Hermann reist am 17. September 1893 wieder nach Cannstatt, um am 19. September wieder mit der Schule anzufangen. Aber schon die ersten Briefe nach Hause zeigen, wie unzufrieden und unglücklich der junge Hesse ist. Seine Laune ist verdorben und schlechtes Wetter bringt ihm sein Kopfweh und Rheumatismus zurück. Diese Briefe stehen aber im Kontrast zu den Briefen, welche die Eltern Hesses von der Vermieterin oder von dem Lehrer Geiger erhalten. Dort wird geschrieben, dass sie recht zufrieden mit dem Verhalten und Fleiß des jungen Hesses sind. Er sei heiter und freundlich und kommt der Hausordnung nach. Der Lehrer Geiger drückt aus, dass es ihn freuen würde, wenn es Hesse gelänge, „auch das neu begonnen Schuljahr mit Glück und Erfolg zu Ende zu bringen.“16

Aber dies sollte sich schon im Oktober ändern. Zuerst meldet sich Frau Montigel bei der Mutter Hesse: „Mit Hermann hatten wir etwas Sorge. Erst war er wieder aufbrausend, und dann aß er längere Zeit nicht, bis ihm natürlich ganz dumpf im Kopf war. Ach es ist dem armen Hermann so schrecklich schwer beizukommen.“17 Fast am gleichen Tag schreibt Hesse selbst an seine Mutter. Es ist ein dringlicher Brief, der die Eltern dazu auffordert nach ihm zu sehen, da ihm „von Tag zu Tag schrecklich Angst auch Sorgen und Schule und Arbeit und böse Worte; jeder Tag, den Ihr früher nach der Sache seht, ist mir Geldes wert.“

Dieser Brief setzt einiges in Bewegung. Der Vater versucht noch, seinen Sohn dazu zu bringen, in der Schule durchzuhalten, in der Klasse fortzukommen. Sie würden auch versuchen Erleichterungen in der Schule zu erreichen und er könnte auch einige Tage, einige Wochen in Calw verbringen, um wieder zur Ruhe kommen. Im gleichen Brief schreibt er aber auch: „Andrerseits legt sich auch der Gedanke einem nahe: wenn Dein Kopf auf die Dauer das Studium doch nicht aushält, solltest du dann nicht so bald als möglich etwas anderes anfangen, sage: in eine Kaufmannslehre oder so etwas eintreten? Vielleicht ließe sich sogar hier in Calw etwas finden.“18 Während die Bitte um Austritt aus der Schule immer drängender wird, suchen die Eltern nach einer Lösung. Diese findet nun David Gundert, der Onkel von Hermann. In einem Brief  vom 13. Oktober an  Johannes  Hesse  schreibt er: „In Eßlingen  ist der  Buchhändler  Mayer,  auf  den ich  große  Stücke  halte,  Sohn  eines  frommen  Lehrers, kleines Geschäft, guter Prinzipal, nur kann er Lehrling nicht im Haus haben, sondern in Lehrersfamilie daneben.

Die Maille-1904
Die Maille-1904

Wenn Hermann wirklich lernen will, so kann ich bei Mayer anfragen. Auf Handelsschule halte ich für einen Seminaristen wenig; das Nötige von Buchführung, Rechnen etc lernt sich leicht und schnell in einem rechten Geschäft. Anderseits will ich gar nicht von Kaufmannschaft abraten. Ein tüchtiger Kaufmann kriegt wohl besseren Gehalt als der Buchhändler. Also muss Hermann selbst sich entschließen. Nur mein ich, nicht nochmals (bis 17 1/2 Jahre) bloß theoretisch lernen.“19

Über den weiteren Inhalt des Briefes ist nic1hts bekannt, da die weiteren Seiten fehlen. Hermann, wohl froh, Aussicht auf einen Ausweg aus der Schule aufgezeigt zu bekommen, muss dem Vorschlag seines Onkels wohl zugestimmt haben. So schildert er es auch in seinen autobiographischen Skizzen: „Oktober 1983, kaum nach Beginn der achten Klasse, dränge ich zum Austritt, um Buchhändler zu werden. Trete Ende Oktober in Eßlingen ein, wo ich nur drei Tage aushalte“.20 In dem Beitrag für Franz Brümmer, klingt es schon etwas differenzierter: „Als ich mich im Gymnasium nicht mehr halten konnte, wurde ich in die Lehre zu einem kleinen Buchhändler nach Eßlingen geschickt…“21

Werfen wir nun einen Blick auf diese kleine Buchhandlung in Esslingen und ihre Geschichte. Die Buchhandlung Samuel Mayer wurde im Jahre 1800 in Esslingen als älteste Buchhandlung in ihrem damaligen Domizil, im Haus Innere Brücke 8 bis 10 gegründet. Die Innere Brücke, verbunden durch die Pliensaustrasse mit der Äußeren Brücke (Pliensaubrücke), war damals die Hauptstrasse in Esslingen. Über die Innere Brücke kam man auf die Ritterstrasse, von dort über die Küferstrasse und durch das Wolfstor wieder aus dem Esslinger Stadtkern hinaus. Hier, auf der Inneren Brücke unterhielt Samuel Mayer nun seinen Buchladen, als Hermann Hesse dort seine Lehre antrat. 1904 verkaufte Samuel Mayer die Buchhandlung an Eduard Paulus Senior. Von 1905 bis 1937 firmierte die Buchhandlung unter Samuel Mayers Buchhandlung, Inhaber Eduard Paulus, auf der Inneren Brücke 8 bis 10. Im Eckhaus Fischbrunnenstrasse 8 bis 10 präsentierte sich nach der Jahrhundertwende die Buchhandlung Franz Sigleur im rechten Laden des Gebäudes. Franz Sigleur – und vor ihm Wilhelm Hammer – firmierten ebenso wie Sigleurs Nachfolger August Stocker, als Rechtsnachfolger der 1870 von August Weismann am Hafenmarkt gegründeten Weismannschen Sortimentsbuchhandlung, die einige Jahre auch ihr Ladengeschäft im Gebäude Innere Brücke 7 hatte. Im Juli 1928 übernahm Eduard Paulus zusätzlich die Buchhandlung Stocker am Fischbrunnen (heute Postmichelbrunnen) und sicherte sich damit, neben seinem Hauptgeschäft im Gebäude Innere Bücke, einen weiteren Standort im Vorfeld der Inneren Brücke. Eduard Paulus Junior kam, als er bereits die Regie in der Buchhandlung Stocker übernommen hatte, bei einem Tieffliegerangriff im Jahre 1945 auf der Maille ums Leben. Danach übernahm Gottfried Paulus, ein Neffe von Eduard Paulus Senior, die „Vereinigten Buchhandlungen August Stocker und Samuel Mayers Nachfolger Eduard Paulus“, und zwar unter der Firmierung Stocker und Paulus. 1959 verließ die Buchhandlung das Gebäude Innere Brücke und beschränkte sich auf die Räume am jetzigen Standort.

Nun zurück in das Jahr 1893. Hesses Eltern, erleichtert, dass Hermann einen neuen Weg einschlagen möchte, ob nun freiwillig oder nicht, organisierten den Umzug von Hermann von Cannstatt nach Esslingen.. Hermann, noch in Calw auf Erholung, soll, wenn er auf Durchreise von Calw nach Esslingen ist, den Schlüssel des Koffers bei den Vermietern Montigel abholen und seinen Überzieher, Schirm und weitere Dinge noch mitnehmen. Das Bett und einen Koffer mit Büchern sind schon nach Eßlingen geschickt worden. Auch soll er nicht vergessen, den Hausschlüssel abzugeben. So schreibt Frieda Montigel an Marie Hesse am 18. Oktober.22

Wie überraschend und schnell diese neue Entwicklung in Hermann Hesses Leben eintrat und wie zügig alles organisiert wurde, geht aus einem Brief hervor, den die Mutter an die Schwester von Hermann, Adele am 19. Oktober schrieb: „..Ich muß nämlich am 25. Morgens nach Eßlingen mit Hermann, der jetzt einige Tage hier ist und der in eine Buchhandlung in die Lehre eintritt am 25. Das überrascht Dich wohl sehr, da es alles so gar plötzlich kam. Uns selbst ist’s auch eine Überraschung gewesen. Hermann schrieb, es gehe nicht weiter mit dem Lernen, er habe immer einen Druck im Kopf und sei nun bereit, sich einem praktischen Beruf zuzuwenden. Zuerst dachten wir dran, ihn hier in die Handelsschule gehen zu lassen, bis sich etwas für ihn zeigte. Onkel David aber schlug sofort das passendste Plätzchen vor und fragte auf unsre Bitte bei Herrn Buchhändler Mayer in Eßlingen an, der sich bereit erklärte, es mit H. zu probieren. So war ich am Sonntag in Cannstatt und ordnete den Abzug an. Die gute Frau Montigel war bitter enttäuscht, sie hat Hermann lieb und hatte gehofft, ihn durch ihre Bemutterung ganz zurecht zu bringen. (…) Ich fand Hermann mager und elend aussehend, er hatte in letzter Zeit keinen Appetit und oft Kopfweh. Der Rektor hatte sich über sein Schulversäumnis geärgert und wendete nichts ein gegen den Austritt.“23

Am gleichen Tag nun schreibt der Esslinger Buchhändler Samuel Mayer an den Onkel David Gundert: „Beifolgend übersende ich Ihnen den Lehrvertrag mit der Bitte, das Weitere gefälligst veranlassen zu wollen. Der von Hermann Hesse abgeschriebene und mit den nötigen Unterschriften versehene Lehrvertrag kann vom Lehrling bei dessen Eintritt mitgebracht werden.

Lehrvertrag
Lehrvertrag von Hermann Hesse

Es war mir ein Anliegen vor Gott, den richtigen jungen Mann als Lehrling zu bekommen, und so hoffe und wünsche ich, daß die von mir getroffene Wahl für beide Teile und in jeder Beziehung nur gut getroffen sein möge.“24

Wie viel Hoffnung, Spannung und Erwartung in diesen neuen Lebensweg ihres Sohnes die Eltern Hesses setzten, geht aus einem Brief der Mutter nur zwei Tage nachdem sie ihren Sohn nach Esslingen begleitet hatte, heraus. Sie schreibt: „In Gedanken gehe ich immer mit Dir um, besonders gestern morgen dachte ich so dran, wie Du ins Geschäft mußtest und hätte Dich am liebsten begleitet und Dir zugesehen bei allem.“25

Aber die Hoffnung wurde nach drei Tagen im Keime erstickt. Hermann Hesse brach die Lehre ab, verschwand und tauchte erst einige Zeit später in Stuttgart wieder auf. 1955 gab Eduard Paulus in der Eßlinger Zeitung einen Einblick, wie es dazu kommen konnte. „Der freiheitsdurstige und allem äußeren Zwang abholde junge Hermann Hesse und der pietistisch strenge Samuel Mayer paßten so wenig zusammen, daß die Eßlinger Lehrlingsherrlichkeit bald zu Ende war. Hesses Verhältnis zu Gott ließ sich eben nicht in das Reglement von Bibelstunden und dergleichen pressen.

In die rechte Gasse geht es zu Frau Oberlehrerin Krauß in der Zehentstraße
In die rechte Gasse geht es zu Frau Oberlehrerin Krauß in der Zehentstraße

Hingegen hat es dem jungen Dichter (…) beim Mittagstisch der Eßlinger Frau Oberlehrer Krauß in der Zehentstraße (heute Neubau Kögel) recht gut gefallen. In dieser Beziehung befand er sich damals keineswegs „unterm Rad.“26

Einmal im Plaudern gibt er noch eine weitere Anekdote preis: Im Hirsauer Pfarrhaus trafen Eduard Paulus als Pfarrerssohn und auch Hermann Hesse als Missionarssohn von Calw zusammen. Hermann Hesse, so erzählt Paulus, war ein kräftiger und nicht unbedingt nachgiebiger Bub, der einem jungenhaften Streithändel keineswegs aus dem Weg ging. „Jedenfalls weiß ich noch, daß er mir einmal unheimlich den Buckel verschlug“, lacht Herr Paulus verschmitzt. Ob es nur die zwei Jahre ausmachten, die Hesse älter war als er, oder ob Hesses kräftige  Statur und seine handfeste Konstitution den Ausschlag gaben, kann und mag heute unser Eßlinger Buchhändler Paulus nicht mehr entscheiden“.27

Wie sehr diese Flucht aus Esslingen die Familie erschütterte geht aus einem Tagebucheintrag hervor: „..David fand eine Buchhändlerlehre in Eßlingen; man lieferte ihn am 25. Oktober dort ein. Am 30. war er auf und davon, niemand wußte wo. Am 2. November tauchte er in Stuttgart auf. Johannes eilte hin, am 3. November und nahm ihn mit sich nach Winnenthal zu Dr. Zeller zur Beratung. Ich machte daheim Todesängste durch und konnte nur Gott erleichtert danken, als abends beide wieder heimkehrten. Hermann sollte sich bei uns erholen. O eine schwere bittre Zeit für unser ganzes Haus (…).“28

Mit Dr. Zeller aus Winnenden hatte der Vater schon am 01. November brieflich Kontakt aufgenommen, um Hermann zur Beobachtung dort zu lassen. Wie hilf- und ratlos die Eltern zu dieser Zeit waren geht aus dem Brief hervor: „Mein Sohn Hermann, 16 1/2 Jahr alt, scheint an „moral insanity“ zu leiden und ist vorigen Montag aus seiner eben erst angetretenen Buchhändlerlehre in Eßlingen durchgegangen, nachdem er schon 1892 aus dem Evangel. Seminar Maulbronn davongelaufen und dann im Cannstatter Gymnasium es auch nicht aushalten konnte. Ich hoffe, morgen mit ihm nach Winnenthal zu kommen im Gedanken, daß Sie ihn dann vielleicht zur Beobachtung dort behalten. Bitte, haben Sie die Güte, wenn ich komme, mich vorzulassen und den Jungen anzusehn. Wir wissen rein nicht, wohin mit ihm.“29

Am 4. November meldet sich dann der Buchhändler Mayer wieder bei Johannes Hesse. „Beim Einliefern Ihres Sohnes Hermann in mein Geschäft, war ich weit entfernt zu denken, daß sein Aufenthalt von so kurzer Dauer sein sollte. Wenn mir auch Herr Gundert die Eigenschaften, welche Hermann mitbringt, einigermaßen schilderte, so hatte ich doch keine Ahnung davon, daß dieselben in solcher Ausgeprägtheit vorhanden seien. Von dem hochgradigen Mangel an Willensfestigkeit bekam ich ja doch erst Kenntnis, nachdem sich, oder richtiger gesagt, dadurch daß sich Ihr Sohn entfernte. Denn in den wenigen Tagen seiner Tätigkeit bekundete er den jedem neueintretenden Lehrling eigenen Eifer. Abnorm schien mir nur die höchst unklare Handschrift Ihres Sohnes. Die einfachsten Wörter oder Namen konnte er z. B. mitunter nicht zu Papier bringen, ohne zu korrigieren. Diese Korrektur war dann wieder eine unklare Form von ineinander gefügten Strichen. In wie weit sich bei Hermann absolute Krankheit und Eigenwille, d. h. ein gegen die Ordnung sich auflehnender Sinn, vereinigt, ist auch mir vorerst nicht ganz klar. Dem sei nun wie ihm wolle, ich wünsche von Herzen, daß Sie an Ihrem Sohn künftig mehr Freude erleben möchten, als er Ihnen seither bereitet hat, und daß er von dem großen Arzt Leibes und der Seele gründlich kuriert werden möge. Einen Heimatschein erhielt ich bisher nicht; eventuell werde ich Ihnen denselben zugehen lassen. Den Lehrvertrag werde ich vernichten.“30

Zu Hermann Hesses Glück, verweigerte Zeller die Aufnahme des jungen Hesses in die Klinik und verordnete ihm Ruhe. Hesse kehrte zurück in den Schoß der Familie. Und Hermann Hesse selbst? Wie sah er es und sein Scheitern?

In einem Brief an seinen Vater, wahrscheinlich vor dem 5. Juni 1894 geschrieben, heißt es: „Im Seminar gefiel es mir nicht, eben so wenig in Cannstatt und Eßlingen. Daß ich ohne weiteres immer weggelaufen, gilt Euch für krankhaft. Es war natürlich nicht das Richtige, aber ich fühlte zu allem, was Ihr aus mir machen wolltet, keine Lust, keine Kraft, keinen Mut. Wenn ich so ohne jedes Interesse an meiner Arbeit Stunde um Stunde im Geschäft oder Studium war, ergriff mich eben Ekel.“ Weiter schreibt der junge Hesse: „Ich versuchte es ja mit dem Buchhandel, hatte den Willen, wenn ich der Sache auch nur eine einzige freundliche Sache abgewinne, mich anzustrengen, etc etc; aber es ekelte mich an.“ Erstaunlich ist, dass er im  gleichen Brief alles daran setzt, seine Freiheit, seine Selbstständigkeit zu erhalten: „- Ich möchte versuchen, mit dem, was ich privatim gelernt, mein Brot zu verdienen. Anfangen würde ich da, wo ich schon Boden habe, in Cannstatt, Eßlingen, Stuttgart.“31

Er würde also auch eine Rückkehr in die kleine Stadt in Kauf nehmen, die er so fluchtartig verlassen und die ihn so angewidert hat, wie er in einem kurzgefassten Lebenslauf von 1944 schrieb: „Dann war ich drei Tage lang Kaufmannslehrling, lief  wieder fort und war einige Tage und Nächte zur großen Sorge meiner Eltern verschwunden.“32 Oder etwa 40 Jahre früher, in dem bereits erwähnten autobiographischen Beitrag von 1903 an Franz Brümmer schreibt Hesse „wo ich, von der Öde des Lebens als Lehrling in einem Landstädchen angewidert, schon nach drei Tagen davonlief.“33

Klein-Venedig
Das sogenannte „Klein-Venedig“ im Jahre 1892. Die Gebäude Innere Brücke 6-10 wurden kurz danach abgebrochen, der Unterbau von der Maschinenfabrik Esslingen durch Stahlträger stabilisiert und die Häuser neu aufgebaut

Wiederum in seiner Erzählung „Schön ist die Jugend“, die man auch durchaus als autobiografisch lesen kann,  kommt er auf diese durchaus unglückliche Zeit zu sprechen. So schreibt er: “ … so war doch mein Leben in den letzten Jahren nicht durchaus sauber und  durchsichtig gewesen.“ Und in einem Gespräch des Ich-Erzählers mit seiner Tante merkt er an, dass die Rede auf seine Schicksale, Erlebnisse und Aussichten kam, und sie fanden, er hätte Glück gehabt und sei auf gutem Wege. Und es  ergibt sich folgender Dialog:

„Wer hätte das vor sechs Jahren gedacht!“ meinte sie. „Stand es eigentlich damals so traurig mit mir?“ musste ich nun doch fragen. „Das nicht gerade, das nicht. Aber es war damals doch eine rechte Sorge für deine Eltern.“ Ich wollte sagen ‚für mich auch‘, aber sie hatte im Grunde recht, und ich wollte die Streitigkeiten von damals nicht wieder aufwärmen.“

Soweit Hesse in seiner Erzählung „Schön ist die Jugend“.34 Weiter schreibt er in seinem autobiografischen Beitrag: „Ich trieb mich mehrere Tage herum und wurde von Eltern etc. mit Angst gesucht, schließlich stellte ich mich dem Vater, wurde betrübt, aber nicht allzu böse empfangen und mit nach Calw genommen, und dort saß ich nun gegen zwei Jahre herum, eine Unglückszeit, in der meine Eltern an mir verzweifelten, und auch ich selber oft, in der ich aber, in der sehr großen Bibliothek meines Großvaters und Vaters, ziemlich gründliche und mannigfaltige Privatstudien machte, d.h. vor allem die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts, die dort sehr gut vertreten war, kennen lernte. Ich las damals Goethe, Gellert, Weiße, Hamann, Jean Paul, Hettners Literaturgeschichte, einiges von David Friedrich Strauß und viel andres und legte den Grund zu meiner späteren Belesenheit, die ziemlich groß war, bis zunehmende Augenschmerzen mich einschränkten“.35

Weiter schreibt er: „Lese viel und lege Grund zu literarischen Kenntnissen. Sehr wichtig Hettners36 18. Jahrhundert. Erste ernste Goethe-Lektüre. Auch Orientalisches und Übersetzungen, sowie Lavater und Ähnliche“.37

Danach begann  er in Calw eine Lehre in der Werkstatt des Herrn Perrot, der Turmuhren herstellte. Diese bringt er zu Ende. Nach der Lehre in Calw geben er und sein Vater ein Inserat auf: „In einer Buchhandlung wird für einen jungen Mann mit Lateinbildung eine Lehrstelle gesucht“. Auf diese Anzeige hin meldet sich die Heckenhauerische Buchhandlung in Tübingen. Und dort bringt Hesse zu Ende, was ihm in Esslingen nicht geglückt ist. Eine Buchhändlerlehre. In der Esslinger Zeitung schreibt Prof. L. Bosch in einer Antwort auf den Artikel „Als Hermann Hesse mir den Buckel verschlug“: „..denn im Herbst 1898, als ich zur Hochschule kam, war er Lehrling bei Heckenhauer in Tübingen und hat mir verschiedene gekaufte Bücher eingewickelt. Seine einstigen Mitseminaristen studierten damals bereits seit 1895“.38

Und wenn Hermann Hesse, trotz seinem drei Tage Erlebnis mit dieser Stadt Esslingen später zu seinen „Lieblingen unter den schwäbischen Städten“39 erkor, mag dies doch ein versöhnlicher Schluss sein.

Literatur- und Bildhinweise:

1) Hermann Hesse, Demian, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 3: Roßhalde, Knulp, Demian, Siddhartha, S. 309. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
2) Hermann Hesse, „Schön ist die Jugend. Eine Sommeridylle“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels. Band 7: Die Erzählungen 2, S. 52. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
3) Mit Hesse von Ort zu Ort: Lebensstationen des Dichters in Baden-Württemberg von Wilfried Setzler; Silberburg Verlag Tübingen 2012
4) Hermann Hesse, „Kurzgefaßter Lebenslauf“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 12: Autobiographische Schriften 2, S. 49. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
5) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 295;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.                                                 6) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 298;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(7) [Cannstatt, 15./16.1.1893], aus: Hermann Hesse, »Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!«. Briefe 1881-1904, S. 117. Herausgegeben von Volker Michels. © Suhrkamp Verlag Berlin 2012.
(8) [Cannstatt, 20.1.1893], aus: Hermann Hesse, »Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!«. Briefe 1881-1904, S. 120f. Herausgegeben von Volker Michels. © Suhrkamp Verlag Berlin 2012.
(9) ebda
(10) ebda
(11) Textauszug aus: Hermann Hesse, Gesammelte Briefe. Herausgegeben von Volker Michels. (c) Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1990. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(12) Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899 – November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(13) Hermann Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899 – November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(14) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 382;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(15) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 385;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(16) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 392;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(17) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 394;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(18) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 396;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(19) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 397  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(20) Hermann Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899-November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(21) Hermann Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899-November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(22) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 398  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
23) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 398/399;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(24) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 400  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(25) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 401;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(26) Eßlinger Zeitung vom 11.10.1955 Seite 3 „Als Hermann Hesse mir den Buckel verschlug“ (M.K.)
(27) ebda
(28) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 407;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(29) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 402;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(30) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 406;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(31) [55 An seinen Vater], aus: Hermann Hesse, »Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!«. Briefe 1881-1904, S. 134f. Herausgegeben von Volker Michels. © Suhrkamp Verlag Berlin 2012.
(32) Hermann Hesse, „Kurzgefaßter Lebenslauf“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 12: Autobiographische Schriften 2, S. 49. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(33) Hermann Hesse, „Biographische Notizen“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 12: Autobiographische Schriften 2, S. 19. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(34) Hermann Hesse, „Schön ist die Jugend. Eine Sommeridylle“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels. Band 7: Die Erzählungen 2, S. 41f. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(35) Hermann Hesse, „Biographische Notizen“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 12: Autobiographische Schriften 2, S. 19f. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin. (36) Hermann Hettner Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts 3 Bde. Vieweg Braunschweig 1894
(37) Hermann Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899-November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(38) Eßlinger Zeitung vom 18.10.1955; Leserbrief
(39) „Esslingen am Neckar“ Otto Borst; Bechtle Verlag; 2. Auflage 1967
(40) Fotos aus „Esslingen – Schön  wars Teil 2″“ von Werner Mey, Bechtle Verlag 1998 u.a. „Lehrvertrag“ aus „Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895“, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 396;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.

 

 

 

Gunnar Gunnarsson – Schwarze Vögel

Einer kennt des anderen Kreuz nicht

„Schwarze Vögel“ von  Gunnar Gunnarsson

„Allen guten Menschen, denen diese Blätter vor Augen kommen mögen, schicke ich, Eiulvur Kolbeinsson, der unwürdige Kaplan an der Saurbärkirche des Rödesand-Kirchspiels, im Bardestrand-Bezirk, Gottes Gruß und den meinigen.“

So beginnt das Buch „Schwarze Schwingen“ (im dänischen Original: „Svartfugl“), welches im Jahr 1929 in Dänemark erschienen ist und dann als deutsche Ausgabe 1930 bei Albert Langen in München. Eiulvur Kolbeinsson, der Nachfolger des alten Gemeindepfarrers, hatte gerade seinen einzigen Sohn im Alter von fünfzehn Jahren beim Fischfang verloren und wird durch diesen Schicksalsschlag an eine andere Geschichte erinnert. Er beginnt, diese niederzuschreiben. Und dieser Kaplan, Eiulvur Kolbeinsson, ist die eigentliche Hauptfigur dieses Romans.

„Meine Unzulänglichkeit, die Gott gesehen hat, war weit verhängnisvoller. Sie trat da zutage, wo es sich nicht um Fische und Friestuch handelte, sondern um Blut. Nicht um Silber und Gold, sondern um Seelen. Du hast sie gesehen, o Herr, diese Unzulänglichkeit, aber bis heute nur du allein!
Forderst du mich nun vor Gericht, da du mein einziges Kind, meinen Sohn Hilarius, als eine jammervolle Beute blinden Mächten hinwirfst?
So stehe ich jetzt vor dir. Stärke du meine Hand, dass es ihr gelingen möge, einen Funken Wahrheit aus dem dunklen Stein zu schlagen, den ich in meiner Brust trage!“

Am Anfang des 19. Jahrhunderts teilten sich zwei sehr arme Familien den kleinen, sehr abgeschiedenen Bauernhof Syvendeaa bei Rauðisandur (der Landstrich bezieht seinen Namen vom weitläufigen Strand aus gelblich-rotem Muschelsand) in den Westfjorden. Die Sache war die, dass Bjarni nach dem Tode seiner beiden Jungen, die Hälfte seines Hofes an Jon Torgrimsson verpachtet hatte, der mit seiner Frau und ihren fünf Kindern dorthin gezogen war. Aber allmählich wurde im Kirchspiel über die Zwietracht gesprochen, die draußen auf jenem einsamen Hofe zwischen den beiden Bauern herrschte, ja selbst zwischen den beiden Ehepartnern untereinander. Eines Wintertages wurde der Bauer Jon vermisst. Die wahrscheinlichste Erklärung war, dass er auf dem vereisten Weg an den Klippen entlang abstürzte und ins Meer gefallen ist, als er Heu für seine Schafe aus einer Hütte holen wollte. Niemand hatte gesehen, wie es zugegangen war. Niemand hatte ihn seither wiedergesehen. Die Menschen in der Kirchengemeinde begannen zu glauben, dass Bjarni, der damit anfing, die Witwe des verschwundenen Bauern Jon Torgrimsson, als seine Geliebte zu betrachten, Jon umgebracht hatte. Bjarni war ein gutaussehender Mann, aber seine Frau Gudrun war eine unscheinbare Frau und nicht bei guter Gesundheit. Bjarnason verliebte sich in Steinunn Sveinsdóttir, die Witwe. Dann starb Gudrun, die Frau von Bjarni. Und in der Gemeinde entstand das Gerücht, dass sie ebenfalls umgebracht worden war. Vergiftet oder zu Tode geschlagen worden ist durch Bjarni und die Witwe Steinunn. Aber dies geschah alles, bevor gerichtsmedizinische Untersuchungen in Island auf das Land  kamen und so wurde die Frau begraben und das Leben ging weiter. Dann wurde die Leiche von Jon Torgrimsson gefunden. Sie lag wie Treibholz am Strand. Der Leichnam wurde anhand der Kleidung identifiziert und bei der gesetzlichen Leichenschau entdeckte man eine Verletzung, die von einer Stichwaffe herrühren konnte und die kaum auf einen Sturz von den Klippen in das Meer zurückgeführt werden konnte. Sehr bald wurden Bjarni und Steinunn daraufhin festgenommen und in Untersuchungshaft genommen. Während dieser Zeit starben die drei  Kinder von Bjarni und Gudrun in der Obhut des Kaplans, als sie vom Pfarrhaus ausrissen. Sie ertranken oder erfroren. Trotzdem konnte der Kaplan das Vertrauen von Steinunn und Bjarni erringen und sie gestanden ihm, dass sie zusammen die zwei anderen umgebracht hatten und dann versuchten, die Morde als Unglücke zu vertuschen.  Beide wurden zum Tode verurteilt. Steinunn starb kurz darauf im Gefängnis, Bjarni konnte noch einmal fliehen, wurde aber wieder gefasst und 1804 wurde er in Dänemark hingerichtet, da sich auf Island niemand fand, der das Urteil vollstrecken wollte oder konnte.

Gunnar Gunnarsson
Gunnar Gunnarsson

Gunnar Gunnarsson bezieht sich in seinem Roman auf einen authentischen Kriminalfall. Einem Mordfall, der sich auf dem Hof Sjöundá am Rauðisandur in den Westfjorden zugetragen hatte. Und dies tut er so genau, dass man eigentlich von einem historischen Dokumentarroman sprechen könnte. Ein literarischer Kriminalroman. Heute gilt dieser Roman auf Island als der erste Kriminalroman. Ganz verhaftet in der Epoche, in welcher der Roman spielt, in der Sprache und dem Duktus der damaligen Zeit. Erfunden ist zum größten Teil der Rahmen der Erzählung, der Erzähler, der Kaplan und seine Familie. Was den eigentlichen Fall betrifft, hat Gunnarsson von Originaldokumenten (Verhöre, Urteile, Gerichtsprotokolle) ausgiebig Gebrauch gemacht. Der Doppelmord aber fand so statt wie im Roman beschrieben. Sicherlich ist es ein Kriminalroman in dem Sinne, dass ihm ein Verbrechen zu Grunde liegt. Doch wenn der Roman als Kriminalroman klassifiziert wird, muß er in Übereinstimmung mit der Literaturgattung Kriminalroman sein, muß er genauso kraftvoll und literarisch sein, wie die anderen Arten der Literatur. Das Buch ist ein Beweis dafür, dass alle literarischen Genres in dem Sinne mehr oder weniger gleich sind, dass ein großer Schriftsteller ein literarisches Meisterstück in jeder Gattung schreiben kann, das er sich zu eigen macht.

Mit „Schwarze Schwingen“ setzte Gunnarsson die Reihe seiner historischen Romane fort, hielt sich jedoch wesentlich enger an die Quellen, mit denen er sich eingehend beschäftigt hatte. Der Autor folgte zwar getreu den historischen Vorlagen, doch ist das Buch kein Tatsachenbericht, sondern eine dichterische Gestaltung des vorgegebenen Stoffes. Der Stil erinnert in seiner kräftigen, zügigen Diktion zeitweilig an den der altisländischen Saga; weist aber auch für den Verfasser typisch-mystisch anmutende Merkmale auf. Überzeugend sind die so verschiedenartigen Personen gezeichnet. Die Selbstzweifel des Kaplans, der hin- und hergerissen ist in der Schuldfrage. Der ständig fragt, was ist böse – was ist gut? Wer trägt hier die Schuld. Hätte das Verbrechen verhindert werden können, wenn sich die Gemeinde, in diesem Fall der alte Pfarrer als Amtsperson, sich mit den Gerüchten beschäftigt hätte, die im Kirchspiel herumginge? Und in wie weit trägt der Kaplan Schuld an diesem Geschehen. Er, der Bjarni bewunderte und die offiziellen Leichenschauen vornehmen mußte? „Ich fing an zu glauben, ich bringe den Leuten Unglück, und in meinem Gefolge seien Verbrechen und grausiger Tod.“

Der Roman besticht durch den detailfreudigen Realismus von Gunnar Gunnarsson. Wie schon in anderen Werken hat Gunnarsson auch hier die herbe, in ihrer Erhabenheit fesselnde isländische Landschaft in breitangelegte Bildern eingefangen und ihre Wechselbeziehung zum Menschen aufgezeigt.

Das Buch schließt mit den Selbstzweifeln des Kaplans:
„…Diese unnützen Blätter,- sie sind nun meine Beichte. …- werde ich ihnen zu zeigen wagen, was ich hier geschrieben habe? Und wenn ich es tue, – werden sie mir dann sagen können, welchen Anteil ich in all dem Bösen gehabt habe, was damals geschah? Wieviel und welchen?

Unter Berücksichtigung der späteren isländischen Fassung des Autors nach dem dänischen Original übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Karl-Ludwig Wetzig. Neuausgabe im Taschenbuch Reclam.

Schwarze Vögel Reclam