Stewart O’Nan „Westlich des Sunset“

Premiere in Hollywood
Premiere in Hollywood

Im Grunde ist alles Leben ein Prozess des Niedergangs

Stewart O’Nan „Westlich des Sunset“

1936 erschien in der Zeitschrift „Esquire“ zwischen Februar und April ein autobiographischer Essay von F. Scott Fitzgerald unter dem Titel „The Crack-Up“. Der Essay beginnt mit den Worten  „Of course all life is a process of breaking down“. In diesem Essay, der unter dem deutschen Titel „Der Knacks“ erschienen ist, entwickelt und beschreibt Fitzgerald seine Vorstellung eines „emotionalen Bankrotts“. Diese persönliche Abhandlung gilt als wichtigstes Dokument für die Lebenskrise Fitzgeralds.

Diesen Niedergang von F. Scott Fitzgerald beschreibt Stewart O’Nan anhand der letzten Jahre, die Fitzgerald in Hollywood verbracht hatte, um sich dort als Lohnschreiber in den dortigen Studios zu verdingen. Geschuldet war dies seiner prekären finanziellen Situation. In seiner romanhaften Biografie „Westlich des Sunset“ unternimmt Stewart O’Nan den heiklen Versuch diese angespannten Jahre zu bebildern, indem er einen Erzähler in der dritten Person benutzt, der die Gedanken von Fitzgerald reflektiert. Wieder ein Buch, das sich in die vielstimmige Sekundärliteratur über F. Scott Fitzgerald einreiht, mag man denken. Auf diesen Einwurf hat Stewart O’Nan auf  einer Lesung in Stuttgart gesagt, dass Sekundärliteratur immer die Perspektive von  anderen aufzeigt. Von Freunden, Briefpartnern und Zeitgenossen. Keine zeigt den Blickwinkel des Protagonisten. Dies aber hat ihn interessiert. Die Gefühls- und Gedankenwelt von Fitzgerald aufzuzeigen. Beschreiben wie es war. Durch diesen Kniff, einen Erzähler zu bemühen, wollte er näher an Fitzgerald sein, seine Emotionen zeigen. Aber, was im Menschen Fitzgerald passiert und vorgegangen ist, weiß man nicht. Alle Biografien können nur Annäherungen an den Menschen Fitzgerald sein. Gereizt hat ihn, die neue Lebenssituation von Fitzgerald zu beschreiben. Den Frondienst und die Demütigungen, die er erfahren hat. Der gefeierte Schriftsteller als Lohnschreiber von Drehbüchern und konfrontiert mit einer neuen Liebe.

Seine Jahre in Hollywood fingen mit seiner Ankunft im Jahr 1937 an, ausgestattet mit einem lukrativen Vertrag von MGM, und dauerten bis zu seinem frühen Tod durch einen Herzinfarkt im Alter von 44 Jahren. O’Nan benutzt zur Beschreibung dieser Jahre auch die Menschen, mit denen Fitzgerald  Umgang hatte und Ereignisse, die die Person Fitzgerald am besten beschreiben: Fitzgeralds Umgang mit seinen Kumpanen wie Humphrey Bogart, Ernest Hemingway, von dem auch der Satz stammt, Fitzgerald habe seine Gabe verraten, Aldous Huxley, Anita Loos, Dorothy „Dottie“ Parker, mit ihren spritzigen Bonmots und ihr Mann Alan Campbell und Marlene Dietrich. Seine intensive Liebe zu der jungen, blonden Gesellschaftsreporterin Sheilah Graham, die sich präsentierte, als ob sie von der englischen Upper Class abstammte aber als Lily Sheil in einem Londoner Slum geboren wurde. Die nutz- und sinnlose Arbeit als Drehbuchschreiber in seinem Büro wird penibel aufgezeichnet. Schlussendlich taucht sein Name nur bei einem Film im Abspann auf.

F. Scott Fitzgerald war schon zweimal vor 1937 in Hollywood gewesen, jeweils als ein ganz anderer Mensch. Beim ersten Mal hatte er triumphal in die Stadt Einzug gehalten, das goldene Wunderkind und seine Flapper-Braut, die wilde Zelda. Eine der Ikonen jener Zeit, eine junge Frau, die kurze Röcke und kurzes Haar trug und selbstbewusst ihr Leben lebte. Beim letzten Mal schlich er sich in die Stadt an den Reportern vorbei, um die kranke Zelda zu besuchen. Und jetzt ging er anonym in der Menge der Reisenden unter. Kein Empfangskomitee erwartete ihn.

F. Scott Fitzgerald war auf der einen Seite ein perfektes aber auch ein abschreckendes Aushängeschild für Hollywood. Sein jugendlicher Ruhm verlieh ihm eine scharfsinnige Sicht auf diese seichte, flitterhafte Stadt. Diese Stadt, die trotz ihrer tropischen Schönheit etwas Reizloses, Hartes, und Vulgäres hatte, das so unzweifelhaft amerikanisch war wie die Filmindustrie. Aber gerade da er in den letzten drei Jahren seines Lebens dort gearbeitet hatte, war es auch ein trauriger Fall: ein von Schulden geplagtes Genie, ein Alkoholiker, der sich selbst verkaufte, um an zweitklassigen Drehbücher mitzuarbeiten. Hat man jemals von dem Film „A Yank at Oxford“ gehört? Kein Wunder, dass sein großer und unvollendeter Roman „The Love of the Last Tycoon“ die Romantik, die Illusionen und  Flitterhaftigkeit der Filmindustrie zum Thema hat.

Warum die Hollywood-Jahre? Auch dazu äußerte sich O’Nan in Stuttgart. Ihn reizte, den Niedergang nach dem Erfolg zu beschreiben. Auch den Wesenszug von Fitzgerald, den Glamour und die Nähe von erfolgreichen und berühmten Leute zu suchen. Teil dieser Glamourwelt, dieser abgeschiedenen Welt der Privilegierten zu werden und zu sein. Ein Leben lang hatte er sich von den ganz Großen angezogen gefühlt, in der Hoffnung, sein beflissenes Verständnis könnte ihm einen Platz unter ihnen einbringen. Aber auch die Angst vorm Schreiben, das Wissen um die Verschwendung seines Talents, dessen sich Fitzgerald auch bewusst war. Der exzessive Genuss von Drogen und Alkohol. Fitzgerald war für O’Nan zu dieser Zeit ein Außenseiter, bedingt durch seine Schulden und seine Heimatlosigkeit, der versuchte, in Hollywood einen neuen Weg für ein neues Leben zu finden. Aber auch das Kapitel Filmindustrie, das ja auch in diesen späten dreißiger Jahre in Hollywood geschrieben wurde und die Zeitgeschichte, die Politik, hier auch der spanische Bürgerkrieg, beschrieben durch die Aktivitäten von Hemingway und Parker, das Wissen, dass ein Krieg kommen wird, dieses Zeitpanorama, wollte er ebenfalls illustrieren.

Das Buch beginnt mit Fitzgeralds Besuch bei Zelda an ihrem 17ten Hochzeitstag, kurz bevor er nach Westen, nach Hollywood geht. Die Frau, die er trifft, ist in ihren späten Dreißigern und erinnert kaum an die legendäre Zelda. Gezeichnet von ihrer Krankheit, die O’Nan eine bipolare Störung nennt. Einmal fragt sich Fitzgerald, ob sie schon die ganze Zeit verrückt gewesen war und er das anziehend gefunden hatte. Zelda ist hager und verhärmt, einem alten Weib ähnlich, ihr Lächeln ruiniert durch einen abgebrochenen Zahn. Nachdem er nach Hollywood umgezogen war, fuhr er noch einige Male nach Osten, um sie zu besuchen, und jedes Mal notierte er, wie sich Zelda verändert hatte: Sie hat an Gewicht zugelegt, ihre Haare waren gefärbt in einem wenig schmeichelhaften braun, ihre altmodischen Kleider waren Zuwendungen des Sanatoriums. Er beobachtete sie nach Anzeichen. Ist sie stabil oder ist sie wieder dabei, den Erzengel Michael zu sehen? Sie gaben sich gegenseitig vor und auch vor sich selbst, dass sie irgendwann wieder zusammen leben würden. O’Nan überzeugt am meisten, wenn er über die herzzerbrechende Schuld berichtet, die Fitzgerald verspürt, wenn er daran denkt, auf wie viele Weisen er Zelda in den letzten Jahren verlassen hatte. Die Frage, ob er Zelda alleine lassen kann – diese Frage beschäftigt ihn und er hat Schuldgefühle, die ihn für den Rest seines Lebens quälten. Er hatte ein schlechtes Gewissen, als hätte er sie, so unmöglich es auch gewesen war, retten müssen. In einem Brief an Zelda im April 1938 schrieb er: „Wir waren einmal ein einziger Mensch, und ein bißchen wird es immer so bleiben.“ Auch erleichterte es ihn sehr, dass er Zelda nicht persönlich über den Entschluss, nach Hollywood zu gehen, informieren kann, sonder dies per Brief erledigte. Er schämte sich, ist hilflos, weiß um sein Scheitern.

„Natürlich. Ich bin der König, des Schiefgehens.“
„Und ich deine Königin.“
„Stimmt“, sagte er, denn obwohl der Thron viele Jahre lang leer geblieben und das Schloss, wie auch das Reich, längst zerstört war, war sie seine Königin. Trotz allem, was sie vergeudet hatten, würde er nie bestreiten, dass sie füreinander geschaffen waren.
Zelda Fitzgerald
Zelda Fitzgerald
So ein Dialog aus dem Roman oder an anderer Stelle: „Wir haben viel zu früh angefangen, schlechte Karten zu ziehen“
Der Knacks

In dem bereits angeführten Essay vom Februar 1936 „Der Knacks“ schrieb er: „Im Grunde ist alles Leben ein Prozeß des Niedergangs, aber die Schläge, die das eigentlich Dramatische dabei ausmachen – jene plötzlichen schweren Schläge, die von außen oder scheinbar von außen kommen, an die man sich erinnert, für die man die Dinge verantwortlich macht und über die man in schwachen Momenten auch zu seinen Freunden spricht -, diese Schläge zeigen ihre Wirkung nicht mit einem Mal. Es gibt noch einen andere Art von Schlägen, die von innen kommen und die man nicht spürt, bis es zu spät ist, etwas dagegen zu tun, bis einem endgültig klar wird, daß man als Mensch in dieser oder jener Hinsicht nie wieder soviel taugt wie früher. Die erste Art von Knacks kommt rasch, die zweite Art kommt, fast ohne daß man es merkt, aber dann spürt man es plötzlich um so mehr.“

Es muss ein Gefühl gewesen sein, als ob jemand einem den Teppich unter den Füßen weggerissen hätte. Im Alter von vierzig Jahren war er durch eine Reihe von Rückschlägen, die Fitzgerald eher als Pech betrachtete, zu einem Heimatlosen geworden. Da seine Tochter Scottie im Internat wohnte und Zelda im Sanatorium brauchte er keinen Haushalt mehr zu führen, eine Erleichterung, weil sich damit seine Ausgaben verringerten. Allerdings gab es jetzt keinen Ort mehr, an den sie zurückkehren konnten, und die Dinge, die ihnen am meisten bedeuteten, waren in muffigen Abstellräumen gelagert. Er hatte sich so weit wie möglich eingeschränkt, und dennoch reichte sein Geld nicht, um für die Klinik und Scotties Schulgeld aufzukommen, aber er weigerte sich – aus falschem Ehrgefühl oder schlichter Verblendung -, seine Pflichten zu vernachlässigen. Aber er staunte über seinen eigenen Sturz und seine Fähigkeit, sich dessen bewusst zu sein. Auch ein Gedanke, den O’Nan bei der Lesung ausführte. Warum war Fitzgerald zu jener Zeit aus der Mode gekommen? Hatte Hemingway mit seinem Bonmot recht, dass Scott seine Gabe verraten hatte? O’Nan meint, dass bedingt durch die Weltwirtschaftskrise und den dadurch verursachten Börsencrash, die Menschen andere Sorgen hatten, als sich um das Glamourpärchen, Scott und Zelda Fitzgerald zu kümmern. Das Leben dieses Pärchen war aus der Zeit gefallen.

Fitzgerald schreibt wiederum im Essay: „Nun kann ein Mann auf mancherlei Art kaputtgehen – zum Beispiel im Kopf, in welchem Fall ihm die Entscheidungsfreiheit von anderen abgenommen wird! oder körperlich. In Hollywood wurde ihm auf jeden Fall vorgeschrieben, an was er zu arbeiten hatte. Die Entlohnung war für einen Normalverdiener extrem hoch, sechs Monate für tausend Dollar die Woche aber die „Eiserne Lunge“, wie der Bürotrakt von MGM bei den Drehbuchschreibern hieß, verschlang auch so manchen Autoren. So hatte Fitzgerald im Laufe der Jahre beobachtet, wie Hollywood seine Freunde aus dem Osten verschlang, wie es ihre edleren Ambitionen untergrub und ihnen die Taschen füllte. Er schreibt dazu „…und wenn jemand mir einen Knochen mit genügend Fleisch daran hinwirft, werde ich ihm vielleicht sogar die Hand lecken.“
F.Scott Fitzgerald und Sheilah Graham
F.Scott Fitzgerald und Sheilah Graham
Und dann traf er die Engländerin Sheilah Graham, eine erfolgreiche Klatschkolumnistin. Obwohl sie blondes Haar hatte und diese zudem wellig waren, hätte sie Zeldas Zwillingsschwester sein können. Nach der Meinung O’Nans fand Fitzgerald in Sheilah, was er in seinem Buch „Der große Gatsby“ beschrieben hatte. Jemand, der sich selbst erschuf. Sheilah, so O’Nan, hat sich selbst erfunden. Von der proletarischen armen Auswanderin aus England, zu einer erfolgreichen Klatschreporterin Hollywoods. Mit Mut, Esprit, Witz und Intelligenz, smart, mutig und kräftig hat sie sich ihren Platz erobert. Sie war ihrer Zeit voraus und war die stärkere von beiden. Fitzgerald konnte sich nie aus dem Zwiespalt zwischen Zelda und Sheilah lösen. Dazu dürften auch die Briefe beigetragen haben, die Zelda ihm zukommen ließ, so wie der vom März 39: „Liebster, ich bin immer dankbar für all die Loyalität, die Du mir gegenüber bewahrt hast, und ich bleibe immer den Begriffen treu, die uns so lange zusammengehalten haben: dem Glauben, daß das Leben tragisch ist, daß der geistige Lohn eines Menschen im Festhalten an seinem Glauben, wir sollten einander nicht verletzten, besteht. Und ich liebe, immer, Dein schönes schriftstellerisches Talent, Deine Toleranz und Großzügigkeit und alle Deine glücklichen Begabungen. Nichst (sonst) könnte unser Leben überdauert haben.“
Die Liebe des letzten Tycoon

Neben seiner Liebe fand Fitzgerald auch wieder zum Schreiben. Neben zahlreichen Short-Stories, die er wegen seiner Geldnot schrieb, fing er wieder an einem neuen Roman an, den er nicht fertig stellen konnte, ihm aber neue Hoffnung gab. Ihm aber gleichzeitig bewusst machte, dass er viel Zeit verschwendet hatte. So schrieb er, ebenfalls im Herbst 39 an Zelda: „Den ganzen Tag habe ich an einem Roman gearbeitet, bei dem die Herausgeber der Zeitschrift mich zu fördern bereit sind, wenn ihnen die ersten zwölftausend Wörter gefallen. Es sieht aus, als könnte es die Rettung sein, und ich lege alles, was ich habe, hinein.“

Es scheint, als ob das komplette Scheitern Fitzgeralds, sein Absturz durch Alkohol, ihn soweit zurückgeworfen hatte, dass er wieder zu sich selbst gefunden hatte. Und so konnte er am 23.10.1940 wiederum an Zelda schreiben: “ Ich stecke tief in meinem Roman, ich lebe darin, und er macht mich glücklich. Es ist ein konstruierter Roman wie Gatsby mit Passagen poetischer Prosa, wenn sie zur Handlung passen, aber keinen Grübeleien oder Nebenepisoden wie in Tender. Alles muß zur dramatischen Bewegung beitragen.“

Stewart O'Nan
Stewart O’Nan

Die schönsten Passagen des Romans „Westlich des Sunset“ liegen nicht nur in den eleganten beschreibenden Abschnitten und den lebhaften Berichten über Hollywood auf seinem Höhepunkt, sondern auch im Ton des Romans. O`Nan hat durch die Benutzung  von Fitzgeralds Briefen und Werke einen Hintergrund geschaffen, der die Verfassung und die Seelenqualen Fitzgeralds widerspiegelt. Der Leser wird in eine Welt versetzt, in der Fitzgerald zu einer menschlichen Figur wird – angenehm, talentiert, schwach, sich ganz seinem Talent widmend und darin sorgenfrei sein kann. Man merkt diesem Buch an, dass O’Nan seine Figuren liebt, er die Menschen mag über die er schreibt und sie nicht verachtet oder sich über sie lustig macht in ihrem Bemühen um ein aufrechtes Leben.

Was fasziniert Stewart O’Nan an dem Autoren Fitzgerald. Darauf antwortet er: „Mir gefällt die Figurenbeschreibung, die Komik von Fitzgerald, das Positive in seinem Schreiben, die Musik seiner Sprache und die Emotionen. Das präzise, elegante und konzentrierte Schreiben und die Spannbreite seines Schaffens.

Veränderung ist die einzige Konstante in diesem Roman. Von Fitzgeralds kurzlebigen Drehbuchentwürfen bis zu den in die Jahren gekommenen Filmstars, der Zerfall von Zelda. Die ganze Welt scheint dem Schicksal verfallen zu sein, zu verschwinden. O’Nan beschreibt das Gefühl eines freien Falls, den unkontrollierbare Veränderungen mit sich bringen können. Zitat aus „Der große Gatsby“ – „So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.“

Westlich des Sunset
Stewart O`Nan
„Westlich des Sunset“ („West of Sunset„)
Übersetzer: Thomas Gunkel

Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Ein ausgebuffter Western

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick       von Joe R. Lansdale

Helden im Überfluss. Flüche, die wild durch die Gegend fliegen. Nonchalant erzähltes Grauen. Trockener, beißender, gelegentlich auch schwarzer Humor, fließt so frei und ungestüm wie Blut über die Seiten dieses Romans und es gibt sogar Raum für romantische Liebe. Basierend auf einer wahren Geschichte bietet dieser Western der besonderen Art ein starkes Gemenge aus geistreicher Schlagfertigkeit und stürmischer Schlacht. Zwischen all diesem wahren Leben eines Draufgängers namens Nat Love mögen sich auch ein paar Unwahrheiten eingeschlichen haben. Aber wer möchte das wirklich wissen. Ist dieser Roman doch wahre Unterhaltung mit einem Humor, der bisweilen die Schwärze eines Grabes annimmt.

Oder wie Willi Jackson, genannt Nat Love, auf der ersten Seite des Buches erklärt: „Groschenromane wurden schon über mich verfasst, wobei manche behaupten, ich hätte den Namen Deadwood Dick, schwarzer Reiter der Prärie, bloß angenommen, um im Leben mehr herzumachen, und in den Geschichten ginge es gar nicht wirklich um mich. Das ist nicht wahr, auch wenn die Romanschreiber in diesen Heften verdammte Lügen verzapft haben, und das will ich jetzt endlich von Anfang bis Ende richtig stellen.“

Lansdale erzählt die Geschichte eines Mannes, der als Sklave vor dem amerikanischen Bürgerkrieg geboren wurde und aus dem der sagenumrankte Deadwood Dick wurde; der wahre Deadwood Dick. Wer war dieser legendäre Westernheld? Er könnte einer von vielen gewesen sein. Oder eine Melange aus ihnen. Oder alle. Oder vielleicht keiner von ihnen, vielleicht ein rein fiktionaler Charakter, der nicht nach dem wirklichen Leben gezeichnet wurde.

Und das ist die Geschichte von Deadwood Dick im Roman von Joe R. Lansdale: Es beginnt in Piney Woods Country, als der fast 20jährige frühere Sklave namens Willie Jackson eines Tages einen verstohlenen Blick auf den gut verhüllten Hintern der Dame des Bezirks (manche sagen auch: die Hure), die zufällig eine Weiße ist, wirft. Das ist die Todesstrafe für einen jungen Schwarzen in jener Zeit und an diesem Ort. Ihr Mann, Sam Ruggert, ein verbitterter Trunkenbold, sieht die auf seine Frau gerichteten Augen von Willie. Gerade rechtzeitig gelingt es Willie einem Lynchmob zu entkommen. Von einem Augenblick auf den anderen schaffte er es nicht nur, sich, aufgrund eines Missverständnisses, in Schwierigkeiten zu bringen, sondern begeht auf seiner Flucht auch noch einen Pferdediebstahl. Sein Vater verhilft ihm zur Flucht, jedoch, letztendlich, sein Vater und, als Zugabe, das Familienschwein gehen in Rauch auf, umgebracht durch die Hände einer empörten Meute weißer Männer. Auch Willie wäre gefangen und getötet worden, wäre da nicht der weiße Mann Tate Loving gewesen, mit dem er sich anfreundet. Tate Loving, ein ehemaliger weißer Prediger und Bürgerkriegsveteran, gibt ihm auf seiner Farm Schutz. Bei ihm lernt der ausgerissene Arschgaffer, nebenberufliche Pferdedieb und aushilfsweise Farmarbeiter, schreiben und lesen, schießen und reiten wie ein Comanche. Schließlich bricht Willie weiter nach Westen auf, als er von einem Reisenden wiedererkannt wird und befürchten muss, dass dieser ihn an Ruggert verrät. Dieser Ruggert hat einen Steckbrief auf seinen Namen ausgestellt und eine Belohnung ausgeschrieben. Denn, wenn es um Schwarze geht, haben Weiße ein gutes Gedächtnis für unwichtige Sachen. Auf der Suche nach seinem Schicksal nimmt er einen neuen Namen an: Nat Love, abgeleitet aus dem Namen seines Wohltäters.

Nat Love reitet schließlich nach Westen, wo es eine Armee der Schwarzen geben soll. Er landet im Fort McKavett, und schließt sich den Buffalo Soldiers an. Buffalo Soldiers, so werden die schwarzen Soldaten der US Kavallerie von den Indianern genannt, weil die krausen Haare der Soldaten sie an Büffelfell erinnern. Dies tut er zusammen mit einem anderen Schwarzen namens Cullen, den er unterwegs trifft und der sein Weggefährte und Freund wird. Das Credo von Cullen ist, dass er jemanden braucht, einen, „der mir sagt, was ich machen soll“ und so hat er beschlossen, dass die Armee das Richtige für ihn ist. Nachdem die beiden nach der Ausbildung im Fort als einzige einen haarsträubenden Apachenhinterhalt überleben, beschließen sie, das Soldatenleben hinter sich zu lassen. Auf ihrem weiteren Ritt treffen sie auf vier Chinesinnen, mit denen sie weiterziehen und es sich gut gehen lassen. Oder wie es ihm Buch heißt: „vier Chinesinnen geliebt, alle in derselben Nacht und demselben Wagen.“ Bis sie in Deadwood landen.

Todesanzeige von Wild Bill Hickock
Todesanzeige von Wild Bill Hickock

In Deadwood trifft er auf Wild Bill Hickock, rettet ihm das Leben und verliebt sich in Win Finn, deren erster Kuss ihn von der Erde in den Himmel hob. Ihn in das Paradies entführt. „Paradise Sky“, so lautet auch der Originaltitel. Er ist dabei, als Hickock beim Pokerspielen ermordet wird und schließlich kommt er dort auch zu seinem Nicknamen, nachdem er im Roman ein Wettschießen, in der „wirklichen“ Welt ein Mustangreiten, Lassowerfen und einen Schießwettbewerb gewonnen hatte. Dies fand am 04.07.1876 statt, nur wenige Tage später, nachdem General Custer die Schlacht am Little Bighorn verheerend verloren hatte.

Deadwood
Deadwood

Doch die Bürgerwehr, die weiße Meute, bestehend aus Kopfgeldjägern und feigen, hinterhältigen Schurken, sind ihm weiter auf den Fersen und nicht mehr fern. Angeführt von dem hasserfüllten Ruggert überfallen sie Nat Love und Win Finn, verüben rigoros schreckliche Rache an denen, die Nat liebt, treiben den Cowboy wieder in die Prärie, wo er nicht nur Ruggert gegenübertreten muss, in dessen hasserfüllten Kopf „der Süden wieder aufersteht“, sondern er muss sich auch den Fragen an seinen tiefen Glauben, an die Natur von Gott, den Wert des Lebens und die Grenzen der Rache stellen. Aus dem Gejagten wird ein Jäger. Dabei trifft er auf den schwarzen Prediger Luther Pine, der mit seiner Tochter Ruthie und seinem Sohn unterwegs ist und Nat Love zu ihrem Schutz anheuert, da es durch das Indianergebiet geht. Nat verliebt sich in Ruthie, fühlt sich aber noch an Fin gebunden. Er plant seine eigene Rache an dem Mann, der ihm sein Glück gestohlen hatte. Nat wird zu einem der Deputy Marshals von Judge Parker, einem Richter in Fort Smith, Arkansas, der für seine Härte legendär war und der sich den Namen „Hanging Judge“ verdiente. „Gibt’s denn schwarze Marshals?“ „Bei Judge Parker  schon. Der da ist der härteste und beste Marshal überhaupt, egal ob schwarz oder weiß, rot oder braun. Er heißt Bess Reeves.“

Nat Love aka Deadwood Dick
Nat Love aka Deadwood Dick

Zwei Vaterfiguren spielen eine Rolle in Nats Leben: Tate Loving und Luther Pine. Beides Prediger. Tate, ist Christ aber ohne diesen ganzen Christenquatsch. Seine Sicht von Gott ist, „dass Gott kein Liebender ist. Er ist wie ein großer Uhrmacher, und wir sind das Innere seiner Uhr, und die Erde hier, auf der wir stehen, ist das rutschige Ziffernblatt. Gott hat die Uhr fertig gebaut und aufgezogen, und als sie getickt hat, hat er sich zurückgelehnt und gesagt: „Na dann, viel Glück ihr armen Schweine, ich bin nämlich fertig hier.“ Luther dagegen nimmt die Bibel nicht so wie sie ist. Seine Position ist, dass er (Gott) uns im Leben hilft. „Vielleicht nicht so, wie wir’s wollen und wann wir’s wollen. Ich weiß, manchem fällt es schwer, das zu akzeptieren, aber ich glaube, dass es einen übergeordneten Plan gibt. Ich denke, er hat ihn festgelegt, aber nicht in Stein gemeißelt. Wir können den Plan verändern, es besser machen oder schlechter.“ Zwischen diesen beiden Polen muss Nat seinen Weg finden.

Die Abenteuer von Nat erinnern einen an die von Huckleberry Finn, nur ist er im wahren Westen, seine Wege kreuzen sich mit wirklichen Personen wie Calamity Jane und Wild Bill Hickock, Bess Reeves, Judge Parker und erfundenen Personen wie Burned Man, Big Boy, Bronco Bob und Prickley Pear, nicht zu vergessen ein Pferd namens Satan. Jeder hat seine eigene Geschichte, die sie Nat erzählen, der geduldig zuhört. Eine dieser Geschichten erzählt Luther Pine, der als Jugendlicher aus Missouri flüchten musste, nachdem er einen weißen Kopfgeldjäger erschossen hatte. Dieser hatte von Luthers Vater verlangt seinen Sohn auszupeitschen, weil dieser eine Pistole gestohlen hatte. Sein Vater wurde dabei verletzt und Luther brachte ihn zu einer alten schwarzen Frau, die als Heilerin bekannt war. Von einem Hügel aus konnte er zu seinem Entsetzen beobachten, wie die Frau, nachdem sie die Hütte verlassen hatte, wieder zurückkam. „Dicht hinter ihr kamen Männer mit Laternen, einige auf Pferden, andere zu Fuß. Sie gingen zur Hütte, und da wusste ich, dass sie uns verraten hatte. Sie zerrten ihn raus. Er wurde buchstäblich herausgeschleift. Sie legten ihm einen Strick um den Hals, suchten einen Ast und zogen ihn rauf. Sie haben ihm nicht das Genick gebrochen, wie beim richtigen Erhängen, sie haben ihn stranguliert. Wahrscheinlich hat sie einen Schinken und eine extra Kelle voll Mehl von ihrem früheren Herrn bekommen.“

Deputy US-Marshals 1893
Deputy US-Marshals 1893

In einem Beitrag für seinen Verlag Muholland, schreibt Joe R. Lansdale unter anderem darüber, wie er zu der Idee kam, „Paradise Sky“ zu schreiben. Er wollte über die wahren Erfahrungen der Schwarzen im Westen schreiben und zur gleichen Zeit, die Geschichte größer machen als das Leben. Lansdale hatte auch die Autobiographie über das Leben im Westen eines schwarzen Cowboys namens Nat Love gelesen. Die Erfahrungen Nat Loves waren ohne Zweifel von den „Dime“ Romanen jener Zeit beeinflusst, so dass die Geschichte mit Vorbehalt gelesen werden musste. Aber seine Geschichte ist heroisch und es ist deutlich, dass er sein Geschäft kennt, wenn er beschreibt, wie er ein Cowboy geworden ist. Nat kannte die Welt seiner Zeit und er war in der Lage, sie so in Worte zu kleiden, dass man sich in diese Welt zurückversetzt fühlte. Es war die Art von Buch, das Lansdale schreiben wollte. Und noch besser – es war ein Buch von einem tatsächlichen schwarzen Cowboy. Nat Love tat die gleichen Sachen, die viele Weiße getan haben. Er nahm Körnchen vom Wahren und formte es in eine Art „Bastardprodukt“, das beides beinhaltet, die Wirklichkeit und gottverdammte Lügen.

Bass Reeves Deputy US-Marshal
Bass Reeves US-Marshal

Lansdale hatte Fakten über den Wilden Westen aus jener Zeit in der Hand, aber liebte die Art und Weise, wie Nat eine Geschichte erzählte. Lansdale wollte, dass sein Roman beinahe mythisch wird. Lansdale war elf Jahre alt, als er zum ersten Mal die „Ilias“ und „Odyssee“ von Homer las und danach alle griechischen Sagen verschlungen hatte. Dieses Durchstreifen der epischen Abenteuer von Göttern und Helden, traf ihn mitten ins Herz. Er dachte Jahre lang daran, ein Ausdrucksmittel für einen Roman über die Erfahrungen der Schwarzen im Westen zu finden, der mystisch oder legendär sein sollte. Als Lansdale in seinen späten Zwanzigern war, nahm die Idee, dies mit einem realistischen Hintergrund zu verbinden, Formen an und es war der Weg, den er beschloss zu gehen. Mehr Wirklichkeit als Mythos und anstelle der griechischen Form der Sagen wählte er die Sprache der Pioniere, so wie sie von Nat Love und den „Dime“ Groschenromanen benutzt wurde.

Überall in „Paradise Sky“ gibt Joe R. Lansdale, der Meister des Geschichtenerzählens, Lektionen darüber, wie mit schlichtem, gutem alten Schreiben Standpunkte, Ton, Handlung, Ironie und Personenentwicklung zu bändigen sind. Lansdale spielt mit den alten Wild West Klischees angefangen von unmöglichen Gewehrschüssen, wilden Indianern, ohne dabei aber die Kritik an der Besiedelung des Westens außer acht zu lassen. Und natürlich mit schönen und klugen Frauen, die ihren Mann stehen.

Das Schlusswort gehört nun Nat Love: „Und das hier ist, was passiert ist, bis dahin, wo ich’s erzählt hab. Wie ich Deadwood Dick geworden bin, und das allermeiste davon ist so wahr, wie’s gerade ging, wenn man bedenkt, dass keiner langweilige Stellen mag.“

 

Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des DEADWOOD DICK                               (Originaltitel: Paradise Sky)                                                                   Tropen Verlag 2016; Übersetzer: Conny Lösch

Cover
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