Bragi Olafsson – Die Haustiere

„Preis der Vernunft“

„Die Haustiere“
Roman von Bragi Olafsson

„Ohne zu missachten, was gut ist, bin ich rasch zur Stelle, mich dem Grauen auszusetzen, und könnte sogar gesellig damit tun – ließen sie mich nur -, denn es ist nur gut, auf vertrautem Fuße mit allen Bewohnern der Welt zu stehen, in der man wohnt.“ (aus Moby-Dick, Kapitel l)

“ … verschwand (er) durch die Tür – auf die gleiche Weise wie andere fremde Menschen, die man wieder aus den Augen verliert; Menschen, die man für den Rest seines Lebens nicht wieder zu treffen glaubt.“

Aber der Ich-Erzähler dieses Romans, Emil S. Halldórsson, trifft diesen Mann wieder, und es stellt sich im weiteren Verlauf der Geschichte heraus, dass er ihn schon lange kennt. Emil war in London auf Einkaufstour, nachdem er im Lotto gewonnen hatte. Kaum zu Hause, klingelt es an der Tür. Und er, Hávardur Knutsson, steht vor der Tür. Emil gibt sich nicht zu erkennen und versteckt sich unter dem Bett, damit Hávardur ihn nicht entdeckt. Und als dieser durch das offene Küchenfenster in die Wohnung einsteigt, beginnt eine verrückte Geschichte aus Island.

In Rückblenden wird aus der Sicht von Emil erzählt, wie Emil und Hávardur sich kennengelernt und was sie erlebt haben. Sie verbrachten einige Wochen zusammen in London, um auf die Wohnung und die Haustiere eines Bekannten aufzupassen. Dabei ging einiges schief, das Geld wurde schnell knapp, die Haustiere kamen auf mehr oder weniger makabere Art und Weise ums Leben und die Bekanntschaft ging in die Brüche. Emil gab schließlich Hávardur Geld, damit dieser verschwand.

Hávardur nahm bei seiner Abreise eine Erstausgabe des Romans „Moby-Dick“ und ein Modell des Walfängers „Essex“ mit. Schließlich erfährt man noch, dass Hávardur einige Zeit in Schweden in einer Nervenklinik verbracht hatte. Nicht nur die Erstausgabe von „Moby-Dick“ sondern auch, dass die Haustiere Namen aus diesem Roman tragen (Ahab heißt der Leguan, Moby und Dick das Kaninchen und das Meerschweinchen), führen uns zu Melville und dem Roman „Moby-Dick“. Auch der Erzähler macht ein Wortspiel mit dem Namen Ismael und Emil. Ismael – in der Bibel der Prototyp des von der Gemeinschaft mit Gott Ausgestoßenem, bei Melville ein frei handelndes  Individuum ohne Vorgeschichte oder sichtbare Verbindung zu anderen Menschen.

Unterm Bett

Und so liegt der Erzähler unter dem Bett und muss mit ansehen und anhören, wie Hávardur von seiner Wohnung, seinen Sachen, seinem Alkohol und CDs Besitz ergreift; seine Freunde und Bekannte hereinlässt und sie bewirtet und seine Telefongespräche entgegennimmt. Eigentlich sein, Emils, Leben lebt. Er rührt sich nicht. Wiederholt hat er das Gefühl, dass er in Wirklichkeit nicht hier wohnt, dass dies nicht sein Zuhause ist.

Dass ihn der Sonderling dort oben zum Besten hält.

„Gewiss ist es manchmal so, als würde irgendein Sonderling den Menschen und Dingen hier auf der Erde nach Lust und Laune Plätze zuweisen; als mache sich dort oben jemand ein Vergnügen daraus, uns aufzustellen, wie es ihm gerade in den Sinn kommt, entgegen jedem gesunden Menschenverstands. Mir ist das Gefühl nicht fremd, dass mich manchmal, in der einen oder anderen Situation, jemand im Nacken packt und zurechtrückt, oft, um mich vor Schwierigkeiten zu bewahren oder – was mir häufiger der Fall zu sein scheint – mich unmittelbar in die Klemme zu bringen.“

Auch dies ein Thema in ,,Moby-Dick“. Gedanken über Vorbestimmung und freien Willen. Was passiert, wenn ich jetzt dies tue und das sein lasse. Was verändert sich dadurch, wie verläuft „meine Geschichte“, wohin führt mich mein Weg, wenn ich zwischen diesem oder jenem Weg wähle; tue ich dies bewusst oder unbewusst. Was machen die Zufälle des Lebens aus. Was oder wer bestimmt uns? Wie steht es mit dem freien Willen? So wie Ahab „das unfassbare Phantom des Lebens“ sucht, sucht Emil nach seiner Identität, nach dem was sein Leben bestimmt. Und so wie Kapitän Ahab im weißen Wal die Personifizierung aller verborgenen Dämonen des Lebens und Denkens sah, so sieht Emil dies in Hávardur. Ismael wird als einziger gerettet. Und es heißt bei Melvilles „Moby-Dick“ am Anfang und wird so auch in diesem Roman zitiert: „Nennt mich Ismael“. Dies meint, es könnten auch Sie oder jemand anderes beauftragt sein, zu überleben und, nach dem Auszug des Menschen und allen Fährnissen des Lebens, aufzuerstehen.

Geschichten jedoch haben normalerweise ein vernünftiges Ende. Ein erkennbares Ende. Aber nicht diese seltsame, verrückt/komische Geschichte von einer fernen Insel – diese Geschichte endet mit einem großen Fragezeichen.

Bragi Olafsson
 "Die Haustiere" dtv premium
Aus dem isländischen von Tina Flecken; EA 2005

Ruth Rendell „Der Sonderling“

 Der Schlaf, aus dem es
kein Erwachen gibt

„Der Sonderling“

Ein Roman
von Ruth Rendell

„Seltsam vermischt in ihm war vieles, was Man sucht und flieht, was Liebe weckt und Haß … Er stand ein Fremdling in der Menschenwelt, Ein sünd’ger Geist, gestürzt vom Sternenzelt. (Lord Byron ,,Lara“)

„Sie sah zu ihm hoch, und er sah zu ihr herunter. Er hielt ihre Linke in seiner Rechten, ihre Augen trafen sich zu einem langen Blick, und so malte Sirnon Alpbeton sie und hielt sie im Vorgarten von Orcadia Cottage fest, wenn nicht für die Ewigkeit, so doch für lange, lange Zeit“.

Was anfängt wie ein Roman aus dem 18 JH, mit einer idyllischen Szene, in der ein Maler das Porträt eines Liebespaars auf eine Leinwand bannt, vor der Kulisse eines mit wilden Wein umrankten Cottages, ist der Roman der englischen Kriminalautorin Ruth Rendell. In diesem Roman erzählt sie uns die Geschichte von Teddy Brex und Francine Hill, deren Leben unweigerlich aufeinander zutreiben. Teddy wird seit seiner Geburt von den Eltern ignoriert. Niemand in der Familie schenkt ihm je besondere Beachtung. Bei einem Nachbarn findet er seine Berufung: Die Schönheit der Dinge. Dort lernt er das Tischlern. Da er keine Liebe und Zuneigung erhält, hält sich sein Verlangen nach Liebe und Zärtlichkeit in Grenzen, obwohl er ein hübscher Junge ist. „Die Menschen waren doch, wie er schon lange geargwöhnt hatte, allesamt schädlich und verdorben und den Dingen meilenweit unterlegen. Gegenstände enttäuschen einen nie“. „Er war der einzige Mensch, an dem ihm ebenso viel lag, wie an Dingen.“

Francine war in jungen Jahren Zeuge, wie ihre Mutter ermordet wurde. Daraufhin verlor sie für einige Monate ihre Sprache. Ihr Vater, voller Schuldgefühle, heiratet die Kinderpsychologin Julia, die ihr Leben daraufhin Francine widmet. Ihrem Schutz und ihrer Fürsorge ordnet sie sich unter. Sie unterstellt Francine ihrer Kontrolle und Francine hat damit ihr eigenständiges Leben verloren. Francine wird für Julia zur Obsession. „Durch ihre Opferhaltung und Selbstverleugnung hatte sie ihre Stieftochter gekauft, hatte einen Preis für sie bezahlt, und nun gehörte sie ihr“.

Bis zu dem Tag, an dem Teddy und Francine sich begegnen und Teddy, ob der Schönheit von Francine, ihr verfällt. Nicht die Person Francine interessiert ihn, sondern ihre Schönheit. Francine ist ein „Ding“, das man nach seinen Wünschen verkleiden und ausstaffieren kann. Teddy ist auch nicht zur körperlichen Liebe fähig. Er versagt bei ihr. Francine rebelliert gegen ihre Stiefmutter und ihren Vater und nimmt Teddy zum Anlass, sich Freiheiten zu schaffen. Julia, die Stiefmutter, verfällt immer mehr in ihre Obsession, je mehr Francine sich befreit. Dies alles führt dann zur Tragödie. Bis es aber soweit ist, hat Teddy schon zwei Morde begangen. Morde, ohne die Opfer berühren zu müssen, ausgeführt wie mit einer Fernbedienung. Aber man weiß genau, warum er es tat, und zwar so vollkommen, dass man das Gefühl hat, man hätte genau das gleiche getan.

Das ist die Stärke der Ruth Rendell. Ihre psychologischen Romane erschaffen die Personen und ihre Handlungen so genau und nachvollziehbar, so dass einem das Ende als Unausweichlich und Logisch erscheint.

Der Schluß des Romans ist einer dreifachen Edgar Allen Poe Preisträgerin würdig. Selbst Poe hätte keinen schaurigeren und entsetzlicheren Schluß finden können. Er erinnert an „Die Schwarze Katze“, eine Kurzgeschichte von Poe. Wobei auffallt, daß der Roman stark an die englischen Romantiker erinnert. An die Schauerromane, „die Gothic Novel“, von Radcliffe, Walpole oder Lewis. Nicht nur, dass zwei alte englische Cottages, mit ihrem romantischen Ambiente den Hintergrund für zwei Morde abgeben, sondern auch die schaurig-romantische Atmosphäre, die den Roman durchzieht. Teddy kann als romantischer Held gelten. Frank T. Zumbach beschreibt in seiner Biographie über Edgar Allan Poe diesen „Helden“: „der romantische Held empfindet sich als gefallener, aus dem Paradies vertriebener Engel, durch eine unwägbare Schuld dazu verdammt, unter ärmlichsten Verhältnissen inmitten von Materialisten, Fortschrittsgläubigen, Technokraten, Dummköpfen und Krämerseelen zu leben; er sehnt sich zurück in einen Zustand, aus dem er sich verstoßen glaubt, denn er spürt den Anachronismus seines Durstes und seiner Empfänglichkeit für Schönheit in einer Gesellschaft, die am Profit orientiert, dem alltäglichen verhaftet ist und Kultur lediglich konsumiert.“

Thatched Cottage Thorton Le Dale North East Yorkshire Uk July
Thatched Cottage Thorton Le Dale North East Yorkshire Uk July

Der Schrecken des Romans, eine „Gothic Novel“ des 20. JH., kommt nicht von außen, er enthüllt sich durch das unausweichliche schreckliche Ende, durch die „Verinnerlichung des Schreckens“. Hier wird der Mensch, zum Opfer seiner eigenen Versuchungen. Und Ruth Rendell hat wieder ein psychologisches Meisterstück abgeliefert.

Cover Der Sonderling

"Der Sonderling" von Ruth Rendell
Original: A Sight for Sore Eyes
Blanvalet 1999
Aus dem Englischen von Cornelia C. Walter