Stewart O’Nan – Halloween

Im dunklen Herzen des Landes

Halloween
von Stewart O’Nan

 
An Halloween verpasst ein Toyota Camry mit fünf feiernden Teenagern durch zu schnelles Fahren eine Kurve und kollidiert frontal mit einem Baum. Was danach geschieht, mit denen die überleben, und denen, die nicht überleben, sorgt für einen wilden und bösen Ritt in Stewart O’Nans „Halloween“  („The Night Country“). Eine kleine, geisterhafte Geschichte, in der Tradition von Ray Bradbury, die Eltern eine Vor-Halloween Nervosität garantiert.
 
Es ist die Cabbage Night, die Nacht vor Halloween in Avon, eine wohlhabende Vorstadt von Connecticut. Mit gepflegtem Rasen vor den Häusern, menschenleeren, mit Licht überfluteten Straßen und Läden, gefüllt mit den allgegenwärtigen nationalen Marken. Avon ist langweilig, langweilig, langweilig. Nichts übles stört hier, niemals.
 
In der Kurzgeschichte „Willkommen in Lakewood“ schreibt O’Nan: „Wenn Sie das nächste Mal an Lakewood denken, werden Sie es nicht einordnen können,    (… ) – nur irgendeine entlegene Kleinstadt war das, durch die Sie gefahren sind, ohne auszusteigen. Folgenlos, abgesehen von dem unruhigen Gefühl, dass man nicht hierher gehörte, dass dies eine grundsätzlich andere Welt war als die, in der Sie leben. Fremd. Verlebt. Blöd. Es wird nach ein, zwei Tagen – vielleicht sogar noch heute Nacht, wenn Sie zwischen den ein wenig starren Bettlaken wegdämmern – den Anschein haben, als wäre diese Stadt dort hinten, dort drunten nichts als ein schlechter Traum.“
 
 
Tim und Kyle, zwei Kumpel, sind auf der Heimfahrt von ihrer Schicht als Aushilfen beim Stop’n Shop, verfolgt vom freundlich besorgten Officer Brooks. Jeder von ihnen war schon vor einem Jahr mit dabei, als der Toyota Camry fünf Jugendliche gegen einen Baum warf. Drei Kinder starben in dieser Nacht. Toe, der Fahrer, Danielle, Tims Freundin, und Marco, unser Erzähler. Es gab zwei Überlebende: Kyle, dessen massive Verletzungen ihn debil werden ließen, und Tim, dessen „Überlebensschuldgefühle“ sich in Selbstmordgedanken verhärtet haben. Brooks, der Offizier, der die schreckliche Szene als erster  erreichte, und der den Wagen mit Sirenengeheul verfolgt hatte, hat sich in sein Schneckenhaus zurückgezogen, um seine inneren Dämonen zu bekämpfen. Seine einzige Mission ist nun, Tim und Kyle, davon abzuhalten, diese schreckliche Szene an diesem Halloween zu wiederholen.
stop-n-shop
 

Was die Geschichte „Halloween“ so erschreckend macht, ist die jagende Präsenz der spöttischen Untoten. Das Geistertrio weht in und aus den Leben von Tim, Kyle und Brooks, schwächer werdende, verschwommene Anspielungen ihrer Selbst in einer „Andernwelt“. Obgleich O’Nan Marco, „den Stillen“, als Erzähler erwählt hat, fügen Toe und Danielle eine Fülle von Kommentaren hinzu. Beiläufig, tadelnd, böse, kommentieren die drei Untoten das Geschehen, wie der Chor einer griechischen Tragödie. Jeder der Figuren erzählt seine eigene Geschichte, erlaubt somit O’Nan ruhig die Perspektiven zu wechseln, um so ein lebhaftes Panorama aus Gefühlen und Verständnis bereitzustellen.

The Night Country
The Night Country

O’Nan, Autor von bisher zwanzig, von der Kritik freudig begrüßten Büchern, sagt in einem Interview, dass er in einer Zeitung die Nachricht über einen aktuellen Todesfall gelesen hat, in den mehrere Jugendliche verwickelt waren. Dies geschah in einer Nachbargemeinde. Er konnte dies nicht abschütteln. Ein Jahr später, an demselben Tag, stiegen zwei Überlebende in einen Jeep, einen Koffer voller Bud in Dosen und einem Handy und fuhren um die Stadt, besuchten all die alten Orte, die sie gewöhnlich mit ihren Freunden besucht hatten, telefonierten mit all ihren anderen Freunden, sagten: „Wir werden uns umbringen, wir wollen nicht mehr weiter leben wegen diesem Unfall vom letzten Jahr. Wir wollen uns von euch verabschieden.“ Und sie fuhren in denselben Baum, der ihre Freunde erschlagen hat. Danach legten ihre Freunde, die ganze Stadt, all diese Blumenkränze und Teddybären um diesen einen Baum. Dann kam die Stadt und fällte den Baum, weil sie nicht wollten, dass jemand dies wiederholt. Sehr verrückt.“

Ein Horror Fan seit seinen ersten Tagen, als er in Pittsburgh aufwuchs (auch Heimatstadt von George A. Romero, der berühmte Regisseur von „Night of the Living Dead“, bemerkt O’Nan stolz), hat O’Nan lange davon geträumt, eine Hommage an Ray Bradbury zu schreiben, dem auch „Halloween“ gewidmet ist.

„Er war einer meiner ersten großen Vorbilder. Es ist etwas magisches mit seinen Kurzgeschichten. Eines meiner Lieblingsbücher aller Zeiten ist „Something Wicked This Way Comes“ (dt. Das Böse kommt auf leisen Sohlen). Ich liebe dieses Buch und schon seit Jahren sage ich, dass ich so etwas auch schreiben möchte“, sagt O’Nan.
 
Der Unfall der Jugendlichen und der Doppelselbstmord schien die perfekte Grundlage für einen Roman zu sein. In Bradburys „Something Wicked This Way Comes“ kommt das Unheimliche in die kleine Stadt, und es liegt an den Unschuldigen dort, zwei Jungen und ihrem Vater, der Bibliothekar ist, gegen dieses gefährliche Ding, einen Jahrmarkt, zu kämpfen. Bradburys Buch ist ein moderner Klassiker zu dem Thema Kindheit und Jugend im ländlichen Amerika. Vorläufer dieses Themas ist sicherlich Mark Twains „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“.
Something Wicked This Way Comes
Something Wicked This Way Comes
„Es gibt keine kleinen Städte mehr, dort wo ich lebe, es sind alles Vorstädte. Als ich damit begann, das Buch zu schreiben, dachte ich OK, bringe diesen Zauber in diesen Ort, der fraglos nicht zauberhaft ist.
 
Wie in „Halloween“ einem seiner beliebtesten Horrorstreifen, beschwört O’Nan eine schlimme Ahnung des sehr alltäglichen Lebens in Avon. Wie schrecklich es auch sein mag, in einem verdrehten Autowrack jung zu sterben, überleben mit Kyles Behinderungen, ist weitaus entsetzlicher. „Im Kino, Fernsehen und Popsongs, wird nur über die Oberfläche von Ereignissen berichtet und geschrieben anstatt den Konsequenzen daraus,“ sagt O’Nan. „Diese Dinge geschehen und das ist wahrscheinlich der Höhepunkt. Doch mit diesem Ereignis und seinen Folgen zu leben – wie bekommst du dann dein Leben in den Griff? Wir alle müssen das. Dein Leben ist nicht plötzlich zu Ende, es muss irgendwie weitergehen“.
 
O’Nan, wie Bradbury, ist ein entschieden formal ungebundener Autor, wenn auch einige Aspekte der Gothic Novel immer wieder in solch verschiedenartigen Werken wie „Wish you Were Here“ (dt. Abschied von Chautauqua (2002)), „A Prayer for the Dying“ (dt. Das Glück der anderen (1999)) und „A World Away“ (dt. Sommer der Züge ( 1998)) auftauchen.
 
In einem Essay über den „Sniper von Washington“ schreibt er: „Die besondere Befriedung, die ein „mystery“ vermitteln kann, liegt darin, die Antworten zu erraten, bevor der Erzähler sein Geheimnis preisgibt. Irgend etwas beinahe, aber dann doch nicht ganz zu wissen, ist eine erregende Erfahrung – und das gleiche gilt für Wendungen in einer Geschichte, die den Glauben an die von uns gefundene Lösung erschüttern. Etwas nicht zu wissen, das ist genauso wichtig wie etwas zu wissen“.
 
Auf die Frage, nach seinem persönlichem Schrecken, antwortet O’Nan: „Alles. Ich dachte eine sehr, sehr lange Zeit, dass ich bei einem Autounfall sterben würde. Angst vor einem Wirtschaftskollaps. Angst vor republikanischen Präsidenten. Angst ist eines der großen Themen, die ich in jedem von meinen Romanen verarbeite.“
 
Es ist bestimmt redlich zu sagen, das Zerstreutheit Bestandteil in seinem kreativen Schreibprozess ist. „Was passiert, ist, ich beginne mit einem Buch, habe die Charaktere, die Handlung und die Szenerie, den ganzen Stoff, und ein kleiner, zarter Charakter saust über einen Satz und beansprucht damit viel mehr Aufmerksamkeit. Was ich dann mache, ist, ich folge der Person, über die ich nichts weiß, dahin, wo ich hoffe, dass es dort interessanter ist. Und das ist das Buch, welches ich zu Ende schreibe, und das Buch, welches ich zu schreiben geplant habe, vollende ich nie“.
 
Obgleich ihm die Geschichte während des Schreibens nicht unter die Haut ging, kann O’Nan nun „Halloween“ zu der Liste von Dingen dazurechnen, die ihn um den Schlaf bringen. „Nun schickt es sich an, mir ein wenig Gänsehaut zu verursachen. Ich habe eine Tochter, die gerade ihren Führerschein bekommen hat und sie geht auf die gleiche High School. Es ist sehr unheimlich. Meine große Angst ist, dass diesen Herbst etwas schlimmes passiert, gerade wenn das Buch in unserer Stadt erscheint. Ich mache mir darüber Sorgen“.
 
 O’Nan hat nicht nur ein Meisterstück subtilen Horrors geschrieben. Er hat auch einen der engagiertesten, menschlichsten und tief empfundenen Roman geschrieben. Er liefert uns wieder einen intimen Blick auf die Menschen, die die Hoffnung hochhalten und er zeigt uns die Konsequenzen, wenn sie fehlgehen.
Halloween
 
Stewart O'Nan "Halloween"
Rowohlt Verlag 2004
Übersetzer: Thomas Gunkel

Joe R. Lansdale – Akt der Liebe

Die brutale Kunst eines scharf geschliffenen Wahnsinns

 

„Akt der Liebe“
Ein Roman von Joe R. Lansdale

 
„Genreschreiberei ist eine bedrohte Spezies. Auf unserem Spielfeld hat sich über alle Maßen Unkraut breitgemacht. Man nehme ein wenig überflüssige, tumbe Gewalt, werfe etwas aufgesetzten Sex dazu, klatsche ein paar Gedärme und Haare an die nächste Wand, träufle einen Hauch von Mystik darüber … und schon spaziert man auf der dunklen Seite. So schreibt Andrew Vachss, Anwalt und Schriftsteller, in dem Vorwort zum Roman „Akt der Liebe“.
 
Akt der Liebe von Joe R Lansdale Heyne
Akt der Liebe von Joe R Lansdale Heyne
Lansdales Buch, erschienen 1981, gilt als Vorläufer für die Romane, die sich mit dem Phänomen der Serienkiller beschäftigen. Ob es Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“ von Thomas Harris, Michael Plunkett in „Stiller Schrecken“ von James Ellroy, oder Temple Goult in den Romanen von Patricia Cornwell ist – sie alle hatten einen Vorgänger: den Houston Hacker aus „Act of Love“. Und diese wiederum hatten reale Vorbilder im Leben: Randy Steven Kraft, der „Score-card-killer“, von dem man vermutet dass er über sechzig Menschen ermordet hat; David Berkowitz, alias „Son of Sam“; der „Hillside Strangler“; ,,Zodiac“; John Gacy oder der Müllsack-Mörder – sie alle berühren einen verborgenen Nerv der amerikanischen Seele.
 
Sie entsetzen und faszinieren uns gleichzeitig. Bücher und Filme – gute und schlechte – nehmen sich des Themas an. Serienmörder sind angesagt. Das Spielfeld von „Akt der Liebe“ ist Houston, Texas. Besser gesagt, das Ghetto Fifth Ward, wo „Tod, Blut und Gewalt“ keine Unbekannten sind. „Es ist eine enge, schwarze Welt, vollgestopft mit Fleisch und Armut, eine Sickergrube der Verzweiflung“. Houston. „Die Stadt. Diese krabbelnde, tosende, hämmernde Stadt.“
 
„Die Stadt und ihre Gerüche. Erbrochenes, Babywindeln, stinkende Binden, verschimmelte Unterwäsche und alle Sorten von Essensresten“. Hier, in diesem Ghetto, in dem Morast aus Ignoranz, Schmerz und Zerstörung, wie Vachss schreibt, begeht der Houston Hacker seinen ersten Mord. „Akt der Liebe“ ist ein brutales, rohes Buch. Lansdale schreibt in seinem Nachwort: “ … (das Buch) setzt(en) sich mit der dunklen Seite der menschlichen Natur auseinander, und die dunkle Seite war hier dermaßen dunkel, als gäbe es keinen Sonnenaufgang mehr. Es gibt keinen Mond und keine Sterne, eigentlich bloß eine Abwesenheit des Lichts“.
 
Fifth Ward
Fifth Ward
Gewalt wird so beschrieben wie sie ist – kalt, erschreckend, verstörend. Nichts wird geschönt. Die Opfer haben keine Chance. Der Killer suhlt sich in seiner Macht. Blut spritzt, die Opfer werden zerhackt, verstümmelt, vergewaltigt. Nichts wird ausgelassen. Kannibalismus, Vampirismus und Nekrophilie – alle Perversionen des menschlichen Handelns werden beschrieben. Lansdale schreibt dazu: „Er (der Roman) war sehr graphisch. Genau wie die Verbrechen, über die ich gelesen hatte, graphisch waren. Ich hatte wahre Verbrechen und deren Schilderungen verwendet, um meinen Roman zu schreiben. Die Gewalt mag übertrieben erscheinen – besonders damals – aber sie war sehr nahe an der Realität. .. . Ich hatte nicht den Eindruck, ich würde Gewalt banalisieren, doch ich war mir ihrer natürlichen Anziehungskraft bewusst und fühlte, wie ich versuchte, der Gewalt ins Gesicht zu blicken, um zu sehen, wie sie wirklich war…. die Gewalt kommt erbarmungslos daher, sachkundig und experimentell, wenn nicht sogar ein wenig ausbeuterisch. Auf irgendeine Art sind Gewalt und Sex immer ausbeuterisch, egal mit welcher Intention. Aber es ist die Intention, die zählt, und ich bin überzeugt, dass meine Intentionen gute waren“.
 

Der Cop.

Sein Name war Marvin Hanson. Schwarz, hässlich, aufgewachsen im Ghetto. Gebildet, ehrlich, durch und durch Polizist. Spielt bei den Verhören den Bad Boy. Sein Partner, ein Weißer, den Good Boy. Nimmt seine Arbeit persönlich. „Bei diesem Geschäft gibt es kein zweierlei Maß. Da waren die Guten und da die Bösen.“ Er gehörte zu den Guten. Aber er ist müde. Die Gewalt, das Verbrechen, laugen ihn aus. „Jeder Tag nur ein neuerliches Wälzen im Dreck. Noch mehr Tod und Zerstörung, und wieder ein Job mehr für einen Cop. Der Fall frisst ihn auf. “ … weil es der Inbegriff von allem ist, was ich hasse“. Gewalt in der Ehe, Rassismus, Machos, Kindesmisshandlung, sexueller Sadismus. Der Schrecken wird alltäglich. Eine neue Form der Normalität. Eine Normalität, die Krankheit, Tod und Verzweiflung umspannt. Alle Abnormitäten entspringen dem Normalen. Er schwört sich, den Killer zu töten, um der Gesellschaft ein Krebsgeschwür zu entfernen.

Der Autor.

„Schließlich begann ich mit dem Schreiben. Die Arbeit am Buch ging einige Monate gut und schnell voran 1980, aber es nagte an mir. All dieses Forschen in der Dunkelheit, all die dunklen Träume, die ich hatte, die Tatsache, dass ich mit der dunklen Seite meines Naturells in Berührung kam, und das Bewusstsein, dass wir alle jene dunkle Seite besitzen, war ziemlich verwirrend. Ein merkwürdiges Gefühl von Depression überkam mich. .. Willkürliche Gewalt wurde zu meinem größten Trauma“. Und die Erkenntnis: Es könnte jedermann sein. Sie. Ich.

Der Täter.

Sein Gott hieß Tod, und den Tod zu bringen war seine Form des Gebets. Ich bin der neue Messias. Ich verkünde eine neue Botschaft. Nicht die von Liebe und Frieden. Vielmehr die von Tod und Zerstörung. Tod. Der bloße Gedanke daran versetzte die meisten in Angst und Schrecken. Ihm hingegen ersetzte es das Wort Liebe. Finsternis, das Dunkel, Gestank, Schmerz und Blut verschaffen ihm Befriedigung. Und langsam näherte sich sein Element, die Nacht. Sie kroch heran, schwarzer Samt voller Geräusche der Stadt und ihrer Gerüche. Er liebte ihn. Der Geruch war Nektar. Er ist ein Produkt unserer Gesellschaft. Er weiß genau, was er tut. Er kennt keine Reue. Ist nicht verrückt. Er ist ein moderner Mensch, ein Mensch, der in unserer technologischen, gefühllosen Umgebung überleben kann. Köstlich. Es war köstlich gewesen, und das Beste, der Geruch des Todes haftete noch an ihm.
 
Akt der Liebe pulpmaster
Akt der Liebe pulpmaster
Wie schreibt Vachss in seinem Vorwort: „Lesen sie Joe Lansdale, und sehen sie selbst. Fühlen Sie es“. Und möge es in Ihrem Leben keine dunklen Momente geben.
 
Joe R. Lansdale  ,,Akt der Liebe"
pulpmaster Berlin 1999
Neuauflage Heyne 2010
aus dem amerikanischen von Gabriete Bärtels
 Teilweiser Abdruck im Literaturblatt „LISTEN“ Nr. 54/1999

Ottessa Moshfegh – McGlue

„Mein Hirn kommt nicht mit“

McGlue

Ein Roman von Ottessa Moshfegh

In einem Interview mit dem „bomb Magazine“ erzählt Ottessa Moshfegh über die Entstehung des Romans „McGlue“. Sie berichtet, dass das Buch von einem kurzen Artikel in einer Zeitschrift aus dem Jahr 1851, also aus dem Jahr, in dem auch die Handlung des Buches angesiedelt ist, angeregt wurde. Inzwischen hat sie den Artikel zwar verloren, aber in dem Moment, in dem sie den Artikel gelesen hatte, trat der Charakter von McGlue in seiner vollständigen Form hervor. Ottessa Moshfegh erzählt, dass, so weit sie sich erinnert, es ein langer zusammengesetzter Satz war und  sich ungefähr so las:

„McGlue. Salem. Mr. McGlue the sailor has been acquitted on the count of murder which he was found guilty of committing in the port of Zanzibar by reason of his being out of his mind since having hit his head when he fell from a train several months prior and because he was blacked out state of drunkenness at the time he stabbed a man to death“.

Weiter gibt sie an: „In diesem Satz lag das ganze Buch: der Charakter, die Handlung, die entstellte Sprache. Ich fühlte mich, als wäre ich auf Gold gestoßen“. Soweit Ottessa Moshfegh zur Entstehung der Geschichte um den Seefahrer McGlue, der die Welt nur im Zustand vollkommener Trunkenheit aushalten kann. Ein Trinker, der Blut nach Geschmack zuordnet: „Es ist dunkles Blut und schmeckt nach Rum. Muss meins sein“. Ein Heimatloser und Lüstling, aber mit durchaus zweifelhaften Fähigkeiten, der wenig Respekt vor Autoritäten zeigt, was den Leser dazu bringt, für den Protagonisten durchaus Sympathie zu empfinden.

Ottessa Moshfegh
Ottessa Moshfegh

Eingesperrt auf einem Schiff im Loch, auf dem Weg nach Salem, Massachusetts, angeklagt, seinen guten Freund Johnson ermordet zu haben, reist McGlue um die halbe Welt. Die Schwierigkeit ist, dass McGlue sich an nichts erinnern kann, geschweige denn, wie sein bester Freund starb oder ob er überhaupt tot ist.

McGlue ist Alkoholiker und so ist sein Denken ganz darauf ausgerichtet, an Alkohol zu kommen. Die Qual nach dem Rausch oder dem Entzug in der Haft scheint er zu genießen, lenken sie ihn doch von anderen Empfindungen seines Körpers ab. Seine Gedanken wiederholen sich, bewegen sich ständig im Kreis. Eine Menge aufeinander folgender Gedanken, voller Erinnerungen an den letzten Drink, den letzten Rausch. Als er schließlich im Schiff und später in der Gefängniszelle in Salem eingekerkert ist, beschäftigten sich seine Gedanken nur mit dem Thema, wie er an Alkohol kommen könnte. Die Qual, dass ihm der Zugriff auf den Alkohol verweigert wird, zwingen ihn dazu, sich seiner Lage zu stellen, den Grund für seine Einkerkerung zu hinterfragen und zwar den Mord an seinem Freund Johnson. Das führt dazu, dass seine Gedanken aus dem Kreislauf „Alkohol“ ausbrechen und tief, bis in sein Innerstes, in sein seelisches Leben eintauschen. Der Schmerz aus den Erkenntnissen, die ihm nach und nach bewusst werden, bewegen ihn zuerst dazu, weiterhin trinken zu wollen. Aber das Begreifen baut sich schrittweise auf, kreist um ihn, bis die Erinnerung an den Mord schlussendlich auf ein klares, vom Alkohol befreites Bewusstsein trifft.

Verhör
Verhör

Was über den Tod von Johnson so nach und nach aus dem Gedächtnis von McGlue auftaucht, ist das wahre aber auch schwierige Gefühl von Freundschaft – eine zarte Schilderung von Aufopferung von Offenbarung, von McGlues eigenen Möglichkeiten, in der widerlichsten Ecke einer brutalen und verhärteten Welt zu überleben. Es gibt verschiedene Arten von Qualen, von Selbsthass, schmerzhaften Erinnerungen und vergrabenen Dingen, Definitionen von Lastern, Einsamkeit in seinem Schädel.

McGlue und Johnson. Die Freunde – McGlue, der dem Untergang geweiht ist und Johnson, der den Untergang sucht. Jonson, denkt McGlue. „..war nur ein Adept des Elends. Er hielt es für heroisch, Glück und Wohlstand auszuschlagen und das schlimmste Schicksal zu erdulden. Auf die Frage, was er mit seinem Leben anfangen wolle, wählte er den stinkendsten Pfad, er wollte sich und sein Leben ruinieren“. „Und immer war ich für ihn da, wachte auf, um ihm zuzuhören“. „Ich diente seiner Eitelkeit. Aber da war ich schon süchtig nach ihm“. „Es ist schöner als betrunken zu sein“. Geschildert wird eine Freundschaft, die von einer fragwürdigen Männlichkeit getragen wird. Wobei es verschiedene Arten von Freundschaft gibt.

„Mich mochte er, weil ich undurchschaubar war, was er nie fertigbrachte. Im nüchternen Zustand nannte er mich eiskalt, mit einem Gesicht, so tot wie bei einer Leiche. Wenn ich trank wurde ich ein wenig durchschaubarer und offenbarte mehr. Aber wir konnten uns nie auf demselben Niveau treffen – er trank nicht so viel wie ich“.

Eine Attraktion für alle ist das Loch, der Spalt in McGlues Schädel. Bei einem Sturz aus einem fahrenden Zug schlug er sich den Schädel auf. Und jetzt kann jeder in seinen Schädel schauen. „Sieht mir von oben auf den Kopf, vermutlich will er den Sprung in meiner Tasse sehen“. Aber auch für McGlue ist dieser Spalt ein Zugang zu seinen Gedanken. „Hätte ich Schnaps zu vergießen, würde ich ihn mir da oben in den Spalt schütten, damit die Schlangen Ruhe geben. Damit sie mit dem Zucken und Zischen aufhören. Wenn ich genug trinke, liegen sie eine Weile still, und ich kann einen Augenblick einfach nur leben, wie ich es hie und da bisweilen getan habe“.

„Das ist mein verfaultes Gehirn“. „Wollen sie mir das vergammelte Gewirr aus dem Kopf ziehen und den Haien zum Fraß vorwerfen?“
 
„Sie ist echt in meiner Hand, während ich auf meinen Kopf einhacke und darin herumgrabe, so gut ich kann. Der Spalt in meinem Schädel ist nicht breit genug, um die Scherbe richtig hineinzubekommen und ihn aufzuhebeln, aber ich versuche es trotzdem. Es tut schön weh. Blut tropft mir von der Nase auf die helle Wolldecke. Ich bin fest entschlossen, jetzt will ich sehen, was in mir ist, und so arbeite ich mich weiter vor. …dass ich an mein Inneres herankomme. Meine Hände sind heiß und nass vom Blut“.
 

Je mehr McGlue aus seinem Delirium tremens erwacht, sich seine Gedanken klären, umso mehr widmen sich diese auch den existenziellen Fragen. Den Fragen nach Gott, dem Leben. „Früher einmal wusste ich, es gibt einen Gott, der meine Gedanken hört, und früher einmal gab ich acht, worüber ich nachdachte, und früher einmal, schlug ich aus Scham über das, was mir durch den Kopf ging, selbigen gegen die Wand“. Dann, als es mit dem Alkohol begann, stopfte er sich mit diesem den Kopf voll. Denn er bekam es mit der Angst zu tun. Und diese Angst war Gott“.

Cover McGlue
Cover McGlue

„Ich wollte es nicht schaffen. Ich wollte es mit ins Bett nehmen, es würgen und töten und retten und gesund pflegen und wieder erwürgen, und ich wollte gehen und vergessen, wo ich hinging, und ich wollte meinen Namen ändern und mein Gesicht vergessen und trinken und meinen Kopf zugrunde richten, aber es schaffen – darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Das hatte ich noch nie im Sinn gehabt“.

Was ist dieses „es“? Die offensichtlichste Antwort ist Nüchternheit. Aber dieses „es“ geht tiefer. Dieses „es“ ist die Erinnerung von McGlue an seinen toten Bruder, der in Salem an der Straße begraben ist. Der Bruder, „der besser war als ich, der am Feuer kochte und mich wegstieß, wenn ich die Hand danach ausstreckte“. Das „es“ bedeutet, dass Gott existiert, doch Güte trotzdem töten kann. Vielleicht gab der Tot seines Bruders den Antrieb für McGlues Alkoholismus, oder seine ständige Verweigerung nüchtern zu werden oder Frieden mit „es“ oder „ihm“ zu machen.

Ottessa Moshfegh hat eine verstörende, dunkle Geschichte über Apathie, Gedächtnis, Freundschaft und Liebe, und einen Mord geschrieben.

„Ich kann nur vermuten, dass er sterben wollte“.

 

McGlue

Ottessa Moshfegh
McGlue
Übersetzer: Anke Caroline Burger
liebeskind 2016