„Auf der Jagd“ von Tom Bouman

Auf der Jagd

von Tom Bouman

Die ausgeplünderten Berge und die fruchtbaren Flusstäler des Nordostens von Pennsylvania hüten einige schreckliche Geheimnisse.
 
Der Polizist Henry Farrell  ist, nachdem er als Soldat aus Somalia zurückgekehrt ist und einen Posten als Polizist in Wyoming innehatte, um alles beraubt und seelisch beschädigt, in das Land seiner Geburt zurückgekehrt, nachdem seine Frau an einer Vielzahl von Gesundheitsproblemen gestorben ist. Wir befinden uns in der kleinen fiktiven Stadt Wild Thyme im Holebrook County. Sippen und Geschichten reichen zurück bis zum Bürgerkrieg und darüber hinaus. Die Bewohner sind diejenigen, die „die Gesetze umgehen, Einwände gegen die Regierung haben, Gewinne aus dem Land ziehen. Wilderer von Holz und Rotwild, Einbrecher, und solche, von denen gesagt wird, ihre Hände im Drogenhandel zu haben und die glauben, sie kämpfen eine ewige Whiskey-Rebellion. In der stillen Ecke von Henrys Pennsylvania kämpfen ärmliche Milchbauern und Kleinbetriebe ums Überleben. Über Jahre gab es nur wenig Arbeit und viel Armut. Aber dies änderte sich durch den Einfluss von Firmen, die Land für Gasbohrungen pachten. Farrell kennt die Nebenstraßen um die Berge und Grate und auch die Geschichten der Familien, die dort leben. Es ist eine harte Welt, die immer noch geteilt ist durch alte Familienfehden und deren Geheimnisse.
 
Ein bitterkalter Winter weicht einem trägen März, der den Körper eines jungen Mannes enthüllt. Der verstümmelte Körper wird auf dem Besitz von Aub Dunigan gefunden. Zur gleichen Zeit erscheint Danny Stiobhard in einer örtlichen Klinik, um sich Schrottkugeln aus seinem Körper herauspicken zu lassen, nachdem Aub „aus Versehen“ auf ihn schoss. Henry begreift, dass er den Sheriff und die Staatspolizei hinzuziehen muss. Farrell wird auf der Fahrt zum Grundstück von Aub, von dessen Cousin Kevin begleitet. Vieles im Roman beschreibt verwandtschaftliche Verhältnisse, egal wie zerrüttet die Familien sind durch Kummer und Verrat. Farrell verfolgt diese Tragödien bis auf die Bohrfelder, den verlassenen Häusern, auf Berge und in die Sümpfe, und in verzweifelte Gespräche in kleinen traurigen Küchen. Aub, der an Demenz leidet, hat wenig zu sagen, und Danny verschwindet, bevor die Polizei zu viele Fragen stellen kann. Das Leben von Henry wird nicht leichter, als Henrys Stellvertreter, George Ellis, erschossen wird und Henry ein altes, gut verstecktes Grab, ebenfalls auf Aubs Grundstück,  entdeckt. Henry kennt viele der Verdächtigten aus seinen Kindertagen, ging mit ihnen zur Schule und glaubt, dass, abgesehen von ihren gelegentlichen Diebstählen und Wildereien, keiner von ihnen imstande ist, einen Mord zu begehen. Aber das Bohren nach Gas hat zu einem Zustrom von nicht einheimischen Arbeitern geführt, verhärtet Nachbar gegen Nachbar und öffnet die Tür zu gefährlichen Drogenköchen und Heroindealern, die ihre Geschäfte in verlassenen Stätten aufbauen. Der Schlüssel, der zur Lösung von Henrys Fall führen könnte, liegt vielleicht in dem gut konservierten Körper, der in dem versteckten Grab gefunden wurde. Familienbande und die Fesseln, die sie Menschen auferlegen können, sind ein starkes Thema im Roman. Die berührende Geschichte des alten Aub Dunigan und seiner verlorenen Liebe nimmt zentralen Platz ein. Aber in den meisten der beschriebenen Familien gibt es ein destabilisierendes Element, dunkel und zerstörerisch.
 
 
Boumans Erstlingswerk, ein aufregendes und vor allem aufwühlendes Buch, zeigt ländlichen „Noir“ vom Feinsten: ein poetisch geschriebener Kriminalroman über einen Mann, der mit seinen inneren Dämonen kämpft und einer Landschaft mit einer großen natürlichen Schönheit – vor dem Gas Boom.
 
„Die Natur der Landschaft, über die ich schreibe, ist die, dass sie wunderschön und wild ist und gleichzeitig verwüstet, oft voller Müll. Es gibt einen Bereich von sozioökonomischen Bedingungen – Armut und so fort an einem Ende, und ein wenig Wohlstand und Komfort am anderen Ende. Und immer eine starke gesellschaftliche Engstirnigkeit über die ganze Bandbreite, sogar zwischen Menschen, die als Individuen unerbittlich unabhängig sind. Wenn ich über Verbrechen auf dem Land schreibe, schreibe ich zum größten Teil nicht über Menschen, die sich vom Rest der Gesellschaft losgesagt und getrennt haben. Ich schreibe, über jemandes Cousin oder so etwas.“
 
Der Roman spielt in der bergigen Region im Nordosten von Pennsylvania über der Marcellus-Formation, ein ausgedehnter geologischer Schatz, ausgebeutet und aufgebrochen wegen seiner natürlichen Gasvorkommen. Natur findet man hinter jeder Ecke. So wie auch Eingriffe der Zivilisation – und die Ausbeutung des Landes – und die Verzweiflung der Armut. Es gibt Hoffnung (Fracking Geld und Verpachtungen an die Energieunternehmen) und Sehnsüchte (Meth).
 
„In jenen Frühzeiten des Booms äußerte man sich nur sehr zurückhaltend über „Gasgeld“. Die Menschen sagten nie geradeheraus, wie teuer sie sich ihre Unterschrift hatten bezahlen lassen, aber ihre Cottages und neuen Trucks sprachen für sich…Nachbarn blieben sich zwar nachbarlich verbunden, hielten aber ein wachsames Auge auf ihre Grundstücksgrenze.“
 
Fracking
Die Wälder sind dunkel und düster, die Sümpfe trübe. Nachbarn, die in Fehde miteinander liegen, wegen der Frage, ob sie die Bohrrechte an Firmen verpachten sollen, um dann beschuldigt zu werden, die Umwelt zu vergiften. Ein Land voller alter Sünden, die einen langen Schatten werfen. Da ist es kein Wunder, dass ein alter verrückter Einsiedler wie Aubrey Dunigan sehr gereizt auf jeden reagiert, der auf seiner heruntergekommenen Farm herumschleicht. Aber diese Berge sind auch überrannt von Meth-Köchen, Drogenhändlern und mexikanischen Drogenkartellen. So macht die Tatsache, dass ein Fremder auf seinem Grundstück gefunden wurde, aus dem armen alten Aubrey noch keinen Mörder.

Der Polizist Henry Farrell ist einer dieser stoischen Helden, die sehen, was vor ihren Augen geschieht, aber sich deshalb die Herzen nicht zerbrechen lassen. Er spielt Geige, an  Dienstagabenden mit seinen Freunden, die noch die alten Blue Grass Noten spielen können. Er jagt Rotwild und hält seine Waffe sauber, obwohl er sich schlecht fühlt, bei dem Gedanken an die Wälder, die voller Müll sind, übersät mit den Trümmern von gedankenlos gelebten Leben. Farrell wird vom ersten Augenblick an für den Leser lebendig und zieht ihn in die Geschichte vom ersten flüchtigen Blick auf ihn, barfuss auf der Veranda, mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Als ein geduldiger und sorgfältiger Cop versucht sich Farrell an die alte Regel seines Geigenlehrers zu halten – „an die Kraft der Langsamkeit.“

 
Die Handlung deckt langsam die Vergangenheit von Farrell auf und entwickelt seinen Charakter. Er ist in vielerlei Hinsicht einnehmend, durch seine nachdenkliche, bedächtige, ab und zu grüblerische und vorsichtige Art und Weise. Er ist einer dieser wohlbekannten Gestalten aus der Kriminalliteratur, der Außenseiter ist, gleichzeitig aber auch die Innenansicht hat und ein einsamer Sucher der Wahrheit ist. Nicht, dass es Henry einfach hätte oder alles in Wild Thyme entspannt wäre. Kaum. Der Fall erfordert jedes bisschen Energie; aber er ist kein Jammerlappen. Er ist ein unermüdlicher Verfolger der Wahrheit und ist sich seiner Situation voll bewusst. Er weiß, dass zuhören genauso wichtig ist, wie das beobachten. Seine Methode, einen Fall zu klären, zeigt sich an seiner Erklärung des Begriffes „still hunter“.
 
„Ein Pirschgänger, der allein auf die Jagd geht. Er hat niemanden dabei, der ihm das Wild zutreibt. Er weiß, wo der Hirsch stehen wird. Er ist nicht „still“ im  Sinne von „reglos“, er schleicht durchaus ein wenig herum. Er begegnet dem Wild auf Augenhöhe.“
 
Die andere Geschichte, die Tom Bouman erzählt, ist entmutigender, als die Kriminalerzählung selbst. Eine Geschichte vom Schmerz über einen Verlust, dessen Ursache man nicht eindeutig zuordnen kann. Von dem man aber vermutet, was es ausgelöst haben könnte. Die Umweltvergiftung durch Fracking. Und die Hilflosigkeit gegenüber dem Landplünderer. Es ist eine Geschichte über eine hoffnungslose Generation von ländlichen Amerikanern, die nicht mehr ihr eignes Land bearbeiten – wenn sie überhaupt noch ein wenig Land übrig haben und noch irgendeine Arbeit. Die Sippe Stiobhards sind ein schauriger Haufen und ihre Engstirnigkeit und ihre bösartigen Ränke spuken durch das Buch. Farrell hat Freunde in Wild Thyme aber keine besonderen Feinde. Nur solche, wie die Stiobhards, die nicht zögern würden, ihn zu verletzen, sollte er ihnen in die Quere kommen. Die Sippe der Stiobhards kämpft wild um ihren Besitz, verbunden mit Gewalt, Kriminalität und Diebstahl. Es eine zähe und dunkle Seite von Amerika.
 
„dass die einzigen Dinge, derentwegen es sich zu prügeln lohnte, die Dinge waren, die man nicht haben konnte oder für die man nichts konnte.“
 

 
Diese in ihren Nischen und Sümpfen übersehenen Familien, sind beschädigt durch Ignoranz und Armut. Verdächtige Menschen leben mit ihren Wachhunden in Trailern und verlassenen Schulbussen und sie sind so erfüllt mit blindem Hass gegenüber jeder Art von Autorität, dass sie den Abgrund unter ihren Füssen nicht sehen können.
 
„Sie offenbarte einen Anflug von Trotz, der eine harte Kindheit vermuten ließ, als misstraue sie jeglicher Autorität, die nicht mit brutaler Gewalt daherkam, und eine jederzeit abrufbare Verachtung der Welt, weil diese so funktionierte.“
 
Was Tom Bouman bemerkenswert gut macht, ist, den Leser zu überzeugen, dass die Menschen im Buch schmerzlich „real“ sind. Die Entwicklungsgeschichte Farrells von einem von Gram heimgesuchten Wittwer zu einem Gesetzeshüter mit einer festen inneren Entschlossenheit, die sich durch das Buch hindurch zieht, ist glaubhaft geschildert. Dazu gibt es immer wieder eingestreute Passagen, in denen der Autor ein bewegendes Bild auf die sich verändernde Landschaft wirft. Durch das Szenario vorgegeben, gibt es eine starke Unterströmung von Isolation gegen die Idee von Gemeinschaft, von Zusammenarbeit und Verbundenheit durch Familie und gemeinsamen Ansichten.
 
„Die Welt, über die ich schreibe, ist nicht strikt eingeteilt in Kriminelle und aufrichtigen Bürgern, oder entlang politischer, kulturellen oder sozialökonomischen Grenzen geschrieben. Alles ist ineinander übergreifend.“
 
Bouman behandelt alle Figuren im Buch, ob nun Neben- oder Hauptdarsteller, mit der gleichen Genauigkeit und Mitgefühl, sogar wenn ihr Erscheinen auf den Seiten des Buches nur sehr kurzlebig ist. Dazu sagt Tom Bouman:
 
„Ich neige dazu, mehr von meinen Figuren zu wissen, als das, was später im Buch erscheint. Und dies deshalb, da sie Dinge tun müssen, und um zu wissen, welche Dinge sie dabei sind zu tun, muss ich wissen, welche ihre Motivation dazu ist. Und dies beinhaltet, in der Vergangenheit zu schürfen, in der Kindheit, der Familie, in Enttäuschungen, Glücksmomenten, Geheimnissen, Religionen, Sucht, Sehnsüchten, Obsessionen, Vorurteile, Bildung, Liebeserlebnisse und so weiter. Wenn Figuren nicht mit Liebe und Respekt behandelt werden hat es einen abstumpfenden Einfluss auf das gesamte Werk und ich arbeite hart, um dies zu vermeiden.“
 
Der Autor Tom Bouman
Menschen, die darüber entzweit sind, ob sie sich und ihre Heimat an die Gasgesellschaften verkaufen sollen oder nicht, ist ein Handlungsstrang. Die Landschaft verdirbt und gutes Farmland verwandelt sich zurück in Buschland und Sümpfe. Es ist ein alter Ort, einst besiedelt durch irische Söldner, die im Bürgerkrieg gekämpft haben, den ein Gefühl von Verfall und Zusammenbruch durchdrängt. Dies alles ist ein plastischer Hintergrund für die sich entwickelnde, übereinander  gelagerten Handlungen, die Vergangenheit mit Gegenwart verbinden und alte Wunden und Rivalitäten offen legen. Die schlussendliche Lösung des Falles bringt, auf eine sehr befriedigende Weise, diese Fäden wieder zusammen..
 
Der Originaltitel des Romans „Dry Bones in the Valley“ bezieht sich wahrscheinlich auf Ezechiel, einem der drei großen Schriftpropheten und auf einen Abschnitt des alten Testaments. Ezechiels Traum vom Tal der verdorrten Gebeine. Ezechiel macht darin deutlich, dass die Gegenwart Gottes den entscheidenden Unterschied zwischen den Lebendigen und den Toten ausmacht. Es gibt Hoffnung für die Toten. Das Ende aber auch der Neubeginn liegt in seiner Hand. Aus dem Grauen der Hoffnungslosigkeit wird zuletzt ein Schauder der Gottesfurcht.
 
 
 
Tom Bouman
Übersetzt von Röckelein, Gottfried
Auf der Jagd (Dry Bones in the Valley)
ars vivendi 2017
 

Lori Nix – Post-Humane Utopie

Heute möchte ich wieder einmal auf die amerikanische Künstlerin zurückkommen, der ich mein Hintergrundbild für meinen Blog verdanke. Lori Nix, deren Dioramen, uns zeigen, um wie viel besser doch die Welt sein wird, wenn die Menschen – diese fest etablierte Laune der Natur – verschwunden sind und die Menschen ihre Bauwerke den Kräften dieser Natur hinterlassen haben, die diese mit ihren Kräften zermalmt. Lori Nix benötigt mindestens sieben Monate um jedes ihrer kleinmaßstäblichen Konstruktionen zu bauen, die alltägliche Institutionen darstellen (Kunstmuseen, Waschsalons, U-Bahnen, Bars, Büchereien), bar jeden menschlichen Lebens und zurückerobert von neuer grüner Natur.
 
„Ich möchte keine Bühnen mit vielen Menschen bauen, die einen Massentod unterstellen“ erzählte sie der Zeitung Newsweek. „Es sollte sein, als sei man in New York und die Menschen verschwinden über Nacht. Menschen sind inmitten ihrer Tätigkeiten und – lösen sich in Luft auf. Ich weiß nicht, warum sie verschwunden sind. Es ist an dir, dies herauszufinden.“
 
 Ein Besuch Ihrer Webseite ist sehr zu empfehlen.
 
Oder auch der Bilderzyklus „The City“ http://www.lorinix.net/the-city/
 
Oder zum Nachlesen ein Aufsatz auf Englisch aus dem Culturetrip
 

Leonard Gardner – Fat City

 

Fat City

von Leonard Gardner

Leonhard Gardner war ein Student im Aufbaustudium für kreatives Schreiben im Staat San Francisco, als er mit dem vierjährigen Schreibprozess bis zur Endfassung von „Fat City“ begann. Er wuchs in Stockton, Kalifornien auf und kämpfte dort als Amateurboxer. Stockton, mit dem Sportstudio Lido, dem Hotel Coma, den Imbissbuden der Hauptstraße, wo die dunklen Kneipen den Männern und Frauen eine zeitweilige Ruhepause gönnen, deren rückenbrechende Arbeit auf den Feldern ihnen kaum erlaubt, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Die Stadt ist eine der zentralen Figuren im Roman. Fat City ist auch ein alter Spottname für diese historische Stadt in Kalifornien. Gardner war 36 Jahre alt, als der Roman schließlich 1969 erschien. Das Buch war auch in der Endausscheidung für den „National Book Award“ im Jahre 1970. Zusammen mit dem Roman „Schlachthaus 5“ von Kurt Vonnegut und dem letztendlichen Gewinner „Jene“ von Joyce Carol Oates. Gardner schrieb ab nun für Film und Fernsehen, einschließlich das Drehbuch für den 1972 uraufgeführten Film „Fat City“. John Huston führte Regie in diesem Film, mit einem bis dahin noch ziemlich unbekannten Stacy Keach, dem jungen Jeff Bridge und der brillanten Susan Tyrell.

Leonhard Gardners einziger Roman, ein dünnes, 223 seitiges, pralles Buch, dass seines Status als Klassiker der amerikanischen Literatur, durch seine makellose, beschwörende Prosa, eine mitfühlende, aber doch verbitterte Sicht auf das menschliche Befinden und die unbedingte Glaubwürdigkeit seiner Beschreibung des Sports der zerbrochenen Nasen verdient hat. Das Buch wird als Meisterwerk des „dreckigen Realismus“ gehandelt. Ein Roman, der Generationen von Lesern seit seinem Erscheinen verblüfft und fasziniert hat. „Fat City“ ist ein eindringlicher Roman über Hartnäckigkeit und Kampf, von dem mächtigen Versprechen eines guten Lebens und die Verzweiflung und dem Alkohol, die denjenigen auflauern, denen sich das gute Leben entzieht.
 

1969 sagte Gardner im Life-Magazine über den Titel seines Buches: „Viele Leute haben mich nach dem Titel meines Buches gefragt. Er ist Teil des Slangs der Schwarzen. Wenn du sagst, du möchtest nach Fat City gehen, meint dies, du möchtest ein gutes Leben haben. Mir kam die Idee für diesen Titel nachdem ich eine Fotografie eines Miethauses auf einer Ausstellung in San Francisco gesehen habe. Fat City war mit Kreide auf die Hauswand geschmiert worden. Der Titel ist Ironie. Fat City ist ein verrücktes Ziel und niemand wird es jemals erreichen.“ Aber wie es der alte Boxmanager von Billy Tully ausdrückt: „Es gibt immer wieder jemanden, der bereit war zu kämpfen.“

Ross Macdonald schrieb über „Fat City“: In seinem Mitleid und seiner Kunst bewegt sich Gardner über Rassen, über Schuld und Bestrafung hinaus, wie Twain und Melville es taten, in eine tragische Vergebung hinein. Ich habe selten einen solchen schönen und individuellen Roman gelesen wie diesen.“

Im Grunde genommen ist „Fat City“ kein Roman über das Boxen. „Fat City“ ist eine allgemein gültige Geschichte über düstere Gegebenheiten und vergiftete Selbsttäuschungen. Für die Männer in diesem Roman ist Boxen eine Chance, ein Schimmer von Hoffnung. Fat City ist alter Jargon und steht für Wohlstand und Annehmlichkeit – für ein gutes Leben. Bist du in Fat City, hast du Glück. Aber dieser Titel des Romans ist, wie Gardner sagt, verdrehte Ironie. Das Buch ist erfüllt mit der Erkenntnis, dass Gelegenheiten vergehen, Träume einen behindern können, kostbare Zeit verschwendet wird und alle Zukunftschancen dabei zu Asche verbrannt werden. Viele sind gefangen in diesen Lebensverhältnissen. Kein Geld und jeden Tag auf der Suche nach einem Job auf den kargen Feldern der Umgebung. Und da ist Boxen ein Ausweg. Eine alte Binsenweisheit des Boxsports ist, dass er so schwierig ist, dass nur der Verzweifelte ihn erdulden kann, als eine zermürbende Flucht aus einem kulturellen, finanziellen oder seelischen Ghetto, das sie gefangen hält. Es ist ein fordernder und schmerzhafter Weg mit keinerlei Garantie und viel Risiko. Und so ist das Buch, wie gesagt, nicht nur ein Buch über das Boxen, sondern auch ein Buch, wie es war, in Stockton zu leben, am Ende der 1950er Jahre. Der Roman zeigt dem Leser eine Welt von schmutzigen Kneipen, von ausgezehrten chinesischen Schweinswurstköchen, von ersten Freundinnen, die geheiratet werden, weil der Verlust der Jungfräulichkeit, Schwangerschaft bedeutet und vom Leben in heruntergekommenen Hotelzimmern, die die Seele weinen lässt.

Ein paar Jahre bevor die Handlung des Romans beginnt, war Billy Tully in Fat City. Er lebte anständig und gewann Kämpfe. Er hatte ein Haus, ein gutes Auto und eine hübsche Frau. Dann erlitt er eine unglückliche Niederlage im Ring, die ihm sein Selbstvertrauen raubte. Er gab das Boxen auf, fing an zu trinken, konnte seine Arbeit nicht halten, verlor sein Auto und sein Haus. Dann verließ ihn seine Frau. Nun verdiente er als Tagelöhner auf den Zwiebelfeldern des Tales gerade so viel, dass es für ein schäbiges Hotelzimmer und seine nächtlichen Sauftouren reichte.

Rowohlt 1991 „Fat City“

Wenn wir Tully zum ersten Mal im Buch begegnen, denkt er über eine sich kürzlich ereignete Kneipenschlägerei nach, in der er einen anderen Saufkumpan mit einem Schlag niedergestreckt hat. Diesen Schlag nimmt sein verkatertes Hirn als Beweis, dass er seine Fähigkeiten als Boxer noch nicht verloren hat. Er beschließt in den YMCA zu gehen und damit zu beginnen, sich wieder in Form zu bringen. Er will ein Comeback. Als Tully dort eintrifft, ist der einzige weitere Benutzer des Gym, der 18jährige Ernie Munger, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, an einer Tankstelle die Windschutzscheiben zu reinigen und Autos zu betanken. Er schlägt sich die Zeit tot, indem er auf einen Sandsack eindrischt. Tully überredet ihn, einen Sparringskampf mit ihm zu machen. Dieses Treffen verändert das Leben des jungen Ernie Munger. Tully drängt ihn, in den Box Club zu gehen und bringt ihn mit seinem alten Manager und Trainer zusammen.

New York Review Books
Fat City 2015

Der Roman verbindet die Geschichten von Billy Tully und Ernie Munger. Ernie versucht als Boxer in die Riege der Männer aufzusteigen. Billy versucht, wieder in Form zu kommen und sein Leben wieder in die Spur zu bringen. Ernie ist Tullys Vergangenheit und Tully ist Ernies Zukunft. Wir werden in jeden hineinversetzt und erhalten flüchtig Eindrücke von anderen Boxern, die um das Studio kreisen. Diese Einblicke in das Leben und Denken anderer Boxer sind durchgehend im Roman, wo Hoffnung ununterscheidbar von Selbsttäuschung ist.  

„Willst du wissen, was einen guten Boxen ausmacht?“ „Was denn?“ „Dass du an dich glaubst. Dass du siegen willst. Der Rest – Kondition. Wenn du deinen Gegner fertigmachen willst, machst du ihn fertig.“ „Hoffentlich hast du recht.“ „Wenn du ihn nicht fertigmachen willst, bist du selber dran.“

Fehler werden gemacht. Lebendig geschilderte Charaktere tauchen auf. Die Frauen im Leben der Boxer werden zu kraftvollen Mächten. Für Ernie ist es seine junge Frau, die ihm ein Kind schenkt. Für Tully ist es Oda, die streitbare Alkoholikerin, mit der er in wilder Ehe lebt, während er daran arbeitet, seine Boxkarriere wieder aufzufrischen. Ungeachtet der Verbindung zwischen den zwei Erzählungen über die zwei Boxkämpfer ist Ernies Zukunft am Schluss des Buches offen. Er wird wahrscheinlich kein großer Boxer aber er kann es vielleicht und schlussendlich dazu bringe, zu einem vernünftigen und bodenständigen menschlichen Wesen zu werden.

Cover „Fat City“ EA

Verzweiflung ist eines der Schlüsselwortes des Romans. Verzweiflung am Dasein. Am Leben, wie es einem mitspielt. Tully überkommt nach einem verlorenen Kampf und nach der Trennung seiner Freundin ein Schmerz. „Eine entsetzliche Niedergeschlagenheit brach über ihn herein, eine rauschende Welle der Verwirrung und Verzweiflung. Er hatte keinen Zweifel mehr, dass er verloren war.“ Wes Haynes, ein weiterer Boxer im Buch, überkommt die Erkenntnis, dass er ein Nichts war.

„Er drückte die Wange an das kalte Glas und dachte daran, sich umzubringen. Aber Jahre zuvor, an den Beinen seines Vaters in einer Menge stehend, hatte er einmal einen toten, im eigenen Blut liegenden Mann gesehen, seinen stumpfen, überraschten Blick – und Wes wusste, wenn er schon gewaltsam sterben sollte, würde er es bestimmt nicht selbst erledigen. Sie müssten schon kommen, um ihn zu holen, und er würde sie niederknüppeln, er würde würgen und schießen, und dann würde er abhauen.“

Dies legt aber nicht nahe, dass das Weglaufen es besser machen würde oder dass das Leben, zu dem er läuft, ein Leben ist, das er sich wünscht. Im Roman findet man beides. Schmerz, der einen zusammenzucken lässt und tiefen Genuss. Gardners Erfolg lebt aber gerade deshalb weiter, weil „Fat City“ nicht bedrückend ist. Die Erzählung ist dunkel aber ist angereichert mit Kraft. Sie ist verlockend, gewinnend und leuchtend, allen Widrigkeiten zum Trotz, durch eine Lebendigkeit, die in sich schon eine Form von Hoffnung beinhaltet. 

Der Roman ist auf seine Weise wunderbar.

 

 

Leonard Gardner
Fat City
Übersetzt von Gregor Hens
Blumenbar Verlagr