Ottessa Moshfegh – McGlue

„Mein Hirn kommt nicht mit“

McGlue

Ein Roman von Ottessa Moshfegh

In einem Interview mit dem „bomb Magazine“ erzählt Ottessa Moshfegh über die Entstehung des Romans „McGlue“. Sie berichtet, dass das Buch von einem kurzen Artikel in einer Zeitschrift aus dem Jahr 1851, also aus dem Jahr, in dem auch die Handlung des Buches angesiedelt ist, angeregt wurde. Inzwischen hat sie den Artikel zwar verloren, aber in dem Moment, in dem sie den Artikel gelesen hatte, trat der Charakter von McGlue in seiner vollständigen Form hervor. Ottessa Moshfegh erzählt, dass, so weit sie sich erinnert, es ein langer zusammengesetzter Satz war und  sich ungefähr so las:

„McGlue. Salem. Mr. McGlue the sailor has been acquitted on the count of murder which he was found guilty of committing in the port of Zanzibar by reason of his being out of his mind since having hit his head when he fell from a train several months prior and because he was blacked out state of drunkenness at the time he stabbed a man to death“.

Weiter gibt sie an: „In diesem Satz lag das ganze Buch: der Charakter, die Handlung, die entstellte Sprache. Ich fühlte mich, als wäre ich auf Gold gestoßen“. Soweit Ottessa Moshfegh zur Entstehung der Geschichte um den Seefahrer McGlue, der die Welt nur im Zustand vollkommener Trunkenheit aushalten kann. Ein Trinker, der Blut nach Geschmack zuordnet: „Es ist dunkles Blut und schmeckt nach Rum. Muss meins sein“. Ein Heimatloser und Lüstling, aber mit durchaus zweifelhaften Fähigkeiten, der wenig Respekt vor Autoritäten zeigt, was den Leser dazu bringt, für den Protagonisten durchaus Sympathie zu empfinden.

Ottessa Moshfegh
Ottessa Moshfegh

Eingesperrt auf einem Schiff im Loch, auf dem Weg nach Salem, Massachusetts, angeklagt, seinen guten Freund Johnson ermordet zu haben, reist McGlue um die halbe Welt. Die Schwierigkeit ist, dass McGlue sich an nichts erinnern kann, geschweige denn, wie sein bester Freund starb oder ob er überhaupt tot ist.

McGlue ist Alkoholiker und so ist sein Denken ganz darauf ausgerichtet, an Alkohol zu kommen. Die Qual nach dem Rausch oder dem Entzug in der Haft scheint er zu genießen, lenken sie ihn doch von anderen Empfindungen seines Körpers ab. Seine Gedanken wiederholen sich, bewegen sich ständig im Kreis. Eine Menge aufeinander folgender Gedanken, voller Erinnerungen an den letzten Drink, den letzten Rausch. Als er schließlich im Schiff und später in der Gefängniszelle in Salem eingekerkert ist, beschäftigten sich seine Gedanken nur mit dem Thema, wie er an Alkohol kommen könnte. Die Qual, dass ihm der Zugriff auf den Alkohol verweigert wird, zwingen ihn dazu, sich seiner Lage zu stellen, den Grund für seine Einkerkerung zu hinterfragen und zwar den Mord an seinem Freund Johnson. Das führt dazu, dass seine Gedanken aus dem Kreislauf „Alkohol“ ausbrechen und tief, bis in sein Innerstes, in sein seelisches Leben eintauschen. Der Schmerz aus den Erkenntnissen, die ihm nach und nach bewusst werden, bewegen ihn zuerst dazu, weiterhin trinken zu wollen. Aber das Begreifen baut sich schrittweise auf, kreist um ihn, bis die Erinnerung an den Mord schlussendlich auf ein klares, vom Alkohol befreites Bewusstsein trifft.

Verhör
Verhör

Was über den Tod von Johnson so nach und nach aus dem Gedächtnis von McGlue auftaucht, ist das wahre aber auch schwierige Gefühl von Freundschaft – eine zarte Schilderung von Aufopferung von Offenbarung, von McGlues eigenen Möglichkeiten, in der widerlichsten Ecke einer brutalen und verhärteten Welt zu überleben. Es gibt verschiedene Arten von Qualen, von Selbsthass, schmerzhaften Erinnerungen und vergrabenen Dingen, Definitionen von Lastern, Einsamkeit in seinem Schädel.

McGlue und Johnson. Die Freunde – McGlue, der dem Untergang geweiht ist und Johnson, der den Untergang sucht. Jonson, denkt McGlue. „..war nur ein Adept des Elends. Er hielt es für heroisch, Glück und Wohlstand auszuschlagen und das schlimmste Schicksal zu erdulden. Auf die Frage, was er mit seinem Leben anfangen wolle, wählte er den stinkendsten Pfad, er wollte sich und sein Leben ruinieren“. „Und immer war ich für ihn da, wachte auf, um ihm zuzuhören“. „Ich diente seiner Eitelkeit. Aber da war ich schon süchtig nach ihm“. „Es ist schöner als betrunken zu sein“. Geschildert wird eine Freundschaft, die von einer fragwürdigen Männlichkeit getragen wird. Wobei es verschiedene Arten von Freundschaft gibt.

„Mich mochte er, weil ich undurchschaubar war, was er nie fertigbrachte. Im nüchternen Zustand nannte er mich eiskalt, mit einem Gesicht, so tot wie bei einer Leiche. Wenn ich trank wurde ich ein wenig durchschaubarer und offenbarte mehr. Aber wir konnten uns nie auf demselben Niveau treffen – er trank nicht so viel wie ich“.

Eine Attraktion für alle ist das Loch, der Spalt in McGlues Schädel. Bei einem Sturz aus einem fahrenden Zug schlug er sich den Schädel auf. Und jetzt kann jeder in seinen Schädel schauen. „Sieht mir von oben auf den Kopf, vermutlich will er den Sprung in meiner Tasse sehen“. Aber auch für McGlue ist dieser Spalt ein Zugang zu seinen Gedanken. „Hätte ich Schnaps zu vergießen, würde ich ihn mir da oben in den Spalt schütten, damit die Schlangen Ruhe geben. Damit sie mit dem Zucken und Zischen aufhören. Wenn ich genug trinke, liegen sie eine Weile still, und ich kann einen Augenblick einfach nur leben, wie ich es hie und da bisweilen getan habe“.

„Das ist mein verfaultes Gehirn“. „Wollen sie mir das vergammelte Gewirr aus dem Kopf ziehen und den Haien zum Fraß vorwerfen?“
 
„Sie ist echt in meiner Hand, während ich auf meinen Kopf einhacke und darin herumgrabe, so gut ich kann. Der Spalt in meinem Schädel ist nicht breit genug, um die Scherbe richtig hineinzubekommen und ihn aufzuhebeln, aber ich versuche es trotzdem. Es tut schön weh. Blut tropft mir von der Nase auf die helle Wolldecke. Ich bin fest entschlossen, jetzt will ich sehen, was in mir ist, und so arbeite ich mich weiter vor. …dass ich an mein Inneres herankomme. Meine Hände sind heiß und nass vom Blut“.
 

Je mehr McGlue aus seinem Delirium tremens erwacht, sich seine Gedanken klären, umso mehr widmen sich diese auch den existenziellen Fragen. Den Fragen nach Gott, dem Leben. „Früher einmal wusste ich, es gibt einen Gott, der meine Gedanken hört, und früher einmal gab ich acht, worüber ich nachdachte, und früher einmal, schlug ich aus Scham über das, was mir durch den Kopf ging, selbigen gegen die Wand“. Dann, als es mit dem Alkohol begann, stopfte er sich mit diesem den Kopf voll. Denn er bekam es mit der Angst zu tun. Und diese Angst war Gott“.

Cover McGlue
Cover McGlue

„Ich wollte es nicht schaffen. Ich wollte es mit ins Bett nehmen, es würgen und töten und retten und gesund pflegen und wieder erwürgen, und ich wollte gehen und vergessen, wo ich hinging, und ich wollte meinen Namen ändern und mein Gesicht vergessen und trinken und meinen Kopf zugrunde richten, aber es schaffen – darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Das hatte ich noch nie im Sinn gehabt“.

Was ist dieses „es“? Die offensichtlichste Antwort ist Nüchternheit. Aber dieses „es“ geht tiefer. Dieses „es“ ist die Erinnerung von McGlue an seinen toten Bruder, der in Salem an der Straße begraben ist. Der Bruder, „der besser war als ich, der am Feuer kochte und mich wegstieß, wenn ich die Hand danach ausstreckte“. Das „es“ bedeutet, dass Gott existiert, doch Güte trotzdem töten kann. Vielleicht gab der Tot seines Bruders den Antrieb für McGlues Alkoholismus, oder seine ständige Verweigerung nüchtern zu werden oder Frieden mit „es“ oder „ihm“ zu machen.

Ottessa Moshfegh hat eine verstörende, dunkle Geschichte über Apathie, Gedächtnis, Freundschaft und Liebe, und einen Mord geschrieben.

„Ich kann nur vermuten, dass er sterben wollte“.

 

McGlue

Ottessa Moshfegh
McGlue
Übersetzer: Anke Caroline Burger
liebeskind 2016

Bragi Olafsson – Die Haustiere

„Preis der Vernunft“

„Die Haustiere“
Roman von Bragi Olafsson

„Ohne zu missachten, was gut ist, bin ich rasch zur Stelle, mich dem Grauen auszusetzen, und könnte sogar gesellig damit tun – ließen sie mich nur -, denn es ist nur gut, auf vertrautem Fuße mit allen Bewohnern der Welt zu stehen, in der man wohnt.“ (aus Moby-Dick, Kapitel l)

“ … verschwand (er) durch die Tür – auf die gleiche Weise wie andere fremde Menschen, die man wieder aus den Augen verliert; Menschen, die man für den Rest seines Lebens nicht wieder zu treffen glaubt.“

Aber der Ich-Erzähler dieses Romans, Emil S. Halldórsson, trifft diesen Mann wieder, und es stellt sich im weiteren Verlauf der Geschichte heraus, dass er ihn schon lange kennt. Emil war in London auf Einkaufstour, nachdem er im Lotto gewonnen hatte. Kaum zu Hause, klingelt es an der Tür. Und er, Hávardur Knutsson, steht vor der Tür. Emil gibt sich nicht zu erkennen und versteckt sich unter dem Bett, damit Hávardur ihn nicht entdeckt. Und als dieser durch das offene Küchenfenster in die Wohnung einsteigt, beginnt eine verrückte Geschichte aus Island.

In Rückblenden wird aus der Sicht von Emil erzählt, wie Emil und Hávardur sich kennengelernt und was sie erlebt haben. Sie verbrachten einige Wochen zusammen in London, um auf die Wohnung und die Haustiere eines Bekannten aufzupassen. Dabei ging einiges schief, das Geld wurde schnell knapp, die Haustiere kamen auf mehr oder weniger makabere Art und Weise ums Leben und die Bekanntschaft ging in die Brüche. Emil gab schließlich Hávardur Geld, damit dieser verschwand.

Hávardur nahm bei seiner Abreise eine Erstausgabe des Romans „Moby-Dick“ und ein Modell des Walfängers „Essex“ mit. Schließlich erfährt man noch, dass Hávardur einige Zeit in Schweden in einer Nervenklinik verbracht hatte. Nicht nur die Erstausgabe von „Moby-Dick“ sondern auch, dass die Haustiere Namen aus diesem Roman tragen (Ahab heißt der Leguan, Moby und Dick das Kaninchen und das Meerschweinchen), führen uns zu Melville und dem Roman „Moby-Dick“. Auch der Erzähler macht ein Wortspiel mit dem Namen Ismael und Emil. Ismael – in der Bibel der Prototyp des von der Gemeinschaft mit Gott Ausgestoßenem, bei Melville ein frei handelndes  Individuum ohne Vorgeschichte oder sichtbare Verbindung zu anderen Menschen.

Unterm Bett

Und so liegt der Erzähler unter dem Bett und muss mit ansehen und anhören, wie Hávardur von seiner Wohnung, seinen Sachen, seinem Alkohol und CDs Besitz ergreift; seine Freunde und Bekannte hereinlässt und sie bewirtet und seine Telefongespräche entgegennimmt. Eigentlich sein, Emils, Leben lebt. Er rührt sich nicht. Wiederholt hat er das Gefühl, dass er in Wirklichkeit nicht hier wohnt, dass dies nicht sein Zuhause ist.

Dass ihn der Sonderling dort oben zum Besten hält.

„Gewiss ist es manchmal so, als würde irgendein Sonderling den Menschen und Dingen hier auf der Erde nach Lust und Laune Plätze zuweisen; als mache sich dort oben jemand ein Vergnügen daraus, uns aufzustellen, wie es ihm gerade in den Sinn kommt, entgegen jedem gesunden Menschenverstands. Mir ist das Gefühl nicht fremd, dass mich manchmal, in der einen oder anderen Situation, jemand im Nacken packt und zurechtrückt, oft, um mich vor Schwierigkeiten zu bewahren oder – was mir häufiger der Fall zu sein scheint – mich unmittelbar in die Klemme zu bringen.“

Auch dies ein Thema in ,,Moby-Dick“. Gedanken über Vorbestimmung und freien Willen. Was passiert, wenn ich jetzt dies tue und das sein lasse. Was verändert sich dadurch, wie verläuft „meine Geschichte“, wohin führt mich mein Weg, wenn ich zwischen diesem oder jenem Weg wähle; tue ich dies bewusst oder unbewusst. Was machen die Zufälle des Lebens aus. Was oder wer bestimmt uns? Wie steht es mit dem freien Willen? So wie Ahab „das unfassbare Phantom des Lebens“ sucht, sucht Emil nach seiner Identität, nach dem was sein Leben bestimmt. Und so wie Kapitän Ahab im weißen Wal die Personifizierung aller verborgenen Dämonen des Lebens und Denkens sah, so sieht Emil dies in Hávardur. Ismael wird als einziger gerettet. Und es heißt bei Melvilles „Moby-Dick“ am Anfang und wird so auch in diesem Roman zitiert: „Nennt mich Ismael“. Dies meint, es könnten auch Sie oder jemand anderes beauftragt sein, zu überleben und, nach dem Auszug des Menschen und allen Fährnissen des Lebens, aufzuerstehen.

Geschichten jedoch haben normalerweise ein vernünftiges Ende. Ein erkennbares Ende. Aber nicht diese seltsame, verrückt/komische Geschichte von einer fernen Insel – diese Geschichte endet mit einem großen Fragezeichen.

Bragi Olafsson
 "Die Haustiere" dtv premium
Aus dem isländischen von Tina Flecken; EA 2005

Ruth Rendell „Der Sonderling“

 Der Schlaf, aus dem es
kein Erwachen gibt

„Der Sonderling“

Ein Roman
von Ruth Rendell

„Seltsam vermischt in ihm war vieles, was Man sucht und flieht, was Liebe weckt und Haß … Er stand ein Fremdling in der Menschenwelt, Ein sünd’ger Geist, gestürzt vom Sternenzelt. (Lord Byron ,,Lara“)

„Sie sah zu ihm hoch, und er sah zu ihr herunter. Er hielt ihre Linke in seiner Rechten, ihre Augen trafen sich zu einem langen Blick, und so malte Sirnon Alpbeton sie und hielt sie im Vorgarten von Orcadia Cottage fest, wenn nicht für die Ewigkeit, so doch für lange, lange Zeit“.

Was anfängt wie ein Roman aus dem 18 JH, mit einer idyllischen Szene, in der ein Maler das Porträt eines Liebespaars auf eine Leinwand bannt, vor der Kulisse eines mit wilden Wein umrankten Cottages, ist der Roman der englischen Kriminalautorin Ruth Rendell. In diesem Roman erzählt sie uns die Geschichte von Teddy Brex und Francine Hill, deren Leben unweigerlich aufeinander zutreiben. Teddy wird seit seiner Geburt von den Eltern ignoriert. Niemand in der Familie schenkt ihm je besondere Beachtung. Bei einem Nachbarn findet er seine Berufung: Die Schönheit der Dinge. Dort lernt er das Tischlern. Da er keine Liebe und Zuneigung erhält, hält sich sein Verlangen nach Liebe und Zärtlichkeit in Grenzen, obwohl er ein hübscher Junge ist. „Die Menschen waren doch, wie er schon lange geargwöhnt hatte, allesamt schädlich und verdorben und den Dingen meilenweit unterlegen. Gegenstände enttäuschen einen nie“. „Er war der einzige Mensch, an dem ihm ebenso viel lag, wie an Dingen.“

Francine war in jungen Jahren Zeuge, wie ihre Mutter ermordet wurde. Daraufhin verlor sie für einige Monate ihre Sprache. Ihr Vater, voller Schuldgefühle, heiratet die Kinderpsychologin Julia, die ihr Leben daraufhin Francine widmet. Ihrem Schutz und ihrer Fürsorge ordnet sie sich unter. Sie unterstellt Francine ihrer Kontrolle und Francine hat damit ihr eigenständiges Leben verloren. Francine wird für Julia zur Obsession. „Durch ihre Opferhaltung und Selbstverleugnung hatte sie ihre Stieftochter gekauft, hatte einen Preis für sie bezahlt, und nun gehörte sie ihr“.

Bis zu dem Tag, an dem Teddy und Francine sich begegnen und Teddy, ob der Schönheit von Francine, ihr verfällt. Nicht die Person Francine interessiert ihn, sondern ihre Schönheit. Francine ist ein „Ding“, das man nach seinen Wünschen verkleiden und ausstaffieren kann. Teddy ist auch nicht zur körperlichen Liebe fähig. Er versagt bei ihr. Francine rebelliert gegen ihre Stiefmutter und ihren Vater und nimmt Teddy zum Anlass, sich Freiheiten zu schaffen. Julia, die Stiefmutter, verfällt immer mehr in ihre Obsession, je mehr Francine sich befreit. Dies alles führt dann zur Tragödie. Bis es aber soweit ist, hat Teddy schon zwei Morde begangen. Morde, ohne die Opfer berühren zu müssen, ausgeführt wie mit einer Fernbedienung. Aber man weiß genau, warum er es tat, und zwar so vollkommen, dass man das Gefühl hat, man hätte genau das gleiche getan.

Das ist die Stärke der Ruth Rendell. Ihre psychologischen Romane erschaffen die Personen und ihre Handlungen so genau und nachvollziehbar, so dass einem das Ende als Unausweichlich und Logisch erscheint.

Der Schluß des Romans ist einer dreifachen Edgar Allen Poe Preisträgerin würdig. Selbst Poe hätte keinen schaurigeren und entsetzlicheren Schluß finden können. Er erinnert an „Die Schwarze Katze“, eine Kurzgeschichte von Poe. Wobei auffallt, daß der Roman stark an die englischen Romantiker erinnert. An die Schauerromane, „die Gothic Novel“, von Radcliffe, Walpole oder Lewis. Nicht nur, dass zwei alte englische Cottages, mit ihrem romantischen Ambiente den Hintergrund für zwei Morde abgeben, sondern auch die schaurig-romantische Atmosphäre, die den Roman durchzieht. Teddy kann als romantischer Held gelten. Frank T. Zumbach beschreibt in seiner Biographie über Edgar Allan Poe diesen „Helden“: „der romantische Held empfindet sich als gefallener, aus dem Paradies vertriebener Engel, durch eine unwägbare Schuld dazu verdammt, unter ärmlichsten Verhältnissen inmitten von Materialisten, Fortschrittsgläubigen, Technokraten, Dummköpfen und Krämerseelen zu leben; er sehnt sich zurück in einen Zustand, aus dem er sich verstoßen glaubt, denn er spürt den Anachronismus seines Durstes und seiner Empfänglichkeit für Schönheit in einer Gesellschaft, die am Profit orientiert, dem alltäglichen verhaftet ist und Kultur lediglich konsumiert.“

Thatched Cottage Thorton Le Dale North East Yorkshire Uk July
Thatched Cottage Thorton Le Dale North East Yorkshire Uk July

Der Schrecken des Romans, eine „Gothic Novel“ des 20. JH., kommt nicht von außen, er enthüllt sich durch das unausweichliche schreckliche Ende, durch die „Verinnerlichung des Schreckens“. Hier wird der Mensch, zum Opfer seiner eigenen Versuchungen. Und Ruth Rendell hat wieder ein psychologisches Meisterstück abgeliefert.

Cover Der Sonderling

"Der Sonderling" von Ruth Rendell
Original: A Sight for Sore Eyes
Blanvalet 1999
Aus dem Englischen von Cornelia C. Walter

Matthew F. Jones „Ein einziger Schuss“

Ein einziger Schuss

von

Matthew F. Jones

Die Handlung von „Ein einziger Schuss“, „A single Shot“ im Original, ist schnell erzählt. John Moon, ein Wilderer, macht einen Fehler. Als er einen, von ihm verwundeten Hirsch nachspürt, schießt er versehentlich auf ein junges Mädchen und tötet es dabei. Ein junges Mädchen, mit einer Tasche voller Geld. Auf den ersten Blick ist die Handlung des Romans sehr einfach und nicht allzu sehr originell. Diese Geschichte gab es schon in mehreren Variationen, zum Beispiel von Cormac McCarthy mit „No Country for Old Men“. Aber dieser Plot ist für Jones nur das Gerippe, um das er die Geschichte eines Mannes webt, der in seinem, von Schuldgefühlen befeuerten Wahn, einen Fehler nach dem anderen macht. Diese Fehler verschärfen sich zunehmend, bis die Handlung in einem fiebrigen atemberaubenden Schluss endet. Die Frage, ob es in einem Leben immer einen ganz entscheidenden Moment gibt, der die Weiche für das weitere Leben stellt, in dem es wichtig ist, die richtige Abzweigung zu nehmen, diese Frage ist hier existenziell.

Hirsch

John Moon, abgespalten und losgelöst von der Gesellschaft, hadert mit seinem Schicksal. Er ist der letzte in einer langen Reihe von Farmern. John ist aber aus der Bahn geworfen, da sein Vater das Land verloren hat, welches sein Erbe gewesen wäre. Er hat keine Zukunft auf diesem winzigen Flecken Erde am Berghang, dem Trailer-Haus, in dem er nun haust. Dem einzigen Überbleibsel des Besitzes seiner Vorfahren. Er lebt nach dem Motto „Was wäre gewesen, wenn…“

„Was wäre gewesen, wenn sein Vater die Farm nicht aufgegeben hätte, wenn das Land mit den großen Weiden und den dreihundert Morgen wildreichem Wald noch ihm gehören würde? Dann wäre er sicherlich nicht zum Wilderer geworden, um seine Frau und seinen Sohn zu ernähren. Dann würden sie vielleicht sogar noch bei ihm wohnen.“

„Das verlorene Land. Sein Erbe. Jedes Unglück, jeder Fehlschlag, jede Verletzung und jede Tragödie resultiert nach Johns Ansicht aus diesem Verlust.“ Ohne dieses Land fühlt er sich, als ob alles, was er hätte werden können, ihm weggenommen wurde. Beim Lesen, bekommen wir das Gefühl, dass John, für den größten Teil seines Lebens, sich viel darauf einbildet, ein „Verlorener“ zu sein. Er fühlt sich aus der Zeit gefallen, fühlt sich noch als Farmer, als heimlicher Besitzer des Landes. Als Farmer ohne Farm in einer Welt, die für immer so bleiben wird, wie sie ist. Ihm bleibt die Wut. Und Selbstmitleid und Johns Drang, dies in Whiskey zu ertränken, hat seine Frau Moira dazu gebracht, ihn zu verlassen. Ihren neugeborenen Sohn hat sie mit sich genommen. Zum ersten Mal beginnt nun John seine Unfähigkeit, sich anzupassen, sich mit den Gegebenheiten abzufinden, als Belastung zu empfinden.

Matthew F. Jones beschwört gekonnt die Berglandschaft und den besonderen Menschenschlag, die diese bevölkert. Man kann „Ein einziger Schuss“ als „Country Noir“ bezeichnen. Diese Gattung erzählt Geschichten von schwierigen, eigensinnigen oder auch starrköpfigen  Menschen, die ein mühevolles Leben führen, meistens am Rande der Gesellschaft und im Dunkeln der Nacht. Der gewöhnliche Protagonist des „Country Noir“ lebt in Zweitracht mit der Gegenwart, lebt seinem Wesen nach noch in der Vergangenheit und hat am Erbe seiner Ahnen zu knappern. Dies passt auch auf den Protagonisten dieses Buches: John Moon.

junges Mädchen

Als Moon das Geld bei dem toten jungen Mädchen findet, sieht er darin sofort eine Möglichkeit, seine Familie für sich zurückzugewinnen. Aber sein Gewissen wird schwer von dem Tod des Mädchens belastet. „…muss er sich eingestehen, dass er zum Mörder geworden ist. Er hat die Regeln gebrochen, er ist der Wilderer. John muss daran denken, wie er hier in den Wäldern und um sie herum aufgewachsen ist und dass er genau wie sein Vater und sein Großvater hier gejagt hat, seit er ein kleiner Junge war. Doch obwohl sie beide im Krieg waren, ist er der Erste in seiner Familie, der einen Menschen getötet hat.“

Er fängt damit an, einen Fehler nach dem anderen zu begehen und beraubt sich damit jeder Chance, die er vielleicht gehabt hätte, mit dem Geld zu entkommen. Denn, als er das Geld findet, wittert er darin sofort eine Möglichkeit, seine Frau und seinen Sohn wieder zurückzuholen. Jones beschreibt Moons inneren Kampf so wirklich, dass man mit ihm mitempfindet. Die Abfolge der Geschehnisse, die nach dem zufälligen Mord von John Moon an dem jungen Mädchen passieren, nehmen die Gestalt einer Suche an.

A Single Shot - Tödlicher Fehler; Regie: David M. Rosenthal (2013)Drehbuch: Matthew F. Jones; Darsteller: Sam Rockwell, Jeffrey Wright

Aber je länger seine Verunsicherung und die Grübeleien andauern, er sich mit dem Bewusstsein ein Mörder zu sein, auseinandersetzen muss, je länger er sich mit der Leiche beschäftigt, die immer wieder auftaucht, umso quälender werden seine Gedanken. Am Anfang noch sachlich: „Blut ist Blut, dachte er, und wischte das des Mädchens an seiner Hose ab. Und tot ist tot.“ Dann immer schuldbewusster, als er daran denkt sie zu begraben: „..gerade so als wollte er nicht nur ihre Auslöschung, sondern gleich ihre gesamte Existenz ungeschehen machen. Und das, merkt er jetzt, war ein noch schlimmeres Verbrechen als sie zu erschießen.“ Er vereinsamt, isoliert sich, ist ausgeschlossen aus dem Kreis der Lebenden. Versucht aber gleichzeitig Menschlichkeit zurückzubekommen. Aber im Laufe der Erzählung wird er sich vage bewusst, „dass er auf der schiefen Ebene seines Lebens immer weiter nach unten rutscht, und gleichzeitig wird ihm die eigene Machtlosigkeit bewusst.“

Wald

Während John durch die folgende Woche tappt, der Roman beginnt an einem Sonntag und endet sechs Tage später, werden die Ereignisse immer gewalttätiger. Die Gewaltspirale beginnt mit einem Schuss. Schatten aus der Vergangenheit machen sich bemerkbar und ein Verbrechen auf der Nachbarsfarm, dass vor etlichen Jahren geschehen ist, harrt auf seine Aufklärung. Am Ende kommt es wieder zu einem Schuss. Und John? Denkt an seine Schuld, die er auf sich geladen hat. Er malt sich seine Schuld aus wie ein Tier, „das sich selbst ausweidet, und fragt sich, ob es wohl stimmt, dass ein Geheimnis so groß sein kann, dass es einen umbringt.“

„Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt, dass ein Fluch auf Ihnen lastet? Wenn eins zum anderen kommt, und alles, was man dagegen tun will, macht es nur noch schlimmer, bis man so tief in die Grube reingerutscht ist, dass man den Kopf nicht mal mehr über den Rand halten kann?“

Bei all seinen Entscheidungen glaubt Moon durchaus immer das Richtige getan zu haben. Aber für wen? Für sich, den Hirsch oder seine Familie? Da jede Entscheidung einen großen Einfluss auf sein Leben hat, versucht er umso stärker, dem ganzen Schlamassel entgegenzuwirken, in dem er sich wiederfindet und macht weiter in seinem Kampf gegen den Treibsand aus Moral und Habgier, in dem er steckt.

„Er befindet sich an einem dunklen Ort und schreit – lautlos oder laut – gegen das ungerechte Schicksal an, dass ihn ereilt hat, gegen den Fluch, der auf ihm lastet und der ihn nun alles noch einmal erleben lässt. Wortlose Gedanken ziehen wie dunkle, angriffslustige Riesenvögel über ihm ihre Kreise und erinnern ihn an jene unsichtbaren Mächte, die viel mächtiger sind als er. Er betet, bittet und bettelt stumm vor sich hin, eine dieser Mächte möge den Kurs seines Schicksals korrigieren. Aber sie kennen kein Mitleid. Schmerz ist nur eine abstrakte Idee, eine Erscheinung, die unbehelligt und kraftvoll wie der unverwundete Hirsch durch ihre Schattenwelt schreitet. Angst ist wie das Rascheln der Zweige. Tod ist etwas, das nur jenseits ihrer Welt existiert.“

Ein einziger Schuss
Ein einziger Schuss
Matthew F. Jones
Ein einziger Schuss (A single shot)
Übersetzer: Robert Brack
Polar Verlag

S. Craig Zahler „Die Toten der North Ganson Street“

Dystopia in Amerika

Die Toten der North Ganson Street
von S. Craig Zahler

Dystopia, ein imaginärer Ort, an dem alles so schlimm ist, wie es nur sein kann. Und schlimm ist es, in Victory, diesem „Nicht-Ort“ in Missouri, der vor sich hin verrottet, mit einem zusammengebrochenen Sozialsystem und lokalen Verbrechen. Die Einwohner verachten die Polizei, hassen das System und seine Diener. Entweder wegen der Korruption oder wegen ihrer Unfähigkeit, die Flut an Gewaltverbrechen einzudämmen. Und überall war nichts als Armut und die Sonne verbarg sich hinter schmutzigen Wolken.

Shitopia

In diese Stadt wird der schwarze Detective Bettinger strafversetzt. Seine erste Fahrt in die Stadt, vorbei an dem schiefen, zerschossenen Schild mit der Aufschrift AUSFAHRT 58 VICTORY, hinein in die sich weit ausdehnende graue Metropole, die etwas von einer ausgekippten Kloake hat, lässt ihn Schlimmes erahnen. Wo wird sonst eine Stadt in „Shitopia“ und „Toilet“ unterteilt. Sein loses Mundwerk hat ihn vom sonnigen Arizona hierher, ins frostige Missouri verschlagen. Und er hasst Kälte. Ihm erschien die Stadt wie Treibgut aus der dritten Welt, das irgendwie mitten in Amerika gelandet war. Und wo sogar Jesus Christus eine besonders zornige Gesinnung zu haben schien.

Eine vermasselte Anhörung hat Bettinger in diese Lage gebracht. Ein verzweifelter weißer Mann begeht Selbstmord auf dem Revier, kurz nach dem Gespräch mit ihm. Ein 47 Jahre alter Junggeselle, der seine Familie, sein Geld und seine Würde verloren hatte – nicht wegen einer hübschen jungen Hure, sondern wegen seiner Schwächen; seiner Undankbarkeit, seiner Geilheit und seiner unglaublichen Fähigkeit zum Selbstbetrug. Oder, wie der Vorgesetzte von Bettinger es ihm erklärt: der Mann, hat sich hilfesuchend an dieses Revier gewandt, ist in ihr Büro gegangen, wieder rausgekommen und hat sich umgebracht. Ein weiteres Problem ist, dass die Ex-Frau des Selbstmörders die Schwester des Bürgermeisters ist. Und die wenigsten Politiker möchten mit Untreue oder Selbstmord oder Huren in Verbindung gebracht werden.

Daraufhin wird der Detective Jules Bettinger aus Arizona in die vor sich hin verfallende Stadt Victory im „Rust Belt“ strafversetzt. Eine Stadt von 26.000 Einwohnern mit einer exorbitanten Verbrechensrate. Jeder der 24 Beamten „ist verantwortlich für ein Minimum an 700 Kriminelle, von denen 400-500 in Gewaltverbrechen verstrickt sind“. Und die schon vom Hörensagen so schlimm ist, dass Bettinger sich mit seiner Familie, seiner Frau und zwei Kindern, 80 Meilen von der Stadt entfernt niederlässt. Sein neuer Vorgesetzte Zwolinski erklärt ihm, dass das unterbesetzte Polizeirevier sich nur auf die schlimmsten Verbrechen konzentrieren kann und gibt ihm einen Mordfall zur Bearbeitung. Der Tod einer Hure, deren Mörder Sex mit ihrem toten Körper hatte, scheint schlimm genug zu sein. Während der Ermittlungen begreift Bettinger, dass dies nur ein Mord in einer Serie ähnlicher Gewalttaten ist.

Trash Day
Trash Day

 Toilet

Die Cops zeigen keine große Willkommensfreude. Bettinger findet früh heraus, dass Beamte, darunter auch sein neuer, pöbelhafter und brutaler Partner Dominic Williams, nicht nach den Regeln spielen. Williams stammt aus Victory und ist ein Produkt dieser Gegend. Er hat gegen ein paar Gesetze verstoßen und negative Schlagzeilen produziert. Bettinger erfährt, dass Dominic frisch degradiert worden war. Seine ersten Runden durch die Stadt mit Williams sind entmutigend. Victory ist eine riesige städtische Ödnis überzogen mit dem Mehltau des Zerfalls. Bettinger ist bestürzt über die Bilder der Verwüstung um ihn herum. Die verlassenen Gebäude und die aufgerissenen Straßen. Die beißende Kälte treibt ihm die Tränen in die Augen.

Die Brutalität Williams und die seiner Kollegen, die einen Kriminellen als zerschmetterten Krüppel hinterlassen, initiiert einen Krieg, der mit der Ermordung zweier Polizisten beginnt und Victory in ein Schlachtfeld verwandelt. Die zwei Polizisten wurden gezielt hingerichtet; auf grausame Weise verstümmelt. Daraufhin konzentriert sich die ganze Polizeimacht darauf, die Killer zu finden. Aber das Gemetzel eskaliert und hinterläßt viele tote Cops unter grauenerregenden Umständen. Das Blutbad scheint mit dem verkrüppelten Drogendealer zusammenzuhängen, der plötzlich, zusammen mit seiner Schwester und seiner Freundin, verschwunden ist. Bettinger ist überzeugt, dass der Dealer hinter dieser Orgie an Gewalt steckt. Als Bettingers Familie in das Fadenkreuz des Killers gerät, steigt Bettinger auf das Niveau seiner Kollegen hinab. Obwohl er von den Handlungen seiner Kollegen abgestoßen ist, beginnt er sie besser zu verstehen, als er die Geschichte erfährt, warum diese den Dealer verkrüppelt haben.

Elf Jugendliche sind kurz nach der Abiturfeier am schlechten Heroin, gestreckt mit einer tödlichen Menge Chinin, gestorben. Die Aufregung war groß und es musste eine Lösung gefunden werden. Die Lösung war, dass jemand auf der anderen Seite eingesetzt wurde, der die Dinge überwachte und regelte. Eine geduldete Übereinkunft wurde getroffen. Eine, die für beide Seiten lukrativ war. Bis eine Seite ausscherte. Ein Detective wird aus Rache brutal getötet und seine Kollegen nehmen Rache. Bettinger steht zwischen den Fronten. Nach allem, was er gesehen und gehört hatte, sind die Cops auf der gegnerischen Seite, spielen in der gleichen Mannschaft wie Krebs und Autounfälle. Früher, in einem anderen Leben, hätte er solche Männer erschossen oder verhaftet. Jetzt schienen sie seine Verbündete zu sein.

Bald ist auch Bettinger im Visier des Killers. Er entkommt knapp, aber nicht alle aus seiner Familie haben dieses Glück. Zusammen mit seinem Partner und anderen Cops, die den Dealer versehrt haben, stürzt er sich kopfüber tiefer in den nördlichen verfallenen Stadtteil, um nach dem Anführer in einem rasenden Schneesturm zu suchen. Schnee erstickt die verlassene Betonwelt. Die Suche nach dem Dealer in einer alptraumhaften, unmenschlichen und widerlichen Landschaft wird zu einer Reise in die Finsternis. Ein wichtiger Teil seines Lebens, seine Achtung für das Menschliche, existiert nicht mehr und ein wütendes, trauerndes Etwas, das in der Lage war, vernünftiges Denken auszuschalten, hat sich dieser Leere bemächtigt.  Und so suchen die Detective in einem Elendsgebiet, gegen dass sogar die Hölle als ein freundlicher Ort erscheint, nach Erlösung.  Die Stadt Victory selbst wird zum Feind.

Blueprint
Blueprint

Autoren dystopischer Geschichten wollen mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbildes auf bedenkliche Entwicklungen der Gegenwart aufmerksam machen und vor deren Folgen warnen. Aber hier scheint dies schon zu spät zu sein. Das Drogenproblem in Victory wird nicht gelöst. Das Drogenproblem kann nirgendwo gelöst werden. Armut und Gewalt, ist allgegenwärtig. Die Grenzen von staatlicher Gewalt und Verbrechen sind verschwunden. Die Grenzen verwischen. Es herrscht Krieg. Eine Bestandsaufnahme des heutigen Amerikas? Polizeigewalt, tödliche Schüsse gegen Schwarze, Ermordung von Polizisten aus Rache? So geschehen am 08.07.2016 in Dallas, als während eines „Black Lives Matter“ Protestes fünf Polizisten erschossen wurden.

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Und dann sind da die Tauben. Die überall tot herumliegen. Tod vom Himmel fallen, überfahren werden und allgegenwärtig sind. Deren Kadaver überall auf den Straßen verwesen. Tauben, die für Unschuld und Schönheit stehen, ein Wahrzeichen von Frieden sind, den Geist der Hoffnung verbreiten, fallen hier der Endzeitstimmung, der Apokalypse zum Opfer. Stehen für eine Veränderung im negativen Sinn, für eine brutale Veränderung. Hart, zynisch und brutal beschreibt Zahler ein Amerika, das womöglich aktueller ist, als uns lieb sein kann.

Eine Verfilmung des Romans ist in Vorbereitung.

Die Toten der North Ganson Street
Die Toten der North Ganson Street
S. Craig Zahler
„Die Toten der North Ganson Street“
(Mean Business On North Ganson Street)
Übersetzer: Katrin Mrugalla, Richard Betzenbichler

Stewart O’Nan „Westlich des Sunset“

Premiere in Hollywood
Premiere in Hollywood

Im Grunde ist alles Leben ein Prozess des Niedergangs

Stewart O’Nan „Westlich des Sunset“

1936 erschien in der Zeitschrift „Esquire“ zwischen Februar und April ein autobiographischer Essay von F. Scott Fitzgerald unter dem Titel „The Crack-Up“. Der Essay beginnt mit den Worten  „Of course all life is a process of breaking down“. In diesem Essay, der unter dem deutschen Titel „Der Knacks“ erschienen ist, entwickelt und beschreibt Fitzgerald seine Vorstellung eines „emotionalen Bankrotts“. Diese persönliche Abhandlung gilt als wichtigstes Dokument für die Lebenskrise Fitzgeralds.

Diesen Niedergang von F. Scott Fitzgerald beschreibt Stewart O’Nan anhand der letzten Jahre, die Fitzgerald in Hollywood verbracht hatte, um sich dort als Lohnschreiber in den dortigen Studios zu verdingen. Geschuldet war dies seiner prekären finanziellen Situation. In seiner romanhaften Biografie „Westlich des Sunset“ unternimmt Stewart O’Nan den heiklen Versuch diese angespannten Jahre zu bebildern, indem er einen Erzähler in der dritten Person benutzt, der die Gedanken von Fitzgerald reflektiert. Wieder ein Buch, das sich in die vielstimmige Sekundärliteratur über F. Scott Fitzgerald einreiht, mag man denken. Auf diesen Einwurf hat Stewart O’Nan auf  einer Lesung in Stuttgart gesagt, dass Sekundärliteratur immer die Perspektive von  anderen aufzeigt. Von Freunden, Briefpartnern und Zeitgenossen. Keine zeigt den Blickwinkel des Protagonisten. Dies aber hat ihn interessiert. Die Gefühls- und Gedankenwelt von Fitzgerald aufzuzeigen. Beschreiben wie es war. Durch diesen Kniff, einen Erzähler zu bemühen, wollte er näher an Fitzgerald sein, seine Emotionen zeigen. Aber, was im Menschen Fitzgerald passiert und vorgegangen ist, weiß man nicht. Alle Biografien können nur Annäherungen an den Menschen Fitzgerald sein. Gereizt hat ihn, die neue Lebenssituation von Fitzgerald zu beschreiben. Den Frondienst und die Demütigungen, die er erfahren hat. Der gefeierte Schriftsteller als Lohnschreiber von Drehbüchern und konfrontiert mit einer neuen Liebe.

Seine Jahre in Hollywood fingen mit seiner Ankunft im Jahr 1937 an, ausgestattet mit einem lukrativen Vertrag von MGM, und dauerten bis zu seinem frühen Tod durch einen Herzinfarkt im Alter von 44 Jahren. O’Nan benutzt zur Beschreibung dieser Jahre auch die Menschen, mit denen Fitzgerald  Umgang hatte und Ereignisse, die die Person Fitzgerald am besten beschreiben: Fitzgeralds Umgang mit seinen Kumpanen wie Humphrey Bogart, Ernest Hemingway, von dem auch der Satz stammt, Fitzgerald habe seine Gabe verraten, Aldous Huxley, Anita Loos, Dorothy „Dottie“ Parker, mit ihren spritzigen Bonmots und ihr Mann Alan Campbell und Marlene Dietrich. Seine intensive Liebe zu der jungen, blonden Gesellschaftsreporterin Sheilah Graham, die sich präsentierte, als ob sie von der englischen Upper Class abstammte aber als Lily Sheil in einem Londoner Slum geboren wurde. Die nutz- und sinnlose Arbeit als Drehbuchschreiber in seinem Büro wird penibel aufgezeichnet. Schlussendlich taucht sein Name nur bei einem Film im Abspann auf.

F. Scott Fitzgerald war schon zweimal vor 1937 in Hollywood gewesen, jeweils als ein ganz anderer Mensch. Beim ersten Mal hatte er triumphal in die Stadt Einzug gehalten, das goldene Wunderkind und seine Flapper-Braut, die wilde Zelda. Eine der Ikonen jener Zeit, eine junge Frau, die kurze Röcke und kurzes Haar trug und selbstbewusst ihr Leben lebte. Beim letzten Mal schlich er sich in die Stadt an den Reportern vorbei, um die kranke Zelda zu besuchen. Und jetzt ging er anonym in der Menge der Reisenden unter. Kein Empfangskomitee erwartete ihn.

F. Scott Fitzgerald war auf der einen Seite ein perfektes aber auch ein abschreckendes Aushängeschild für Hollywood. Sein jugendlicher Ruhm verlieh ihm eine scharfsinnige Sicht auf diese seichte, flitterhafte Stadt. Diese Stadt, die trotz ihrer tropischen Schönheit etwas Reizloses, Hartes, und Vulgäres hatte, das so unzweifelhaft amerikanisch war wie die Filmindustrie. Aber gerade da er in den letzten drei Jahren seines Lebens dort gearbeitet hatte, war es auch ein trauriger Fall: ein von Schulden geplagtes Genie, ein Alkoholiker, der sich selbst verkaufte, um an zweitklassigen Drehbücher mitzuarbeiten. Hat man jemals von dem Film „A Yank at Oxford“ gehört? Kein Wunder, dass sein großer und unvollendeter Roman „The Love of the Last Tycoon“ die Romantik, die Illusionen und  Flitterhaftigkeit der Filmindustrie zum Thema hat.

Warum die Hollywood-Jahre? Auch dazu äußerte sich O’Nan in Stuttgart. Ihn reizte, den Niedergang nach dem Erfolg zu beschreiben. Auch den Wesenszug von Fitzgerald, den Glamour und die Nähe von erfolgreichen und berühmten Leute zu suchen. Teil dieser Glamourwelt, dieser abgeschiedenen Welt der Privilegierten zu werden und zu sein. Ein Leben lang hatte er sich von den ganz Großen angezogen gefühlt, in der Hoffnung, sein beflissenes Verständnis könnte ihm einen Platz unter ihnen einbringen. Aber auch die Angst vorm Schreiben, das Wissen um die Verschwendung seines Talents, dessen sich Fitzgerald auch bewusst war. Der exzessive Genuss von Drogen und Alkohol. Fitzgerald war für O’Nan zu dieser Zeit ein Außenseiter, bedingt durch seine Schulden und seine Heimatlosigkeit, der versuchte, in Hollywood einen neuen Weg für ein neues Leben zu finden. Aber auch das Kapitel Filmindustrie, das ja auch in diesen späten dreißiger Jahre in Hollywood geschrieben wurde und die Zeitgeschichte, die Politik, hier auch der spanische Bürgerkrieg, beschrieben durch die Aktivitäten von Hemingway und Parker, das Wissen, dass ein Krieg kommen wird, dieses Zeitpanorama, wollte er ebenfalls illustrieren.

Das Buch beginnt mit Fitzgeralds Besuch bei Zelda an ihrem 17ten Hochzeitstag, kurz bevor er nach Westen, nach Hollywood geht. Die Frau, die er trifft, ist in ihren späten Dreißigern und erinnert kaum an die legendäre Zelda. Gezeichnet von ihrer Krankheit, die O’Nan eine bipolare Störung nennt. Einmal fragt sich Fitzgerald, ob sie schon die ganze Zeit verrückt gewesen war und er das anziehend gefunden hatte. Zelda ist hager und verhärmt, einem alten Weib ähnlich, ihr Lächeln ruiniert durch einen abgebrochenen Zahn. Nachdem er nach Hollywood umgezogen war, fuhr er noch einige Male nach Osten, um sie zu besuchen, und jedes Mal notierte er, wie sich Zelda verändert hatte: Sie hat an Gewicht zugelegt, ihre Haare waren gefärbt in einem wenig schmeichelhaften braun, ihre altmodischen Kleider waren Zuwendungen des Sanatoriums. Er beobachtete sie nach Anzeichen. Ist sie stabil oder ist sie wieder dabei, den Erzengel Michael zu sehen? Sie gaben sich gegenseitig vor und auch vor sich selbst, dass sie irgendwann wieder zusammen leben würden. O’Nan überzeugt am meisten, wenn er über die herzzerbrechende Schuld berichtet, die Fitzgerald verspürt, wenn er daran denkt, auf wie viele Weisen er Zelda in den letzten Jahren verlassen hatte. Die Frage, ob er Zelda alleine lassen kann – diese Frage beschäftigt ihn und er hat Schuldgefühle, die ihn für den Rest seines Lebens quälten. Er hatte ein schlechtes Gewissen, als hätte er sie, so unmöglich es auch gewesen war, retten müssen. In einem Brief an Zelda im April 1938 schrieb er: „Wir waren einmal ein einziger Mensch, und ein bißchen wird es immer so bleiben.“ Auch erleichterte es ihn sehr, dass er Zelda nicht persönlich über den Entschluss, nach Hollywood zu gehen, informieren kann, sonder dies per Brief erledigte. Er schämte sich, ist hilflos, weiß um sein Scheitern.

„Natürlich. Ich bin der König, des Schiefgehens.“
„Und ich deine Königin.“
„Stimmt“, sagte er, denn obwohl der Thron viele Jahre lang leer geblieben und das Schloss, wie auch das Reich, längst zerstört war, war sie seine Königin. Trotz allem, was sie vergeudet hatten, würde er nie bestreiten, dass sie füreinander geschaffen waren.
Zelda Fitzgerald
Zelda Fitzgerald
So ein Dialog aus dem Roman oder an anderer Stelle: „Wir haben viel zu früh angefangen, schlechte Karten zu ziehen“
Der Knacks

In dem bereits angeführten Essay vom Februar 1936 „Der Knacks“ schrieb er: „Im Grunde ist alles Leben ein Prozeß des Niedergangs, aber die Schläge, die das eigentlich Dramatische dabei ausmachen – jene plötzlichen schweren Schläge, die von außen oder scheinbar von außen kommen, an die man sich erinnert, für die man die Dinge verantwortlich macht und über die man in schwachen Momenten auch zu seinen Freunden spricht -, diese Schläge zeigen ihre Wirkung nicht mit einem Mal. Es gibt noch einen andere Art von Schlägen, die von innen kommen und die man nicht spürt, bis es zu spät ist, etwas dagegen zu tun, bis einem endgültig klar wird, daß man als Mensch in dieser oder jener Hinsicht nie wieder soviel taugt wie früher. Die erste Art von Knacks kommt rasch, die zweite Art kommt, fast ohne daß man es merkt, aber dann spürt man es plötzlich um so mehr.“

Es muss ein Gefühl gewesen sein, als ob jemand einem den Teppich unter den Füßen weggerissen hätte. Im Alter von vierzig Jahren war er durch eine Reihe von Rückschlägen, die Fitzgerald eher als Pech betrachtete, zu einem Heimatlosen geworden. Da seine Tochter Scottie im Internat wohnte und Zelda im Sanatorium brauchte er keinen Haushalt mehr zu führen, eine Erleichterung, weil sich damit seine Ausgaben verringerten. Allerdings gab es jetzt keinen Ort mehr, an den sie zurückkehren konnten, und die Dinge, die ihnen am meisten bedeuteten, waren in muffigen Abstellräumen gelagert. Er hatte sich so weit wie möglich eingeschränkt, und dennoch reichte sein Geld nicht, um für die Klinik und Scotties Schulgeld aufzukommen, aber er weigerte sich – aus falschem Ehrgefühl oder schlichter Verblendung -, seine Pflichten zu vernachlässigen. Aber er staunte über seinen eigenen Sturz und seine Fähigkeit, sich dessen bewusst zu sein. Auch ein Gedanke, den O’Nan bei der Lesung ausführte. Warum war Fitzgerald zu jener Zeit aus der Mode gekommen? Hatte Hemingway mit seinem Bonmot recht, dass Scott seine Gabe verraten hatte? O’Nan meint, dass bedingt durch die Weltwirtschaftskrise und den dadurch verursachten Börsencrash, die Menschen andere Sorgen hatten, als sich um das Glamourpärchen, Scott und Zelda Fitzgerald zu kümmern. Das Leben dieses Pärchen war aus der Zeit gefallen.

Fitzgerald schreibt wiederum im Essay: „Nun kann ein Mann auf mancherlei Art kaputtgehen – zum Beispiel im Kopf, in welchem Fall ihm die Entscheidungsfreiheit von anderen abgenommen wird! oder körperlich. In Hollywood wurde ihm auf jeden Fall vorgeschrieben, an was er zu arbeiten hatte. Die Entlohnung war für einen Normalverdiener extrem hoch, sechs Monate für tausend Dollar die Woche aber die „Eiserne Lunge“, wie der Bürotrakt von MGM bei den Drehbuchschreibern hieß, verschlang auch so manchen Autoren. So hatte Fitzgerald im Laufe der Jahre beobachtet, wie Hollywood seine Freunde aus dem Osten verschlang, wie es ihre edleren Ambitionen untergrub und ihnen die Taschen füllte. Er schreibt dazu „…und wenn jemand mir einen Knochen mit genügend Fleisch daran hinwirft, werde ich ihm vielleicht sogar die Hand lecken.“
F.Scott Fitzgerald und Sheilah Graham
F.Scott Fitzgerald und Sheilah Graham
Und dann traf er die Engländerin Sheilah Graham, eine erfolgreiche Klatschkolumnistin. Obwohl sie blondes Haar hatte und diese zudem wellig waren, hätte sie Zeldas Zwillingsschwester sein können. Nach der Meinung O’Nans fand Fitzgerald in Sheilah, was er in seinem Buch „Der große Gatsby“ beschrieben hatte. Jemand, der sich selbst erschuf. Sheilah, so O’Nan, hat sich selbst erfunden. Von der proletarischen armen Auswanderin aus England, zu einer erfolgreichen Klatschreporterin Hollywoods. Mit Mut, Esprit, Witz und Intelligenz, smart, mutig und kräftig hat sie sich ihren Platz erobert. Sie war ihrer Zeit voraus und war die stärkere von beiden. Fitzgerald konnte sich nie aus dem Zwiespalt zwischen Zelda und Sheilah lösen. Dazu dürften auch die Briefe beigetragen haben, die Zelda ihm zukommen ließ, so wie der vom März 39: „Liebster, ich bin immer dankbar für all die Loyalität, die Du mir gegenüber bewahrt hast, und ich bleibe immer den Begriffen treu, die uns so lange zusammengehalten haben: dem Glauben, daß das Leben tragisch ist, daß der geistige Lohn eines Menschen im Festhalten an seinem Glauben, wir sollten einander nicht verletzten, besteht. Und ich liebe, immer, Dein schönes schriftstellerisches Talent, Deine Toleranz und Großzügigkeit und alle Deine glücklichen Begabungen. Nichst (sonst) könnte unser Leben überdauert haben.“
Die Liebe des letzten Tycoon

Neben seiner Liebe fand Fitzgerald auch wieder zum Schreiben. Neben zahlreichen Short-Stories, die er wegen seiner Geldnot schrieb, fing er wieder an einem neuen Roman an, den er nicht fertig stellen konnte, ihm aber neue Hoffnung gab. Ihm aber gleichzeitig bewusst machte, dass er viel Zeit verschwendet hatte. So schrieb er, ebenfalls im Herbst 39 an Zelda: „Den ganzen Tag habe ich an einem Roman gearbeitet, bei dem die Herausgeber der Zeitschrift mich zu fördern bereit sind, wenn ihnen die ersten zwölftausend Wörter gefallen. Es sieht aus, als könnte es die Rettung sein, und ich lege alles, was ich habe, hinein.“

Es scheint, als ob das komplette Scheitern Fitzgeralds, sein Absturz durch Alkohol, ihn soweit zurückgeworfen hatte, dass er wieder zu sich selbst gefunden hatte. Und so konnte er am 23.10.1940 wiederum an Zelda schreiben: “ Ich stecke tief in meinem Roman, ich lebe darin, und er macht mich glücklich. Es ist ein konstruierter Roman wie Gatsby mit Passagen poetischer Prosa, wenn sie zur Handlung passen, aber keinen Grübeleien oder Nebenepisoden wie in Tender. Alles muß zur dramatischen Bewegung beitragen.“

Stewart O'Nan
Stewart O’Nan

Die schönsten Passagen des Romans „Westlich des Sunset“ liegen nicht nur in den eleganten beschreibenden Abschnitten und den lebhaften Berichten über Hollywood auf seinem Höhepunkt, sondern auch im Ton des Romans. O`Nan hat durch die Benutzung  von Fitzgeralds Briefen und Werke einen Hintergrund geschaffen, der die Verfassung und die Seelenqualen Fitzgeralds widerspiegelt. Der Leser wird in eine Welt versetzt, in der Fitzgerald zu einer menschlichen Figur wird – angenehm, talentiert, schwach, sich ganz seinem Talent widmend und darin sorgenfrei sein kann. Man merkt diesem Buch an, dass O’Nan seine Figuren liebt, er die Menschen mag über die er schreibt und sie nicht verachtet oder sich über sie lustig macht in ihrem Bemühen um ein aufrechtes Leben.

Was fasziniert Stewart O’Nan an dem Autoren Fitzgerald. Darauf antwortet er: „Mir gefällt die Figurenbeschreibung, die Komik von Fitzgerald, das Positive in seinem Schreiben, die Musik seiner Sprache und die Emotionen. Das präzise, elegante und konzentrierte Schreiben und die Spannbreite seines Schaffens.

Veränderung ist die einzige Konstante in diesem Roman. Von Fitzgeralds kurzlebigen Drehbuchentwürfen bis zu den in die Jahren gekommenen Filmstars, der Zerfall von Zelda. Die ganze Welt scheint dem Schicksal verfallen zu sein, zu verschwinden. O’Nan beschreibt das Gefühl eines freien Falls, den unkontrollierbare Veränderungen mit sich bringen können. Zitat aus „Der große Gatsby“ – „So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.“

Westlich des Sunset
Stewart O`Nan
„Westlich des Sunset“ („West of Sunset„)
Übersetzer: Thomas Gunkel

Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Ein ausgebuffter Western

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick       von Joe R. Lansdale

Helden im Überfluss. Flüche, die wild durch die Gegend fliegen. Nonchalant erzähltes Grauen. Trockener, beißender, gelegentlich auch schwarzer Humor, fließt so frei und ungestüm wie Blut über die Seiten dieses Romans und es gibt sogar Raum für romantische Liebe. Basierend auf einer wahren Geschichte bietet dieser Western der besonderen Art ein starkes Gemenge aus geistreicher Schlagfertigkeit und stürmischer Schlacht. Zwischen all diesem wahren Leben eines Draufgängers namens Nat Love mögen sich auch ein paar Unwahrheiten eingeschlichen haben. Aber wer möchte das wirklich wissen. Ist dieser Roman doch wahre Unterhaltung mit einem Humor, der bisweilen die Schwärze eines Grabes annimmt.

Oder wie Willi Jackson, genannt Nat Love, auf der ersten Seite des Buches erklärt: „Groschenromane wurden schon über mich verfasst, wobei manche behaupten, ich hätte den Namen Deadwood Dick, schwarzer Reiter der Prärie, bloß angenommen, um im Leben mehr herzumachen, und in den Geschichten ginge es gar nicht wirklich um mich. Das ist nicht wahr, auch wenn die Romanschreiber in diesen Heften verdammte Lügen verzapft haben, und das will ich jetzt endlich von Anfang bis Ende richtig stellen.“

Lansdale erzählt die Geschichte eines Mannes, der als Sklave vor dem amerikanischen Bürgerkrieg geboren wurde und aus dem der sagenumrankte Deadwood Dick wurde; der wahre Deadwood Dick. Wer war dieser legendäre Westernheld? Er könnte einer von vielen gewesen sein. Oder eine Melange aus ihnen. Oder alle. Oder vielleicht keiner von ihnen, vielleicht ein rein fiktionaler Charakter, der nicht nach dem wirklichen Leben gezeichnet wurde.

Und das ist die Geschichte von Deadwood Dick im Roman von Joe R. Lansdale: Es beginnt in Piney Woods Country, als der fast 20jährige frühere Sklave namens Willie Jackson eines Tages einen verstohlenen Blick auf den gut verhüllten Hintern der Dame des Bezirks (manche sagen auch: die Hure), die zufällig eine Weiße ist, wirft. Das ist die Todesstrafe für einen jungen Schwarzen in jener Zeit und an diesem Ort. Ihr Mann, Sam Ruggert, ein verbitterter Trunkenbold, sieht die auf seine Frau gerichteten Augen von Willie. Gerade rechtzeitig gelingt es Willie einem Lynchmob zu entkommen. Von einem Augenblick auf den anderen schaffte er es nicht nur, sich, aufgrund eines Missverständnisses, in Schwierigkeiten zu bringen, sondern begeht auf seiner Flucht auch noch einen Pferdediebstahl. Sein Vater verhilft ihm zur Flucht, jedoch, letztendlich, sein Vater und, als Zugabe, das Familienschwein gehen in Rauch auf, umgebracht durch die Hände einer empörten Meute weißer Männer. Auch Willie wäre gefangen und getötet worden, wäre da nicht der weiße Mann Tate Loving gewesen, mit dem er sich anfreundet. Tate Loving, ein ehemaliger weißer Prediger und Bürgerkriegsveteran, gibt ihm auf seiner Farm Schutz. Bei ihm lernt der ausgerissene Arschgaffer, nebenberufliche Pferdedieb und aushilfsweise Farmarbeiter, schreiben und lesen, schießen und reiten wie ein Comanche. Schließlich bricht Willie weiter nach Westen auf, als er von einem Reisenden wiedererkannt wird und befürchten muss, dass dieser ihn an Ruggert verrät. Dieser Ruggert hat einen Steckbrief auf seinen Namen ausgestellt und eine Belohnung ausgeschrieben. Denn, wenn es um Schwarze geht, haben Weiße ein gutes Gedächtnis für unwichtige Sachen. Auf der Suche nach seinem Schicksal nimmt er einen neuen Namen an: Nat Love, abgeleitet aus dem Namen seines Wohltäters.

Nat Love reitet schließlich nach Westen, wo es eine Armee der Schwarzen geben soll. Er landet im Fort McKavett, und schließt sich den Buffalo Soldiers an. Buffalo Soldiers, so werden die schwarzen Soldaten der US Kavallerie von den Indianern genannt, weil die krausen Haare der Soldaten sie an Büffelfell erinnern. Dies tut er zusammen mit einem anderen Schwarzen namens Cullen, den er unterwegs trifft und der sein Weggefährte und Freund wird. Das Credo von Cullen ist, dass er jemanden braucht, einen, „der mir sagt, was ich machen soll“ und so hat er beschlossen, dass die Armee das Richtige für ihn ist. Nachdem die beiden nach der Ausbildung im Fort als einzige einen haarsträubenden Apachenhinterhalt überleben, beschließen sie, das Soldatenleben hinter sich zu lassen. Auf ihrem weiteren Ritt treffen sie auf vier Chinesinnen, mit denen sie weiterziehen und es sich gut gehen lassen. Oder wie es ihm Buch heißt: „vier Chinesinnen geliebt, alle in derselben Nacht und demselben Wagen.“ Bis sie in Deadwood landen.

Todesanzeige von Wild Bill Hickock
Todesanzeige von Wild Bill Hickock

In Deadwood trifft er auf Wild Bill Hickock, rettet ihm das Leben und verliebt sich in Win Finn, deren erster Kuss ihn von der Erde in den Himmel hob. Ihn in das Paradies entführt. „Paradise Sky“, so lautet auch der Originaltitel. Er ist dabei, als Hickock beim Pokerspielen ermordet wird und schließlich kommt er dort auch zu seinem Nicknamen, nachdem er im Roman ein Wettschießen, in der „wirklichen“ Welt ein Mustangreiten, Lassowerfen und einen Schießwettbewerb gewonnen hatte. Dies fand am 04.07.1876 statt, nur wenige Tage später, nachdem General Custer die Schlacht am Little Bighorn verheerend verloren hatte.

Deadwood
Deadwood

Doch die Bürgerwehr, die weiße Meute, bestehend aus Kopfgeldjägern und feigen, hinterhältigen Schurken, sind ihm weiter auf den Fersen und nicht mehr fern. Angeführt von dem hasserfüllten Ruggert überfallen sie Nat Love und Win Finn, verüben rigoros schreckliche Rache an denen, die Nat liebt, treiben den Cowboy wieder in die Prärie, wo er nicht nur Ruggert gegenübertreten muss, in dessen hasserfüllten Kopf „der Süden wieder aufersteht“, sondern er muss sich auch den Fragen an seinen tiefen Glauben, an die Natur von Gott, den Wert des Lebens und die Grenzen der Rache stellen. Aus dem Gejagten wird ein Jäger. Dabei trifft er auf den schwarzen Prediger Luther Pine, der mit seiner Tochter Ruthie und seinem Sohn unterwegs ist und Nat Love zu ihrem Schutz anheuert, da es durch das Indianergebiet geht. Nat verliebt sich in Ruthie, fühlt sich aber noch an Fin gebunden. Er plant seine eigene Rache an dem Mann, der ihm sein Glück gestohlen hatte. Nat wird zu einem der Deputy Marshals von Judge Parker, einem Richter in Fort Smith, Arkansas, der für seine Härte legendär war und der sich den Namen „Hanging Judge“ verdiente. „Gibt’s denn schwarze Marshals?“ „Bei Judge Parker  schon. Der da ist der härteste und beste Marshal überhaupt, egal ob schwarz oder weiß, rot oder braun. Er heißt Bess Reeves.“

Nat Love aka Deadwood Dick
Nat Love aka Deadwood Dick

Zwei Vaterfiguren spielen eine Rolle in Nats Leben: Tate Loving und Luther Pine. Beides Prediger. Tate, ist Christ aber ohne diesen ganzen Christenquatsch. Seine Sicht von Gott ist, „dass Gott kein Liebender ist. Er ist wie ein großer Uhrmacher, und wir sind das Innere seiner Uhr, und die Erde hier, auf der wir stehen, ist das rutschige Ziffernblatt. Gott hat die Uhr fertig gebaut und aufgezogen, und als sie getickt hat, hat er sich zurückgelehnt und gesagt: „Na dann, viel Glück ihr armen Schweine, ich bin nämlich fertig hier.“ Luther dagegen nimmt die Bibel nicht so wie sie ist. Seine Position ist, dass er (Gott) uns im Leben hilft. „Vielleicht nicht so, wie wir’s wollen und wann wir’s wollen. Ich weiß, manchem fällt es schwer, das zu akzeptieren, aber ich glaube, dass es einen übergeordneten Plan gibt. Ich denke, er hat ihn festgelegt, aber nicht in Stein gemeißelt. Wir können den Plan verändern, es besser machen oder schlechter.“ Zwischen diesen beiden Polen muss Nat seinen Weg finden.

Die Abenteuer von Nat erinnern einen an die von Huckleberry Finn, nur ist er im wahren Westen, seine Wege kreuzen sich mit wirklichen Personen wie Calamity Jane und Wild Bill Hickock, Bess Reeves, Judge Parker und erfundenen Personen wie Burned Man, Big Boy, Bronco Bob und Prickley Pear, nicht zu vergessen ein Pferd namens Satan. Jeder hat seine eigene Geschichte, die sie Nat erzählen, der geduldig zuhört. Eine dieser Geschichten erzählt Luther Pine, der als Jugendlicher aus Missouri flüchten musste, nachdem er einen weißen Kopfgeldjäger erschossen hatte. Dieser hatte von Luthers Vater verlangt seinen Sohn auszupeitschen, weil dieser eine Pistole gestohlen hatte. Sein Vater wurde dabei verletzt und Luther brachte ihn zu einer alten schwarzen Frau, die als Heilerin bekannt war. Von einem Hügel aus konnte er zu seinem Entsetzen beobachten, wie die Frau, nachdem sie die Hütte verlassen hatte, wieder zurückkam. „Dicht hinter ihr kamen Männer mit Laternen, einige auf Pferden, andere zu Fuß. Sie gingen zur Hütte, und da wusste ich, dass sie uns verraten hatte. Sie zerrten ihn raus. Er wurde buchstäblich herausgeschleift. Sie legten ihm einen Strick um den Hals, suchten einen Ast und zogen ihn rauf. Sie haben ihm nicht das Genick gebrochen, wie beim richtigen Erhängen, sie haben ihn stranguliert. Wahrscheinlich hat sie einen Schinken und eine extra Kelle voll Mehl von ihrem früheren Herrn bekommen.“

Deputy US-Marshals 1893
Deputy US-Marshals 1893

In einem Beitrag für seinen Verlag Muholland, schreibt Joe R. Lansdale unter anderem darüber, wie er zu der Idee kam, „Paradise Sky“ zu schreiben. Er wollte über die wahren Erfahrungen der Schwarzen im Westen schreiben und zur gleichen Zeit, die Geschichte größer machen als das Leben. Lansdale hatte auch die Autobiographie über das Leben im Westen eines schwarzen Cowboys namens Nat Love gelesen. Die Erfahrungen Nat Loves waren ohne Zweifel von den „Dime“ Romanen jener Zeit beeinflusst, so dass die Geschichte mit Vorbehalt gelesen werden musste. Aber seine Geschichte ist heroisch und es ist deutlich, dass er sein Geschäft kennt, wenn er beschreibt, wie er ein Cowboy geworden ist. Nat kannte die Welt seiner Zeit und er war in der Lage, sie so in Worte zu kleiden, dass man sich in diese Welt zurückversetzt fühlte. Es war die Art von Buch, das Lansdale schreiben wollte. Und noch besser – es war ein Buch von einem tatsächlichen schwarzen Cowboy. Nat Love tat die gleichen Sachen, die viele Weiße getan haben. Er nahm Körnchen vom Wahren und formte es in eine Art „Bastardprodukt“, das beides beinhaltet, die Wirklichkeit und gottverdammte Lügen.

Bass Reeves Deputy US-Marshal
Bass Reeves US-Marshal

Lansdale hatte Fakten über den Wilden Westen aus jener Zeit in der Hand, aber liebte die Art und Weise, wie Nat eine Geschichte erzählte. Lansdale wollte, dass sein Roman beinahe mythisch wird. Lansdale war elf Jahre alt, als er zum ersten Mal die „Ilias“ und „Odyssee“ von Homer las und danach alle griechischen Sagen verschlungen hatte. Dieses Durchstreifen der epischen Abenteuer von Göttern und Helden, traf ihn mitten ins Herz. Er dachte Jahre lang daran, ein Ausdrucksmittel für einen Roman über die Erfahrungen der Schwarzen im Westen zu finden, der mystisch oder legendär sein sollte. Als Lansdale in seinen späten Zwanzigern war, nahm die Idee, dies mit einem realistischen Hintergrund zu verbinden, Formen an und es war der Weg, den er beschloss zu gehen. Mehr Wirklichkeit als Mythos und anstelle der griechischen Form der Sagen wählte er die Sprache der Pioniere, so wie sie von Nat Love und den „Dime“ Groschenromanen benutzt wurde.

Überall in „Paradise Sky“ gibt Joe R. Lansdale, der Meister des Geschichtenerzählens, Lektionen darüber, wie mit schlichtem, gutem alten Schreiben Standpunkte, Ton, Handlung, Ironie und Personenentwicklung zu bändigen sind. Lansdale spielt mit den alten Wild West Klischees angefangen von unmöglichen Gewehrschüssen, wilden Indianern, ohne dabei aber die Kritik an der Besiedelung des Westens außer acht zu lassen. Und natürlich mit schönen und klugen Frauen, die ihren Mann stehen.

Das Schlusswort gehört nun Nat Love: „Und das hier ist, was passiert ist, bis dahin, wo ich’s erzählt hab. Wie ich Deadwood Dick geworden bin, und das allermeiste davon ist so wahr, wie’s gerade ging, wenn man bedenkt, dass keiner langweilige Stellen mag.“

 

Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des DEADWOOD DICK                               (Originaltitel: Paradise Sky)                                                                   Tropen Verlag 2016; Übersetzer: Conny Lösch

Cover
Cover

 

Der Lasermann von Gellert Tamas

Grenzenloser Hass

„Der Lasermann“ von Gellert Tamas

Als Truman Capote 1965 sein Buch „In Cold Blood“ veröffentlichte, den er im Untertitel „Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen“ nannte, schuf das einstige Wunderkind der amerikanischen Literatur damit einen Welterfolg. Er nannte seinen Roman einen „nichterfundenen Roman“ (nonfiction novel). „Es ist eine eigenartige Mischform“, sagte er darüber, „ich glaube, es ist eine große, unerforschte Kunstgattung.“ Kritiker stritten darüber, ob er tatsächlich eine neue Gattung eingeleitet hat oder ob es sich hier um einen „auf sein spezifisches Talent zugeschnittenen Sonderfall, der sich nicht beliebig wiederholen läßt„, handelt, wie es der Kritiker G. Blöcker einmal ausdrückte.

Inzwischen haben die Nonfiction Novels und darunter auch die sogenannten True Crimes eine breite Leserschaft gewonnen. Es gibt kaum ein aufsehenerregendes Verbrechen, dem nicht bald ein Buch folgt. Im Jahr 2007 hat der „Militzke-Verlag ein Buch des schwedischen Journalisten Gellert Tamas veröffentlicht. Und dieses Buch ist aktueller den je. Es ist die Geschichte des schwedischen Einwandererkindes John Ausonius, der im Winter 1991/1992 ganz Stockholm in Angst und Schrecken versetzte. Dieser „nicht imaginäre Roman“ ist die Geschichte über das Leben und den Tod von Menschen. Zehn Menschen, alles Einwanderer mit dunkler Hautfarbe werden verletzt, einige davon schwer. Ein Mensch wird getötet. Und es ist die Geschichte des Täters, John Ausonius, ein Kind von Einwanderern – einer Deutschen und eines Schweizers. Ausonius, der eigentlich als Wolfgang Alexander John Zaugg geboren wurde, hatte eine Vergangenheit mit Höhen und Tiefen. Er wurde als Kind wegen seiner schwarzen Haare gehänselt, besuchte  die Deutsche Schule in Stockholm (eine Eliteschule), brach die Schule ab, schlug sich als Filmvorführer und Gelegenheitsarbeiter durch, schrieb sich an der Technischen Universität ein, wurde reich im Optionshandel und verlor auch alles wieder an der Börse. Um seinen Lebensstandard zu halten, verübte er zehn Banküberfälle. Und verspielte alles beim Roulette.

"Ich drückte ab und fühlte, dass ich einen Schritt zu weit gegangen war, dass ich ein schlechter Mensch war, das...ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Ich hatte ganz einfach einen Schritt in die falsche Richtung gemacht."

Stockholm

Und es ist eine Geschichte, ein Buch über Schweden, über Rassenhass und Politik. Beschrieben wird der Aufstieg der rechtspopulistischen Partei „Ny demokrati“ und ihren Zerfall. Die Partei verstand sich darauf, Strömungen in der Gesellschaft zu erkennen. Viele waren in Angst wegen der Rezession, die Schweden mit ganzer Kraft getroffen hatte. Die Sozialdemokratie schien nicht mehr über die selbstverständlichen Antworten zu verfügen. Viele waren gewillt, auf jemanden zu hören, der einfache Lösungen für komplizierte Probleme versprach. Im Dunstkreis dieser politischen Stimmungen wird die Entwicklung des Rechtsradikalismus in Schweden aufgezeigt.

Minuziös, mit klinischer Exaktheit, wird das düstere und blutige Ereignis in seine einzelnen Phasen zerlegt, analysiert und rekonstruiert. Der Bericht ist von strenger Genauigkeit, er baut sich allein auf Begebenheiten und Dialogen auf. Das Buch stützt sich auf reichhaltiges Quellenmaterial, darunter auch Gespräche mit dem Täter, die allein 700 Seiten umfassen. Man spürt, das protokollhafte, was auch daran liegen mag, dass die Kapitelüberschriften mit Datum versehen sind. Nichts scheint Erfindung zu sein, alles ist belegt, was man den Anmerkungen am Schluss des Buches entnehmen kann. Das Ergebnis könnte also genau so banal sein wie eine ausführliche Polizeiakte. Aber indem er die Lebensgeschichte des Täters, seine Träume und Sehnsüchte, seine Hassgefühle, seine Komplexe, die Scheidung der Eltern, die Schläge der überforderten Mutter und deren wechselnden Männerbekanntschaften, seine latente Homosexualität und die daraus resultierende Kontaktscheue – sein alltägliches Leben also, beschreibt, verwandelt sich dieser Bericht in den gelungenen Versuch einer psychologischen und psychiatrischen Erklärung.

Auch die „allgemeinen, durchschnittlichen“ realen Menschen sind nicht einfach. Jeder von ihnen hat die Spannweite der – erfundenen – Gestalten, die die Literatur bevölkern. Der Autor entschuldigt nicht, er klagt nicht an, er richtet nicht. Er ist ein genialer Untersucher, peinlich genau, geduldig und menschlich. Nur ab und zu schimmert durch, auf welcher Seite seine Sympathien liegen. Nicht ohne Gespür für den Humor, wenn auch manchmal tragischen, der in manchen Situationen liegt. Ihm ist es zu danken, dass aus diesem Ereignis ein Meisterwerk wurde: Eine Geschichte über einen Menschen, der an sich zerbricht und über eine Gesellschaft, die Gefahr läuft, ebenso zu zerbrechen.

Die Tage, Wochen und Monate, die dem Schrecken jenes Freitags im August 1991 folgen, als der erste Anschlag verübt wurde, werden von Gellert Tamas peinlich genau geschildert. Die panische Furcht, die sich der Nachbarn und der Freunde der Opfer bemächtigte, den Verdacht, das Misstrauen, das Gefühl der Einwanderer Freiwild zu sein, den Umgang mit den Opfern durch die Behörden, die Presse und die Polizei. Die Familien, die sich beim Anbruch der Nacht hinter verschlossenen Türen verbergen, die Nachts nicht mehr allein ausgehen oder nur noch in Begleitung.

Erst nach dem dritten Anschlag beginnen die Ermittler im Gewaltdezernat an einen Zusammenhang zu glauben. Die Angriffe führten zu Schwedens zweitgrößter Polizeiaktion nach der des Mordes an Olof Palme 1986. Zeitweise arbeiten fast 50 Polizisten in Stockholm an dem Fall, weitere 10 an dem Mordversuch in Uppsala. Zu dieser Zeit kam es auch zu Bombenanschlägen in Stockholm, Anschläge auf Asylantenheime, so dass zeitweise Hunderte von Polizisten an diesen Fällen mit rechtsradikalem Hintergrund ermittelten. Und gleichzeitig wurde, zum ersten Mal in der schwedischen Kriminalgeschichte, bei der Jagd auf einen Mörder ein Täterprofil erstellt.

Die Spannung, die Gellert Tamas hervorruft, ist vollkommen, obwohl der Leser von Anfang an weiß, wer der Täter ist und was seine Motive sind. Der Leser weiß was geschehen ist, warum und wie.

Stockholm

Es ist ein Bericht über die „Reise ans Ende der Nacht“ von John Ausonius. Dies ist wahrhaftig eine Reise ans Ende der Nacht, eine wirklich erlebte. Psychologischer Bericht, Kriminalroman, Abenteuer, unerträgliche Politiker, alles findet der Leser hier vereint. Ja sogar komische, tragisch- komische Episoden. Wir lernen den Mensch, den Verbrecher kennen: seine dramatische Kindheit, seine jugendlichen Ambitionen, seine Indifferenz gegenüber dem brutalen Mord und den weiteren Opfern, sein harmloses Auftreten, seine geheimsten Gedanken, seine Sicherheit, straflos auszugehen, das Fehlen jeglichen Reuegefühls.

"Ich rechtfertigte die Anschläge damit, dass es Einwanderer waren, dass es politisch falsch war, sie hereinzulassen. Hätte ich Schweden erschossen, dann hätten alle versucht, mich zu schnappen. Alle! Schweden und Einwanderer! Niemand mag jemanden, der herumgeht und schießt. Ich wandte mich ja gegen die Einwanderer, weil es so viele gab, die sie nicht leiden konnten...vielleicht zwanzig, dreißig Prozent dachten ja wie ich, dass es zu viele Einwanderer in Schweden gab. Und es machte ihnen wenig, überhaupt nichts oder auf alle Fälle weniger."

Nun kann man sicherlich darüber streiten, wie das Erstarken der rechtsradikalen Parteien in Schweden Ausonius dazu brachte, seine Taten zu begehen. Oder ob er die vorhandene Stimmung gegen die Einwanderer in seinem verquasten Denken als Entschuldigung für sich adaptierte. Dieser Punkt, die von ihm gezogenen Parallelen zwischen dem Aufstieg der rechtspopulistischen Parteien in Schweden mit der Gesellschaft sowie der rassistischen Bewegungen, den Anschlägen auf Einwanderer mit deren Verbindungen zu Ausonius, wurde kritisiert. Einige Mal kommt auch der Mord an Olof Palme vor. So war zum Beispiel Ausonius auch im Dunstkreis der Verdächtigten im Mordfall Palme. Aber zu diesem Zeitpunkt war er wegen anderer Vergehen im Gefängnis,  so dass er für den Mord nicht in Frage kam.

Aber wenn man dieses Buch gelesen hat, so kann man nicht umhin, dieser These von Tamas, zum großen Teil zuzustimmen. Bedenklich stimmt auch seine Kritik an den Medien, die diese Stimmung durch ihre Berichterstattung noch aufheizten und an den bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien, die zuerst nicht wissen, wie sie mit den Rechtsparteien umgehen sollten und dann unbewusst oder bewusst dazu übergingen, ihnen nach dem Mund zu reden und Teile ihrer Forderungen zu übernehmen. Aus Angst, politischen Einfluss zu verlieren. Die Menschen, die Einwanderer blieben dadurch allein. Erstaunlich auch, wie sich Parallelen zu der Situation in Deutschland in der jüngsten Vergangenheit ergeben. Auch hier ein Anwachsen rechtspopulistischer Parteien, mit einem Versagen der bürgerlichen Parteien, der Medien, die meinen, auf diesen Zug auch noch aufspringen zu müssen, um die Macht zu erhalten.

"Außerdem war ich ja nicht der Einzige, der sie nicht ausstehen konnte. Es gab viele Schweden, die Einwanderer nicht mochten. Es gab ja auch eine gewisse politische Unterstützung. Neue Demokratie bekam ja massenhaft Stimmen. Deren Einwanderungspolitik war richtig. Die von neue Demokratie sagten frei heraus, dass sie die Einwanderer aus dem Land werfen wollten. Aber nicht aus rassistischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. Es wurde ganz einfach zu teuer. Außerdem wirkten sich die kulturellen Unterschiede immer stärker aus. Ich teilte deren Ansichten. Ich habe sie gewählt."

Solange solche Bücher geschrieben werden, kann die Frage, ob die „Nonfiction Novel“ eine eigene Kunstgattung ist, nur mit ja beantwortet werden. Und es bleibt zu konstatieren, dass „Cold Blood“ von Truman Capote kein Sonderfall ist. Er hat hier einen würdigen Nachfolger gefunden.

Im Zuge der Berichterstattung über die NSU Morde an ebenfalls ausländischen Mitbürgern wird auch auf viele Parallelen zwischen beiden Mordserien hingewiesen. Auf den Hass, die scheinbar willkürliche Auswahl der Opfer, die Kaltblütigkeit und das Agieren aus dem Untergrund. Auch dass der/die Täter mit dem Fahrrad zu den Banküberfällen oder zu den Tatorten gefahren sind. Das Wegschauen der Polizei und der Politik zu Beginn der Mordserien. Und die Gleichgültigkeit der Gesellschaft am Geschehen. Darüber schrieben zum Beispiel die „Berliner Zeitung“ und die „Stuttgarter Zeitung“. Und der „Berliner Zeitung“ gab Ausonius Jahre später ein Interview.
Der Lasermann Gellert Tamas
„Der Lasermann – vom Eliteschüler zum Serientäter: Ein Buch über Schweden“
von Gellert Tamas; Übersetzer: Erik Glossmann
Militzke Verlag, 2007
Leicht überarbeitete Fassung / Zuerst erschienen 2007 bei www.schwedenkrimi.de

 

Hermann Hesse

Öde des Lebens

Hermann Hesse in Esslingen am Neckar

Innere Brücke Esslingen
Innere Brücke Esslingen
Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen was von selber aus  mir  heraus wollte. Warum war das so sehr schwer? (Demian)1

Ob der junge Hermann Hesse, gerade einmal 16 Jahre alt, nachdem er, vermutlich nach dem Abendessen, die Zehentstrasse in Esslingen am 30. Oktober 1893 heimlich verließ oder sich noch verabschiedete, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob er seine bewegliche Habe mitnahm. Jedenfalls kehrte er nicht mehr in die Logis der Lehrersfamile Krauß zurück. Zwei Nächte blieb er verschwunden und meldete sich erst am 2. November in Stuttgart wieder. Und ob er diese Nächte, die sicherlich nicht warm waren, in den Weinbergen rund um Esslingen und Stuttgart oder am Neckar verbrachte, ist auch nicht bekannt. Und ob ihn diese Nächte, die er wahrscheinlich unter freiem Himmel verbrachte auch zu den Gedanken geführt hat, die er später in seiner Erzählung „Schön ist die Jugend“ festgehalten hat, wissen wir auch nicht:

„Bei Nacht im Freien unterwegs zu sein, unter dem schweigenden Himmel, das ist stets geheimnisvoll und regt die Gründe der Seele auf. Wir sind dann unserm Ursprung näher, fühlen Verwandtschaft mit Tier und Gewächs, fühlen dämmernde Erinnerungen an ein vorzeitliches Leben, da noch keine Häuser und Städte gebaut waren und der heimatlos streifende Mensch Wald, Strom und Gebirg, Wolf und Habicht als seinesgleichen, als Freunde oder Todfeinde lieben und hassen konnte. Auch entfernt die Nacht das gewohnte Gefühl eines gemeinschaftlichen Lebens; wenn kein Licht mehr brennt und keine Menschenstimme mehr zu hören ist, spürt der etwa noch Wachende Vereinsamung und sieht sich losgetrennt und auf sich selber gewiesen. Jenes furchtbarste menschliche Gefühl, unentrinnbar allein zu sein, allein zu leben und allein den Schmerz, die Furcht und den Tod schmecken und ertragen zu müssen, klingt dann bei jedem Gedanken leise mit, dem Gesunden und Jungen ein Schatten und eine Mahnung, dem Schwachen ein Grauen.“2

Wovor flüchtete der junge Hermann? Es war ja nicht das erste Mal, dass er davonlief. Dieser Flucht aus Esslingen nun gingen wenige Tage voraus, die Hermann Hesse in der Stadt verbracht hatte. Drei Tage insgesamt, wie es in den meisten Biographien steht. Wobei diese Tage in Hermann Hesses Leben den Biographen nur wenige Zeilen wert sind. So schreibt zum Beispiel Wilfried Setzler: „Eine Woche später erfolgte ein weiterer und vorerst letzter Versuch der Eltern, den Weg des Sohnes in die bürgerliche Existenz zu bahnen: eine Lehrstelle als Buchhändler in Esslingen. Nach drei Tagen bricht Hermann ab.“3 Die Vorgeschichte zu diesem Esslinger Intermezzo ist dagegen ausführlicher beschrieben worden. Esslingen ist wie ein Schlussstrich unter einer gescheiterten jugendlichen Existenz. Alle waren rat- und hilflos.

der junge Hesse

Später schrieb Hesse über diese Zeit in Maulbronn und Cannstatt: „Mehr als vier Jahre lang ging alles unweigerlich schief, was man mit mir unternehmen wollte, keine Schule wollte mich behalten, in keiner Lehre hielt ich es lange aus. Jeder Versuch, einen brauchbaren Menschen aus mir zu machen, endete mit Misserfolg, mehrmals mit Schande und Skandal, mit Flucht oder mit Ausweisung.“4  Die Vorgeschichte ist sattsam bekannt.

Das Scheitern in Maulbronn, die Aufenthalte in einer Nervenheilanstalt, eine unglückliche Liebe und einen Selbstmordversuch, dann Basel, um zur Ruhe zu kommen. Von dort erreicht dann auch ein Brief des Pfarrers Pfister, bei dem Hermann sich aufhält, die Eltern. Darin schreibt er: „Ich sagte ihm, ich glaube, es sei Zeit, dass er irgend in eine geordnete Tätigkeit, sei es theoretischer sei es praktischer Art komme. Langeweile und Ungewissheit nage an ihm und rege ihn auf mehr als Arbeit (…) Ob er denn überhaupt so aufs Studium versessen sei. Er meinte, das nicht, aber er möchte doch als Deutscher den Einjährigen erlangen. (Ein Beruf wie Buchhändler würde ihm auch einleuchten, wenn es nicht gut weiterginge).“ Und weiter: „Er kam dann auf das Gymnasium zu Cannstatt zu sprechen mit dessen Rektor Du bekannt seiest und in dem die Schülerzahl nicht zu groß sei; wo auch bei Herrn Rektor sich ein Platz finden würde.“5 So der Pfarrer Pfister an Johannes Hesse am 27.10.1892. Nur wenige Tage später war alles organisiert. Der Vater reiste nach Cannstatt und „brachte alles soweit ins Reine. H. soll bei Praezeptor Geiger wohnen mit 3 Anderen und kann eintreten sobald er will. Nun wird er in den nächsten Tagen heimreisen.“6 Hermann kann es aber abwenden, mit drei anderen Mitschülern ein Zimmer teilen zu müssen und zieht in das Haus gegenüber zu Frau von Montigel. Dort wird er seine Zeit in Cannstatt verbringen. Aber auch die Cannstatter Zeit ist nicht frei von Sorge und Ärger. Schon bald drängt es Hermann wieder, das Gymnasium zu verlassen, möchte die Prüfung früher ablegen. Ist unzufrieden und verzweifelt. Er suhlt sich in einer Art Selbstmitleid, schreibt unter anderem: „Turgenjeff  sagt, es gewähre einen angenehmen Schmerz, vernarbte Wunden wieder aufzureißen. So geht mir’s auch. (…) Doch einerlei, es macht mir Vergnügen, die Wunden aufzureißen: Ihr braucht’s ja nicht zu lesen“7 Ein Weltschmerz umflort ihn, den er auch seinen Eltern mitteilt: „Ich sitze da in Cannstatt und lebe und lerne, was sie da zu sorgen und zu bemitleiden. Wenn du glaubst, ich sei traurig über das letzte Jahr, über Enttäuschungen, Liebesschmerz; mich quäle die Reue wegen des Selbstmords, irrst Du Dich. Dass meine Ideale von Welt und Liebe und Kunst und Leben und Wissen etc. verknallt sind, darüber gräme ich mich wenig. Denn alle diese Träume, der Wunsch, geliebt zu sein, etc. waren ja unnötig und unsinnig.“ Und weiter: „Aber ich interessiert mich für nichts. Da schwatzt man Tag für Tag an mich hin, von Sprachen, Verfassungen, Kriegen, Völkern, Zahlen, Vermutungen, Forschungen, Kaisern, Kräften, Elektroskopen, und wie der Schund heißt – und ich höre zu; das Eine behalte ich, das Andre nicht und alles, alles ist mir einerlei.“8 Weiter schreibt er, dass ein weiteres Studium für ihn nicht in Frage komme, er kein „Studienrat oder so was werden, der das Privilegium hat, dumm zu sein und einen großen Bauch und seidne Weste mit goldener Uhrkette zu tragen“9 Am gleichen Abend, dem 20. Januar 1893 schreibt er an dem Brief weiter und es kommt noch dramatischer: „..heute Nachmittag hatt‘ ich wieder so einen häßlichen Anfall, wie seit Basel nimmer. Ich saß da und las im Eichendorff, da kam mit einem Mal der ganze alte böse (unleserlich) über mich, all das trübe Herzweh, der grüttelnde Liebesschmerz, die Erinnerung an alles, was ich in Boll erlebt. Ich nahm rasch einige Bücher, ohne Auswahl, und kaufte in Stuttgart dafür – einen Revolver. Und jetzt sitz ich wieder da und vor mir liegt das rostige Ding. –.“10 Sofort eilt die Mutter nach Cannstatt. Es wurde für beide keine gute Nacht. Hermann ist zornig und unglücklich. Die Mutter bleibt über Nacht, übernachtet in einer kleinen Kammer neben ihm. Am Sonntag morgen erkundigt sie sich bei den Lehrern über Hermann. Die finden nur Lob. Hermann tobt, schreit seine Mutter an und beschimpft sie, sieht seine Pläne, dass Cannstatter Gymnasium frühzeitig zu verlassen, gefährdet. Krank und hilflos, reist seine Mutter ab.

Doch schließlich und endlich kommt die befreiende Nachricht aus Cannstatt: Am 18. Juli 1983 schreibt Hermann Hesse in einem Brief an Johannes und Marie Hesse: „Das Examen ist, wenn auch nicht glänzend, bestanden! Mein Kopfweh ist seit drei Wochen in flore.“11

Hesse selbst schreibt über die Zeit in seinen kurzen biographischen Skizzen, die er gelegentlich verfasst: „8.11.1982 Eintritt ins Gymnasium in Cannstatt (7. Klasse). Pension Geiger. Arbeite bald fast nichts, außer mit Liebe Latein. Musik. Werde Sozialdemokrat und laufe ins Wirtshaus. Bier und Raisonieren. Lese fast nur Heine, den ich sehr nachahmte. Stehe mit Calw immer schlecht und mache in den Ferien Szenen“.12 So Hesse in seinen Aufzeichnungen „1899 – November 1902 in „Bagels Geschäftskalender“ vom 14.03. In einem anderen autobiographischen Beitrag von 1903 für Franz Brümmer und seinem Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten im Reclam Verlag in Leipzig schreibt er, nicht ohne geschickt Hinweise auf zwei seiner Bücher einzustreuen,  etwas ausführlicher: “ Herbst 1982 kam ich, nach monatelangen Herumsitzen (siehe Unterm Rad) ins Gymnasium Cannstatt, wo ich ein wenig länger als ein Jahr blieb, bis in die Obersekunda, aus der ich während des Schuljahrs austrat. Ich war in Sprachen, Geschichte etc. gut, das hielt mich, dagegen kam ich in der Mathematik, gegen die ich ganz gleichgültig war, nicht mit, und geriet damals in Kameradschaft mit den „Lumpen“ und übel angesehenen älteren Schülern, lernte die Abende verbotenerweise in Wirtshäusern hinbringen, tüchtig saufen etc. Einiges davon steht im „Demian.“13

Dieses Einjährig-Freiwilligen-Examen, nicht ohne Müh und Not und auch nicht ohne Ärger mit der Familie und der Vermieterin Montigel, in Cannstatt abgelegt, befreite den nun sechzehnjährigen Jungen gleichzeitig auch von einer dreijährigen Wehrpflicht. Hermann Hesse und seine Eltern standen  nun vor der Frage, wie es in seinem Leben weitergehen sollte.

Das Kopfweh, das Hesse in den letzten Wochen vor den Prüfungen heftig plagte, wie auch aus einem Brief von Lotte Geiger an Marie Hesse14 hervorgeht, nimmt dieser zum Anlass, Cannstatt erst einmal zu verlassen und zu seinen Eltern nach Calw zurück zu kehren. In dieser Zeit in Calw scheint er unbekümmert zu sein. So schreibt seine Mutter an Adele Hesse, die Schwester, am 15. August 1893: „Hermann ist ordentlich und traktabel, fischt, badet, spaziert doch auch mit hie und da, und raucht fast immer fort (…)15 In diesen Tagen scheint auch der Entschluss gefallen zu sein, dass Hermann Hesse ein weiteres Jahr in die Schule nach Cannstatt gehen sollte. Denn in diesem Monat August wurde mit der Vermieterin Frieda Montigel ein weiteres Jahr Aufenthalt vereinbart. Und so neigt sich die Ferienzeit seinem Ende zu. Hermann reist am 17. September 1893 wieder nach Cannstatt, um am 19. September wieder mit der Schule anzufangen. Aber schon die ersten Briefe nach Hause zeigen, wie unzufrieden und unglücklich der junge Hesse ist. Seine Laune ist verdorben und schlechtes Wetter bringt ihm sein Kopfweh und Rheumatismus zurück. Diese Briefe stehen aber im Kontrast zu den Briefen, welche die Eltern Hesses von der Vermieterin oder von dem Lehrer Geiger erhalten. Dort wird geschrieben, dass sie recht zufrieden mit dem Verhalten und Fleiß des jungen Hesses sind. Er sei heiter und freundlich und kommt der Hausordnung nach. Der Lehrer Geiger drückt aus, dass es ihn freuen würde, wenn es Hesse gelänge, „auch das neu begonnen Schuljahr mit Glück und Erfolg zu Ende zu bringen.“16

Aber dies sollte sich schon im Oktober ändern. Zuerst meldet sich Frau Montigel bei der Mutter Hesse: „Mit Hermann hatten wir etwas Sorge. Erst war er wieder aufbrausend, und dann aß er längere Zeit nicht, bis ihm natürlich ganz dumpf im Kopf war. Ach es ist dem armen Hermann so schrecklich schwer beizukommen.“17 Fast am gleichen Tag schreibt Hesse selbst an seine Mutter. Es ist ein dringlicher Brief, der die Eltern dazu auffordert nach ihm zu sehen, da ihm „von Tag zu Tag schrecklich Angst auch Sorgen und Schule und Arbeit und böse Worte; jeder Tag, den Ihr früher nach der Sache seht, ist mir Geldes wert.“

Dieser Brief setzt einiges in Bewegung. Der Vater versucht noch, seinen Sohn dazu zu bringen, in der Schule durchzuhalten, in der Klasse fortzukommen. Sie würden auch versuchen Erleichterungen in der Schule zu erreichen und er könnte auch einige Tage, einige Wochen in Calw verbringen, um wieder zur Ruhe kommen. Im gleichen Brief schreibt er aber auch: „Andrerseits legt sich auch der Gedanke einem nahe: wenn Dein Kopf auf die Dauer das Studium doch nicht aushält, solltest du dann nicht so bald als möglich etwas anderes anfangen, sage: in eine Kaufmannslehre oder so etwas eintreten? Vielleicht ließe sich sogar hier in Calw etwas finden.“18 Während die Bitte um Austritt aus der Schule immer drängender wird, suchen die Eltern nach einer Lösung. Diese findet nun David Gundert, der Onkel von Hermann. In einem Brief  vom 13. Oktober an  Johannes  Hesse  schreibt er: „In Eßlingen  ist der  Buchhändler  Mayer,  auf  den ich  große  Stücke  halte,  Sohn  eines  frommen  Lehrers, kleines Geschäft, guter Prinzipal, nur kann er Lehrling nicht im Haus haben, sondern in Lehrersfamilie daneben.

Die Maille-1904
Die Maille-1904

Wenn Hermann wirklich lernen will, so kann ich bei Mayer anfragen. Auf Handelsschule halte ich für einen Seminaristen wenig; das Nötige von Buchführung, Rechnen etc lernt sich leicht und schnell in einem rechten Geschäft. Anderseits will ich gar nicht von Kaufmannschaft abraten. Ein tüchtiger Kaufmann kriegt wohl besseren Gehalt als der Buchhändler. Also muss Hermann selbst sich entschließen. Nur mein ich, nicht nochmals (bis 17 1/2 Jahre) bloß theoretisch lernen.“19

Über den weiteren Inhalt des Briefes ist nic1hts bekannt, da die weiteren Seiten fehlen. Hermann, wohl froh, Aussicht auf einen Ausweg aus der Schule aufgezeigt zu bekommen, muss dem Vorschlag seines Onkels wohl zugestimmt haben. So schildert er es auch in seinen autobiographischen Skizzen: „Oktober 1983, kaum nach Beginn der achten Klasse, dränge ich zum Austritt, um Buchhändler zu werden. Trete Ende Oktober in Eßlingen ein, wo ich nur drei Tage aushalte“.20 In dem Beitrag für Franz Brümmer, klingt es schon etwas differenzierter: „Als ich mich im Gymnasium nicht mehr halten konnte, wurde ich in die Lehre zu einem kleinen Buchhändler nach Eßlingen geschickt…“21

Werfen wir nun einen Blick auf diese kleine Buchhandlung in Esslingen und ihre Geschichte. Die Buchhandlung Samuel Mayer wurde im Jahre 1800 in Esslingen als älteste Buchhandlung in ihrem damaligen Domizil, im Haus Innere Brücke 8 bis 10 gegründet. Die Innere Brücke, verbunden durch die Pliensaustrasse mit der Äußeren Brücke (Pliensaubrücke), war damals die Hauptstrasse in Esslingen. Über die Innere Brücke kam man auf die Ritterstrasse, von dort über die Küferstrasse und durch das Wolfstor wieder aus dem Esslinger Stadtkern hinaus. Hier, auf der Inneren Brücke unterhielt Samuel Mayer nun seinen Buchladen, als Hermann Hesse dort seine Lehre antrat. 1904 verkaufte Samuel Mayer die Buchhandlung an Eduard Paulus Senior. Von 1905 bis 1937 firmierte die Buchhandlung unter Samuel Mayers Buchhandlung, Inhaber Eduard Paulus, auf der Inneren Brücke 8 bis 10. Im Eckhaus Fischbrunnenstrasse 8 bis 10 präsentierte sich nach der Jahrhundertwende die Buchhandlung Franz Sigleur im rechten Laden des Gebäudes. Franz Sigleur – und vor ihm Wilhelm Hammer – firmierten ebenso wie Sigleurs Nachfolger August Stocker, als Rechtsnachfolger der 1870 von August Weismann am Hafenmarkt gegründeten Weismannschen Sortimentsbuchhandlung, die einige Jahre auch ihr Ladengeschäft im Gebäude Innere Brücke 7 hatte. Im Juli 1928 übernahm Eduard Paulus zusätzlich die Buchhandlung Stocker am Fischbrunnen (heute Postmichelbrunnen) und sicherte sich damit, neben seinem Hauptgeschäft im Gebäude Innere Bücke, einen weiteren Standort im Vorfeld der Inneren Brücke. Eduard Paulus Junior kam, als er bereits die Regie in der Buchhandlung Stocker übernommen hatte, bei einem Tieffliegerangriff im Jahre 1945 auf der Maille ums Leben. Danach übernahm Gottfried Paulus, ein Neffe von Eduard Paulus Senior, die „Vereinigten Buchhandlungen August Stocker und Samuel Mayers Nachfolger Eduard Paulus“, und zwar unter der Firmierung Stocker und Paulus. 1959 verließ die Buchhandlung das Gebäude Innere Brücke und beschränkte sich auf die Räume am jetzigen Standort.

Nun zurück in das Jahr 1893. Hesses Eltern, erleichtert, dass Hermann einen neuen Weg einschlagen möchte, ob nun freiwillig oder nicht, organisierten den Umzug von Hermann von Cannstatt nach Esslingen.. Hermann, noch in Calw auf Erholung, soll, wenn er auf Durchreise von Calw nach Esslingen ist, den Schlüssel des Koffers bei den Vermietern Montigel abholen und seinen Überzieher, Schirm und weitere Dinge noch mitnehmen. Das Bett und einen Koffer mit Büchern sind schon nach Eßlingen geschickt worden. Auch soll er nicht vergessen, den Hausschlüssel abzugeben. So schreibt Frieda Montigel an Marie Hesse am 18. Oktober.22

Wie überraschend und schnell diese neue Entwicklung in Hermann Hesses Leben eintrat und wie zügig alles organisiert wurde, geht aus einem Brief hervor, den die Mutter an die Schwester von Hermann, Adele am 19. Oktober schrieb: „..Ich muß nämlich am 25. Morgens nach Eßlingen mit Hermann, der jetzt einige Tage hier ist und der in eine Buchhandlung in die Lehre eintritt am 25. Das überrascht Dich wohl sehr, da es alles so gar plötzlich kam. Uns selbst ist’s auch eine Überraschung gewesen. Hermann schrieb, es gehe nicht weiter mit dem Lernen, er habe immer einen Druck im Kopf und sei nun bereit, sich einem praktischen Beruf zuzuwenden. Zuerst dachten wir dran, ihn hier in die Handelsschule gehen zu lassen, bis sich etwas für ihn zeigte. Onkel David aber schlug sofort das passendste Plätzchen vor und fragte auf unsre Bitte bei Herrn Buchhändler Mayer in Eßlingen an, der sich bereit erklärte, es mit H. zu probieren. So war ich am Sonntag in Cannstatt und ordnete den Abzug an. Die gute Frau Montigel war bitter enttäuscht, sie hat Hermann lieb und hatte gehofft, ihn durch ihre Bemutterung ganz zurecht zu bringen. (…) Ich fand Hermann mager und elend aussehend, er hatte in letzter Zeit keinen Appetit und oft Kopfweh. Der Rektor hatte sich über sein Schulversäumnis geärgert und wendete nichts ein gegen den Austritt.“23

Am gleichen Tag nun schreibt der Esslinger Buchhändler Samuel Mayer an den Onkel David Gundert: „Beifolgend übersende ich Ihnen den Lehrvertrag mit der Bitte, das Weitere gefälligst veranlassen zu wollen. Der von Hermann Hesse abgeschriebene und mit den nötigen Unterschriften versehene Lehrvertrag kann vom Lehrling bei dessen Eintritt mitgebracht werden.

Lehrvertrag
Lehrvertrag von Hermann Hesse

Es war mir ein Anliegen vor Gott, den richtigen jungen Mann als Lehrling zu bekommen, und so hoffe und wünsche ich, daß die von mir getroffene Wahl für beide Teile und in jeder Beziehung nur gut getroffen sein möge.“24

Wie viel Hoffnung, Spannung und Erwartung in diesen neuen Lebensweg ihres Sohnes die Eltern Hesses setzten, geht aus einem Brief der Mutter nur zwei Tage nachdem sie ihren Sohn nach Esslingen begleitet hatte, heraus. Sie schreibt: „In Gedanken gehe ich immer mit Dir um, besonders gestern morgen dachte ich so dran, wie Du ins Geschäft mußtest und hätte Dich am liebsten begleitet und Dir zugesehen bei allem.“25

Aber die Hoffnung wurde nach drei Tagen im Keime erstickt. Hermann Hesse brach die Lehre ab, verschwand und tauchte erst einige Zeit später in Stuttgart wieder auf. 1955 gab Eduard Paulus in der Eßlinger Zeitung einen Einblick, wie es dazu kommen konnte. „Der freiheitsdurstige und allem äußeren Zwang abholde junge Hermann Hesse und der pietistisch strenge Samuel Mayer paßten so wenig zusammen, daß die Eßlinger Lehrlingsherrlichkeit bald zu Ende war. Hesses Verhältnis zu Gott ließ sich eben nicht in das Reglement von Bibelstunden und dergleichen pressen.

In die rechte Gasse geht es zu Frau Oberlehrerin Krauß in der Zehentstraße
In die rechte Gasse geht es zu Frau Oberlehrerin Krauß in der Zehentstraße

Hingegen hat es dem jungen Dichter (…) beim Mittagstisch der Eßlinger Frau Oberlehrer Krauß in der Zehentstraße (heute Neubau Kögel) recht gut gefallen. In dieser Beziehung befand er sich damals keineswegs „unterm Rad.“26

Einmal im Plaudern gibt er noch eine weitere Anekdote preis: Im Hirsauer Pfarrhaus trafen Eduard Paulus als Pfarrerssohn und auch Hermann Hesse als Missionarssohn von Calw zusammen. Hermann Hesse, so erzählt Paulus, war ein kräftiger und nicht unbedingt nachgiebiger Bub, der einem jungenhaften Streithändel keineswegs aus dem Weg ging. „Jedenfalls weiß ich noch, daß er mir einmal unheimlich den Buckel verschlug“, lacht Herr Paulus verschmitzt. Ob es nur die zwei Jahre ausmachten, die Hesse älter war als er, oder ob Hesses kräftige  Statur und seine handfeste Konstitution den Ausschlag gaben, kann und mag heute unser Eßlinger Buchhändler Paulus nicht mehr entscheiden“.27

Wie sehr diese Flucht aus Esslingen die Familie erschütterte geht aus einem Tagebucheintrag hervor: „..David fand eine Buchhändlerlehre in Eßlingen; man lieferte ihn am 25. Oktober dort ein. Am 30. war er auf und davon, niemand wußte wo. Am 2. November tauchte er in Stuttgart auf. Johannes eilte hin, am 3. November und nahm ihn mit sich nach Winnenthal zu Dr. Zeller zur Beratung. Ich machte daheim Todesängste durch und konnte nur Gott erleichtert danken, als abends beide wieder heimkehrten. Hermann sollte sich bei uns erholen. O eine schwere bittre Zeit für unser ganzes Haus (…).“28

Mit Dr. Zeller aus Winnenden hatte der Vater schon am 01. November brieflich Kontakt aufgenommen, um Hermann zur Beobachtung dort zu lassen. Wie hilf- und ratlos die Eltern zu dieser Zeit waren geht aus dem Brief hervor: „Mein Sohn Hermann, 16 1/2 Jahr alt, scheint an „moral insanity“ zu leiden und ist vorigen Montag aus seiner eben erst angetretenen Buchhändlerlehre in Eßlingen durchgegangen, nachdem er schon 1892 aus dem Evangel. Seminar Maulbronn davongelaufen und dann im Cannstatter Gymnasium es auch nicht aushalten konnte. Ich hoffe, morgen mit ihm nach Winnenthal zu kommen im Gedanken, daß Sie ihn dann vielleicht zur Beobachtung dort behalten. Bitte, haben Sie die Güte, wenn ich komme, mich vorzulassen und den Jungen anzusehn. Wir wissen rein nicht, wohin mit ihm.“29

Am 4. November meldet sich dann der Buchhändler Mayer wieder bei Johannes Hesse. „Beim Einliefern Ihres Sohnes Hermann in mein Geschäft, war ich weit entfernt zu denken, daß sein Aufenthalt von so kurzer Dauer sein sollte. Wenn mir auch Herr Gundert die Eigenschaften, welche Hermann mitbringt, einigermaßen schilderte, so hatte ich doch keine Ahnung davon, daß dieselben in solcher Ausgeprägtheit vorhanden seien. Von dem hochgradigen Mangel an Willensfestigkeit bekam ich ja doch erst Kenntnis, nachdem sich, oder richtiger gesagt, dadurch daß sich Ihr Sohn entfernte. Denn in den wenigen Tagen seiner Tätigkeit bekundete er den jedem neueintretenden Lehrling eigenen Eifer. Abnorm schien mir nur die höchst unklare Handschrift Ihres Sohnes. Die einfachsten Wörter oder Namen konnte er z. B. mitunter nicht zu Papier bringen, ohne zu korrigieren. Diese Korrektur war dann wieder eine unklare Form von ineinander gefügten Strichen. In wie weit sich bei Hermann absolute Krankheit und Eigenwille, d. h. ein gegen die Ordnung sich auflehnender Sinn, vereinigt, ist auch mir vorerst nicht ganz klar. Dem sei nun wie ihm wolle, ich wünsche von Herzen, daß Sie an Ihrem Sohn künftig mehr Freude erleben möchten, als er Ihnen seither bereitet hat, und daß er von dem großen Arzt Leibes und der Seele gründlich kuriert werden möge. Einen Heimatschein erhielt ich bisher nicht; eventuell werde ich Ihnen denselben zugehen lassen. Den Lehrvertrag werde ich vernichten.“30

Zu Hermann Hesses Glück, verweigerte Zeller die Aufnahme des jungen Hesses in die Klinik und verordnete ihm Ruhe. Hesse kehrte zurück in den Schoß der Familie. Und Hermann Hesse selbst? Wie sah er es und sein Scheitern?

In einem Brief an seinen Vater, wahrscheinlich vor dem 5. Juni 1894 geschrieben, heißt es: „Im Seminar gefiel es mir nicht, eben so wenig in Cannstatt und Eßlingen. Daß ich ohne weiteres immer weggelaufen, gilt Euch für krankhaft. Es war natürlich nicht das Richtige, aber ich fühlte zu allem, was Ihr aus mir machen wolltet, keine Lust, keine Kraft, keinen Mut. Wenn ich so ohne jedes Interesse an meiner Arbeit Stunde um Stunde im Geschäft oder Studium war, ergriff mich eben Ekel.“ Weiter schreibt der junge Hesse: „Ich versuchte es ja mit dem Buchhandel, hatte den Willen, wenn ich der Sache auch nur eine einzige freundliche Sache abgewinne, mich anzustrengen, etc etc; aber es ekelte mich an.“ Erstaunlich ist, dass er im  gleichen Brief alles daran setzt, seine Freiheit, seine Selbstständigkeit zu erhalten: „- Ich möchte versuchen, mit dem, was ich privatim gelernt, mein Brot zu verdienen. Anfangen würde ich da, wo ich schon Boden habe, in Cannstatt, Eßlingen, Stuttgart.“31

Er würde also auch eine Rückkehr in die kleine Stadt in Kauf nehmen, die er so fluchtartig verlassen und die ihn so angewidert hat, wie er in einem kurzgefassten Lebenslauf von 1944 schrieb: „Dann war ich drei Tage lang Kaufmannslehrling, lief  wieder fort und war einige Tage und Nächte zur großen Sorge meiner Eltern verschwunden.“32 Oder etwa 40 Jahre früher, in dem bereits erwähnten autobiographischen Beitrag von 1903 an Franz Brümmer schreibt Hesse „wo ich, von der Öde des Lebens als Lehrling in einem Landstädchen angewidert, schon nach drei Tagen davonlief.“33

Klein-Venedig
Das sogenannte „Klein-Venedig“ im Jahre 1892. Die Gebäude Innere Brücke 6-10 wurden kurz danach abgebrochen, der Unterbau von der Maschinenfabrik Esslingen durch Stahlträger stabilisiert und die Häuser neu aufgebaut

Wiederum in seiner Erzählung „Schön ist die Jugend“, die man auch durchaus als autobiografisch lesen kann,  kommt er auf diese durchaus unglückliche Zeit zu sprechen. So schreibt er: “ … so war doch mein Leben in den letzten Jahren nicht durchaus sauber und  durchsichtig gewesen.“ Und in einem Gespräch des Ich-Erzählers mit seiner Tante merkt er an, dass die Rede auf seine Schicksale, Erlebnisse und Aussichten kam, und sie fanden, er hätte Glück gehabt und sei auf gutem Wege. Und es  ergibt sich folgender Dialog:

„Wer hätte das vor sechs Jahren gedacht!“ meinte sie. „Stand es eigentlich damals so traurig mit mir?“ musste ich nun doch fragen. „Das nicht gerade, das nicht. Aber es war damals doch eine rechte Sorge für deine Eltern.“ Ich wollte sagen ‚für mich auch‘, aber sie hatte im Grunde recht, und ich wollte die Streitigkeiten von damals nicht wieder aufwärmen.“

Soweit Hesse in seiner Erzählung „Schön ist die Jugend“.34 Weiter schreibt er in seinem autobiografischen Beitrag: „Ich trieb mich mehrere Tage herum und wurde von Eltern etc. mit Angst gesucht, schließlich stellte ich mich dem Vater, wurde betrübt, aber nicht allzu böse empfangen und mit nach Calw genommen, und dort saß ich nun gegen zwei Jahre herum, eine Unglückszeit, in der meine Eltern an mir verzweifelten, und auch ich selber oft, in der ich aber, in der sehr großen Bibliothek meines Großvaters und Vaters, ziemlich gründliche und mannigfaltige Privatstudien machte, d.h. vor allem die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts, die dort sehr gut vertreten war, kennen lernte. Ich las damals Goethe, Gellert, Weiße, Hamann, Jean Paul, Hettners Literaturgeschichte, einiges von David Friedrich Strauß und viel andres und legte den Grund zu meiner späteren Belesenheit, die ziemlich groß war, bis zunehmende Augenschmerzen mich einschränkten“.35

Weiter schreibt er: „Lese viel und lege Grund zu literarischen Kenntnissen. Sehr wichtig Hettners36 18. Jahrhundert. Erste ernste Goethe-Lektüre. Auch Orientalisches und Übersetzungen, sowie Lavater und Ähnliche“.37

Danach begann  er in Calw eine Lehre in der Werkstatt des Herrn Perrot, der Turmuhren herstellte. Diese bringt er zu Ende. Nach der Lehre in Calw geben er und sein Vater ein Inserat auf: „In einer Buchhandlung wird für einen jungen Mann mit Lateinbildung eine Lehrstelle gesucht“. Auf diese Anzeige hin meldet sich die Heckenhauerische Buchhandlung in Tübingen. Und dort bringt Hesse zu Ende, was ihm in Esslingen nicht geglückt ist. Eine Buchhändlerlehre. In der Esslinger Zeitung schreibt Prof. L. Bosch in einer Antwort auf den Artikel „Als Hermann Hesse mir den Buckel verschlug“: „..denn im Herbst 1898, als ich zur Hochschule kam, war er Lehrling bei Heckenhauer in Tübingen und hat mir verschiedene gekaufte Bücher eingewickelt. Seine einstigen Mitseminaristen studierten damals bereits seit 1895“.38

Und wenn Hermann Hesse, trotz seinem drei Tage Erlebnis mit dieser Stadt Esslingen später zu seinen „Lieblingen unter den schwäbischen Städten“39 erkor, mag dies doch ein versöhnlicher Schluss sein.

Literatur- und Bildhinweise:

1) Hermann Hesse, Demian, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 3: Roßhalde, Knulp, Demian, Siddhartha, S. 309. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
2) Hermann Hesse, „Schön ist die Jugend. Eine Sommeridylle“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels. Band 7: Die Erzählungen 2, S. 52. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
3) Mit Hesse von Ort zu Ort: Lebensstationen des Dichters in Baden-Württemberg von Wilfried Setzler; Silberburg Verlag Tübingen 2012
4) Hermann Hesse, „Kurzgefaßter Lebenslauf“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 12: Autobiographische Schriften 2, S. 49. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
5) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 295;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.                                                 6) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 298;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(7) [Cannstatt, 15./16.1.1893], aus: Hermann Hesse, »Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!«. Briefe 1881-1904, S. 117. Herausgegeben von Volker Michels. © Suhrkamp Verlag Berlin 2012.
(8) [Cannstatt, 20.1.1893], aus: Hermann Hesse, »Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!«. Briefe 1881-1904, S. 120f. Herausgegeben von Volker Michels. © Suhrkamp Verlag Berlin 2012.
(9) ebda
(10) ebda
(11) Textauszug aus: Hermann Hesse, Gesammelte Briefe. Herausgegeben von Volker Michels. (c) Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1990. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(12) Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899 – November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(13) Hermann Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899 – November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(14) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 382;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(15) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 385;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(16) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 392;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(17) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 394;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(18) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 396;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(19) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 397  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(20) Hermann Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899-November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(21) Hermann Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899-November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(22) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 398  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
23) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 398/399;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(24) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 400  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(25) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 401;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(26) Eßlinger Zeitung vom 11.10.1955 Seite 3 „Als Hermann Hesse mir den Buckel verschlug“ (M.K.)
(27) ebda
(28) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 407;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(29) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 402;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(30) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 406;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(31) [55 An seinen Vater], aus: Hermann Hesse, »Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!«. Briefe 1881-1904, S. 134f. Herausgegeben von Volker Michels. © Suhrkamp Verlag Berlin 2012.
(32) Hermann Hesse, „Kurzgefaßter Lebenslauf“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 12: Autobiographische Schriften 2, S. 49. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(33) Hermann Hesse, „Biographische Notizen“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 12: Autobiographische Schriften 2, S. 19. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(34) Hermann Hesse, „Schön ist die Jugend. Eine Sommeridylle“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels. Band 7: Die Erzählungen 2, S. 41f. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(35) Hermann Hesse, „Biographische Notizen“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 12: Autobiographische Schriften 2, S. 19f. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin. (36) Hermann Hettner Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts 3 Bde. Vieweg Braunschweig 1894
(37) Hermann Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899-November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(38) Eßlinger Zeitung vom 18.10.1955; Leserbrief
(39) „Esslingen am Neckar“ Otto Borst; Bechtle Verlag; 2. Auflage 1967
(40) Fotos aus „Esslingen – Schön  wars Teil 2″“ von Werner Mey, Bechtle Verlag 1998 u.a. „Lehrvertrag“ aus „Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895“, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 396;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.

 

 

 

Gunnar Gunnarsson – Schwarze Vögel

Einer kennt des anderen Kreuz nicht

„Schwarze Vögel“ von  Gunnar Gunnarsson

„Allen guten Menschen, denen diese Blätter vor Augen kommen mögen, schicke ich, Eiulvur Kolbeinsson, der unwürdige Kaplan an der Saurbärkirche des Rödesand-Kirchspiels, im Bardestrand-Bezirk, Gottes Gruß und den meinigen.“

So beginnt das Buch „Schwarze Schwingen“ (im dänischen Original: „Svartfugl“), welches im Jahr 1929 in Dänemark erschienen ist und dann als deutsche Ausgabe 1930 bei Albert Langen in München. Eiulvur Kolbeinsson, der Nachfolger des alten Gemeindepfarrers, hatte gerade seinen einzigen Sohn im Alter von fünfzehn Jahren beim Fischfang verloren und wird durch diesen Schicksalsschlag an eine andere Geschichte erinnert. Er beginnt, diese niederzuschreiben. Und dieser Kaplan, Eiulvur Kolbeinsson, ist die eigentliche Hauptfigur dieses Romans.

„Meine Unzulänglichkeit, die Gott gesehen hat, war weit verhängnisvoller. Sie trat da zutage, wo es sich nicht um Fische und Friestuch handelte, sondern um Blut. Nicht um Silber und Gold, sondern um Seelen. Du hast sie gesehen, o Herr, diese Unzulänglichkeit, aber bis heute nur du allein!
Forderst du mich nun vor Gericht, da du mein einziges Kind, meinen Sohn Hilarius, als eine jammervolle Beute blinden Mächten hinwirfst?
So stehe ich jetzt vor dir. Stärke du meine Hand, dass es ihr gelingen möge, einen Funken Wahrheit aus dem dunklen Stein zu schlagen, den ich in meiner Brust trage!“

Am Anfang des 19. Jahrhunderts teilten sich zwei sehr arme Familien den kleinen, sehr abgeschiedenen Bauernhof Syvendeaa bei Rauðisandur (der Landstrich bezieht seinen Namen vom weitläufigen Strand aus gelblich-rotem Muschelsand) in den Westfjorden. Die Sache war die, dass Bjarni nach dem Tode seiner beiden Jungen, die Hälfte seines Hofes an Jon Torgrimsson verpachtet hatte, der mit seiner Frau und ihren fünf Kindern dorthin gezogen war. Aber allmählich wurde im Kirchspiel über die Zwietracht gesprochen, die draußen auf jenem einsamen Hofe zwischen den beiden Bauern herrschte, ja selbst zwischen den beiden Ehepartnern untereinander. Eines Wintertages wurde der Bauer Jon vermisst. Die wahrscheinlichste Erklärung war, dass er auf dem vereisten Weg an den Klippen entlang abstürzte und ins Meer gefallen ist, als er Heu für seine Schafe aus einer Hütte holen wollte. Niemand hatte gesehen, wie es zugegangen war. Niemand hatte ihn seither wiedergesehen. Die Menschen in der Kirchengemeinde begannen zu glauben, dass Bjarni, der damit anfing, die Witwe des verschwundenen Bauern Jon Torgrimsson, als seine Geliebte zu betrachten, Jon umgebracht hatte. Bjarni war ein gutaussehender Mann, aber seine Frau Gudrun war eine unscheinbare Frau und nicht bei guter Gesundheit. Bjarnason verliebte sich in Steinunn Sveinsdóttir, die Witwe. Dann starb Gudrun, die Frau von Bjarni. Und in der Gemeinde entstand das Gerücht, dass sie ebenfalls umgebracht worden war. Vergiftet oder zu Tode geschlagen worden ist durch Bjarni und die Witwe Steinunn. Aber dies geschah alles, bevor gerichtsmedizinische Untersuchungen in Island auf das Land  kamen und so wurde die Frau begraben und das Leben ging weiter. Dann wurde die Leiche von Jon Torgrimsson gefunden. Sie lag wie Treibholz am Strand. Der Leichnam wurde anhand der Kleidung identifiziert und bei der gesetzlichen Leichenschau entdeckte man eine Verletzung, die von einer Stichwaffe herrühren konnte und die kaum auf einen Sturz von den Klippen in das Meer zurückgeführt werden konnte. Sehr bald wurden Bjarni und Steinunn daraufhin festgenommen und in Untersuchungshaft genommen. Während dieser Zeit starben die drei  Kinder von Bjarni und Gudrun in der Obhut des Kaplans, als sie vom Pfarrhaus ausrissen. Sie ertranken oder erfroren. Trotzdem konnte der Kaplan das Vertrauen von Steinunn und Bjarni erringen und sie gestanden ihm, dass sie zusammen die zwei anderen umgebracht hatten und dann versuchten, die Morde als Unglücke zu vertuschen.  Beide wurden zum Tode verurteilt. Steinunn starb kurz darauf im Gefängnis, Bjarni konnte noch einmal fliehen, wurde aber wieder gefasst und 1804 wurde er in Dänemark hingerichtet, da sich auf Island niemand fand, der das Urteil vollstrecken wollte oder konnte.

Gunnar Gunnarsson
Gunnar Gunnarsson

Gunnar Gunnarsson bezieht sich in seinem Roman auf einen authentischen Kriminalfall. Einem Mordfall, der sich auf dem Hof Sjöundá am Rauðisandur in den Westfjorden zugetragen hatte. Und dies tut er so genau, dass man eigentlich von einem historischen Dokumentarroman sprechen könnte. Ein literarischer Kriminalroman. Heute gilt dieser Roman auf Island als der erste Kriminalroman. Ganz verhaftet in der Epoche, in welcher der Roman spielt, in der Sprache und dem Duktus der damaligen Zeit. Erfunden ist zum größten Teil der Rahmen der Erzählung, der Erzähler, der Kaplan und seine Familie. Was den eigentlichen Fall betrifft, hat Gunnarsson von Originaldokumenten (Verhöre, Urteile, Gerichtsprotokolle) ausgiebig Gebrauch gemacht. Der Doppelmord aber fand so statt wie im Roman beschrieben. Sicherlich ist es ein Kriminalroman in dem Sinne, dass ihm ein Verbrechen zu Grunde liegt. Doch wenn der Roman als Kriminalroman klassifiziert wird, muß er in Übereinstimmung mit der Literaturgattung Kriminalroman sein, muß er genauso kraftvoll und literarisch sein, wie die anderen Arten der Literatur. Das Buch ist ein Beweis dafür, dass alle literarischen Genres in dem Sinne mehr oder weniger gleich sind, dass ein großer Schriftsteller ein literarisches Meisterstück in jeder Gattung schreiben kann, das er sich zu eigen macht.

Mit „Schwarze Schwingen“ setzte Gunnarsson die Reihe seiner historischen Romane fort, hielt sich jedoch wesentlich enger an die Quellen, mit denen er sich eingehend beschäftigt hatte. Der Autor folgte zwar getreu den historischen Vorlagen, doch ist das Buch kein Tatsachenbericht, sondern eine dichterische Gestaltung des vorgegebenen Stoffes. Der Stil erinnert in seiner kräftigen, zügigen Diktion zeitweilig an den der altisländischen Saga; weist aber auch für den Verfasser typisch-mystisch anmutende Merkmale auf. Überzeugend sind die so verschiedenartigen Personen gezeichnet. Die Selbstzweifel des Kaplans, der hin- und hergerissen ist in der Schuldfrage. Der ständig fragt, was ist böse – was ist gut? Wer trägt hier die Schuld. Hätte das Verbrechen verhindert werden können, wenn sich die Gemeinde, in diesem Fall der alte Pfarrer als Amtsperson, sich mit den Gerüchten beschäftigt hätte, die im Kirchspiel herumginge? Und in wie weit trägt der Kaplan Schuld an diesem Geschehen. Er, der Bjarni bewunderte und die offiziellen Leichenschauen vornehmen mußte? „Ich fing an zu glauben, ich bringe den Leuten Unglück, und in meinem Gefolge seien Verbrechen und grausiger Tod.“

Der Roman besticht durch den detailfreudigen Realismus von Gunnar Gunnarsson. Wie schon in anderen Werken hat Gunnarsson auch hier die herbe, in ihrer Erhabenheit fesselnde isländische Landschaft in breitangelegte Bildern eingefangen und ihre Wechselbeziehung zum Menschen aufgezeigt.

Das Buch schließt mit den Selbstzweifeln des Kaplans:
„…Diese unnützen Blätter,- sie sind nun meine Beichte. …- werde ich ihnen zu zeigen wagen, was ich hier geschrieben habe? Und wenn ich es tue, – werden sie mir dann sagen können, welchen Anteil ich in all dem Bösen gehabt habe, was damals geschah? Wieviel und welchen?

Unter Berücksichtigung der späteren isländischen Fassung des Autors nach dem dänischen Original übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Karl-Ludwig Wetzig. Neuausgabe im Taschenbuch Reclam.

Schwarze Vögel Reclam