Der Lasermann von Gellert Tamas

Grenzenloser Hass

„Der Lasermann“ von Gellert Tamas

Als Truman Capote 1965 sein Buch „In Cold Blood“ veröffentlichte, den er im Untertitel „Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen“ nannte, schuf das einstige Wunderkind der amerikanischen Literatur damit einen Welterfolg. Er nannte seinen Roman einen „nichterfundenen Roman“ (nonfiction novel). „Es ist eine eigenartige Mischform“, sagte er darüber, „ich glaube, es ist eine große, unerforschte Kunstgattung.“ Kritiker stritten darüber, ob er tatsächlich eine neue Gattung eingeleitet hat oder ob es sich hier um einen „auf sein spezifisches Talent zugeschnittenen Sonderfall, der sich nicht beliebig wiederholen läßt„, handelt, wie es der Kritiker G. Blöcker einmal ausdrückte.

Inzwischen haben die Nonfiction Novels und darunter auch die sogenannten True Crimes eine breite Leserschaft gewonnen. Es gibt kaum ein aufsehenerregendes Verbrechen, dem nicht bald ein Buch folgt. Im Jahr 2007 hat der „Militzke-Verlag ein Buch des schwedischen Journalisten Gellert Tamas veröffentlicht. Und dieses Buch ist aktueller den je. Es ist die Geschichte des schwedischen Einwandererkindes John Ausonius, der im Winter 1991/1992 ganz Stockholm in Angst und Schrecken versetzte. Dieser „nicht imaginäre Roman“ ist die Geschichte über das Leben und den Tod von Menschen. Zehn Menschen, alles Einwanderer mit dunkler Hautfarbe werden verletzt, einige davon schwer. Ein Mensch wird getötet. Und es ist die Geschichte des Täters, John Ausonius, ein Kind von Einwanderern – einer Deutschen und eines Schweizers. Ausonius, der eigentlich als Wolfgang Alexander John Zaugg geboren wurde, hatte eine Vergangenheit mit Höhen und Tiefen. Er wurde als Kind wegen seiner schwarzen Haare gehänselt, besuchte  die Deutsche Schule in Stockholm (eine Eliteschule), brach die Schule ab, schlug sich als Filmvorführer und Gelegenheitsarbeiter durch, schrieb sich an der Technischen Universität ein, wurde reich im Optionshandel und verlor auch alles wieder an der Börse. Um seinen Lebensstandard zu halten, verübte er zehn Banküberfälle. Und verspielte alles beim Roulette.

"Ich drückte ab und fühlte, dass ich einen Schritt zu weit gegangen war, dass ich ein schlechter Mensch war, das...ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Ich hatte ganz einfach einen Schritt in die falsche Richtung gemacht."

Stockholm

Und es ist eine Geschichte, ein Buch über Schweden, über Rassenhass und Politik. Beschrieben wird der Aufstieg der rechtspopulistischen Partei „Ny demokrati“ und ihren Zerfall. Die Partei verstand sich darauf, Strömungen in der Gesellschaft zu erkennen. Viele waren in Angst wegen der Rezession, die Schweden mit ganzer Kraft getroffen hatte. Die Sozialdemokratie schien nicht mehr über die selbstverständlichen Antworten zu verfügen. Viele waren gewillt, auf jemanden zu hören, der einfache Lösungen für komplizierte Probleme versprach. Im Dunstkreis dieser politischen Stimmungen wird die Entwicklung des Rechtsradikalismus in Schweden aufgezeigt.

Minuziös, mit klinischer Exaktheit, wird das düstere und blutige Ereignis in seine einzelnen Phasen zerlegt, analysiert und rekonstruiert. Der Bericht ist von strenger Genauigkeit, er baut sich allein auf Begebenheiten und Dialogen auf. Das Buch stützt sich auf reichhaltiges Quellenmaterial, darunter auch Gespräche mit dem Täter, die allein 700 Seiten umfassen. Man spürt, das protokollhafte, was auch daran liegen mag, dass die Kapitelüberschriften mit Datum versehen sind. Nichts scheint Erfindung zu sein, alles ist belegt, was man den Anmerkungen am Schluss des Buches entnehmen kann. Das Ergebnis könnte also genau so banal sein wie eine ausführliche Polizeiakte. Aber indem er die Lebensgeschichte des Täters, seine Träume und Sehnsüchte, seine Hassgefühle, seine Komplexe, die Scheidung der Eltern, die Schläge der überforderten Mutter und deren wechselnden Männerbekanntschaften, seine latente Homosexualität und die daraus resultierende Kontaktscheue – sein alltägliches Leben also, beschreibt, verwandelt sich dieser Bericht in den gelungenen Versuch einer psychologischen und psychiatrischen Erklärung.

Auch die „allgemeinen, durchschnittlichen“ realen Menschen sind nicht einfach. Jeder von ihnen hat die Spannweite der – erfundenen – Gestalten, die die Literatur bevölkern. Der Autor entschuldigt nicht, er klagt nicht an, er richtet nicht. Er ist ein genialer Untersucher, peinlich genau, geduldig und menschlich. Nur ab und zu schimmert durch, auf welcher Seite seine Sympathien liegen. Nicht ohne Gespür für den Humor, wenn auch manchmal tragischen, der in manchen Situationen liegt. Ihm ist es zu danken, dass aus diesem Ereignis ein Meisterwerk wurde: Eine Geschichte über einen Menschen, der an sich zerbricht und über eine Gesellschaft, die Gefahr läuft, ebenso zu zerbrechen.

Die Tage, Wochen und Monate, die dem Schrecken jenes Freitags im August 1991 folgen, als der erste Anschlag verübt wurde, werden von Gellert Tamas peinlich genau geschildert. Die panische Furcht, die sich der Nachbarn und der Freunde der Opfer bemächtigte, den Verdacht, das Misstrauen, das Gefühl der Einwanderer Freiwild zu sein, den Umgang mit den Opfern durch die Behörden, die Presse und die Polizei. Die Familien, die sich beim Anbruch der Nacht hinter verschlossenen Türen verbergen, die Nachts nicht mehr allein ausgehen oder nur noch in Begleitung.

Erst nach dem dritten Anschlag beginnen die Ermittler im Gewaltdezernat an einen Zusammenhang zu glauben. Die Angriffe führten zu Schwedens zweitgrößter Polizeiaktion nach der des Mordes an Olof Palme 1986. Zeitweise arbeiten fast 50 Polizisten in Stockholm an dem Fall, weitere 10 an dem Mordversuch in Uppsala. Zu dieser Zeit kam es auch zu Bombenanschlägen in Stockholm, Anschläge auf Asylantenheime, so dass zeitweise Hunderte von Polizisten an diesen Fällen mit rechtsradikalem Hintergrund ermittelten. Und gleichzeitig wurde, zum ersten Mal in der schwedischen Kriminalgeschichte, bei der Jagd auf einen Mörder ein Täterprofil erstellt.

Die Spannung, die Gellert Tamas hervorruft, ist vollkommen, obwohl der Leser von Anfang an weiß, wer der Täter ist und was seine Motive sind. Der Leser weiß was geschehen ist, warum und wie.

Stockholm

Es ist ein Bericht über die „Reise ans Ende der Nacht“ von John Ausonius. Dies ist wahrhaftig eine Reise ans Ende der Nacht, eine wirklich erlebte. Psychologischer Bericht, Kriminalroman, Abenteuer, unerträgliche Politiker, alles findet der Leser hier vereint. Ja sogar komische, tragisch- komische Episoden. Wir lernen den Mensch, den Verbrecher kennen: seine dramatische Kindheit, seine jugendlichen Ambitionen, seine Indifferenz gegenüber dem brutalen Mord und den weiteren Opfern, sein harmloses Auftreten, seine geheimsten Gedanken, seine Sicherheit, straflos auszugehen, das Fehlen jeglichen Reuegefühls.

"Ich rechtfertigte die Anschläge damit, dass es Einwanderer waren, dass es politisch falsch war, sie hereinzulassen. Hätte ich Schweden erschossen, dann hätten alle versucht, mich zu schnappen. Alle! Schweden und Einwanderer! Niemand mag jemanden, der herumgeht und schießt. Ich wandte mich ja gegen die Einwanderer, weil es so viele gab, die sie nicht leiden konnten...vielleicht zwanzig, dreißig Prozent dachten ja wie ich, dass es zu viele Einwanderer in Schweden gab. Und es machte ihnen wenig, überhaupt nichts oder auf alle Fälle weniger."

Nun kann man sicherlich darüber streiten, wie das Erstarken der rechtsradikalen Parteien in Schweden Ausonius dazu brachte, seine Taten zu begehen. Oder ob er die vorhandene Stimmung gegen die Einwanderer in seinem verquasten Denken als Entschuldigung für sich adaptierte. Dieser Punkt, die von ihm gezogenen Parallelen zwischen dem Aufstieg der rechtspopulistischen Parteien in Schweden mit der Gesellschaft sowie der rassistischen Bewegungen, den Anschlägen auf Einwanderer mit deren Verbindungen zu Ausonius, wurde kritisiert. Einige Mal kommt auch der Mord an Olof Palme vor. So war zum Beispiel Ausonius auch im Dunstkreis der Verdächtigten im Mordfall Palme. Aber zu diesem Zeitpunkt war er wegen anderer Vergehen im Gefängnis,  so dass er für den Mord nicht in Frage kam.

Aber wenn man dieses Buch gelesen hat, so kann man nicht umhin, dieser These von Tamas, zum großen Teil zuzustimmen. Bedenklich stimmt auch seine Kritik an den Medien, die diese Stimmung durch ihre Berichterstattung noch aufheizten und an den bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien, die zuerst nicht wissen, wie sie mit den Rechtsparteien umgehen sollten und dann unbewusst oder bewusst dazu übergingen, ihnen nach dem Mund zu reden und Teile ihrer Forderungen zu übernehmen. Aus Angst, politischen Einfluss zu verlieren. Die Menschen, die Einwanderer blieben dadurch allein. Erstaunlich auch, wie sich Parallelen zu der Situation in Deutschland in der jüngsten Vergangenheit ergeben. Auch hier ein Anwachsen rechtspopulistischer Parteien, mit einem Versagen der bürgerlichen Parteien, der Medien, die meinen, auf diesen Zug auch noch aufspringen zu müssen, um die Macht zu erhalten.

"Außerdem war ich ja nicht der Einzige, der sie nicht ausstehen konnte. Es gab viele Schweden, die Einwanderer nicht mochten. Es gab ja auch eine gewisse politische Unterstützung. Neue Demokratie bekam ja massenhaft Stimmen. Deren Einwanderungspolitik war richtig. Die von neue Demokratie sagten frei heraus, dass sie die Einwanderer aus dem Land werfen wollten. Aber nicht aus rassistischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. Es wurde ganz einfach zu teuer. Außerdem wirkten sich die kulturellen Unterschiede immer stärker aus. Ich teilte deren Ansichten. Ich habe sie gewählt."

Solange solche Bücher geschrieben werden, kann die Frage, ob die „Nonfiction Novel“ eine eigene Kunstgattung ist, nur mit ja beantwortet werden. Und es bleibt zu konstatieren, dass „Cold Blood“ von Truman Capote kein Sonderfall ist. Er hat hier einen würdigen Nachfolger gefunden.

Im Zuge der Berichterstattung über die NSU Morde an ebenfalls ausländischen Mitbürgern wird auch auf viele Parallelen zwischen beiden Mordserien hingewiesen. Auf den Hass, die scheinbar willkürliche Auswahl der Opfer, die Kaltblütigkeit und das Agieren aus dem Untergrund. Auch dass der/die Täter mit dem Fahrrad zu den Banküberfällen oder zu den Tatorten gefahren sind. Das Wegschauen der Polizei und der Politik zu Beginn der Mordserien. Und die Gleichgültigkeit der Gesellschaft am Geschehen. Darüber schrieben zum Beispiel die „Berliner Zeitung“ und die „Stuttgarter Zeitung“. Und der „Berliner Zeitung“ gab Ausonius Jahre später ein Interview.
Der Lasermann Gellert Tamas
„Der Lasermann – vom Eliteschüler zum Serientäter: Ein Buch über Schweden“
von Gellert Tamas; Übersetzer: Erik Glossmann
Militzke Verlag, 2007
Leicht überarbeitete Fassung / Zuerst erschienen 2007 bei www.schwedenkrimi.de

 

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