Dieser Volkszähler von China Miéville

„dass alle Welt geschätzt würde“

„Dieser Volkszähler“ von China Miéville

Der Leser oder die Leserin kann sich nie ganz sicher sein, woran sie mit dem Roman von China Miéville „Dieser Volkszähler“ sind. Die Zeit und der Ort sind unklar – eine anonyme Stadt nach einer mysteriösen Apokalypse. Der Erzähler und die meisten der auftretenden Personen werden nicht benannt und die Regeln der geschilderten Gesellschaft und ihrer Bewohner sind so undurchsichtig wie sie unvermeidbar erscheinen. Sogar die Stimme des Erzählers ist zerrissen, die abrupt zwischen erster und dritter Person wechselt, wenn er diese Erinnerungen einer Kindheit erzählt, die durch ein unaufgeklärtes schreckliches Ereignis geprägt ist.
 
„Ein Junge rannte schreiend einen Bergpfad hinunter. Der Junge war ich. Er streckte die Hände vor sich aus, als hätte er sie in Flüssigkeit getaucht, als wolle er ein Bild malen, sie auf ein Blatt Papier drücken, doch er hatte nur Dreck an ihnen.“ „An seinen Händen war kein Blut.“ Und der Junge platzt heraus: „Meine Mutter hat meinen Vater umgebracht!“. Doch nach ein paar Minuten voller Konfusion ändert er seine Anschuldigung dahingehend, dass sein Vater seine Mutter umgebracht hat. Dazu im Buch: „…zu sagen versuchte, dass einer meiner Eltern jemanden umgebracht hatte – den anderen vielleicht.“ Ich streckte die Hände hoch, die ich für blutig hielt, damit alle sie sehen konnten.“ Diese Unklarheit der Details und Aussagen wie diese, ist typisch für dieses Buch. Die Grenzen unserer Sprache und Erinnerungen erschweren unsere Wahrnehmung von Geschehnissen. Wir können uns unserer Erinnerungen nie sicher sein. Und dies erstreckt sich auch auf die Schilderung der Natur, des Dorfes und der Menschen. Es gibt verschiedene erzählte Einzelheiten, die man als übernatürlich lesen und deuten kann. Gleichzeitig kann man dies ebenfalls als kindliche Fantasie auslegen. Der Junge, neun Jahre alt („Er war neun, glaube ich“), oder der Erzähler, der Hauptcharakter des Buches, bleibt ein Rätsel. Im Buch stellt er an einer Stelle fest, dass seine Identität eine “rätselhafte Geschichte“ sei, sogar für ihn selbst.
 
„Ich war ein Bergler. Über meinem Zuhause erhob sich ein steiler Hang aus Gras und lockerem Boden. Kein Pfad führte zum Gipfel dieses Berges. Unser Haus stand auf gleicher Höhe wie die der wenigen Wetterbeobachter, Eremiten und Hexen.“ Ein altes Haus mit einem verlassenen Dachboden. Zwei Wände beklebt mit alten Tapeten, auf die der Junge seine Phantasien überträgt. „Der Berg spuckt seine eigenen Alpträume  aus.“
 
 
Es handelte sich um ein Dorf, das sich über die Flanken zweier Berge verteilt und einer Brücke zwischen ihnen. „Wie alle anderen auf diesen beiden Bergen gehörten auch wir zu dieser Gemeinde, dabei lebten wir in einem Haus, das so weit abseits der Straßen lag, wie es gerade noch möglich war, um dazuzuzählen. Wir unterstanden dem Gesetz dieses Dorfes. Als ich an jenem Tag nach unten kam, rannte ich nicht, um das Gesetz zu holen; das Gesetz fand mich.“ Ein von einem Krieg verheertes Dorf. Ein Dorf, in dem die Straßenkinder Fledermäuse auf verfallenen Brücken aus der Luft fischen, um sie zu essen, wo riesige Eidechsen in zu kleinen Gehegen gehalten werden und Schrott von zerstörten Maschinen gesammelt wird. Unsichtbare Turbinen sorgen für etwas Strom. Armut und Verfall ist überall. Es kann irgendwo in Asien sein (der Tropenbaum Banyan wird erwähnt) mit einer schwachen Drehung zum Surrealen oder einem Vereinigten Königreich nach einigen Jahrhunderten an Ressourcenausbeutung. Oder irgendwo, wo trockene Erde und zerfallene Plastiktüten, der natürliche Boden unter den Füßen ist. Oder der Ort Bas Lag, bekannt aus vielen Romanen von China Miéville. Ein Hauch von Postapokalypse schwebt über dem Erzählten. Und Magie.
 
 
Die Mutter, eine maskuline, grimmige und ausdruckslose Frau, von manchen als stark, sogar attraktiv beschrieben. Der Junge fand sie schön. Sie erteilt ihm Unterricht in „einer anderen Sprache als jener, in der ich heute schreibe.“ Sie stammt aus einer Stadt, wo Züge fuhren, und die am Meer lag. Sie kümmert sich um einen kargen Ackerbau, deren Erzeugnisse sie im Dorf verkauft oder tauscht.
 
Der Vater, ist ein großer blasser Mann, der ständig erschrocken aussah. Er machte magische Schlüssel, um etwas zu öffnen, um die Zukunft zu erfahren. Einen Schlüssel zu Geld, Liebe, Glück. „Vater kommt von anderswo. Hat viel früher in einer anderen Sprache gedacht. Hat seine Heimat verlassen müssen, eine große Stadt; ganz weit weg, wegen der Unruhen dort.“ Vater und Sohn sprechen nicht miteinander. Der Sohn hat Angst vor dem Vater. Versteht ihn nicht. „Ich hatte schon vor dem Mordtag, als sein Gesicht und das meiner Mutter zuckten, Wutanfälle meines Vaters erlebt. Wutanfälle sage ich, dabei war er in diesen Augenblicken reglos und unberührt: Er wirkte abwesend und tief in Gedanken versunken.“
 
Die Mutter bleibt verschwunden. Der Leser weiß nicht was mit ihr geschah. Ist sie wirklich tot? Ein Abschiedsbrief wurde gefunden. Ist sie gegangen? Hat der Vater sie verschwinden lassen, in der Grube, in der er tote Tiere entsorgt? Tiere, die er vorher getötet hat. Sind es Tieropfer oder unverständliche, für den Jungen nicht zu verstehende Rituale, der Fremdheit seines Vaters geschuldete Rituale? „Tote Tierkadaver in einer Hölle in eine Grube – als hätte er all das, dieses Töten, nur deshalb getan, um ein Tier hinabstürzen zu sehen. Sein Vater fütterte nur die Dunkelheit mit diesen Tieren.“ Es wird angedeutet, dass in dieser Grube bisweilen Menschen auch verschwunden sind.
 
Und dann dieser Krieg. Zwei Kriege! Einer drinnen, einer draußen. Vor Jahren. Die Ursachen unklar, nur angedeutet: „Sie hatten Angst vor den Maschinen und hatten sie alle zerstört.. Die anderen haben gewonnen. Und das Ganze endete damit, dass Leute ausgesandt werden, die den Bestand aufnehmen, Fremde zählen. Wie deinen Vater.“
 
Jemand würde kommen, um Fremde zu suchen und jene, die von Fremden geboren worden waren. Es waren Leute ausgesandt worden, die solche Aufgaben übernehmen sollen, die zählen sollten, und nun würde jemand kommen. Und fast am Ende des Buches taucht er auf, der Volkszähler, Wie eine Figur aus einem Steampunk Roman. Ausgestattet mit einem wunderlichen Gewehr.
 
Dieser Volkszähler erzählt dem Jungen: „Ich muss Protokoll führen. Dein Vater ist eine dieser Personen wegen seiner Herkunft. Dein Vater, als er im Krieg war. In einer Stadt. Was er dort gemacht hat. Zu anderen Zeiten, gutes und nicht so gutes.“  „Ich zähle Menschen. Ich zähle Menschen und Dinge. Nicht jeden. Wenn man jeden zählen würde, dann würde man ja nie fertig werden oder?“
 
Die Geschichte legt nahe, dass dieser Volkszähler jemand ist, der von seinen Mitbürokraten getrennt wurde, also auf eigene Faust unterwegs ist. So klingt der Vater sehr verzweifelt, als er so ziemlich am Ende des Buches ruft: „Sie wurden zurückgerufen! Warum zählt dieser immer noch? Dieser Mann denkt, er weiß, was ich getan habe? Wann? Immer?“ Die Idee eines Datensammlers, der zum Schurken wird und sich auf die Fährte von Fremden setzt,  ist reizvoll. Denn Schüsse hallen in der Nacht. Schüsse, die der Vater kennt. „Geht eine neue Jagd los?“ „Das ist die Art von Schuss, mit der man einen Menschen tötet“.
 
Und es fällt ein Schuss und der Junge geht mit dem Volkszähler.
 
Beim Lesen dieses kurzen Romans kommt einem an manchen Stellen auch die Bibel in den Sinn. Natürlich vor allem die Passage über die biblische Volkszählung:
 
„Es geschah aber in jenen Tagen, dass eine Verordnung vom Kaiser Augustus ausging, den ganzen Erdkreis einzuschreiben. Diese Einschreibung geschah als erste, als Cyrenius Statthalter von Syrien war. Und alle gingen hin, um sich einschreiben zu lassen, ein jeder in seine Stadt. Es ging aber auch Josef von Galiläa, aus der Stadt Nazareth, hinauf nach Judäa, in Davids Stadt, die Bethlehem heißt, weil er aus dem Haus und Geschlecht Davids war, um sich einschreiben zu lassen mit Maria, seiner Verlobten, die schwanger war.“ – Lukas 2,1–5
Des Weiteren widmet sich Miéville auch über die Funktion des Schriftstellers und des Lesers. Eine Erzählung über das Lesen und über Bücher und über denjenigen, der diese Bücher verfasst. So schreibt der Erzähler, der (vielleicht) ein Gefangener und in einem Zimmer eingeschlossen ist:
 
„Das hier ist mein zweites Buch.“ So heißt es an einer Stelle des Buches. „Das erste Buch habe ich vor drei Jahren begonnen, in einem fernen Land, das dritte ein Jahr später. Jetzt ist es endlich an der Zeit, mit diesem zweiten Buch anzufangen.“
 
„Mein erstes Buch ist eins der Zahlen. Darin gibt es Listen und Berechnungen. Dieses erste Buch ist für alle, doch kaum einer will es haben oder weiß, wie man es lesen muss. Das dritte meiner Bücher ist für mich selbst. Du führst ein Buch, so sagte er (mein direkter Vorgesetzter) zu mir, das du allein für dich liest und in dem du deine Geheimnisse notierst. Du kannst Dir allerdings nie sicher sein, dass niemand sonst es lesen wird. Das ist das Risiko dabei, auf diese Art funktioniert das dritte Buch eben.“
 
Und das vorliegende, dass ist das Buch des Erzählens: „Hier ist nichts verschlüsselt. Aber – und wieder zählte er bis eins und hatte meine ganze Aufmerksamkeit – du kannst darin Geheimnisse preisgeben und Botschaften senden. Du kannst sie rundheraus erzählen oder sie in den Wörtern verstecken, in ihren Buchstaben, in der Anordnung der Zeilen, des Arrangements und Melodien.  Das zweite Buch sagte er, ist eine Darbietung. Du kannst auf jede nur erdenkliche Art erzählen, sagte er, du kannst ich sein, oder er oder sie oder wir oder sie oder du, und du würdest nicht lügen, auch wenn du zwei Geschichten auf einmal erzählst.“
 
Eine von Miévilles Lieblingsthemen ist die Unzulänglichkeit der Sprache, das Phantastische und das Tiefgründige zu beschreiben. Es gibt überall Schmucklosigkeit, Knappheit, Stillstand, außer in der Sprache, die im Gegensatz dazu, aufwendig, anspruchsvoll und ein wenig in Wörtern schwelgt. Der ganze Roman ist verborgen hinter dem Mysteriösen – fast niemand in der Geschichte hat einen Namen. Undurchdringlich, dunkel, ein faszinierendes  Labyrinth, in dem man verloren gehen kann. Die Geschichte endet abrupt, kompromisslos und ohne Erklärung. Die Geschichte ist an der Grenze des Erzählens, der Sinn ist niemals ganz klar, dem Leser bleibt es überlassen, die Einzelsteile der Geschichte für sich zusammen zu fügen. Und sie hallt lange nach.
 

 

Dieser Volkszähler
China Miéville
Dieser Volkszähler
Aus den Englischen von Peter Torberg
liebeskind Verlag 2017
 

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