Heartware von Jenny-Mai Nuyen

Die Welt ist eine Projektion des Gehirns,
das wiederum Teil der Welt ist1

„Heartware“ von Jenny-Mai Nuyen

John LeCarré schrieb über die Gattung Thriller, dass dieser schneller an extreme Grenzen, an Not und Tod und letzte Fragen führt. Und weiter schreibt er, der Thriller führt direkt ins Herz einer politischen Situation, schneller als jede andere Literatur. Die Form des Thrillers ist keinesfalls ausgeschöpft; seine Möglichkeiten sind ein Segen.

Die Autorin Jenny-Mai Nuyen hat sich an ihren ersten Thriller gewagt. Und auf den ersten Seiten von „Heartware“ wird das Internet, die Telekommunikation und die globale Infrastruktur zerstört. Dies ist wirklich ein schneller Einstieg in eine politische, hier auch wirtschaftliche Ausnahmesituation. Es wird aber nicht an diese Beschreibung angeknüpft, sondern nun wird erzählt, wie es zu dieser Aktion kommt, wer dahintersteckt und vor allem, warum.

Das Buch hat viele formale Anzeichen eines Thrillers, so wie man ihn kennt. Der Handlungsablauf ist, sieht man einmal von dem Eingangskapitel ab, chronologisch erzählt. Sechs Tage, bevor die massiven Anschläge auf die Infrastrukturen der modernen Welt verübt werden. Die Ereignisse, die geschildert werden, gehen eines aus dem anderen hervor, und werden in der ursächlichen Verflechtung beschrieben. Dies entspricht auch dem Ablauf der objektiven Zeit von sechs Tagen. Die Geschichte wird in einem perspektivischen Wechsel unterbreitet. Einmal aus der Perspektive der „Guten“ und andererseits aus der Sicht der „Bösen“. In diesem Thriller werden also zwei geradlinige Handlungen, die einmal an die „Guten“ und zum anderen an die „Bösen“ verknüpft sind, erzählt. Diese schneiden sich ab und zu, wenn sich beide Gruppen, oder einzelne Protagonisten dieser Gruppen begegnen und es kommt zu Angriffen und Fluchten.

In diesem Thriller ist die Hauptperson in der Gruppe der „Guten“ ein 26jähriger Student, Adam Eli, der kein Studium zu Ende bringt und der sich damit über Wasser hält, dass er für überforderte oder unwillige Studenten die Hausaufgaben und sonstige schriftliche Aufgaben erledigt. Weiter erfährt man, dass er in einem deutschen Boot Camp für schwer erziehbare Jugendliche im bolivianischen Urwald war, dort seine große, unerfüllte Liebe Willenya Ćuruvija kennenlernte, mit ihr einen missglückten Raubüberfall verübte, verhaftet wurde und in einem bolivianischen Gefängnis weggeschlossen war. Bis  seine Eltern ihn freikauften. Willenya entkam und damit verschwand auch seine Liebe aus seinem Leben.

Im Thriller, bekommt die Hauptfigur und damit der „Held“, eine Aufgabe übertragen. In diesem Fall ist die Aufgabe, die Eli bekommt, Willenya zu finden. Der Auftraggeber ist unbekannt. Eine Privatdetektivin, Mariel Marigny, ist die Verbindung zu dem unbekannten Auftraggeber. Es bleibt unklar, was der Auftraggeber von Willenya möchte, doch scheint es einen Zusammenhang mit dem damaligen Diebstahl eines Computers in Bolivien zu geben. Nach einigem Zögern nimmt Eli den Auftrag an und zusammen mit Marigny fliegt er nach Dubai. Der Weg führt ihn zum Internetmillionär Balthus. Von ihm erfährt er, dass Willenya mit Balthus verheiratet war und ihm etwas gestohlen hat. Einen Computer, ein Programm?

Aber Eli und Marigny sind nicht die einzigen, die  Willenya suchen. Eine mysteriöse Gruppe setzt alles daran, die junge Frau zu finden. Und das, was in ihrem Besitz ist. Eine mächtige Gruppe und ihre Handlanger, die über Leichen gehen. Eine einflussreiche Interessengruppe, die gleichzeitig eine Stütze der Wirtschaft ist. Hier kommt eine weiteres Merkmal des Thrillers zum Tragen. Das (die) Verbrechen ist/sind nicht bereits begangen, sondern der Leser erlebt unmittelbar, gewissermaßen als Zeuge, seine Ausführung oder nimmt an der Planung teil. Die Verbrechen werden zur Bedrohung und lösen Reaktionen aus. Das Verbrechen wird zum Ereignis. Und der Held, in diesem Fall Eli und Mariel, stehen im Kampf gegen anonyme Gegner. Die Aktionen der handelnden Personen ermöglichen das Mitgehen des Lesers. Eine Steigerung erfährt dies, wenn die Suche oder die Verfolgung ihre stärkste Ausprägung annimmt – die der Menschenjagd. Und bald werden Eli und Marigny ebenfalls gejagt. Und hier kommt etwas Tempo in den Roman. Es geht von Dubai nach Bolivien, während die gegnerische Gruppe ihre Aufträge in New York oder Tokio erledigen, sich dann aber auch an die Fersen von Eli, Margny und Willenya heften.

Die Orte der Handlung werden zwar oft geändert, die Erzählperspektive zwischen den handelnden Personen wechselt – aber eine Spannung, eine sich steigernde Spannung, stellt sich nicht ein. Dafür wird die Handlung zu oft von philosophischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Diskursen unterbrochen. Vor allem als sich herausstellt, dass im Hintergrund ein weiterer Mitspieler seine Fäden spinnt. Eine künstliche Intelligenz, die die Kontrolle über die Menschen übernehmen will.  Zu deren Besten.

Im Thriller sind die kriminell handelnden Personen meist eingebettet in eine Gesellschaft, die tief gespaltet ist. In „Heartware“ sind es Wirtschaftstycoone, die im Grunde die Welt beherrschen, sei es durch ihre schiere Finanzkraft oder ihre wirtschaftlichen Monopole. Dies wird auch im Roman thematisiert. Leider steht dies dem Spannungsbogen entgegen.

Es ist im Grunde schade, dass auf dem Buchmarkt immer ein Etikett auf einem Buch kleben muss. Dies kann natürlich zutreffen aber manchmal und wie ich denke in diesem Fall, wird dieses Etikett dem Buch nicht gerecht. „Heartware“ ist kein Thriller an sich, dazu fehlt ihm, wie bereits beschrieben, das Tempo und es ist zu wenig Spannung zwischen den Seiten. Aber es ist ein Buch, das es wert ist, gelesen zu werden. Nicht der Spannung wegen, sondern wegen des Themas, der künstlichen Intelligenz und was passieren könnte, wenn diese die Weltherrschaft übernimmt, oder die Frage danach, wer eigentlich die Welt regiert – die Politiker oder die Manager der New Economie, die Programmierer und die Chiphersteller. Wer kann eine Welt verstehen, deren Datenmenge, kein lebender Mensch verarbeiten kann. Außer einer künstlichen Intelligenz, der alle Computer und Telekommunikationen zur Verfügung steht.

Viele philosophische Fragen werden angerissen: was macht den Menschen aus, was befähigt ihn zur Liebe, was ist Liebe überhaupt. Fragen, die banal klingen, aber nicht sind, da diese uns alle in irgendeiner Art und Weise beschäftigen. Und so ist es auch ein Roman, der ein zweites Thema hat. Die Liebe – wie sie funktioniert, oder eben nicht funktioniert. So wie es auch der Titel anklingen lässt: „Heartware“.

Im Buch wird gesagt: „…und ist nicht überall, in allen Frauen und Männern, dieselbe Gier, Angst und Tücke wie im eigenen Herzen.“

Im Grunde ist es ein Buch über die Liebe und über die Neigung der Menschen, in ihren Beziehungen und in ihrer Liebe, trotz aller guten Absichten sich immer wieder neu in dieselben Konstellationen von Misstrauen und Trennung zu verheddern. Oder um Albert Camus zu zitieren „Der Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten“.

Zitat von Paul K. Feyerabend 1.)

 

Heartware
von Jenny-Mai Nuyen
Rowohlt Polaris
412 Seiten

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