Hochland von Steinar Bragi

Hochland

von Steinar Bragi

„Hochland“ von Steinar Bragi ist ein Roman über Menschen, die ihren Abglanz in allem sehen aber sich selbst nicht finden, über die Grenzen der Menschlichkeit und die Grausamkeit der isländischen Natur oder unserer eigenen. Es ist ein kantiges und dunkles Buch geworden, in gewisser Weise auch ein archaisches Buch – aber dennoch schafft Bragi es, den Leser auf das isländische Hochland mitzunehmen. Das Buch ist, in großem Maße, eine Demonstration von Steinar Bragis Talent, ein Unbehagen heraufzubeschwören und eine bestimmte Art von Verwunderung im Kopf des Lesers entstehen zu lassen. Die Kreativität des Autors zeigt sich wieder einmal in diesem Roman, so wie auch sein raffinierter Sinn für Humor. Die Geschichte schwingt sich oft zu großer Höhe auf, erschafft eine herausfordernde symbolische Welt und deutet an, dass die Realität der letzten Jahre in Island wohl am besten in der Struktur des Horrorgenres angesiedelt gewesen wäre.

Vier Personen spielen in diesem Roman die Hauptrollen. Zwei Paare aus der Großstadt Reykjavik, die sich auf einem herbstlichen Ausflug im Hochland von Island befinden. Deren psychologischen Auffälligkeiten und ihre persönlichen Vorgeschichten werden durch Rückblenden und durch die Unterhaltungen der Personen allmählich entwickelt und sichtbar. Dazu trägt auch die Exposition des Romans durch den Autor bei. Das Buch ist unterteilt in vier Kapitel: „Die Wüste (12. Kapitel); „Es hat keine Seele“ (12. Kapitel); „Das Haus“ (11. Kapitel) und „Natur“ (1. Kapitel). Die Erzählperspektive wechselt von einer Person zur anderen. Deutlich wird beschrieben, aus welcher Perspektive jeder Abschnitt der Kapitel erzählt wird.

Eine der Hauptpersonen ist Hrafn, der in eine elitäre isländische Familie hineingeboren wurde und der nach einer schwierigen Jugend ein führender Unternehmer des isländischen Finanzbooms wurde, allgemein bekannt auch als Finanz-Wikinger und im Buch als einer der schlimmsten Blutsauger Islands bezeichnet wird. Zu ihm gehört Vigdis, seine Freundin, die trotz des frühen Todes ihrer Mutter durch einen Autounfall und eines nicht anwesenden Vaters eine gute Schulbildung hatte und Psychiaterin geworden ist. Egill, ein Schulfreund von Hrafn, der es, neben heftiger Trunksucht und ständiger Frauengeschichten, geschafft hat, mittels harter Arbeit Anwalt zu werden und dabei ebenfalls zu einem führenden Spieler im Finanzboom zu werden. Seine Freundin Anna, im Roman erwähnt für ihren Sexualtrieb, ist eine erfolgreiche Journalistin und Schriftstellerin. Sie hat ihren Hund Tryggur für den Ausflug mitgebracht.

Während sie in einem Jeep südlich der Askja fahren, verlieren sie die Straße im Nebel und Hrafn fährt das Auto gegen die Wand eines Hauses, das mysteriöserweise in dieser Hochlandwüste steht. Der Jeep ist fahruntüchtig und, abgesehen von dem Unbehagen, das die Bewohner des Hauses in ihnen auslösen, wird es ihnen erlaubt, die Nacht in dem abgelegenen Haus zu verbringen.

„Hier, im Haus, lag etwas in der Luft, eine merkwürdige Aggressivität, deren Herkunft und Ursache er, Hrafn, nicht kannte. Sie waren nicht willkommen.“

Es gibt keinen Kontakt mit der übrigen Welt. Das Haus ist geschützt wie eine Festung und an den Abenden verschließen die Bewohner alles sicher. Draußen in der Ödnis, erklingen seltsame Laute und Feuer brennen in einiger Entfernung, Ereignisse aus der Vergangenheit suchen die Bewohner heim und es wird zunehmend schwieriger herauszufinden, wo sich der Feind versteckt hält. Oder wer der Feind überhaupt ist. Die Frage, die sich die Vier stellen ist, was für Gräuel da draußen in der Sandwüste die guten Leute dazu gebracht haben, sich zu verschanzen. Wovor haben sie Angst?

Die zwei Bewohner des Hauses, eine alte Frau, namens Ása, und ein alter Mann, der, wie sich während des Lesens herausstellt, an Alzheimer leidet, haben eine spürbar ablehnende Haltung zu den Hilfesuchenden. Schnell stellt sich heraus, das etwas Seltsames und Gefährliches in dem Geschehen verborgen ist. Ohne Mobilfunksignal und unsicher, wo genau sie sich befinden, suchen die Vier nach einem Weg, die Zivilisation wieder zu erreichen und Hilfe zu bekommen. Die Handlung beschreibt nun im Wesentlichen das Scheitern dieser Bemühungen und die weitere Entwicklung der Furcht, welche furch die Frauen charakterisiert wird. Spukgestalten und seltsame Tierkadaver unterstreichen diese Stimmung.

Am ersten Tag versuchen sie in einem alten Jeep, den ihnen die alte Frau, Ása, geliehen hat in ein Dorf zu fahren, doch sie fahren in ein Schlagloch, von dem Hrafn annimmt, dass es frisch ausgehoben wurde und sie müssen zurücklaufen. Der Hund Tryggur geht über Nacht verloren. Und Anna verletzt sich.

Am nächsten Tag versuchen Hrafn, Vigdis und Egill nach Norden zu gehen, um ein Telefonsignal zu bekommen. Anna bleibt mit einem verletzten Knöchel zurück. Die Wanderer finden bald einen Staudamm in einem Gletscherfluss und eine aufgegebene Siedlung und erkunden das verlassene Arbeitscamp. Dabei finden sie verstörende, von Menschenhand gefertigte Skulpturen aus tierischen Knochen. Eine davon enthält ein Foto der schlafenden Vigdís, aufgenommen mit ihrer eigenen Polaroid Kamera. Hrafn attackiert Egill im Zorn. Einmal aus alter Feindschaft und dem offensichtlichen Begehren von Egill auf Vigdis. Die drei trennen sich, kommen in einen Sandsturm und kehren einzeln zurück.

„das Getöse eines unvorstellbar großen Ungetüms, das über der Sandfläche kreiste, sie beobachtete und abwartete. Ihre Freunde wanderten durch die Sandwüste und kehrten verändert zurück. Kam das nicht in den Volksmärchen vor?“

Währenddessen hat Anna das Haus erforscht. Entdeckt dabei das Büro des alten Mannes, und erfährt, dass dieser einst Kjartan Aðalsteinsson war, ein Doktor und ein Protagonist aus der isländischen Wirtschaftselite, verbunden mit Björgólfur Guðmundsson und Margrét Póra Hallgrimsson, die ebenfalls zur Wirtschaftselite Islands gehören. Hinter dem Büro findet sie einen versteckten Raum, der ein Bett, eine Pistole und einen Schalter enthält. Über dem Schalter steht „Sieh mich an“, aber als sie ihn betätigt, bekommt sie einen beträchtlichen elektrischen Schlag. Indem sie Anhaltspunkte zusammenfügt, kommt sie zu dem Schluss, dass Kjartan ein Kind mit seiner eigenen Schwester hat und die Familie ins Hochland gezogen ist, um der öffentlichen Schande zu entgehen. Es wird ebenfalls angedeutet, dass er einst ein berühmter Wissenschaftler war, der gefährliche Experimente mit menschlichen Probanden gemacht hat.

Am dritten Tag brechen Egill und Anna bei Tagesanbruch auf, ohne Hrafn und Vigdis davon zu erzählen. Egills Bestreben ist es, von Hrafn wegzukommen. Noch nicht weit gekommen, finden sie Tryggurs Halsband und einen aus Steinen gemachten Pfeil. Dieser zeigt auf einen Pfad, der in eine Schlucht führt. In dieser Schlucht fließt ein Gletscherfluss. Diesem Zeichen folgend, betritt Egill einen Tunnel auf der Seite des Flusses und sieht den verstümmelten Tryggur und von da an sieht und hört man von Egill nichts mehr in dem Buch.

Hrafn und Vigdis, die sich später auf den Weg gemacht hatten, finden die Rucksäcke von Anna und Egill. Hrafn bemerkt zwei Fußspuren, die in den Tunnel hineinführen aber nicht wieder heraus. Dies verschweigt er vor Vigdis. Die beiden kehren wiederum in einem Sandsturm zum Haus zurück. In dieser Nacht fällt der Strom aus und verschiedene andere entnervende Entwicklungen geschehen, dessen Höhepunkt ein Klopfen an der Tür ist. Ohne die Mahnungen von Àsa zu beachten, öffnen Hrafn und Vigdis und finden Anna nackt, blutig an einer Angel, die von ihrem Auto stammt. Der Angelhaken steckt tief in ihrem Rachen. Anna ist stark verstümmelt. Die Zungenspitze abgeschnitten, Augen ausgestochen, Bissspuren, blind, taub und die Finger bis auf die Hand abgeschnitten. Sie trägt eine Botschaft bei sich. „Hilfe“ steht auf einem kleinen Zettel. Von Egill? Das alte Paar verschwindet.

Früh am nächsten Tag, brechen Hrafn und Vigdis auf, um Egill zu suchen. Die Erzählperspektive verlagert sich zu Hrafn und als er immer konfuser oder sogar geistig verwirrt wird, wird dem Lesser immer unklarer, wie verlässlich der Bericht ist. Es wird angedeutet, dass Hrafn entweder glaubt oder anfängt zu glauben, dass er verantwortlich für zumindest ein paar Gewalttätigkeiten ist, die stattgefunden haben. Hrafn und Vigdis werden während der zunehmend konfuseren Abläufen des Geschehens getrennt und Hrafn kehrt zum Haus zurück und versucht zum ersten mal den Keller zu erforschen. Dies endet mit dem, was als Hrafns geistige Rückkehr zu einem Kindheitstrauma gedeutet werden kann.

Der Roman endet mit einer verworrenen Darstellung von Vigdis, die aufgefunden wird, als sie nackt auf dem Hochland herumirrt, die polizeiliche Untersuchungen des Hauses und Vigdis Krankenhausaufenthalts. Dabei wird berichtet, dass das Haus nur ein großer Fels ist, woraufhin der Leser sich fragt, ob alles was zwischen dem Autounfall und dem Ende des Geschehens nur Halluzination war, angestoßen durch den Konsum von Alkohol und Drogen und über allem dieser kräftige Impuls der Selbstzerstörung, dem die vier jungen Menschen unterliegen.

„Hochland“ ist ein psychologischer Thriller, den man in Verbindung mit der Finanzkrise in Island im Jahre 2008 lesen sollte. Die Handlung des Romans spielt um die Zeit von 2008, das Jahr, in dem die Finanzkrise in Island begann. Einige Hinweise darauf lassen sich im Roman finden. Auch die handelnden Personen sind Teil dieser Krise:

„Alle, die ich (Egill) kenne, sind total fertig. Es ist, als wäre diese Gesellschaft eine Maschine, die Menschen zermalmt und dann völlig falsch zusammengesetzt wieder ausspuckt.“

Beide Männer sind am Ende – stehen vor dem finanziellen und auch geistigen Zusammenbruch. Gleichzeitig ist „Hochland“ auch eine moderne Volkssage, die raffiniert Gebrauch von der traditionellen isländischen Folklore macht. Der Roman spielt mit dem Mythos Islands:

„in bestimmten Landesteilen, wo es kein Handynetz oder elektromagnetische Wellen oder so was in der Luft gebe, sammelten sich alle Gespenster und Teufel und Wiedergänger, verborgene Wolk und Elfen, Schutzgeister, Ungeheuer. Weil sie woanders keinen Platz mehr finden.“

Ein Hinweis darauf ist auch, dass die Bewohnerin des Hauses Ása heißt. Ása ist unter anderem der Beiname Thors als einem der obersten altnordischen Götter, der Asen.   Der Roman schildert markant die Kraft der isländischen Natur und den Mangel an Verständnis und Respekt ihres Wesens.

„Aber es muss ein Gleichgewicht herrschen zwischen dem, was wir uns nehmen, und dem, was wir zu viel geben. Wir müssen uns mit der Natur arrangieren und unsere Einstellung zu ihr ändern. Wir brauchen die Natur, um zu überleben.“

Bragi beschreibt die isländische Kultur auf dem Höhepunkt des isländischen Wirtschaftsbooms und die Psychologie der handelnden Personen. Eine Geschichte über den eigenen Wahnsinn.

„Hör auf deine Kinder, und wenn sie etwas sehen, was du nicht siehst, solltest du Angst bekommen.“

 

 

 

 

 

 

 

Hochland von Steinar Bragi
Originaltitel: Hálendid
Übersetzer: Tina Flecken
DVA 2016

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