Leonard Gardner – Fat City

 

Fat City

von Leonard Gardner

Leonhard Gardner war ein Student im Aufbaustudium für kreatives Schreiben im Staat San Francisco, als er mit dem vierjährigen Schreibprozess bis zur Endfassung von „Fat City“ begann. Er wuchs in Stockton, Kalifornien auf und kämpfte dort als Amateurboxer. Stockton, mit dem Sportstudio Lido, dem Hotel Coma, den Imbissbuden der Hauptstraße, wo die dunklen Kneipen den Männern und Frauen eine zeitweilige Ruhepause gönnen, deren rückenbrechende Arbeit auf den Feldern ihnen kaum erlaubt, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Die Stadt ist eine der zentralen Figuren im Roman. Fat City ist auch ein alter Spottname für diese historische Stadt in Kalifornien. Gardner war 36 Jahre alt, als der Roman schließlich 1969 erschien. Das Buch war auch in der Endausscheidung für den „National Book Award“ im Jahre 1970. Zusammen mit dem Roman „Schlachthaus 5“ von Kurt Vonnegut und dem letztendlichen Gewinner „Jene“ von Joyce Carol Oates. Gardner schrieb ab nun für Film und Fernsehen, einschließlich das Drehbuch für den 1972 uraufgeführten Film „Fat City“. John Huston führte Regie in diesem Film, mit einem bis dahin noch ziemlich unbekannten Stacy Keach, dem jungen Jeff Bridge und der brillanten Susan Tyrell.

Leonhard Gardners einziger Roman, ein dünnes, 223 seitiges, pralles Buch, dass seines Status als Klassiker der amerikanischen Literatur, durch seine makellose, beschwörende Prosa, eine mitfühlende, aber doch verbitterte Sicht auf das menschliche Befinden und die unbedingte Glaubwürdigkeit seiner Beschreibung des Sports der zerbrochenen Nasen verdient hat. Das Buch wird als Meisterwerk des „dreckigen Realismus“ gehandelt. Ein Roman, der Generationen von Lesern seit seinem Erscheinen verblüfft und fasziniert hat. „Fat City“ ist ein eindringlicher Roman über Hartnäckigkeit und Kampf, von dem mächtigen Versprechen eines guten Lebens und die Verzweiflung und dem Alkohol, die denjenigen auflauern, denen sich das gute Leben entzieht.
 

1969 sagte Gardner im Life-Magazine über den Titel seines Buches: „Viele Leute haben mich nach dem Titel meines Buches gefragt. Er ist Teil des Slangs der Schwarzen. Wenn du sagst, du möchtest nach Fat City gehen, meint dies, du möchtest ein gutes Leben haben. Mir kam die Idee für diesen Titel nachdem ich eine Fotografie eines Miethauses auf einer Ausstellung in San Francisco gesehen habe. Fat City war mit Kreide auf die Hauswand geschmiert worden. Der Titel ist Ironie. Fat City ist ein verrücktes Ziel und niemand wird es jemals erreichen.“ Aber wie es der alte Boxmanager von Billy Tully ausdrückt: „Es gibt immer wieder jemanden, der bereit war zu kämpfen.“

Ross Macdonald schrieb über „Fat City“: In seinem Mitleid und seiner Kunst bewegt sich Gardner über Rassen, über Schuld und Bestrafung hinaus, wie Twain und Melville es taten, in eine tragische Vergebung hinein. Ich habe selten einen solchen schönen und individuellen Roman gelesen wie diesen.“

Im Grunde genommen ist „Fat City“ kein Roman über das Boxen. „Fat City“ ist eine allgemein gültige Geschichte über düstere Gegebenheiten und vergiftete Selbsttäuschungen. Für die Männer in diesem Roman ist Boxen eine Chance, ein Schimmer von Hoffnung. Fat City ist alter Jargon und steht für Wohlstand und Annehmlichkeit – für ein gutes Leben. Bist du in Fat City, hast du Glück. Aber dieser Titel des Romans ist, wie Gardner sagt, verdrehte Ironie. Das Buch ist erfüllt mit der Erkenntnis, dass Gelegenheiten vergehen, Träume einen behindern können, kostbare Zeit verschwendet wird und alle Zukunftschancen dabei zu Asche verbrannt werden. Viele sind gefangen in diesen Lebensverhältnissen. Kein Geld und jeden Tag auf der Suche nach einem Job auf den kargen Feldern der Umgebung. Und da ist Boxen ein Ausweg. Eine alte Binsenweisheit des Boxsports ist, dass er so schwierig ist, dass nur der Verzweifelte ihn erdulden kann, als eine zermürbende Flucht aus einem kulturellen, finanziellen oder seelischen Ghetto, das sie gefangen hält. Es ist ein fordernder und schmerzhafter Weg mit keinerlei Garantie und viel Risiko. Und so ist das Buch, wie gesagt, nicht nur ein Buch über das Boxen, sondern auch ein Buch, wie es war, in Stockton zu leben, am Ende der 1950er Jahre. Der Roman zeigt dem Leser eine Welt von schmutzigen Kneipen, von ausgezehrten chinesischen Schweinswurstköchen, von ersten Freundinnen, die geheiratet werden, weil der Verlust der Jungfräulichkeit, Schwangerschaft bedeutet und vom Leben in heruntergekommenen Hotelzimmern, die die Seele weinen lässt.

Ein paar Jahre bevor die Handlung des Romans beginnt, war Billy Tully in Fat City. Er lebte anständig und gewann Kämpfe. Er hatte ein Haus, ein gutes Auto und eine hübsche Frau. Dann erlitt er eine unglückliche Niederlage im Ring, die ihm sein Selbstvertrauen raubte. Er gab das Boxen auf, fing an zu trinken, konnte seine Arbeit nicht halten, verlor sein Auto und sein Haus. Dann verließ ihn seine Frau. Nun verdiente er als Tagelöhner auf den Zwiebelfeldern des Tales gerade so viel, dass es für ein schäbiges Hotelzimmer und seine nächtlichen Sauftouren reichte.

Rowohlt 1991 „Fat City“

Wenn wir Tully zum ersten Mal im Buch begegnen, denkt er über eine sich kürzlich ereignete Kneipenschlägerei nach, in der er einen anderen Saufkumpan mit einem Schlag niedergestreckt hat. Diesen Schlag nimmt sein verkatertes Hirn als Beweis, dass er seine Fähigkeiten als Boxer noch nicht verloren hat. Er beschließt in den YMCA zu gehen und damit zu beginnen, sich wieder in Form zu bringen. Er will ein Comeback. Als Tully dort eintrifft, ist der einzige weitere Benutzer des Gym, der 18jährige Ernie Munger, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, an einer Tankstelle die Windschutzscheiben zu reinigen und Autos zu betanken. Er schlägt sich die Zeit tot, indem er auf einen Sandsack eindrischt. Tully überredet ihn, einen Sparringskampf mit ihm zu machen. Dieses Treffen verändert das Leben des jungen Ernie Munger. Tully drängt ihn, in den Box Club zu gehen und bringt ihn mit seinem alten Manager und Trainer zusammen.

New York Review Books
Fat City 2015

Der Roman verbindet die Geschichten von Billy Tully und Ernie Munger. Ernie versucht als Boxer in die Riege der Männer aufzusteigen. Billy versucht, wieder in Form zu kommen und sein Leben wieder in die Spur zu bringen. Ernie ist Tullys Vergangenheit und Tully ist Ernies Zukunft. Wir werden in jeden hineinversetzt und erhalten flüchtig Eindrücke von anderen Boxern, die um das Studio kreisen. Diese Einblicke in das Leben und Denken anderer Boxer sind durchgehend im Roman, wo Hoffnung ununterscheidbar von Selbsttäuschung ist.  

„Willst du wissen, was einen guten Boxen ausmacht?“ „Was denn?“ „Dass du an dich glaubst. Dass du siegen willst. Der Rest – Kondition. Wenn du deinen Gegner fertigmachen willst, machst du ihn fertig.“ „Hoffentlich hast du recht.“ „Wenn du ihn nicht fertigmachen willst, bist du selber dran.“

Fehler werden gemacht. Lebendig geschilderte Charaktere tauchen auf. Die Frauen im Leben der Boxer werden zu kraftvollen Mächten. Für Ernie ist es seine junge Frau, die ihm ein Kind schenkt. Für Tully ist es Oda, die streitbare Alkoholikerin, mit der er in wilder Ehe lebt, während er daran arbeitet, seine Boxkarriere wieder aufzufrischen. Ungeachtet der Verbindung zwischen den zwei Erzählungen über die zwei Boxkämpfer ist Ernies Zukunft am Schluss des Buches offen. Er wird wahrscheinlich kein großer Boxer aber er kann es vielleicht und schlussendlich dazu bringe, zu einem vernünftigen und bodenständigen menschlichen Wesen zu werden.

Cover „Fat City“ EA

Verzweiflung ist eines der Schlüsselwortes des Romans. Verzweiflung am Dasein. Am Leben, wie es einem mitspielt. Tully überkommt nach einem verlorenen Kampf und nach der Trennung seiner Freundin ein Schmerz. „Eine entsetzliche Niedergeschlagenheit brach über ihn herein, eine rauschende Welle der Verwirrung und Verzweiflung. Er hatte keinen Zweifel mehr, dass er verloren war.“ Wes Haynes, ein weiterer Boxer im Buch, überkommt die Erkenntnis, dass er ein Nichts war.

„Er drückte die Wange an das kalte Glas und dachte daran, sich umzubringen. Aber Jahre zuvor, an den Beinen seines Vaters in einer Menge stehend, hatte er einmal einen toten, im eigenen Blut liegenden Mann gesehen, seinen stumpfen, überraschten Blick – und Wes wusste, wenn er schon gewaltsam sterben sollte, würde er es bestimmt nicht selbst erledigen. Sie müssten schon kommen, um ihn zu holen, und er würde sie niederknüppeln, er würde würgen und schießen, und dann würde er abhauen.“

Dies legt aber nicht nahe, dass das Weglaufen es besser machen würde oder dass das Leben, zu dem er läuft, ein Leben ist, das er sich wünscht. Im Roman findet man beides. Schmerz, der einen zusammenzucken lässt und tiefen Genuss. Gardners Erfolg lebt aber gerade deshalb weiter, weil „Fat City“ nicht bedrückend ist. Die Erzählung ist dunkel aber ist angereichert mit Kraft. Sie ist verlockend, gewinnend und leuchtend, allen Widrigkeiten zum Trotz, durch eine Lebendigkeit, die in sich schon eine Form von Hoffnung beinhaltet. 

Der Roman ist auf seine Weise wunderbar.

 

 

Leonard Gardner
Fat City
Übersetzt von Gregor Hens
Blumenbar Verlagr

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