Melanie Rae Thon „Iona Moon“

with no eyes to cry
with no eyes to cry

Moral – der Kampf ein Leben zu leben von Mitgefühl und Anstand

„Das zweite Gesicht des Mondes“ ein Roman von Melanie Rae Thon

 

„Sobald ich anfing, die Geschichte von Iona zu erzählen, wurde sie absolut wirklich für mich. Sie war in mir. Das ist nicht immer so, wenn ich schreibe. Manchmal braucht es Monate, um nahe genug an die Personen zu kommen, um ihre Stimmen zu hören und um zu verstehen, was in ihrem Leben geschieht. Aber Iona, ich fühlte, ich wusste alles über sie – oder dass ich alles über sie wissen könnte, wenn ich geduldig genug wäre, wenn ich über sie nachdachte und sie erinnern ließe. (…) Für mich war sie einzigartig. Sobald sie sprach, war sie wild und beharrlich. Sie konnte niemand anderes sein, als sie selbst.“

So Melanie Rae Thon in einem Interview über ihre Hauptfigur Iona Moon in dem gleichnamigen Roman (dt. „Das zweite Gesicht des Mondes“). Grundlage des Romans sind zwei Kurzgeschichten aus ihrem Erzählband „Girls in the Grass“: „Iona Moon“ und „Snake River“.

In klarer prächtiger Prosa, gibt Melanie Rae Thon uns eine kraftvolle Darstellung derer, die sich nach Liebe sehnen, während sie am schmerzlichen Rand der Wirklichkeit gehen. „Iona Moon“ ist ein starker Roman – weich und schmerzhaft an Verlangen. Die Prosa ist wunderbar balladenhaft und genau. Der Text ist herb und oft unerwartet – zuerst erscheint er einfach, sehr wie Iona Moon selbst, die sich im Laufe des Romans als ungewöhnlich widerstandsfähig, zu großer Zärtlichkeit fähig, und sehr oft als weise erweist.

In „Iona Moon“ erschafft Thon eine Stadt – White Falls, Idaho – voller Menschen, die sich abmühen ein Leben zu gestalten von Anstand und Erfüllung durch Erkenntnis, durch Witz, durch Arbeit, durch Vertrauen. White Falls (und der bäuerliche Außenbezirk, die Kila Flats) ist ein Ort, wo das Leben die Menschen bricht und wo Menschen sich selber zerbrechen, manchmal langsam, manchmal abrupt, manchmal mit guten Absichten, manchmal mit überhaupt keinen Absichte

Gasoline
Gasoline

Die Zukunft in diesem Provinznest amerikanischen Zuschnitts scheint für jeden vorausbestimmt. Die Mädchen heiraten nach der High-School, bekommen ihr erstes Kind und danach jedes Jahr ein weiteres, werden Kassiererinnen oder Arzthelferinnen. Die Jungen schaffen es vielleicht aufs College oder treten in die Fußstapfen ihrer Väter. Angst beherrscht ihr Leben. Angst vor der Zukunft „vor all den Tagen, die genauso beginnen würden, wie dieser. Er konnte sich kein eigenes Leben vorstellen, kein Leben mit Frau und Kind. Eines Tages in nicht allzu ferner Zeit würde er auf dem Stuhl seines Vaters sitzen, die Gedanken seines Vaters im Kopf. Er sah sich schon als alten Mann, sah sich als Toten“. Aber Iona hat Mitgefühl, Mitleid – weil man ein noch so jämmerliches Leben haben kann und es trotzdem immer noch andere Möglichkeiten gibt. Wir sind alle auf Vergebung angewiesen.

Sterblichkeit, in der Tat, hat alle wichtigen Männer in Ionas Leben gebrochen – von ihrem Vater und ihren Brüdern bis zu ihren Liebhabern. Wie sagt Iona zärtlich zu einem Liebhaber: „Jeder ist auf seine Weise mitleiderregend“. Durch all diese Traurigkeit und Schmerzen, finden Thons Menschen zum Verständnis zueinander und zu ihrem Leben, zu dem sie sich bekennen müssen.

Meeting place
Meeting place

Als Ionas Mutter stirbt, ruft Iona sich die Worte ihrer Mutter ins Gedächtnis zurück: „Es gibt nur drei Wege raus aus der Stadt – der Fluss, die Bahngleise und die lange, gewundene Straße und doch kommt man anscheinend nur fort von hier, indem man stirbt“. Es gibt kein Entkommen. „Einerlei, wie weit du rennst, du nimmst dich immer selbst mit“.

Iona Moon – ein Mädchen, in vielem schon eine Frau, nicht schön, knochig, gelbe Haut, ihr Busen klein, aber warm. Tochter eines Kartoffelbauers in den Kila Flats. Stinkt nach Stallmist. Ihre drei Brüder geben ihr Geld. Einen Quarter und sie lässt sich unter den Rock fassen, einen Dollar und ihr älterer Bruder kann mit ihr auf den Heuschober. „Ich habe einen Quarter. Und was bietest du für einen Dollar? Früher oder später bekam sie von jedem Jungen

das gleiche zu hören.” Thon sagt über Iona: „Ja, sie ist begehrenswert, weil sie leidenschaftlich ist. Sie hat keine Angst vor ihrem eigenen Körper. Sie hat keine Angst vor ihrer Sexualität. An einem Punkt sagt sie:

Was für einen Sinn macht es, alles für einen speziellen Anlass aufzusparen, der vielleicht niemals kommt? Sie lebt in der Gegenwart und tut was sie will – oder was nötig ist – in jedem einzelnen Moment. Diese Eigenschaft macht sie verführerisch aber auch erschreckend. Es gibt ihr eine große Macht über Jungen, die von ihr angezogen werden. Sie verführt die Jungen, die sie wollen, wirft sie aus dem Gleichgewicht. Ich denke, deshalb ist sie auch eine „Schlampe“. Wenn sie zu bedrohlich wird, können die Jungen wieder zu ihren moralischen Wertvorstellungen zurückkehren. Sie können über sie als „schmutzig“ denken – körperlich und geistig. Sie können ihr entkommen, indem sie sich selbst davon überzeugen, sie bevorzugen „nice“ girls, Mädchen, denen beigebracht wurde, sich von ihrem Körper zu entfremden. „Ich bin keine Schlampe, Willy, ich bin bloß großzügiger, als die meisten Mädchen, die du kennst“. Oder wie sie zu ihrer Mutter sagte: „Weil ich einen Körper habe. Hände und Rücken, Blut und Haut“.

„Er beobachtete sie, betrachtete ihren Körper – gelbliche Arme, dunkles Gesicht, zottelige Haare und spitze Nase, all die zarten, beinahe sichtbaren Knochen. Ein seltsamer Trost, dieses Mädchen, aber es tröstete ihn, an ihre Rippen und Knie zu denken, an ihre knochigen Hüften, all das was er spüren würde, wenn er sich zu ihr legte, nichts Weiches und Einfaches, nur die harte Wirklichkeit – dieses eine Mädchen, diese Nacht, dieser Körper neben seinem.“

Liebe, jeder ist auf der Suche nach Geborgenheit, Nähe, etwas, was dem Leben einen Sinn gibt. „Sie wollte weg, endgültig. Aber vor allem anderen wollte sie diese Menschen lieben. Das war die Wunde, die nie zuheilte: das schlichte Verlangen zu lieben, nicht einfach irgendwen, sondern diese vier: Rafe, Dale, Leon, Frank (die Brüder und der Vater). Sie wünschte, sie würden alle etwas tun, nur eine Kleinigkeit, etwas Nettes, damit sie zumindest an die Möglichkeit von Liebe glauben konnte. Sie wünschte, Hannah hätte sie beschützt, denn dann hätte sie die vier jetzt nicht hassen müssen.“

Die Mütter, es steht viel über Mütter in diesem Roman. Sharla, Ionas Freundin, die von ihrem Vater geschwängert, von ihm in den Keller gesperrt wurde und dort eine Fehlgeburt erleidet weint, „weinte jetzt auch, um Iona und um sich selbst, um Hannah Moon und um ihre eigene Mutter, die Frau mit den großen, verschwommenen Augen, um alle Mütter, die zu früh die Augen schlossen, die ihre Brille absetzten und starben, die nicht hinsehen wollten, und um alle Töchter, die so lange die Wahrheit verschwiegen, bis sie nicht mehr zu retten waren, die nur weinten und sich aneinander festhalten konnten, in der hell erleuchteten Küche irgendwo in einer frühmorgendlich stillen Straße.“

ohne Titel
ohne Titel

Die Differenz zwischen Selbstmitleid und Qual, und den Abstand zwischen persönlicher Verzweiflung und allgemeiner Hoffnung schildernd, ist „Iona Moon“ reif, aufschlussreich und wunderbar. Und Melanie Rae Thon entlässt den Leser am Schluss nicht ohne Hoffnung:

„Manchmal gab einem der Snake River eine zweite Chance, ob man sie nun haben wollte oder nicht“.

Rowohlt Verlag
Rowohlt Verlag

Bisher von Melanie Rae Thon erschienen:                          

„Niemandes Töchter“ -Erzählungen

“Augustnächte” -Roman

“Das zweite Gesicht des Mondes” -Roman  Rowohlt

Illustrationen von Tomi Ungerer

 

Tomatenrot von Daniel Woodrell

Tomatenrot

Ein Buch, wie ein Rockabilly SONG

DU BIST KEIN UNSCHULDSLAMM, und du weißt, wie das so läuft: Freitag ist Zahltag, und der Tag ist grau und ganz durchgesuppt von einem langsamen, hässlichen Regen. In deiner Trübsal suchst du Gesellschaft…“ Das ist der Anfang des meisterhaften ersten Kapitels von Daniel Woodrells sechstem Roman, der nun in einer Neuübersetzung im liebeskind Verlag erschienen ist. Und wie die Leser von Daniel Woodrell es erwarten, spielt auch dieser Roman in den Ozarks. Um genauer zu sein, in West Table, Missouri.

Der Erzähler heißt Sammy Barlach. Und die Geschichte, die Barlach zu erzählen hat, ist eine Tragödie. Aber diese zu lesen, ist eine Freude, wie die New York Times schrieb. Dieses fulminante erste Kapitel, das ganz dem Erzähler gehört, ist ein furioser Einstieg in den Roman. Barlach erzählt seinen Werdegang. Ohne Punkt und Komma wie es scheint, atemlos. Er schwadroniert wie die Menschen im Ozark sprechen. Sammy öffnet sich, ist schonungslos sich selbst gegenüber und sein Motto ist: Hier bin ich, nehmt mich wie ich bin, ich kann nicht anders. Es ist kein Bewusstseinstrom, kein steam-of-consciousness Monolog, sondern klare kompromisslose, ehrliche Sprache.

Gerade erst Arbeit in einer Hundemittelfabrik gefunden, trifft er ein Mädchen, die gut mit Crank (Meth) versorgt ist und die nach dem Wochenendtrinkgelage auf die Idee kommt, in die Villa einer reichen Familie einzubrechen, die gerade wieder einmal in Urlaub ist. Hier wird er sich seiner Herkunft bewusst: „Ich hasste mich und alle von meiner Sorte vor mir. Dieses Haus stand zig Ebenen über jedem, in dem ich jemals gewesen war.“ Er muss sich ins Gedächtnis rufen kein Abschaum zu sein und gleichzeitig dem Drang widerstehen, alles kurz und klein zu schlagen. Ein Drang, der immer da war, im Hintergrund, aber immer nach vorne gespült wurde. Er hat noch ein zweites Bedürfnis: es musste immer etwas zu essen in Reichweite sein. Ohne was zu essen konnte er nicht schlafen. Nur die Gewissheit, dass etwas Nahrhaftes greifbar war, beruhigte ihn schon.

In der Villa trifft Sammy die Einbrecher Jamalee und Jason Meridew, ein Geschwisterpaar aus Venus Holler. Die zwei leben zusammen wie Bruder und Schwester, „die früher wohl erheblich öfter Doktor gespielt hatten, als es sich gehörte.“ Die Geschwister brechen in reiche verlassene Häuser ein, um dort für eine Nacht den Luxus zu genießen. Kleider anzuziehen und so zu tun, als sei man reich. Jamalee jedoch hat Träume, will groß herauskommen, indem sie ihren Bruder, der durch sein Aussehen allen Frauen den Kopf verdreht, dazu benutzt, reiche Frauen zu verführen und dann versucht, diese zu erpressen. Nur einen Haken hat die Sache: Jason macht sich nichts aus Frauen. Und das ist gefährlich. Trotz seiner Schönheit. „Schönheit half nicht gegen Bösartigkeit, und Bösartigkeit hatte genau hier ihren Willen gekriegt“, heißt es im Roman, als das Trio durch eine Gewalttat getrennt wird. Oder wie Bev Meridew, die Mutter der Geschwister, zu Sammy sagt: „Da draußen gibt es alles mögliche Böse auf zwei Beinen.“

Beverly Meridew ist als Gelegenheitsprostituierte und gelegentlicher Polizeispitzel unterwegs. Bev lebte nach Meinung ihrer Tochter nach dem Motto: „Lebe schnell, lerne langsam.“ „Sie war eine der Frauen, die sich wie eine Kinderpuppe stylen. Eine Barbie, die mit Truckstop-Wiskey und frittiertem Hühnchen aus dem Leim gegangen war.“ Aber sie hat sich mit diesem Leben abgefunden, hat sich darin eingerichtet. Sammy zieht zu dieser inzestuösen Familie, da Jamalee auf die Idee kommt, Sammy als Beschützer zu engagieren, um sich oder ihre Träume von Reichtum vor den fiesen Elementen von Venus Holler zu beschützen. Venus Holler, „die zwielichtigste Gegend der Stadt“. Es handelt sich dabei „um eine Senke voll kleiner eckiger Häuser, die sich ein wenig zur Seite neigten wie ein Haufen Trinker.“ Trotzdem findet Sammy hier, was er so sehnlich suchte und sich wünschte: „irgendwo dazuzugehören, und das waren die Leute, die mich ließen.“

Die im Grunde bedeutungslosen Charaktere, den wen interessiert schon eine Familie, und einen Verlierertyp tief in den Ozarks, bringen sich durch ihre Handlungen, die sich durch große Dummheit auszeichnen, in Schwierigkeiten. In so große Schwierigkeiten, dass das deprimierende Ende voraussehbar ist. „Die anständige Welt hatte kaum Notiz davon genommen“, heißt es an einer Stelle des Buches. Es hatte keinerlei Aufsehen erregt, als Jason tot aufgefunden wurde, und es eigentlich allen klar war, dass er ermordet worden war. „Der beiläufige Tod eines Typen wie Jason mit einer Adresse in Venus Holler interessierte die Öffentlichkeit nicht sonderlich.“

„Tomatenrot“ ist kein Kriminalroman, kein „Noir“-Krimi. Es ist ein Roman, in dem die Hauptpersonen des Romans lernen, dass das Leben, so wie sie es kennen, keine Hoffnung für sie übrig lässt oder dass es auf irgendeine Weise für sie besser werden könnte. Wenn Sammy, Jason und Jamalee zusammen sind, strahlt der Roman eine positive Stimmung aus, in der wunderbaren Unvollkommenheit des Trios, und doch, wohin immer sie auch gehen, haben sie keine Hoffnung, wenn sie so bleiben wie sie sind und manchmal sagt der Erzähler Sammy „schämte (ich) mich für das schlecht ausgestattete Leben, in das ich hineingeboren worden war.“

Jamalee „war winzig und unerbittlich. Ihr Kopf sah aus wie eine robuste Tomate nach einem heftigen, reinigenden Wolkenbruch. Sollte ich jemals einen Mustang, Baujahr ’65, Vier-Gang mit Faltdach besitzen, dann musste er die Farbe ihrer Haare haben.“ „Sie kam auf Lösungen, wo ich noch nicht mal ein Problem erkannt hatte.“ Aber sie ist ebenso verletzlich wie Sammy und sie ist ebenso auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit, nach besseren Zeiten. Als Sammy und sie zum ersten Mal körperlich zusammenkommen, sagt sie zu ihm „Sei gut zu mir“. „Oder böse“. So zwiespältig das Verhältnis von Jamalee zu Sammy ist, so klar ist das Verhältnis von Bev zu Sammy. Hier bekommt er, was er vorerst von Jamalee nicht bekommt: Sex. Sammy ist in beide Frauen verliebt, denen jeweils eine vorhersehbare Rolle zugeteilt ist – die Hure und die unerreichbare Göttin. Während Bev eine ungehörige Menge an Vergnügen aus ihrem Gewerbe zieht hat Jamalee ambivalentere Gefühle gegenüber der körperlichen Liebe. Sie begegnet ihr mit einer Portion Furcht. Die Anziehungskraft von Sammy für die beiden Frauen ist aufgeladen durch die Mutter-Tochter-Beziehung und durch seine eigene sexuelle Unsicherheit. Auch gegenüber Jason.

Woodrell befasst sich mit der Hoffnungslosigkeit der Armut in den Ozarks. Er beschreibt die triste Wirklichkeit der Armut und die Außenseiter, die diese hervorbringt. In „Tomatenrot“, hält Woodrell seinen traurigen Themen eine Erzählweise entgegen, die lebendig, lustig und voller ablehnender Haltung ist. Sammy hat eine Stimme wie ein Schnappmesser und er benutzt die scharfe Schneide, um die Erwartungen des Lesers an die Leute vom Lande und die Gewalt zu untergraben. Barlach ist der Held von „Tomatenrot“ und wir reden von einem klassischen tragischen Helden. Er ist, wie alle guten „Noir“ Helden, fremd und zum Handeln gezwungen. Sammy strebt nicht danach ein besserer Mensch zu sein und doch versucht er, sich anzupassen. Woodrells Beschreibung, wie jemand das Lebensnotwendige verweigert wird und der dadurch zu einer unsicheren und verwahrlosten Existenz verdammt wird, ist für den Leser schwierig mitzuerleben, obwohl Sammy einen gewissen Sinn für Humor besitzt. Armut, so Woodrells Fazit, führt dazu, dass jeder schlussendlich auf sich allein gestellt ist und für sich selbst sorgen muss. Ob es Sammy, Beverly, Jamalee oder Jason ist, alle müssen sich der tiefgründigen Entfremdung stellen. Als Jamalee ihre Entscheidung fällt und Sammy am Schluss wieder einmal verraten wird, bleibt ihm nur die sinnlose Gewalt. Die Gewalt, die im Hintergrund schon immer gelauert hat und nun aus ihm herausbricht. Diese raue rohe Gewalt wird unerbittlich geschildert und wird zur Selbsterfüllung von Sammys Prognose.

Sammy ist auf der Suche. Er sucht einen Sinn, dass alles. was ihm passiert, einen Sinn ergeben muss. „Hinter all dem Schrecken muss es doch einen Sinn geben, es muss, aber ich kann ihn einfach nicht finden, und das ist meine Schuld, also quäl ich mich weiter damit herum.“

Gebt die Schuld wem ihr wollt. Jetzt wisst ihr alles.

„Ich liebe diesen Song. Da kriege ich immer so ein Kribbeln.“ Der Song war I’m left, You’re Right, She’s Gone. „Er wird ja nicht ohne Grund der King genannt.“

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Daniel Woodrell „Tomatenrot“

Übersetzer: Peter Torberg

liebeskind Verlag 2016

 

 

 

 

 

Die Pforten der Wahrnehmung

Das Schiff

Roman von Stefán Máni

Ist es ein Kinofilm? Ja, aber ich spreche nicht von einem Kinofilm.

Ist es vielleicht ein Buch? Ja, aber ich spreche nicht von einem Buch.

Ist es diese Seereise? Ja, aber ich spreche von etwas Mächtigerem, Größerem.

Boom, boom, boom.

 Es geht ein treibender Beat durch Stefán Mánis neuesten Roman „Das Schiff“, ein Roman, in dem nur eine Band gespielt wird, eine hervorragende Band. „The Doors“, mit ihrem introvertierten und charismatischen Sänger Jim Morrison. Und vielleicht ist es beabsichtigt, die Band mit ihren Songs, als eine Art Schwanengesang oder etwas in der Art zu verwenden. Der Song andererseits, der aus dem Text hervorbricht, hat viele Stimmen viele Facetten. Man kann bestimmt davon ausgehen, dass dieser Roman auf viele anziehend sein wird und Zustimmung erlangen wird, bei den Literaturkritikern und/oder Mitgliedern der seltsamen Gruppe, die als „das gewöhnliche Lesepublikum“ bekannt ist. Die Verleger vermarkten das Buch als einen Thriller, als einen Kriminalroman und dies ist unzweifelhaft ein Charakteristikum dieser Geschichte. Die wirkliche Meisterschaft dieses Romans ist jedoch, wie es dem Autor gelingt, viele literarische Genre in ein eng gewebtes Netz zu spinnen, das es dem Leser unmöglich macht, sich daraus herauszuwinden, bevor er nicht die letzte Seite erreicht hat.

Sturmwellen

„Das Schiff“ ruft mehr in Erinnerung zurück, als Thriller es normalerweise tun. Schiffsreisen sind, wie wir wissen, eine der ursprünglichsten Wurzeln der westlichen Literaturen, wie das Odyssee-Epos uns gezeigt hat. Das Segeln befördert die Charaktere in der Geschichte und den Leser zu exotischen Welten, stoßen in die innerste Dunkelheit der menschlichen Seele vor. „Das Schiff“ ist die Geschichte von Männern, die den Weg in ihrem Leben verloren haben und ganz buchstäblich den Kontakt mit der äußeren Welt verlieren. Aber gerade dies ist das Fundament dieser Geschichte. Meiner Meinung nach, hat der Roman mindestens zwei Eigenschaften, das ihn zu einem Werk der Literatur macht: die Art wie er mit der klassischen Form spielt und die Weise, wie er Weltliteratur miteinander in Verbindung bringt, nicht nur die klassische.

Das Schiff
Das Schiff

Wann auch immer Stefán Máni Joseph Conrad (hier kommt einem unweigerlich das Buch „Das Herz der Finsternis“ in den Sinn) in seinen Interviews zitiert hat, zieht er auch seinen Hut vor Jim Morrison, Jean-Paul Sartre und Howard Phillips Lovecraft (der eine „Mythologie des Grauens“ geschaffen hat), wenn er kurz die anderen Quellen seiner Einflüsse erwähnt, mündliche und schriftliche, zusätzlich zu den Reisen, die er selbst auf einem Frachter für seine Recherchen unternommen hat. Es gibt noch einen anderen Autor, den ich gerne auf diese Liste setzen möchte, nicht zuletzt seiner Charakterstudien wegen und das ist Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Der Autor von „Die Dämonen“ ist bekannt für seine Untersuchungen in die Natur des Bösen im Menschen. In „Die Dämonen“, ein Pamphlet gegen den Nihilismus, gibt es ein Kapitel, in welchem ein Auszug aus dem Lukas-Evangelium – die Geschichte von der Austreibung der Teufel – zitiert wird. Dostojewski gilt auch als der Wegbereiter des mehrstimmigen Romans, mit mehrschichtigen Gesichtspunkten, Wiederholungen und anderen Parallelen, die man auch im Roman „Das Schiff“ von Stefán Máni finden kann, wo er ähnliche Wirkungen erzeugt, obwohl sein Stil sich unterscheidet. Und natürlich Hermann Melville und sein Meisterwerk „Moby Dick“. Hier fällt mir vor allem das vierzehnte Kapitel „Der Prophet“ ein. In diesem Kapitel warnt Elia, die Matrosen auf dem Wahlfänger „Peacock“ anzuheuern. Und in Stefán Máni „Das Schiff“ ist es Kalli, der die vier Seeleute, die sich zur Meuterei verabredet haben, warnt. Kalli, der kurz darauf zu Tode kommt und in dessen Rolle Jón Karl tritt.

Und noch ein Autor fällt mir ein, der Pate zu diesem Buch hätte stehen können. Edgar Allan Poe und sein Roman „Arthur Gordon Pym“, wie es auch Ulrich Baron in seiner SPIEGEL Besprechung bemerkt. Wenn man den ganzen Titel des Romans „Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket“ liest, so fallen dort die Begriffe „Meuterei“, „fürchterliche Gemetzel“, „die Zurückeroberung des Schiffes“, „Kannibalismus“, „Schiffbruch“ und „Katastrophe“. Alles Geschehnisse, die auch der Besatzung der „Per se“ zustoßen. Wie Arthur Gordon Pym dauernd aus einer lebensbedrohlichen Gefahr gerettet wird, nur um in eine noch haarsträubendere Situation zu geraten, ohne jemals den Grenzbereich zwischen Leben und Tod verlassen zu können, erinnert doch stark an die Situation der Besatzung auf der „Per se“. Die Geschichte liefert eine Kette von Studien menschlichen Verhaltens in Extremsituationen. Immer wieder konfrontiert Máni den Leser mit dem lähmenden Entsetzen von Menschen, die von Mächten des Grauens bedroht oder in labyrinthischen Strukturen (das Schiff, mit seinen Luken, seinen Maschinenräumen und den verwinkelten Auf- und Abgängen) gefangen sind, aber manchmal gibt es auch die innere Einsamkeit eines Menschen, der sich in seiner eigenen Fantasie verstrickt hat und eine Welt sucht, die es nicht gibt (die Realität hinter der Scheinrealität) und der unvermeidlich seinen Lebenswillen verliert, sobald er seinen Irrtum erkennt. Man kann sich nun fragen, ob es sich hier wirklich um einen Kriminalroman handelt. Oder viel mehr um einen Abenteuerroman für Erwachsene. Ist „Das Schiff“ eine Allegorie, eine Traumgeschichte, ein apokalyptischer Text (beginnt die Geschichte doch am Vorabend des 9/11 und der Frachter „Per Se“ lichtet am 11.09.2001 die Anker) oder ist es doch ein mystischer oder esoterischer Text? Eine Geschichte über die tiefste Erfahrung menschlichen Ausgeliefertseins an die Abgründigkeit der Existenz? Ist es von allem etwas und dann doch auch wieder nicht?

Zur Handlung: Neun Seeleute werden vorgestellt, die mit dem Frachtschiff „Per se“ von Grundartangi nach Surinam fahren sollen, um von dort Bauxit für die Aluminiumgewinnung nach Island zu holen. Aluminium, das der neue Reichtum der Insel ist. Neun Seeleute, die alle mehr oder weniger innere Teufel in sich tragen. Zum einen wird uns Ársæll Egilson „Sæli“, vorgestellt. Sæli ist Spieler und hat horrende Spielschulden. Er wird von jemand, der sich Satan nennt, dazu erpresst, Rauschgift von Surinam nach Island zu schmuggeln. Dann gibt es die Seeleute Jóhann Pétursson, Maschinenmeister; Ási, den Koch; den Bootsmann Rúnar Hallgrímsson und den Ersten Steuermann Ísak Sigurðsson. Diese vier treffen sich vor der Abfahrt des Schiffes, um Pläne gegen ihre (wahrscheinliche) Entlassung zu machen. Dazu gehört auch die Verabredung zu einer Meuterei als letztes Mittel. Ísak ist, wie man in der weiteren Geschichte erfährt, Alkoholiker. Er flüchtet damit vor der Leere, die er fürchtet. Auf dem Schiff hat Ísak Sigurðsson Pflichten zu erfüllen. Er hat eine Aufgabe. Er weiß, was er tun muss und wie er es tun muss, ist Teil einer gut organisierten Einheit. Er hat die Aufgabe, einen bestimmten Raum auszufüllen, eine bestimmte Leere zu füllen. Ohne Arbeit kann er nicht überleben. Ohne dieses viertausend Tonne schwere Stahlungetüm ist er wie ein Zahnrad ohne Antrieb.

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Jónas Bjarni Jónasson, der Zweite Steuermann, ist von einem besonderen Dämon besessen. Kurz vor der Abfahrt des Schiffes, tötet er seine Frau und verscharrt sie am Strand des Hvalfjörður. Ab diesem Zeitpunkt versinkt er in religiösen Wahnvorstellungen. Guðmundur Berndsen, der Kapitän, steht vor dem Ende seiner Ehe. Aber es ist nicht das Meer, das sie voneinander trennt, sondern der Tod. Der Tod ihrer Tochter. Das Meer ist nur ein Symbol für die düstere Ödnis, die der Tod in ihrem Leben hinterlassen hat. Eine düstere Ödnis aus Sprachlosigkeit. Dann gibt es noch Óli Johnson, welcher der Heizer genannt wird, weil er vom Teufel und all seinen Dämonen besessen ist. Ein stinkender Beelzebub, der sich jedes Mal, wenn man sich über ihn aufregt oder versucht, Böses mit Bösem zu vergelten, teuflisch amüsiert. Sabotage – Zerstörung des Radars, Satellitenempfängers, des Funks und des Schiffsmotors, machen den Frachter manövrierunfähig, eine Beute des Sturms. Meuterei und ein Piratenüberfall führen zu einem tödlichen Kampf. Alles endet in einer Agonie, als der Frachter langsam und hilflos im Ozean treibt und schlussendlich in der Antarktis, im Wedell-Meer strandet.

Die Hauptfigur aber ist eindeutig Jón Karl Esvason, der gleich zu Anfang in eine Doppelgängerrolle gezwungen wird. Er übernimmt an Bord des Schiffes die Rolle von Kalli (Karl), den Schwager des Zweiten Steuermanns, der auf dem Weg zum Frachter getötet wird. Jón Karl, ein Mythos in der Unterwelt Reykjaviks, mit dem Beinamen „Satan“, wird von einer weiteren Größe der Unterwelt, von Óðinn R. Elsuson, gejagt und kann sich gerade noch auf den Frachter „Per se“ retten. Das Letzte, was Óðinn R Elsuson sieht, bevor das Frachtschiff in der düsteren Unwetternacht verschwindet, ist der Name, der mit weißer Schrift auf dem Achtersteven gemalt ist: Per se.

„Fahr zur Hölle“, ruft er dem Schiff und Jón Karl hinterher.

Per-se
Per-se

Die Erkundung des Bösen im Menschen in diesem Roman (das Böse ist ein Charakterzug, der einzigartig ist für die Menschheit) kristallisiert sich zuerst und vor allem in einer Person, Jón Karl. Auf vielerlei Weise ist er der offenste Charakter in diesem Buch, der pure Rohling und ein Menschenhasser, dem nichts heilig ist. Zur gleichen Zeit ist er ganz banal, er schert sich einen Teufel um alles, tatsächlich ist er zu abgestumpft, um Empathie zu empfinden. Ein furchtloses bulliges wildes Tier mit reichhaltigem angeborenem Scharfsinn, eine schaurige nietscheanische Figur, die immer den kürzesten Weg zu seinem Ziel nimmt. Einer, der gegen die Gewißheit der Vernichtung ankämpft. Zu gleicher Zeit ist er auch der Anti-Held in dem Buch, er ist unfähig, und soll auch nicht, die Sympathien der Leser erwecken.

Die Geschichte selbst wird linear erzählt, geradezu konservativ könnte man sagen, aber was könnte geradliniger sein als eine Schiffahrt von Reykjavik nach Surinam? Aber die Erzähltechnik knüpft Knoten in diese Linie, je länger sie sich fortbewegt. Man kann anfügen, dass diese Erzähltechnik sehr technisch ist. Wenn es einen Wechsel in der Erzählperspektive zwischen simultanen Szenen gibt, wird die Anzeige einer Uhr gebraucht; wenn sich das Schiff in die Abgeschiedenheit des Ozeans hinausbewegt, der Sextant im Gebrauch ist, kann der Leser dem Abdriften des Schiffes anhand präziser Koordinaten folgen. Die Zeit ist aufgehoben. Spielt keine Rolle mehr. Ein Tag folgt dem anderen in seiner düsteren Trostlosigkeit. Die „Entwöhnung“ in der Erzählung, durch ständigen Perspektivwechsel, Rücksprüngen und verschiedenen Erzählfäden funktioniert gut und ermöglicht es dem Autor mit seinen Figuren zu spielen, indem er den Fokus von einem zum anderen verschiebt.

„Das Schiff“ ist Stefán Mánis siebtes Buch. Sein erstes Buch „Dyrnar á Svörtufjöllum“ auf Deutsch „Die Tür in den schwarzen Bergen“ veröffentlichte er 1996. Bevor er Schriftsteller wurde, arbeitete er in einer Fischfabrik in dem kleinen Ort Ólafsvik auf der Snæfellsnes-Halbinsel, wo er aufgewachsen ist, dachte über sein Lieblingsprojekt nach – ein Buch in seiner Freizeit zu schreiben – während er gefrorene Fischfilets einpackte, unsicher ob sein Buch für irgendjemand sonst von Interesse sein würde und ob es sich bezahlt machen würde, seinen Job für seinen Traum, ein Schriftsteller zu werden, zu kündigen. Schließlich entschied er sich dazu, verließ die Fischfabrik und fuhr mit dem Manuskript in einem Umschlag nach Reykjavik. Stefán Máni traf die richtige Entscheidung. Sein Buch wurde veröffentlicht und zehn Jahre später, im Jahr 2006, erschien das von der Kritik gefeierte und mit dem isländischen Krimipreis ausgezeichnete „Skipið“.

 „That is not dead which can eternal lie“. Dieser Satz aus H.P. Lovecrafts „Necronomicon“ könnte das Leitmotiv dieses Buches sein und wird auch des Öfteren im Roman zitiert (Was ewig schläft, ist nicht tot). Wobei die Zitate zu Lovecraft in „Das Schiff“ zahllos sind. Man denke nur an den Tintenfisch, der an der Scheibe klebt und den Kapitän mit einem toten Auge anglüht, Dabei kommt einem unweigerlich das Tintenfischhaupt der Sagengestalt „Cthulhu“ in den Sinn. In seiner Monographie „Supernatural Horror in Literature“ diskutiert Lovecraft die ästhetische Theorie der Gruselgeschichte. Er betont, „die echte Gruselgeschichte“ muss, mit einer Ernsthaftigkeit und Ungeheuerlichkeit, die dem Thema angemessen ist, jene entsetzliche Vorstellung des menschlichen Gehirns andeuten, nämlich eine unheilvolle und sonderbare Aufhebung oder Annullierung jener festen Naturgesetze, die unser einziger Schutz gegen die Angriffe des Chaos und der Dämonen aus dem unergründlichen All sind. In einem weiteren Essay „Notes on Writing Weird Fiction“ wirft er Licht auf die eigene Schreibweise: „Beim Schreiben einer Gruselgeschichte bin ich immer sorgfältig um die Schaffung der rechten Stimmung und Atmosphäre bemüht, sowie um die richtige Akzentuierung. Ein Bericht über unmögliche, unwahrscheinliche oder unfassliche Phänomene lässt sich (wirkungsvoll) nicht wie eine herkömmliche Erzählung mit sachlicher Handlung und konventionellen Gefühlen darbieten. Unbegreifliche Vorfälle und Umstände müssen ein besonderes Handikap überwinden, und dies ist nur dadurch zu erreichen, dass man in jeder Phase der Geschichte einen sorgsamen Realismus bewahrt, außer in jener, die an das besagte Wunder rührt. Dieses Wunder will sehr eindrucksvoll und wohlabgewogen geschildert sein – mit einer sorgfältigen emotionaler „Steigerung“ -, ansonsten wird es platt und nicht überzeugend wirken.

Warum zitiere ich diese Passagen? Wenn man „Das Schiff“ liest, fällt einem sofort auf, wie genau und penibel Stefán Máni den Frachter „Per Se“, die klaustrophischen Auf- und Abgänge, die engen Gänge, die Maschinenräume, die Schiffsmotoren und die verschiedenen Decks, alle Tätigkeiten auf das Genaueste beschreibt. Man denke nur an die Auflistung, was der Schiffskoch an Nahrung gebunkert hat. In „Das Schiff“ gibt es so viele Details, dass der Leser tatsächlich das Gefühl hat, an Bord des Frachters zu sein; strampelnd, um das Gleichgewicht in der turbulenten See zu halten, die Gischt der See im Gesicht zu spüren, der Geschmack des Salzes auf den Lippen und den Brechreiz, der im Magen anwächst. Das Herz schlägt bis zum Hals aus Furcht vor den dubiosen Charakteren, die im Schatten lauern und die Mannschaft terrorisieren. In dieser Phase der Geschichte, der anderen, wie Lovecraft schreibt, muss die Geschichte einen sorgfältig bewahrten Realismus erreichen. Die unbegreiflichen Vorfälle und Umstände bilden eine von allen anderen Storyelementen gesonderte Kategorie und können durch bloße herkömmliche Erzählweise nicht überzeugend gestaltet werden. Sie müssen das Handikap der Unglaubwürdigkeit überwinden und dies kann nur durch Realismus erreicht werden. Und weiter schreibt er: die Charaktere sollen darauf reagieren, wie wirkliche Menschen auf etwas Derartiges reagieren, wenn sie plötzlich im Alltag damit konfrontiert würden. Sie sollten das seelenzerrüttende Staunen zeigen, das normalerweise jeder zeigen würde…

Cthulhu Quelle: swordsandstitchery.blogspot.com
Cthulhu
Quelle: swordsandstitchery.blogspot.com

Das heißt, auch für „Das Schiff“, mit seinem verstörenden und vieldeutigen Schluss, dass, wenn man bei einer Geschichte mit extremen Realismus zu Werke geht, gelingt der unerlässliche Rahmen der Glaubwürdigkeit viel eher, denn erscheint in der Story alles natürlich und glaubhaft, wird man geneigt sein, in dem unnatürlichen Element ein Abweichen von der erwarteten Realität zu sehen, das sich in einer realen Welt ereignet.

Für Lovecraft stellt das Unbekannte das wirkungsvollste furchtauslösende Element der Gruselgeschichte dar. „Das älteste und stärkste Gefühl der Menschheit“ – argumentiert er ebenfalls in „Supernatural Horror in Literature“ – „ist die Furcht, und die älteste Furcht ist die Furcht vor dem Unbekannten“. In seinen „Notes on Writing Weird Fiction“ führt er dies weiter aus und hebt hervor: „Diese Geschichten betonen häufig das Element des Horrors, weil die Furcht unser tiefstes und stärkstes Gefühl ist und jenes, das sich am besten zur Schaffung der Natur hohnsprechender Illusion eignet. Horror und das Unbekannte oder Sonderbare gehören immer eng zusammen, so dass es schwer fällt, ein überzeugendes Bild zertrümmerter Naturgesetze oder kosmischen „Veräußertseins“ und „Außenseitertums“ zu schaffen, ohne dabei das Gefühl der Furcht zu betonen“.

Zum Schluß noch ein Zitat aus „Das Schiff“, aus einem Streitgespräch zwischen dem Heizer und Jón Karl. Die beiden diskutieren über den Teufel, Gott, das Sein und das Nichts, die Welt und die Diskussion mündet in der alltäglichen Erkenntnis: „Leben ist Schmerz und Angst“.

„Doch ihr Tag wird kommen. Der Tag, an der sich das Tor öffnet und die todgeweihte Menschheit endlich die fürchterliche Wahrheit begreift. Dann werden die kurzsichtigen Menschen von einem bösen Traum erwachen, denn das Schiff, das sie in eine bessere Zukunft führen sollte, fährt seit vielen tausend Jahren im Kreis. Es ist ein Schiff der Toren, von Toren gesteuert, die in die Sonne schauen und die Strömungen im Meer der Ewigkeit ignorieren – …“

Und der letzte Satz im Buch:

„Meister!“, ruft der Heizer, verbeugt sich  tief und macht die Tür weit auf…“

 

Quelle:  fantasyflightgames.com
Quelle:
fantasyflightgames.com

Erschienen im List Verlag 2008;  Originaltitel: Skipið

Guðmundur Andri Thorsson

Askja
Askja

Eine isländische Reise in das Herz der Finsternis

 Nach Island
Ein Roman von Guðmundur Andri Thorsson

In dem 1996 erschienenen Roman „Íslandsförin“ (dt. „Nach Island“)  erzählt der Autor Guðmundur Andri Thorsson die Geschichte eines englischen Gentleman, der am Ende des 19. Jahrhunderts eine Reise nach Island unternimmt. Auf der Suche nach seinen Wurzeln, nach seiner   Familie. „Ich trat in meine eigene Geschichte ein, meiner Mutter entgegen.“ Er sieht das   Land in einem magischen Licht, aber tief in seinem Innern, weiß er, dass etwas sehr persönliches, mysteriöses ihn mit Island verbindet.

„Es ist das Land, das meine Mutter gebar, und sie ging erst zugrunde, als sie nach England kam, und dennoch war sie empfindsam, jung und hilflos. Die Winde dieses Landes brausen durch meine Adern, sein Feuer wohnt in meinem Geist. Eis und Felsen formen mein Gemüt. Die Seele dieses Landes ist meine Seele, und ich bin kein Primitiver. Ich muss zur Mitte dieses Landes vordringen und seine Seele finden, sonst gehe ich zugrunde. Ich bin dieses Land.“

Mit seiner außergewöhnlichen Fertigkeit im Erzählen und beim kombinieren von Reisebericht, historischem Roman und psychologischem Drama, hat Guðmundur Andri Thorsson es möglich gemacht, ein Werk zu schaffen, das bis zur letzten Seite geheimnisvoll bleibt. Es ist nicht nur ein Reisebericht in ein geheimnisvolles, mystisches, von Sagen durchwobenes, von Elfen und Trollen bewohntes Land, sondern auch eine Reise auf der Suche nach sich selbst; ein politisches Buch; ein Entwicklungsroman und eine Kriminalgeschichte.

Sehr stark erinnert dieser Roman an die Novelle von Joseph Conrad „Heart of Darkness“ (Das Herz der Finsternis), in der Joseph Conrad eine Expedition ins Innere Zentralafrikas beschreibt. Bei Conrad und bei Thorsson ist es eine abenteuerliche Reise in die Nacht der ersten Zeitalter.

„Ich glaubte, unterwegs zu sein in ein fremdes Jahrhundert, zu einer Begegnung mit einer hilflosen Menschenrasse der Urzeit, jenseits von Zeit und Tod. Ich war auf dem Weg hinein in das Land. Ich war auf dem Weg in das Ungewisse.“

Askja
Askja

Vorweltliches und Gegenwärtiges scheinen sich zu durchdringen, die Reisen (bei Conrad ins Herz des schwarzen Kontinents, bei Thorsson, in das zu damaliger Zeit schwierig zu bereisende Island, ein unwirtliches Land, aus Feuer, Eis, Weiten, Einöden und Bergen, nehmen immer deutlicher den Charakter einer Entdeckungsreise ins Halb- und Unterbewußte an.

Hier wie dort wird beim Schreiben mit mythensüchtigem Exotismus (wobei uns Island und die nordische Mythologie wohl näher liegt als Afrika und seine Mythen); unaufdringlichen Symbolen aber auch mit realistischer Objektivität gearbeitet. Bei Conrad ist es die symbolistische Überhöhung der Urwaldlandschaft, bei Thorsson die Sagenwelt und die Landschaft der vulkanischen Insel, zum seelischen Schicksalsraum. Dies entspricht dem Parabelcharakter des melodramatischen „Abenteuers“.

(..dass hier die furchtbare Hand der Schöpfung selbst am Werk war. Mir wurde Einblick in den Mittelpunkt der Welt gewährt, in den Abgrund selbst, der magisch lockt. Eine unheimliche Kraft, gegen die ich nicht anzukämpfen vermochte, zog an meinen Beinen.)

Der Ich-Erzähler segelt nach Island, um dort zu erfahren, wo seine Wurzeln liegen, wo er vielleicht jemanden findet, der ihm nicht ängstlich ausweicht, wenn er nach seiner Mutter fragt. „Es ist, als ob ich mich im Land der Erinnerungen befände. Und doch scheint es hier keine Erinnerungen an mich zu geben.“ Er sucht die Frau, die sein Vater zur Frau nahm, die ihn gebar, als sie starb. Doch sie ist nicht tot.

Die isländische Magd, die einem englischen Lebemann begegnete, ihm an einem regennassen Abend die Kleider vom Leibe zog und sich dann zu ihm ins Bett legte. Neun Monate später, als der Junge geboren wurde, brachte sie ihn zu seinem Vater nach England. Sie kehrte zurück nach Island, verdingte sich weiter hier als Magd.

Joseph Conrads Novelle „Herz der Finsternis“ unterlag vielen Deutungsversuchen. Urs Widmer fasst sie in einem Nachwort zu einer Neuausgabe des Buches im Haffmans Verlag zusammen:

„So ist Marlows Fahrt gewiss zu Recht als eine Reise in die Zeit beschrieben worden, zurück zu den Ursprüngen, aus der unsere Triebe kanalisierenden Zivilisation in eine Welt, die keine Schranken und Fesseln kennt, in der ekstatische Erfüllung und grässlichste Grausamkeit eins sind, als ein regelrechter Gang ins Innere der Erde hinunter, ins Totenreich, als eine Reise zu den Schatten der Hölle, des Paradieses vielleicht gar, zu unseren Urahnen, die wir nicht mehr verstehen, ja, als solche kaum noch erkennen. Als ein Gang zu den Müttern, im metaphorischen und wohl auch im ganz konkreten Sinn, zur Mutter, zur archaischen Mutter – die, alles spendend und alles vermögend, dem Kind Alles und Jedes ist -, eine Reise in jenen „dunklen Kontinent“ ganz allgemein, von dem Siegmund Freund eins sprach, zu den Frauen also, ihrer geheimnisvollen Sexualität.“

Und seiner Mutter gestand er alles. Und sie „…lauschte meiner Erzählung, wie ich und Charlotte (seine Geliebte) das Leben Roberts zerstörten. Wie unglaublich leicht es uns fiel.“ Der Grund seiner Reise, die Flucht aus England, hervorgerufen durch die unvorhergesehen und sonderbaren Ereignisse, die zum Tod seines Kameraden Roberts geführt hatten. „Ich dachte an Robert und an sein im Tode erstarrtes Gesicht, schmeichlerisch im Tod, triumphierend im Tod, wie er mit dem Hut auf dem Kopf in der Schlinge baumelte, wie ihm der Hut vor meinen Augen plötzlich vom Haupt fiel, so dass man sein Gesicht anstarrte, vom Tod entstellt, in den ich ihn getrieben hatte, in den wir ihn gemeinsam getrieben hatten, wir beide, die wir uns nie mehr berühren sollten, ohne die Kälte um uns zu spüren.“ Er trägt an dieser Schuld. „An diesem Tag vor zwei Monaten sprang ich. Und ich falle immer noch“.

Eine weitere Hauptperson ist ein Freund des Erzählers Cameron. Dieser Cameron verkörpert den nüchternen logischen Europäer im Gegensatz zum Erzähler, der von der Mystik Islands befallen wird. Cameron argumentiert mit den Thesen Darwins, die damals neu waren. „Der Mensch – sagt Cameron – entwickelt sich genauso wie Echsen und Vögel und Fische durch die Auseinandersetzung mit seiner Umgebung, er reagiert: Alle Tiere versuchen, sich ihre Umgebung erträglich zu machen, und vergrößern dadurch ihre Lebenschancen und die der Ihrigen. Cameron und der Erzähler wirken wie zwei Varianten menschlichen Verhaltens in einer exemplarischen Auseinandersetzung. Beide – der skeptische Moralist und der pervertierte Idealist – verkörpern extreme und doch gleichsam dialektisch konzipierte Möglichkeiten. Vor allem der Erzähler erleidet die tiefste Erfahrung menschlichen Ausgeliefertseins an die Abgründigkeit der Existenz.

Ófærufoss

In einem langen Monolog philosophiert er über das Wissen, das Glück über „Gott und die Welt“.

„…alles Denken der Menschen zielt darauf ab, die Verbindung zur Mutter Erde zu lösen. Man strebt nach Wissen, immerzu nach mehr Wissen über die Gesetze der Natur, um so noch mehr Macht über sie zu erlangen. Und wozu? Um ein erfüllteres, reicheres Leben zu führen? Um Glück zu erwerben? Nein: um Luxus zu erwerben. Der westliche Mensch verwechselt Luxus mit Glück. Hier (auf Island) sind wir primitiven Verhältnissen ausgesetzt, wir müssen uns selbst unsere Beute jagen, unser Lager ist hart, aber dafür ist uns vielleicht für einen Augenblick vergönnt, den Herzschlag der Erde zu spüren. Das bereitet uns Glück. Die Menschen aber kümmert das nicht. Die Menschen von heute wissen nichts. Und am allerwenigstens diejenigen, die mit sogenannten wissenschaftlichen Methoden nach Weisheit streben. Sie haben keine Ahnung von dem, was in der langen Kette, aus der das Leben gesponnen ist, über ihnen steht. Und so muss es auch sein, so wurde es eingerichtet. Der Mensch wurde nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, heißt es. Und dem Mensch wurde die Gabe verliehen, die Wunder der  Schöpfung zu enträtseln: Wer weiß, vielleicht wird es dem Menschen in hundert Jahren gelungen sein, das Fliegen zu erlernen? Und was wird er dadurch gewinnen? Nicht Seelenruhe, nicht Frieden, sondern nur, dass keiner mehr bei sich zu Hause  verweilen mag. Die Menschen werden ihre Wurzeln verlieren, ihr Leben bekommt keine Nahrung mehr, und die  Gesellschaften lösen sich auf…Ihr Wissen werden sich die Menschen zunutze machen, um ihre Mitbrüder zu bestehlen, ihnen das zu nehmen, wonach es sie gelüstet. Entsetzlichere Waffen werden erfunden, als wir uns vorzustellen vermögen. Und man wird sie gebrauchen. Die Völker werden einen blutigeren, einen grauenvolleren Krieg entfachen als je zuvor. Und all das wird geschehen, weil die Menschen nach dem Luxus des Augenblicks streben und ihn mit dauerhaften Werten verwechseln, weil sie das Bestreben, sich die ganze Welt anzueignen, mit den echten Werten verwechseln. Der Mensch war immer bestrebt, sich die ganze Welt anzueignen, selbst wenn er dafür seine Seele hingeben musste, denn stets hat er sich darauf verlassen, seine Seele wiedererlangen zu können, später. Das ist nicht, weil der Mensch schlecht ist, sondern weil er nicht gut ist.

Und so verkörpert sich in diesem Roman in der Figur des Erzählers, sowie bei Conrad in der Figur des Marlow, eine skeptische, sich des Inhumanen bewusste Humanität. Aber es bleibt der Verdacht, „das Ziel der Schöpfung könnte kein ethisches sein.“

Ein Satz, über den ich nachdenken möchte: Gott starb an dem Tag, als der Mensch die Notwendigkeit verspürte, seine Existenz zu beweisen.  Ein Gott, der sich niemals bemerkbar macht, kann nur Tod sein.

Guðmundur Andri Thorsson “Nach Island” Klett-Cotta Verlag 2000

Nach island
Nach island

 

 

Guðbergur Bergsson – Wiedergelesen

Islandpferde
Islandpferde

Sie sah den schneeweißen Schwan

Roman von Guðbergur Bergsson

„Als Kind weiß man nichts von der Existenz der eigenen Heimat. Ein Kind lebt ausschließlich im Umkreis von Dingen und Menschen. Das Wort Vaterland hat da nur die Bedeutung einer unklaren Verbindung von Vater und Erde. In der Wirklichkeit des Kindes gibt es nur das Meer, die Winde, den Himmel, die Sonne, die Dunkelheit, und die Plätze, an denen es sich von Mal zu Mal bewegt. Aber sobald das Kind ins Schulalter kommt, verliert es seine Unschuld. Es entsteht nun etwas Bedrohliches, ganz außerhalb seines Horizonts: Menschheit und Welt; und mit dieser Erkenntnis verlieren das Kind selbst wie auch seine Umgebung ihr bisheriges Maß. Von nun an muss das Kind mit dem Hilfsmittel Wissen leben, damit die großen Erscheinungen es nicht zu einem Nichts machen. Es erfährt, dass das Land auf dem es sich bewegt, seine Heimat ist, und dass das Wissen in Büchern steht.“

So beginnt der isländische Schriftsteller Guðbergur Bergsson einen Aufsatz für die Zeitschrift „die horen“. Geschrieben 1986. 1991 veröffentlicht er, nach sechsjähriger Schreibpause, den Roman „Svanurinn“ (dt. „Der Schwan“). Ein Roman über ein neunjähriges Mädchen, das wegen Ladendiebstahls für einige Monate aufs Land geschickt wird. Ein Roman über Verlust und Sehnsucht, ein Roman über das Erwachsenwerden, über die innere Entwicklung und über das „Sich selbst finden“. Schon 1961 hat er einen epischen Entwicklungsroman über ein sensibles Kind geschrieben, das sich immer mehr vor der grausamen Welt der Erwachsenen in sich selbst zurückzieht („Musin sem lædist“ dt. „Die Maus, die schleicht“).

Die Aussagen seines Aufsatzes greift Bergsson auf den ersten Seiten seines Romans wieder auf. Schon im ersten Satz beschreibt er den Verlust, und die damit einhergehende Sehnsucht nach dem Verlorenen. „Schon als der Omnibus losfuhr, fing das kleine Mädchen an, sich nach den Steinen und dem Meer zu sehnen, und die Sehnsucht wurde noch schmerzlicher, nachdem man dorthin gekommen war, wo das Gras wächst, die Vögel singen, der Fluss fließt und die Sonne auf Teichen und Mooren glitzert.“ Dieses Gefühl des Verlustes, des Abschieds erzeugt Angst und die Ahnung des Todes am Ende des Lebens. „Ihre Augen bekamen das Gefühl, dass sie nach und nach sterben würde, während der Omnibus immer weiterfuhr auf der Straße“. Das Kind verliert seine Bezugspunkte, die Definition seines bisherigen Lebens. Verliert seine Unschuld. Es muss sich neu definieren, neue Beziehungen aufbauen.

Dies geht nicht ohne Schmerz, ohne die Ahnung (Sehnsucht) eines Todes. „Plötzlich spürte das kleine Mädchen in der Brust jene unendliche Härte, die immer nahe daran ist, sich in Wasser zu verwandeln. Doch man hält sie im Zaum, solange andere in der Nähe sind und es sehen. Man verbirgt die Veränderung, bis man allein ist und keiner sehen kann, wie man blind wird in seiner eigenen Tiefe und sich weit entfernt von sich selbst und anderen.“

Dieses Gefühl des Fremdseins, sich selbst und den anderen Personen gegenüber, ist ebenfalls ein zentrales Motiv des Romans. Schon nach der ersten Nacht auf dem Lande, der ersten Nacht in der neuen Umgebung beschreibt Bergsson die Veränderung: „Gleich am ersten Tag wurde sie sich selbst fremd. Es war nicht sie, die sich an diesem Ort aufhielt. Zum ersten Mal merkte sie, wie einfach es in Wirklichkeit war, Kummer und Schmerz in ihrem Innern zu verstecken, ohne dass es jemand merkte. Die Leute schauten zwar, aber sie schauten nicht, um zu sehen, deshalb wurde ihr klar, dass allein zu sein bedeutete, unter Fremden zu sein und so sein zu wollen.“ Übrigens ein Thema, das in den Romanen Bergssons oft beschrieben wird. Dinge über die wir gewöhnlich so leicht hinwegsehen. „Unsere Augen können zwar fremde Sterne beobachten, aber sie sind nicht imstande, über die Nasenspitze zu blicken und das zu sehen, was ihnen am nächsten liegt“. Geschrieben in „Madurinn er myndavel“, 1988 (dt. „Der Mensch ist eine Kamera“).

Hof auf Island
Hof auf Island

Dass der Tod untrennbar mit dem Leben verbunden ist, diese Erkenntnis, die zum Erwachsenwerden gehört, diese Angst, aber auch gleichzeitige Sehnsucht danach, beschreibt Bergsson in einem wunderschönen, poetischen Abschnitt des Romans.

„Nichts war so herrlich, wie an einem schönen Tag über den Tod nachzudenken, an einem Sonntagnachmittag auf dem Land, wenn man frei hat und nichts anderes zu tun, inmitten von Vogelgesang und dem Duft der feuchten Erde, die mit üppigen Blumen und Pflanzen bewachsen ist. Da ist es das höchste Glück, sich seinen eigenen Tod in einem Torfgraben vorzustellen, während sich die Natur in nachmittägliche Stille hüllt und man selbst voll jugendlicher Kraft ist, weit entfernt von seinen Phantasien, jung und in der Blüte seines Lebens. (…) Spring hinein, wage zu sterben, sagte sie flüsternd zu sich selbst und spürte schon, wie das Wasser sie umfing. Kühl und wonnig, denn nun war alles zu Ende. Ihr Körper löste sich auf und verschwand in der Bläue. Die Nähe des Todes machte sie ganz verwirrt, als ob sie in einer anderen Welt wäre. Jetzt ist es nur ein kleiner Schritt zwischen Leben und Tod, dachte sie. Oh, mach ihn. Los, mach den entscheidenden Schritt nach vorne und spring in den Graben. (…) Der Tod liegt so eigenartig dicht neben dem Leben. Er ist ihm immer auf den Fersen, er wird mit ihm geboren. (…) Und es ist leicht, vom Leben in den Tod hinüberzugehen, aber unmöglich, von dort wieder ins Leben zurückzukehren, mit nur einer Ausnahme: nur wenn man geboren wird.“

Diese Erkenntnis, dass das Leben endlich ist, der Tod Teil des Lebens, ist untrennbarer Teil des „Erwachsenwerdens“. Dazu gehört auch die Erkenntnis des Werdens und Vergehens in der Natur. Dieser gnadenlose Kreislauf von Geburt und Sterben. Eindrucksvoll beschrieben in der Geburt eines Kalbes und der späteren Schlachtung desselben. Ein weiterer Schritt vom Kind zur Frau ist die Wahrwerdung seines Körpers, die erwachende Sexualität. Konfrontiert wird das Mädchen mit der Sexualität durch den Knecht. Dieser, ebenso verschlossen wie melancholisch, findet Kontakt zu dem Mädchen. Im gewissen Sinne klärt dieser sie auf. Vertraut ihr seine geheimsten Gedanken an und verführt sie zu sexuellen Handlungen. Diese Verführungen werden mit kindlicher Unbefangenheit beschrieben. „Als sie bemerkte, dass das Euter der Kuh andere Zitzen hatte als am Tag vorher, fiel ihr das ein, was ihr der Knecht einmal hinter dem Stall gezeigt hatte. Danach betrachtete sie das Euter der Kühe als große Männerblase mit zahllosen kleinen Zitzen.“ Dieses Erwachen der Sexualität, einhergehend mit Neugierde und Furcht wird auch beschrieben als Abschied vom Kind sein, als Verlust der Unschuld. Liebe, auch verbunden mit Trauer und Schmerz. „…spürte sie, dass die Angst dieses Sommers und die Sehnsucht und das vage Unbehagen die ihr ständig auflauerten, aus ihrem Körper in den benebelten, stämmigen Mann mit dem sonnenverbrannten Arm übergingen, wenn sie in Gedanken ihre Zähne in ihn schlug, deshalb beschloss sie, immer an den gekrümmten Arm zu denken, nur um die Angst auf ihn zu übertragen, indem sie mit den Zähnen fest in die blutige, nicht heilende Wunde biss.“

Dass die Unbeschwertheit der Kindheit zu Ende geht, dass dieser Schritt, vom jungen Mädchen zur Frau, mit Schmerzen verbunden ist, beschreibt Bergsson mit der Figur der Bauerntochter. Diese moderne, junge Frau, die in der Stadt studiert, im Sommer zurückkommt zum Hof, dort mit ihren modernen Ansichten, Schwung in das ländliche Leben bringt, wird schwanger. Sie reist in die Stadt und lässt das Kind abtreiben. Dies wird nur andeutungsweise geschildert, aber in Verbindung und bemerkenswert beschrieben mit der Schlachtung des Kalbes und das Suchen der Kuh nach ihrem toten Kalb. „Das arme Ding, aus dem jungen Fräulein ist die Leibesfrucht geworden, die sie hat abtreiben lassen, und das macht den Körper schöner und unzugänglicher als zuvor; sie wird dadurch begehrenswerter“, hatte der Knecht zu dem kleinen Mädchen gesagt, ehe er sich mit der Tochter unterhielt. „Das kommt daher, dass sie gleichzeitig die Morgensonne und die Abendsonne geworden ist.“

Geburt und Tod. Beides vereint in der Frau. „Auf dem Weg über die Hauswiese fing sie beinahe zu weinen an, nicht aus Kummer, sondern weil es ihr so vorkam, als ob sie selbst dort sitze, an derselben Stelle an demselben Fluss, an dem zu allen Zeiten Frauen im undeutlichen Schmerz ihres Wesens gesessen sind und auch heute Nacht sitzen würden, aus dem Geschlecht, das gebiert und tötet, solange die Welt sich dreht, ohne zu wissen, weshalb, und ohne es zu wollen oder traurig zu sein, sondern sie saßen einfach bei Nacht an einem Fluss im kühlen Nachtwind.“

Mond über Island
Mond über Island

Die Natur. In einem Roman aus Island ein nur schwer auszuklammerndes Motiv. Dort, wo die Natur das Wesen und das Schicksal der Inselbewohner so sehr mitbestimmt. „Sieh die Natur überall! rief er. Oh diese freie Kreatur setzt immer ihren Willen durch und bittet gefesselte, aber selbstzufriedene Vernunftwesen wie uns nie um Erlaubnis für irgend etwas“. „Die Natur sucht nie um Erlaubnis an, bevor sie sich irgendwo niederlässt, sagte er. Schau sie dir an.“ Und: „Das Leben ist schwer, sagte der Knecht und grinste. Sei aber sicher, mit den Jahren gelingt es dir älter zu werden. Mit ihrer Hilfe gelingt alles. Unwillkürlich“. Bergsson gelingt in der Beschreibung dieser Natur wunderschöne, poetische und magische Bilder. Pferde im Moor – „Von so weit weg im hellen Sonnenschein gesehen, waren die Pferde unwirklich, in einer anderen Welt der wundersam schönen Vorahnung in ihrem Körper, und sie glänzten in der schillernden Ferne. Bisweilen schien es, als steige die Herde auf von der Erde, als wehe die Luft sie in einem kräftigen, welligen Silberstrom hin und her und mache sie teilweise oder fast ganz unsichtbar“; Vögel, „unvermutet und völlig überraschend schossen sie vor ihr in die Höhe, braun, klagende Steine mit aufgeregtem Flügelschlag“.

Wie hatte Bergsson in seinem Aufsatz geschrieben: „und dass Wissen in Büchern steht“. Ein Aspekt, der auch in diesem Roman auftaucht. „Stell dir das vor, sagte er, hier gibt es zwei große Bücherregale voller Geschichten über das glückliche Landleben (…). Und die ländlichen Gegenden stehen allein und ohne Bevölkerung da, mit ihrer Vergangenheit, die in Büchern auf verstaubten Regalen abgedruckt ist, und niemand will etwas darüber erfahren“. Der Knecht, der Tagebuch führt, und der sich „den Buchstaben mehr anvertraut als anderen Menschen“, der aber ständig auf der Suche nach der Liebe ist, nach einer Liebsten ist, hat so viele Tagebücher geschrieben, dass er, „wenn ich endlich eine Liebste finde, schon so viel über mich geschrieben habe, dass ich ihr den Stapel reiche und sage: „Also meine Hübsche, wenn du deinen zukünftigen Ehemann unbedingt kennenlernen willst, dann lies diese privaten Aufzeichnungen sorgfältig Wort für Wort“, und sie dann sagt: „Ach du liebe Güte, ich habe keine Lust, all dieses Zeug zu lesen, das lohnt sich nicht“. Dieses Motiv, das Leben, aufgeschrieben in einem Tagebuch, erinnert an Bergssons Roman „Thomas Jonsson, ein Bestseller“ von 1966. Bergssons literarischer Durchbruch in Island. Beides, die verstaubten Bücher auf den Regalen und die Tagebücher des Knechtes, die niemand lesen wird, zeigen, dass die Menschheit viel Wissen gespeichert hat, viel Wissen anbietet, aber es an jedem einzelnen liegt, was er daraus macht, ob und wie viel er von dem Hilfsmittel Wissen aufnimmt, damit die großen Erscheinungen ihn nicht zu einem Nichts machen. Aber letztendlich, die letzten Fragen der Menschheit, des „woher“ und „wohin“ und des „warum“, kann niemand beantworten. Auch die eingestreuten Sinnsprüche wie „Man stirbt, solange man lebt“ oder „Die Natur war draußen in der Natur“ sind nur hilflose Ansatzpunkte, um das Sein zu erklären.

Vielleicht suchen und warten wir alle auf den Schwan, der „mit Wasserpflanzen und Algen bedeckt, aus der Tiefe an die Oberfläche kam und dabei vom Wesen und der Zukunft dessen sang, der ihn erblickte“.

Guðbergur Bergsson „Der Schwan“ – Steidl Verlag.

Der Schwa, Steidl

Aus dem Isländischen von Hubert Seelow

Fotos vom Autoren

 

Cormac McCarthy „Der Feldhüter“

Tennessee ValleyTennessee Valley

Keine Spur dieser Menschen ist geblieben

„Der Feldhüter“ von Cormac McCarthy

„Er packte das verbogene Schmiedeeisen, das verdrehte Stück Zaun, und rüttelte daran. Es rührte sich nicht. Es ist komplett durch den Baum gewachsen, sagte er. Wir können nicht weitersägen. Verdammte alte Ulme macht ’ner Säge auch so schon genug zu schaffen. Der Neger nickte mit dem Kopf. Ja, sagte er. Kann man wohl sagen. Komplett durch den Baum gewachsen.“

Eine allegorische Skizze, hier ausschnittsweise zitiert, steht dem Roman voran. Es ist eine verwirrende, in kursiv verfasste kleine Geschichte. Zwei Männer, ein Neger und ein weißer Mann versuchen, einen Baum zu fällen. Ein Junge ist passiver Zuschauer. Sie entdecken, dass der Baum sich einen eisernen Zaun einverleibt hat. Hier im Zitat ist es der Zaun, der durch den Baum gewachsen ist. Im Original heißt es: „growed all through the tree“. Nimmt man das Zitat als Metapher, so scheint diese auf den ersten Blick einleuchtend zu sein: menschliche Technik, hier der Zaun, zerstört die Natur. Aber am Ende, so scheint es, holt sich die Natur zurück, was ihr gehört. Das ist im Grunde auch der Kern der Metapher, aber je weiter sich die eigentliche Erzählung „Der Feldhüter“ entwickelt, um so mehr bietet sich eine weitere Deutung an. Auf der einen Seite hat der Mensch die Neigung Natur zu zerstören. Auf der anderen Seite, ist es ebenso die Neigung des Menschen, die Natur anderer Menschen zu zerstören. Die Personen, der Ort und die Handlung der Parabel bleiben dem Leser verschlossen. Vorerst.

Einige Kritiker nannten die Handlung von „Der Feldhüter“ als nicht vorhanden, zumindest ist es ein erheblich aufgesplittertes Buch. Es gibt mehrere Sprünge und Brüche in diesem Buch. In der zeitlichen Abfolge, in der Erzählung selbst und der Perspektive. So ist dieser Roman unter den Büchern von McCarthy eines der anspruchvollsten, aufgrund der Zerstückelung und der schwer stilisierten Prosa. Dies geschieht ganz nach dem Credo von William Faulkner, der nach einer persönlichen Anstrengung des Lesers verlangt. Der Leser muß sich die Handlung der Geschichte aus verschiedenen Bruchstücken rekonstruieren. 1954 erschien William Faulkners „Go down Moses and other Stories“. Ein Roman in sieben Erzählungen, die auch die Romankapitel bilden. In diesem Roman muss sich der Leser den zeitlichen und inneren Zusammenhang selbst erarbeiten. Diese komplizierte Erzählform, die Vertauschung und Verzerrung der zeitlichen Verhältnisse und der Wechsel der Perspektive war wohl auch stilbildend für diesen Roman von McCarthy.

So verdankt McCarthys Schreibstil viel William Faulkners Art zu schreiben. Ob es sein tiefgründiger Wortschatz ist, bedeutungsschwere Rhetorik, der Gebrauch von Dialekten oder die greifbare Bedeutung der Welt. Daraus macht McCarthy auch kein Geheimnis. Seine Liste derer, die er die „guten Autoren“ nennt – Melville, Dostojewski und natürlich Faulkner – schließt all jene aus, der nicht die großen Themen, Leben und Tod, behandeln. An Melville erinnert stark eine Geschichte innerhalb des Romans. Die Geschichte um die Kneipe „Green Fly Inn“. Beim Lesen kommt einem unweigerlich Moby Dick und der Untergang der Pequod in den Sinn. Die Kneipe, erbaut über einem Steilhang und abgesichert durch Holzpfosten, rutscht eines Abends infolge eines Ungleichgewichts durch die Kneipenbesucher in eine Felsspalte -„und das ganze Wrack sackte langsam als ein Tableau von Zerstörung ab und schlug donnernd in der Senke auf“.

SchwarzbrennerSchwarzbrenner

Aber dennoch ist „Der Feldhüter“, obwohl er stark an William Faulkner erinnert, in seinem Thema, seiner Sprache und Struktur, seinen Charakteren keine bloße Nachahmung. Die Geschichte eines Jungen und zweier Männer, die sich in das Leben des Jungen ein- und wieder ausfädeln, hat eine eigene Düsternis und Knorrigkeit. So war es wohl eine gute Fügung, dass Cormac McCarthy, nach drei Jahren des Schreibens an diesem Roman, das Manuskript an Random Hose sandte, den einzigen Verlag, den er kannte, wie er sagt und es dort auf dem Schreibtisch von Albert Erskine landete, welcher der letzte Lektor von William Faulkner war. Der Debütroman von Cormac McCarthy erschien dann 1965.

„Der Feldhüter“ ist die Geschichte dreier Menschen: ein alter Mann, ein junger Mann und ein Junge. Jeder, auf seine eigene Art, ist ein Rebell, ein wilder Einzelgänger, ein einsamer Wolf. In den frühen 1940er Jahren lebt der alte Mann, der über die Hälfte des Buches keinen Namen trägt, in einer verlassen Hütte, wandert über die Berge, um am Ende, ohne ersichtlichen Grund, auf den Kriegspfad zu gehen. Der jüngere Mann ist ein sorgloser Abenteurer, ein Frauenheld, ein Kämpfer. Seine Arbeit als Schmuggler von schwarz gebrannten Alkohol hält ihn beschäftigt, indem er Autorennen fährt, Unfälle überlebt und vor dem Gesetz flieht. Der Junge ist anständig und sympathisch, mehr daran interessiert Fallen zu stellen als an den örtlichen Flittchen. Er ist mit beiden Männern kurz befreundet.

ländliche Bewohner
ländliche Bewohner

Die Handlung von „Der Feldhüter“ beschreibt das Thema von Vater und Sohn. Die drei Hauptpersonen stellen drei Generationen von Männern dar, alle vaterlos und alle verbunden durch den Mord an dem Vater des Jungen am Anfang des Romans. Dieser, Kenneth Rattner, der seine Familie unter dubiosen Umständen verlassen hat, fährt per Anhalter bei dem Whiskeyschmuggler Marion Sylder mit. Nachdem McCarthy schon geschildert hat, wie Rattner einen Autofahrer ausgeraubt hat, schildert er auch hier, wie Rattner Sylder angreift und versucht ihn zu berauben, aber Sylder tötet ihn in einem Kampf. Diesen Kampf schildert McCarthy zeitlupenhaft, was an die Filme von Sam Peckinpah erinnert. Peckinpah zeigt Gewalt sehr explizit, oft in Zeitlupe und Großaufnahme. Und so schildert auch McCarthy die Gewalt. Brutal, genau und blutig. Der Kleinganove Sylder versteckt die Leiche in einer ehemaligen Obstplantage (Orchard) und versenkt den Körper in einer aufgelassenen Betongrube für Insektizide. Der alte Mann, von dem man später erfährt, dass er Arthur Ownby heißt, entdeckt die Leiche, meldet diese aber merkwürdigerweise nicht den Behörden, sondern versteckt diese noch mehr vor weiterer Entdeckung. Und fast rituell kommt er jedes Jahr an die Grube, hält Totenwache und legt einen Zedernzweig über das „Grab“. Der Junge, Wesley Rattner, schließt nun Freundschaft mit beiden Männer, mit dem Mörder seines Vaters und dem Mann, der den Körper seines Vaters versteckt hält. Trotzdem nehmen beide eine gewisse Vaterfunktion für Wesley ein. Beide Männer wissen voneinander nichts. Sylder und Ownby treffen während der Geschichte nie direkt aufeinander. Aber sie sehen sich aus der Ferne. So sieht Ownby, wie Sylder Wiskey in seinen Wagen verlädt und Sylder sieht, wie Ownby auf einen Wassertank schießt.

Diese angedeutete Familienverbindung steht im Gegensatz zu der bürokratischen, städtischen Moral, welche die dominierende „natürliche“ Moral der ursprünglichen ländlichen Gesellschaft der Appalachen aussticht. Das ist auch der wiederkehrende Kampf, der sich durch alle Romane von Cormac McCarthy zieht. McCarthy wird angezogen von den ländlichen Außenseitern, sympathisiert bedingungslos mit ihrer Bedrängnis, wenn das moderne Amerika auf ihren Boden vordringt, obwohl er selten ihr Leben romantisiert oder sentimentalisiert. McCarthy verkörpert diese Konflikte als Lösungen oder Erklärungen anzubieten. Fortschritt ist unaufhaltsam, die Lebensweise dieser Menschen wird in einer Generation ausgelöscht sein, so viel ist klar und McCarthy zeigt kein Interesse daran, sich damit zu beschäftigen, was offensichtlich und zwangsläufig ist. Für was er sich stattdessen interessiert, ist die Art und Weise, wie Menschen auf diese unausweichlichen Veränderungen reagieren. Besonders wie sie versuchen, diese Zeit großer Unsicherheit und moralischer Verwirrung zu verstehen und welche praktischen Schritte sie zu ihrer Verteidigung unternehmen. McCarthy läßt seine Menschen die schwache Möglichkeit einer Flucht abwägen und obwohl er niemals die Flucht der Menschen gewähren kann, gibt er in seltenen Gelegenheiten bestimmten Persönlichkeiten ein gewisses Maß an Erlösung. So verlässt auch Wesley seinen Heimatort, die primitive fiktive Gemeinde Red Branch, die sich zäh an das Dasein in den Hügeln und Bergen östlich von Knoxville, Tennessee, klammert in Richtung des modernen, städtischen Amerikas. Aber darüber, wie es ihm dort ergeht, erfährt der Leser nichts.

WasserpumpeWasserpumpe

Ein Thema, das auch Faulkner umgetrieben hat. Der Zerfall des Südens. Die Zerstörung der Wildnis, der Natur, durch die Weißen. Und so wie bei Faulkner spielt auch die Jagd in diesem Buch eine große Rolle. Auch in diesem Roman wird in den Beschreibungen der Jagd, die Wildnis mystisch überhöht und die Charaktere bekommen etwas mystisches, werden auf ihren innersten Kern – gut oder böse – zurückgeworfen. Beides, böse und gut, sind menschliche Entwicklungsmöglichkeiten. Der Roman zeigt auf, dass es eines empfindsamen Gewissens bedarf, damit der Mensch das Böse verstehen und ihm entgegen wirken kann. Durch Handlungen, die die Würde und die Unabhängigkeit der Natur und der anderen Menschen verteidigt. In „Der Feldhüter“ zeigt McCarthy eine Welt, in der die traditionelle Verkörperung von Werten – Religion, gesellschaftliche Beziehungen, bäuerliche Verbundenheit mit der Scholle, verkommen sind und dies als Ergebnis des anwachsenden Drucks der städtischen Kultur, den kommerziellen Interessen und der Einmischung des Staates auf das Leben der Romanfiguren, die in erster Linie bäuerliche Charaktere sind. Diese Zerstörung ist, wie schon gesagt, das zentrale Thema in allen Romanen von McCarthy, die in den Bergen der Appalchen spielen. Dazu gehören die Bücher: „The Orchard Keeper“, „Outer Dark“, „Child of God“ und „Suttree“.

Dieser Konflikt zwischen dem ländlichen Tennessee und der um sich greifenden Urbanisierung verkörpert in diesem Roman die „Tennessee Valley Authority“ (TVA). Diese wurde 1933 im Rahmen des New-Deal-Programms von Franklin D. Roosevelt gegründet. Hauptaufgabe dieser Gesellschaft ist es, die Wasserkraft und die Flussregulierungsanlagen am Tennesseefluß zu verwalten. Heute ist die TVA der größte Energieerzeuger der USA. Symbolisiert wird die TVA in dem Roman von einem Wassertank, der in der Geschichte als Ziel dient, auf das der alte Mann seine Schüsse abgibt. Er schießt ein simples X in diesen Regierungstank und bringt damit seine grundsätzliche Ablehnung gegen die Modernisierung zum Ausdruck. Ganz erschließt sich dem Leser seine Motivation aber nicht und die Aktion erscheint dem Leser etwas wunderlich, wenn nicht sogar verrückt. Durch seine Schüsse macht er das Gesetz auf sich aufmerksam und gibt der Geschichte eine Wendung.

Am Ende kehrt John Wesley noch einmal in seinen Heimatort zurück. Zum Grab seiner Mutter. Der Roman schließt mit John Wesley im Gegenlicht eines Sonnenuntergangs. „Die Sonne brach durch die letzte Wolkenschicht und tauchte die tropfenden Bäume einen Moment lang in Blut, färbte die Steine mit durchscheinender Farbe, als hätte sich die Luft selbst in Wein verwandelt.“ Aber wie schon angeführt ist McCarthy kein Sentimentalist. John Wesley ist der Mann zu dem ihn seine Vergangenheit gemacht hat und die Vergangenheit verdammt ihn zu einer Isolation in der modernen Welt.

Nun löst sich auch die Allegorie vom Anfang des Buches auf. Es stellt sich heraus, dass der Baum, die Ulme, auf dem Friedhof steht und der Zaun den Friedhof umgrenzt. Der Grabstein seiner Mutter und der Zaun stehen für die moderne Welt, dafür, dass Menschen versuchen, etwas von Dauer zu schaffen. Diesen Werken sind aber meistens nur eine kurze Dauer beschieden. Der Baum verleibt sich den Zaun ein und der Grabstein wird von Moos überzogen. Und der eiserne Zaun erinnert den Leser daran, dass sich John Wesley, wie ein lebender Baum, sich an den eisernen Willen der sich ausbreitenden neuen Ordnung anpassen muss.

Für die Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist, ist er ein Fremder. Er bewegt sich in einem Gebiet, in dem brutale Polizisten, ungeeignete Beamte und Regierungsangestellt das Sagen haben und diese wiederum folgen nihilistischen und sinnlosen Gesetzen. Gesetze, von denen sie nicht einmal den Versuch machen, sie zu verstehen. Diese Figuren spiegeln eine Welt, die ihren Sinn auf nutzlose Formulare legt und die vorherrschende Werte ausbeuterisch und egoistisch sind. McCarthys letzte und ernüchternde Ironie ist, dass dies die Welt ist, in der wir leben und die der Leser auch als seine eigene begreifen muss.

FriedhofFriedhof

Southern Gothic

So ist die Geschichte auch im besten Sinne eine „Southern Gothic“. Die Geschichten der Southern Gothic konzentrieren sich auf groteske Themen. Während sie auch übernatürliche Elemente enthalten können, konzentrieren sie sich hauptsächlich auf beschädigte, sogar wahnhafte Personen. Southern Gothic verweilt nicht auf bloßer Spannungsliteratur oder auf der Schilderung des Übernatürlichen. Stattdessen durchwebt ein schwarzer Humor die Geschichten und sie verschreiben sich der Idee, die Probleme der Gesellschaft bloßzulegen und die Autoren tun dies, indem sie komplexe Figuren erschaffen. Viele von diesen Charakteren sind seelisch labil. Einige sind geistig kaputt und kämpfen darum, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Moral der Personen ist fraglich. Durch die Darstellung ihrer Charakter untersucht der Autor, welches Leid die Menschen anderen Menschen antun können. Ob sie nun geistig instabil sind, dunkle Seiten an sich haben oder Unschuldig sind, sie versuchen Sinn in ihrem Leben zu finden und in der Gesellschaft, in der sie leben. Die Autoren der Southern Gothic untersuchen das Verhalten der Menschen, das gewöhnlich seltsam ist, und die soziale Struktur des Südens. Durch ihre Erzählungen versuchen die Autoren aufzuzeigen, dass die soziale Ordnung zerbrechlich ist und dass die Realität hinter dieser Ordnung erschreckend sein kann. So sind die Handlungen in den Geschichten oft verstörend, enthalten Schilderungen von Rassismus, explizierter Gewalt und Schilderungen von Armut.

Der Feldhüter
Der Feldhüter

Rowohlt Verlag 2016 / Originaltitel: The Orchard Keeper

Übersetzer: Nikolaus Stingl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920

Ernie Barnes "Late Night" © Barnes Family Trust
Ernie Barnes „Late Night“
© Barnes Family Trust
Kürzlich im Museum. Genauer gesagt im Kunstmuseum Stuttgart. Besuch der Ausstellung „I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920. Eine Zeitreise durch die Welt des Jazz und wie diese Musik bildende Künstler inspiriert hat. Die Wechselwirkung von Musik auf die Kunst anhand von Objekten, Bildern, Installationen und Videos. Und natürlich der Jazz.

Mich haben am meisten die Bilder von Ernie Barnes beeindruckt. Der ehemalige Footballspieler wandte sich nach seiner sportlichen Laufbahn der Malerei zu und fand zu seinem eigenen Stil. Seine Bilder wurden auch für Plattencover verwendet. So wie das obige Bild zu einem Album von Curtis Mayfield „Something to Believe In“.

Sehr gut ist, dass man zu einzelnen Bildern die dazugehörige Musik hören kann, die einen Bezug auf das Bild oder den Künstler hat. So hört man Musik, die man schon lange nicht mehr gehört hat und die einen dazu verleitet, in seinen alten Platten zu kramen.

Ein Song, den ich nach dem Besuch der Ausstellung noch lange im Kopf hatte, kann man zu einem Porträt von Bo Diddley von Peter Blake genießen.

Blake, Peter, Bo Diddley, 1963/64, © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
Blake, Peter, Bo Diddley, 1963/64,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Die Ausstellung kann man noch bis zum 6. März besuchen.

 

 

Lesung I : Clemens J. Setz

Vor der Lesung
Vor der Lesung

Am 12. Januar war Clemens J. Setz im Literaturhaus Stuttgart  zu Gast. Ich hatte mir über Weihnachten und Neujahr das Buch „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ vorgenommen zu lesen. Es ist eins dieser Bücher, die man nach einer gewissen Zeit auf den Stapel „les ich später, wenn ich viel Zeit habe“ legt oder man „kämpft“ sich in das Buch hinein. Dies habe ich dann gemacht, indem ich mir homöopathische Tagesdosen von mindestens 100 Seiten vorgegeben hatte.  Und nach dem Lesen stellt man erstaunt fest, dass der Roman die Macht hat, das Leben von den Füßen auf den Kopf zu stellen. Wenn man sich darauf einlässt. Nun wollte ich aus dem Munde des Schriftstellers hören, was seine Gedanken und Überlegungen zu diesem, über 1000 seitigen Roman, sind, den viele Kritiker als den irrsinnigsten Roman des Jahres bezeichnet hatten. Die Moderation hatte der Literaturchef der ZEIT, Ijoma Mangold. Und es wurde ein vergnüglicher und interessanter Abend.

Eröffnung
Eröffnung

Wie der Moderator Herr Mangold so treffend ausführte, sind die Lesungen mit Clemens J. Setz immer mit  einem Mehrwert verbunden. Wo sonst erfährt man gleichzeitig etwas über  künstliche Intelligenz, Trostrobotern in Japan in Gestalt einer Robbe,  zeitgenössischer Kommunikation (hauptsächlich verbunden mit modernen Kommunikationsmitteln), Stalkern und dem Betrieb in einem Behindertenwohnheim. Das alles und noch viel mehr erfährt man an einem Abend  mit Clemens J. Setz.

Setz-cover

Den Inhalt des über 1000-seitigen Buches hier wiederzugeben erübrigt sich wohl und ist meiner Meinung nach auch nicht relevant, da dieses Buch in sich sehr vielschichtig ist und sich jedem Leser eine eigene Welt auftut. Es gibt genügend Rezensionen und Blogs, die sich mit dem Inhalt des Buches beschäftigt haben und immer noch tun. Nur soviel. Der Roman hat  mindestens drei Ebenen. Einmal wäre dies die Ebene, die den Betrieb in einem betreuten Wohnheim beschreibt. Hier treffen Menschen aufeinander, die der „Norm“ entsprechen, die Pfleger und Zivis und diejenigen, die nach offizieller Meinung, dieser Norm nicht entsprechen. Wobei nicht immer ganz klar ist, ob diese Grenzen nicht auch verwischen und die Akteure außerhalb des Heims nicht eher in das Heim für betreutes Wohnen gehören.  Als zweite Ebene spielt das Genre Thriller eine Rolle. Nicht nur, dass Stephen King, als weltumspannendes Phänomen, namentlich erwähnt wird, sondern auch, dass die Figur des „Stalkers“ in all seinen Aspekten durchgespielt wird. Die dritte Ebene ist die Ebene der Kommunikation. In all seinen Formen und technischen Möglichkeiten und  Ausprägungen. Nach Meinung Setz ist die heutige Kommunikation mit smartphones oder sonstigen technischen Geräten (hier sei nur das Stichwort cleverbot erwähnt) nur ein  Mittel, um sich der eigenen Existenz zu versichern. Gespräche so sinnvoll oder sinnentleert sie auch sein mögen, dienen also nur dazu, sich selbst und der Welt gewiss zu sein. Dazu zählt Seitz auch das Selbstgespräch, was er, wie er erwähnt, sehr gerne praktiziert.

Clemens J. Setz hat ein ausgeprägtes Interesse für die Abweichung jedweder Art. Ob es Personen sind, die durch ihr Verhalten irritieren, so wie die Hauptperson des Romans, Natalie Reinegger, deren Sexualpraktiken neben anderen Verhaltensmustern sehr gewöhnungsbedürftig sind, oder die soziale Interaktionen zwischen den Menschen. Setz setzt hier sehr auf das Mittel der Wahrnehmunsirritation. Wie nehmen wir die Umwelt wahr? Sehen zwei Menschen, wenn sie zum Beispiel eine rote Fläche sehen, dasselbe? Setz meint nein. Setz, der selbst unter anderem Synästhetiker ist, schöpft hier natürlich aus dem Vollen. Jeder lebt in seiner Welt und es ist, wie mit den Träumen: Ein Gebiet auf dem vorher niemand war und auf das einem niemand folgen kann. Und das man kein zweites Mal betritt.

Zum Schluss der Lesung wurde es noch einmal ernst, als er auf die Intention zu sprechen kam, dieses Buch zu schreiben. Es sei das Thema „Hass auf Frauen“ gewesen. Etwas was er nicht begreifen kann. Die markanteste Figur, die diesen Hass verkörpert ist Alexander Dorm, der Stalker.

Ein Satz, der auf der Lesung fiel und der bleibt: „Liebe ist, geometrische Klimmzüge ineinander gesteckter Körper“.

Und ein guter Rat wurde den Zuhörern auch noch mit auf den Weg gegeben: „Hindurchgehen durch die Langeweile, um dort anzukommen wo alles spannend ist – so überlebt man.“

Und auf den Titel angesprochen „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ meinte Clemens J. Setz es sei eine Assoziation von dem Begriff der Abenddämmerung, der in Italien verwendet wird.  „Tra cane e lupo“, „zwischen Hund und Wolf„, nennt man in Italien den Zeitpunkt der Dämmerung, was  hierzulande eher die „blaue Stunde“ genannt wird. Und sicherlich hat der Titel auch etwas mit der Form des Gittarenkörpers mit der Form des Frauenkörpers zu tun. Und unwillkürlich hat man da sofort das Bild von Man Ray im Kopf. Die Frau als Violine.

Le Violon dÌngres, 1924 © Man Ray
Le Violon dÌngres, 1924
© Man Ray

Bilder einer Ausstellung-El Eternauta

Ausstellung Literaturhaus Stuttgart
Ausstellung Literaturhaus Stuttgart

Am 18.Januar wurde im Literaturhaus Stuttgart die Ausstellung „Héctor Germán Oesterheld – der Mythos Eternauta“ eröffnet.

„El Eternauta“ ist eine Science-Fiction Comicserie, die der Comicautor Héctor Germán Oesterheld 1957 begann. Der Zeichner des Comics war Francisco Solano López. In Argentinien wurde diese Comicserie ein Erfolg und das Buch zählt heute zu einer der wichtigsten Veröffentlichungen in Argentinien.

Außerirdische haben Buenos Aires erobert. Mit Hilfe eines tödlichen Schnees, mit Rieseninsekten und Sklaven. Ein Gruppe weniger Überlebender zieht gegen die Fremden in den Kampf. Kein Einzelner ist der Held, sondern nur die Gruppe kann bestehen. Aber sie haben keine Chance gegen diesen übermächtigen Feind. Der „Held“ und Erzähler dieser Geschichte verliert in diesem Kampf seine Familie und ist nun auf der Suche nach ihr durch Raum und Zeit.

Zwanzig Jahre später, nach dem Erscheinen der Comicserie, putscht sich das Militär in Argentinien an die Macht. Eine Diktatur beginnt, an deren Ende, sieben Jahre später, über 30.000 Argentinier tot oder verschwunden sind. Darunter sind auch Oesterheld und seine vier Töchter, die nach dem Putsch sofort in den Widerstand gingen. Nur eine Tochter wurde tot gefunden und konnte begraben werden. Alle anderen bleiben bis zum heutigen Tag verschwunden. Und so wurde das Buch, dass die Suche nach der verschwundenen Familie beschreibt, zum Symbol derjenigen, die in der Militärdiktatur Angehörige verloren haben und von denen sie nicht wissen, wo sie begraben sind oder ob sie noch leben. Das Buch steht für den Widerstand gegen die Diktatur und die nie aufhörende Suche nach der Mutter, dem Vater, dem Sohn oder der Tochter, dem Ehemann oder der Ehefrau.

Vor gut einem Jahr erschien im ZEITmagazin  unter dem Titel „Auf der Suche nach der verlorenen Familie“ ein Bericht über die Familie Oesterheld und die Geschichte und das Trauma der Überlebenden. Autorin ist Anna Kemper, die auch Kuratorin der Ausstellung im Literaturhaus in Stuttgart ist und deren Bericht der Auslöser dieser Ausstellung war. Die Ausstellung geht noch bis zum 15.04.

Zeitgleich erscheint im avant-verlag der Comic „Eternauta“ als deutsche Erstveröffentlichung.

Ein Bericht zu dieser Ausstellung wurde auch auf 3Sat in der „Kulturzeit“ gezeigt.

© Mórtola, Araldi, López
© Mórtola, Araldi, López