S. Craig Zahler „Die Toten der North Ganson Street“

Dystopia in Amerika

Die Toten der North Ganson Street
von S. Craig Zahler

Dystopia, ein imaginärer Ort, an dem alles so schlimm ist, wie es nur sein kann. Und schlimm ist es, in Victory, diesem „Nicht-Ort“ in Missouri, der vor sich hin verrottet, mit einem zusammengebrochenen Sozialsystem und lokalen Verbrechen. Die Einwohner verachten die Polizei, hassen das System und seine Diener. Entweder wegen der Korruption oder wegen ihrer Unfähigkeit, die Flut an Gewaltverbrechen einzudämmen. Und überall war nichts als Armut und die Sonne verbarg sich hinter schmutzigen Wolken.

Shitopia

In diese Stadt wird der schwarze Detective Bettinger strafversetzt. Seine erste Fahrt in die Stadt, vorbei an dem schiefen, zerschossenen Schild mit der Aufschrift AUSFAHRT 58 VICTORY, hinein in die sich weit ausdehnende graue Metropole, die etwas von einer ausgekippten Kloake hat, lässt ihn Schlimmes erahnen. Wo wird sonst eine Stadt in „Shitopia“ und „Toilet“ unterteilt. Sein loses Mundwerk hat ihn vom sonnigen Arizona hierher, ins frostige Missouri verschlagen. Und er hasst Kälte. Ihm erschien die Stadt wie Treibgut aus der dritten Welt, das irgendwie mitten in Amerika gelandet war. Und wo sogar Jesus Christus eine besonders zornige Gesinnung zu haben schien.

Eine vermasselte Anhörung hat Bettinger in diese Lage gebracht. Ein verzweifelter weißer Mann begeht Selbstmord auf dem Revier, kurz nach dem Gespräch mit ihm. Ein 47 Jahre alter Junggeselle, der seine Familie, sein Geld und seine Würde verloren hatte – nicht wegen einer hübschen jungen Hure, sondern wegen seiner Schwächen; seiner Undankbarkeit, seiner Geilheit und seiner unglaublichen Fähigkeit zum Selbstbetrug. Oder, wie der Vorgesetzte von Bettinger es ihm erklärt: der Mann, hat sich hilfesuchend an dieses Revier gewandt, ist in ihr Büro gegangen, wieder rausgekommen und hat sich umgebracht. Ein weiteres Problem ist, dass die Ex-Frau des Selbstmörders die Schwester des Bürgermeisters ist. Und die wenigsten Politiker möchten mit Untreue oder Selbstmord oder Huren in Verbindung gebracht werden.

Daraufhin wird der Detective Jules Bettinger aus Arizona in die vor sich hin verfallende Stadt Victory im „Rust Belt“ strafversetzt. Eine Stadt von 26.000 Einwohnern mit einer exorbitanten Verbrechensrate. Jeder der 24 Beamten „ist verantwortlich für ein Minimum an 700 Kriminelle, von denen 400-500 in Gewaltverbrechen verstrickt sind“. Und die schon vom Hörensagen so schlimm ist, dass Bettinger sich mit seiner Familie, seiner Frau und zwei Kindern, 80 Meilen von der Stadt entfernt niederlässt. Sein neuer Vorgesetzte Zwolinski erklärt ihm, dass das unterbesetzte Polizeirevier sich nur auf die schlimmsten Verbrechen konzentrieren kann und gibt ihm einen Mordfall zur Bearbeitung. Der Tod einer Hure, deren Mörder Sex mit ihrem toten Körper hatte, scheint schlimm genug zu sein. Während der Ermittlungen begreift Bettinger, dass dies nur ein Mord in einer Serie ähnlicher Gewalttaten ist.

Trash Day
Trash Day

 Toilet

Die Cops zeigen keine große Willkommensfreude. Bettinger findet früh heraus, dass Beamte, darunter auch sein neuer, pöbelhafter und brutaler Partner Dominic Williams, nicht nach den Regeln spielen. Williams stammt aus Victory und ist ein Produkt dieser Gegend. Er hat gegen ein paar Gesetze verstoßen und negative Schlagzeilen produziert. Bettinger erfährt, dass Dominic frisch degradiert worden war. Seine ersten Runden durch die Stadt mit Williams sind entmutigend. Victory ist eine riesige städtische Ödnis überzogen mit dem Mehltau des Zerfalls. Bettinger ist bestürzt über die Bilder der Verwüstung um ihn herum. Die verlassenen Gebäude und die aufgerissenen Straßen. Die beißende Kälte treibt ihm die Tränen in die Augen.

Die Brutalität Williams und die seiner Kollegen, die einen Kriminellen als zerschmetterten Krüppel hinterlassen, initiiert einen Krieg, der mit der Ermordung zweier Polizisten beginnt und Victory in ein Schlachtfeld verwandelt. Die zwei Polizisten wurden gezielt hingerichtet; auf grausame Weise verstümmelt. Daraufhin konzentriert sich die ganze Polizeimacht darauf, die Killer zu finden. Aber das Gemetzel eskaliert und hinterläßt viele tote Cops unter grauenerregenden Umständen. Das Blutbad scheint mit dem verkrüppelten Drogendealer zusammenzuhängen, der plötzlich, zusammen mit seiner Schwester und seiner Freundin, verschwunden ist. Bettinger ist überzeugt, dass der Dealer hinter dieser Orgie an Gewalt steckt. Als Bettingers Familie in das Fadenkreuz des Killers gerät, steigt Bettinger auf das Niveau seiner Kollegen hinab. Obwohl er von den Handlungen seiner Kollegen abgestoßen ist, beginnt er sie besser zu verstehen, als er die Geschichte erfährt, warum diese den Dealer verkrüppelt haben.

Elf Jugendliche sind kurz nach der Abiturfeier am schlechten Heroin, gestreckt mit einer tödlichen Menge Chinin, gestorben. Die Aufregung war groß und es musste eine Lösung gefunden werden. Die Lösung war, dass jemand auf der anderen Seite eingesetzt wurde, der die Dinge überwachte und regelte. Eine geduldete Übereinkunft wurde getroffen. Eine, die für beide Seiten lukrativ war. Bis eine Seite ausscherte. Ein Detective wird aus Rache brutal getötet und seine Kollegen nehmen Rache. Bettinger steht zwischen den Fronten. Nach allem, was er gesehen und gehört hatte, sind die Cops auf der gegnerischen Seite, spielen in der gleichen Mannschaft wie Krebs und Autounfälle. Früher, in einem anderen Leben, hätte er solche Männer erschossen oder verhaftet. Jetzt schienen sie seine Verbündete zu sein.

Bald ist auch Bettinger im Visier des Killers. Er entkommt knapp, aber nicht alle aus seiner Familie haben dieses Glück. Zusammen mit seinem Partner und anderen Cops, die den Dealer versehrt haben, stürzt er sich kopfüber tiefer in den nördlichen verfallenen Stadtteil, um nach dem Anführer in einem rasenden Schneesturm zu suchen. Schnee erstickt die verlassene Betonwelt. Die Suche nach dem Dealer in einer alptraumhaften, unmenschlichen und widerlichen Landschaft wird zu einer Reise in die Finsternis. Ein wichtiger Teil seines Lebens, seine Achtung für das Menschliche, existiert nicht mehr und ein wütendes, trauerndes Etwas, das in der Lage war, vernünftiges Denken auszuschalten, hat sich dieser Leere bemächtigt.  Und so suchen die Detective in einem Elendsgebiet, gegen dass sogar die Hölle als ein freundlicher Ort erscheint, nach Erlösung.  Die Stadt Victory selbst wird zum Feind.

Blueprint
Blueprint

Autoren dystopischer Geschichten wollen mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbildes auf bedenkliche Entwicklungen der Gegenwart aufmerksam machen und vor deren Folgen warnen. Aber hier scheint dies schon zu spät zu sein. Das Drogenproblem in Victory wird nicht gelöst. Das Drogenproblem kann nirgendwo gelöst werden. Armut und Gewalt, ist allgegenwärtig. Die Grenzen von staatlicher Gewalt und Verbrechen sind verschwunden. Die Grenzen verwischen. Es herrscht Krieg. Eine Bestandsaufnahme des heutigen Amerikas? Polizeigewalt, tödliche Schüsse gegen Schwarze, Ermordung von Polizisten aus Rache? So geschehen am 08.07.2016 in Dallas, als während eines „Black Lives Matter“ Protestes fünf Polizisten erschossen wurden.

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Und dann sind da die Tauben. Die überall tot herumliegen. Tod vom Himmel fallen, überfahren werden und allgegenwärtig sind. Deren Kadaver überall auf den Straßen verwesen. Tauben, die für Unschuld und Schönheit stehen, ein Wahrzeichen von Frieden sind, den Geist der Hoffnung verbreiten, fallen hier der Endzeitstimmung, der Apokalypse zum Opfer. Stehen für eine Veränderung im negativen Sinn, für eine brutale Veränderung. Hart, zynisch und brutal beschreibt Zahler ein Amerika, das womöglich aktueller ist, als uns lieb sein kann.

Eine Verfilmung des Romans ist in Vorbereitung.

Die Toten der North Ganson Street
Die Toten der North Ganson Street
S. Craig Zahler
„Die Toten der North Ganson Street“
(Mean Business On North Ganson Street)
Übersetzer: Katrin Mrugalla, Richard Betzenbichler

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