Stewart O’Nan – Halloween

Im dunklen Herzen des Landes

Halloween
von Stewart O’Nan

 
An Halloween verpasst ein Toyota Camry mit fünf feiernden Teenagern durch zu schnelles Fahren eine Kurve und kollidiert frontal mit einem Baum. Was danach geschieht, mit denen die überleben, und denen, die nicht überleben, sorgt für einen wilden und bösen Ritt in Stewart O’Nans „Halloween“  („The Night Country“). Eine kleine, geisterhafte Geschichte, in der Tradition von Ray Bradbury, die Eltern eine Vor-Halloween Nervosität garantiert.
 
Es ist die Cabbage Night, die Nacht vor Halloween in Avon, eine wohlhabende Vorstadt von Connecticut. Mit gepflegtem Rasen vor den Häusern, menschenleeren, mit Licht überfluteten Straßen und Läden, gefüllt mit den allgegenwärtigen nationalen Marken. Avon ist langweilig, langweilig, langweilig. Nichts übles stört hier, niemals.
 
In der Kurzgeschichte „Willkommen in Lakewood“ schreibt O’Nan: „Wenn Sie das nächste Mal an Lakewood denken, werden Sie es nicht einordnen können,    (… ) – nur irgendeine entlegene Kleinstadt war das, durch die Sie gefahren sind, ohne auszusteigen. Folgenlos, abgesehen von dem unruhigen Gefühl, dass man nicht hierher gehörte, dass dies eine grundsätzlich andere Welt war als die, in der Sie leben. Fremd. Verlebt. Blöd. Es wird nach ein, zwei Tagen – vielleicht sogar noch heute Nacht, wenn Sie zwischen den ein wenig starren Bettlaken wegdämmern – den Anschein haben, als wäre diese Stadt dort hinten, dort drunten nichts als ein schlechter Traum.“
 
 
Tim und Kyle, zwei Kumpel, sind auf der Heimfahrt von ihrer Schicht als Aushilfen beim Stop’n Shop, verfolgt vom freundlich besorgten Officer Brooks. Jeder von ihnen war schon vor einem Jahr mit dabei, als der Toyota Camry fünf Jugendliche gegen einen Baum warf. Drei Kinder starben in dieser Nacht. Toe, der Fahrer, Danielle, Tims Freundin, und Marco, unser Erzähler. Es gab zwei Überlebende: Kyle, dessen massive Verletzungen ihn debil werden ließen, und Tim, dessen „Überlebensschuldgefühle“ sich in Selbstmordgedanken verhärtet haben. Brooks, der Offizier, der die schreckliche Szene als erster  erreichte, und der den Wagen mit Sirenengeheul verfolgt hatte, hat sich in sein Schneckenhaus zurückgezogen, um seine inneren Dämonen zu bekämpfen. Seine einzige Mission ist nun, Tim und Kyle, davon abzuhalten, diese schreckliche Szene an diesem Halloween zu wiederholen.
stop-n-shop
 

Was die Geschichte „Halloween“ so erschreckend macht, ist die jagende Präsenz der spöttischen Untoten. Das Geistertrio weht in und aus den Leben von Tim, Kyle und Brooks, schwächer werdende, verschwommene Anspielungen ihrer Selbst in einer „Andernwelt“. Obgleich O’Nan Marco, „den Stillen“, als Erzähler erwählt hat, fügen Toe und Danielle eine Fülle von Kommentaren hinzu. Beiläufig, tadelnd, böse, kommentieren die drei Untoten das Geschehen, wie der Chor einer griechischen Tragödie. Jeder der Figuren erzählt seine eigene Geschichte, erlaubt somit O’Nan ruhig die Perspektiven zu wechseln, um so ein lebhaftes Panorama aus Gefühlen und Verständnis bereitzustellen.

The Night Country
The Night Country

O’Nan, Autor von bisher zwanzig, von der Kritik freudig begrüßten Büchern, sagt in einem Interview, dass er in einer Zeitung die Nachricht über einen aktuellen Todesfall gelesen hat, in den mehrere Jugendliche verwickelt waren. Dies geschah in einer Nachbargemeinde. Er konnte dies nicht abschütteln. Ein Jahr später, an demselben Tag, stiegen zwei Überlebende in einen Jeep, einen Koffer voller Bud in Dosen und einem Handy und fuhren um die Stadt, besuchten all die alten Orte, die sie gewöhnlich mit ihren Freunden besucht hatten, telefonierten mit all ihren anderen Freunden, sagten: „Wir werden uns umbringen, wir wollen nicht mehr weiter leben wegen diesem Unfall vom letzten Jahr. Wir wollen uns von euch verabschieden.“ Und sie fuhren in denselben Baum, der ihre Freunde erschlagen hat. Danach legten ihre Freunde, die ganze Stadt, all diese Blumenkränze und Teddybären um diesen einen Baum. Dann kam die Stadt und fällte den Baum, weil sie nicht wollten, dass jemand dies wiederholt. Sehr verrückt.“

Ein Horror Fan seit seinen ersten Tagen, als er in Pittsburgh aufwuchs (auch Heimatstadt von George A. Romero, der berühmte Regisseur von „Night of the Living Dead“, bemerkt O’Nan stolz), hat O’Nan lange davon geträumt, eine Hommage an Ray Bradbury zu schreiben, dem auch „Halloween“ gewidmet ist.

„Er war einer meiner ersten großen Vorbilder. Es ist etwas magisches mit seinen Kurzgeschichten. Eines meiner Lieblingsbücher aller Zeiten ist „Something Wicked This Way Comes“ (dt. Das Böse kommt auf leisen Sohlen). Ich liebe dieses Buch und schon seit Jahren sage ich, dass ich so etwas auch schreiben möchte“, sagt O’Nan.
 
Der Unfall der Jugendlichen und der Doppelselbstmord schien die perfekte Grundlage für einen Roman zu sein. In Bradburys „Something Wicked This Way Comes“ kommt das Unheimliche in die kleine Stadt, und es liegt an den Unschuldigen dort, zwei Jungen und ihrem Vater, der Bibliothekar ist, gegen dieses gefährliche Ding, einen Jahrmarkt, zu kämpfen. Bradburys Buch ist ein moderner Klassiker zu dem Thema Kindheit und Jugend im ländlichen Amerika. Vorläufer dieses Themas ist sicherlich Mark Twains „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“.
Something Wicked This Way Comes
Something Wicked This Way Comes
„Es gibt keine kleinen Städte mehr, dort wo ich lebe, es sind alles Vorstädte. Als ich damit begann, das Buch zu schreiben, dachte ich OK, bringe diesen Zauber in diesen Ort, der fraglos nicht zauberhaft ist.
 
Wie in „Halloween“ einem seiner beliebtesten Horrorstreifen, beschwört O’Nan eine schlimme Ahnung des sehr alltäglichen Lebens in Avon. Wie schrecklich es auch sein mag, in einem verdrehten Autowrack jung zu sterben, überleben mit Kyles Behinderungen, ist weitaus entsetzlicher. „Im Kino, Fernsehen und Popsongs, wird nur über die Oberfläche von Ereignissen berichtet und geschrieben anstatt den Konsequenzen daraus,“ sagt O’Nan. „Diese Dinge geschehen und das ist wahrscheinlich der Höhepunkt. Doch mit diesem Ereignis und seinen Folgen zu leben – wie bekommst du dann dein Leben in den Griff? Wir alle müssen das. Dein Leben ist nicht plötzlich zu Ende, es muss irgendwie weitergehen“.
 
O’Nan, wie Bradbury, ist ein entschieden formal ungebundener Autor, wenn auch einige Aspekte der Gothic Novel immer wieder in solch verschiedenartigen Werken wie „Wish you Were Here“ (dt. Abschied von Chautauqua (2002)), „A Prayer for the Dying“ (dt. Das Glück der anderen (1999)) und „A World Away“ (dt. Sommer der Züge ( 1998)) auftauchen.
 
In einem Essay über den „Sniper von Washington“ schreibt er: „Die besondere Befriedung, die ein „mystery“ vermitteln kann, liegt darin, die Antworten zu erraten, bevor der Erzähler sein Geheimnis preisgibt. Irgend etwas beinahe, aber dann doch nicht ganz zu wissen, ist eine erregende Erfahrung – und das gleiche gilt für Wendungen in einer Geschichte, die den Glauben an die von uns gefundene Lösung erschüttern. Etwas nicht zu wissen, das ist genauso wichtig wie etwas zu wissen“.
 
Auf die Frage, nach seinem persönlichem Schrecken, antwortet O’Nan: „Alles. Ich dachte eine sehr, sehr lange Zeit, dass ich bei einem Autounfall sterben würde. Angst vor einem Wirtschaftskollaps. Angst vor republikanischen Präsidenten. Angst ist eines der großen Themen, die ich in jedem von meinen Romanen verarbeite.“
 
Es ist bestimmt redlich zu sagen, das Zerstreutheit Bestandteil in seinem kreativen Schreibprozess ist. „Was passiert, ist, ich beginne mit einem Buch, habe die Charaktere, die Handlung und die Szenerie, den ganzen Stoff, und ein kleiner, zarter Charakter saust über einen Satz und beansprucht damit viel mehr Aufmerksamkeit. Was ich dann mache, ist, ich folge der Person, über die ich nichts weiß, dahin, wo ich hoffe, dass es dort interessanter ist. Und das ist das Buch, welches ich zu Ende schreibe, und das Buch, welches ich zu schreiben geplant habe, vollende ich nie“.
 
Obgleich ihm die Geschichte während des Schreibens nicht unter die Haut ging, kann O’Nan nun „Halloween“ zu der Liste von Dingen dazurechnen, die ihn um den Schlaf bringen. „Nun schickt es sich an, mir ein wenig Gänsehaut zu verursachen. Ich habe eine Tochter, die gerade ihren Führerschein bekommen hat und sie geht auf die gleiche High School. Es ist sehr unheimlich. Meine große Angst ist, dass diesen Herbst etwas schlimmes passiert, gerade wenn das Buch in unserer Stadt erscheint. Ich mache mir darüber Sorgen“.
 
 O’Nan hat nicht nur ein Meisterstück subtilen Horrors geschrieben. Er hat auch einen der engagiertesten, menschlichsten und tief empfundenen Roman geschrieben. Er liefert uns wieder einen intimen Blick auf die Menschen, die die Hoffnung hochhalten und er zeigt uns die Konsequenzen, wenn sie fehlgehen.
Halloween
 
Stewart O'Nan "Halloween"
Rowohlt Verlag 2004
Übersetzer: Thomas Gunkel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *