Matthew F. Jones „Ein einziger Schuss“

Ein einziger Schuss

von

Matthew F. Jones

Die Handlung von „Ein einziger Schuss“, „A single Shot“ im Original, ist schnell erzählt. John Moon, ein Wilderer, macht einen Fehler. Als er einen, von ihm verwundeten Hirsch nachspürt, schießt er versehentlich auf ein junges Mädchen und tötet es dabei. Ein junges Mädchen, mit einer Tasche voller Geld. Auf den ersten Blick ist die Handlung des Romans sehr einfach und nicht allzu sehr originell. Diese Geschichte gab es schon in mehreren Variationen, zum Beispiel von Cormac McCarthy mit „No Country for Old Men“. Aber dieser Plot ist für Jones nur das Gerippe, um das er die Geschichte eines Mannes webt, der in seinem, von Schuldgefühlen befeuerten Wahn, einen Fehler nach dem anderen macht. Diese Fehler verschärfen sich zunehmend, bis die Handlung in einem fiebrigen atemberaubenden Schluss endet. Die Frage, ob es in einem Leben immer einen ganz entscheidenden Moment gibt, der die Weiche für das weitere Leben stellt, in dem es wichtig ist, die richtige Abzweigung zu nehmen, diese Frage ist hier existenziell.

Hirsch

John Moon, abgespalten und losgelöst von der Gesellschaft, hadert mit seinem Schicksal. Er ist der letzte in einer langen Reihe von Farmern. John ist aber aus der Bahn geworfen, da sein Vater das Land verloren hat, welches sein Erbe gewesen wäre. Er hat keine Zukunft auf diesem winzigen Flecken Erde am Berghang, dem Trailer-Haus, in dem er nun haust. Dem einzigen Überbleibsel des Besitzes seiner Vorfahren. Er lebt nach dem Motto „Was wäre gewesen, wenn…“

„Was wäre gewesen, wenn sein Vater die Farm nicht aufgegeben hätte, wenn das Land mit den großen Weiden und den dreihundert Morgen wildreichem Wald noch ihm gehören würde? Dann wäre er sicherlich nicht zum Wilderer geworden, um seine Frau und seinen Sohn zu ernähren. Dann würden sie vielleicht sogar noch bei ihm wohnen.“

„Das verlorene Land. Sein Erbe. Jedes Unglück, jeder Fehlschlag, jede Verletzung und jede Tragödie resultiert nach Johns Ansicht aus diesem Verlust.“ Ohne dieses Land fühlt er sich, als ob alles, was er hätte werden können, ihm weggenommen wurde. Beim Lesen, bekommen wir das Gefühl, dass John, für den größten Teil seines Lebens, sich viel darauf einbildet, ein „Verlorener“ zu sein. Er fühlt sich aus der Zeit gefallen, fühlt sich noch als Farmer, als heimlicher Besitzer des Landes. Als Farmer ohne Farm in einer Welt, die für immer so bleiben wird, wie sie ist. Ihm bleibt die Wut. Und Selbstmitleid und Johns Drang, dies in Whiskey zu ertränken, hat seine Frau Moira dazu gebracht, ihn zu verlassen. Ihren neugeborenen Sohn hat sie mit sich genommen. Zum ersten Mal beginnt nun John seine Unfähigkeit, sich anzupassen, sich mit den Gegebenheiten abzufinden, als Belastung zu empfinden.

Matthew F. Jones beschwört gekonnt die Berglandschaft und den besonderen Menschenschlag, die diese bevölkert. Man kann „Ein einziger Schuss“ als „Country Noir“ bezeichnen. Diese Gattung erzählt Geschichten von schwierigen, eigensinnigen oder auch starrköpfigen  Menschen, die ein mühevolles Leben führen, meistens am Rande der Gesellschaft und im Dunkeln der Nacht. Der gewöhnliche Protagonist des „Country Noir“ lebt in Zweitracht mit der Gegenwart, lebt seinem Wesen nach noch in der Vergangenheit und hat am Erbe seiner Ahnen zu knappern. Dies passt auch auf den Protagonisten dieses Buches: John Moon.

junges Mädchen

Als Moon das Geld bei dem toten jungen Mädchen findet, sieht er darin sofort eine Möglichkeit, seine Familie für sich zurückzugewinnen. Aber sein Gewissen wird schwer von dem Tod des Mädchens belastet. „…muss er sich eingestehen, dass er zum Mörder geworden ist. Er hat die Regeln gebrochen, er ist der Wilderer. John muss daran denken, wie er hier in den Wäldern und um sie herum aufgewachsen ist und dass er genau wie sein Vater und sein Großvater hier gejagt hat, seit er ein kleiner Junge war. Doch obwohl sie beide im Krieg waren, ist er der Erste in seiner Familie, der einen Menschen getötet hat.“

Er fängt damit an, einen Fehler nach dem anderen zu begehen und beraubt sich damit jeder Chance, die er vielleicht gehabt hätte, mit dem Geld zu entkommen. Denn, als er das Geld findet, wittert er darin sofort eine Möglichkeit, seine Frau und seinen Sohn wieder zurückzuholen. Jones beschreibt Moons inneren Kampf so wirklich, dass man mit ihm mitempfindet. Die Abfolge der Geschehnisse, die nach dem zufälligen Mord von John Moon an dem jungen Mädchen passieren, nehmen die Gestalt einer Suche an.

A Single Shot - Tödlicher Fehler; Regie: David M. Rosenthal (2013)Drehbuch: Matthew F. Jones; Darsteller: Sam Rockwell, Jeffrey Wright

Aber je länger seine Verunsicherung und die Grübeleien andauern, er sich mit dem Bewusstsein ein Mörder zu sein, auseinandersetzen muss, je länger er sich mit der Leiche beschäftigt, die immer wieder auftaucht, umso quälender werden seine Gedanken. Am Anfang noch sachlich: „Blut ist Blut, dachte er, und wischte das des Mädchens an seiner Hose ab. Und tot ist tot.“ Dann immer schuldbewusster, als er daran denkt sie zu begraben: „..gerade so als wollte er nicht nur ihre Auslöschung, sondern gleich ihre gesamte Existenz ungeschehen machen. Und das, merkt er jetzt, war ein noch schlimmeres Verbrechen als sie zu erschießen.“ Er vereinsamt, isoliert sich, ist ausgeschlossen aus dem Kreis der Lebenden. Versucht aber gleichzeitig Menschlichkeit zurückzubekommen. Aber im Laufe der Erzählung wird er sich vage bewusst, „dass er auf der schiefen Ebene seines Lebens immer weiter nach unten rutscht, und gleichzeitig wird ihm die eigene Machtlosigkeit bewusst.“

Wald

Während John durch die folgende Woche tappt, der Roman beginnt an einem Sonntag und endet sechs Tage später, werden die Ereignisse immer gewalttätiger. Die Gewaltspirale beginnt mit einem Schuss. Schatten aus der Vergangenheit machen sich bemerkbar und ein Verbrechen auf der Nachbarsfarm, dass vor etlichen Jahren geschehen ist, harrt auf seine Aufklärung. Am Ende kommt es wieder zu einem Schuss. Und John? Denkt an seine Schuld, die er auf sich geladen hat. Er malt sich seine Schuld aus wie ein Tier, „das sich selbst ausweidet, und fragt sich, ob es wohl stimmt, dass ein Geheimnis so groß sein kann, dass es einen umbringt.“

„Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt, dass ein Fluch auf Ihnen lastet? Wenn eins zum anderen kommt, und alles, was man dagegen tun will, macht es nur noch schlimmer, bis man so tief in die Grube reingerutscht ist, dass man den Kopf nicht mal mehr über den Rand halten kann?“

Bei all seinen Entscheidungen glaubt Moon durchaus immer das Richtige getan zu haben. Aber für wen? Für sich, den Hirsch oder seine Familie? Da jede Entscheidung einen großen Einfluss auf sein Leben hat, versucht er umso stärker, dem ganzen Schlamassel entgegenzuwirken, in dem er sich wiederfindet und macht weiter in seinem Kampf gegen den Treibsand aus Moral und Habgier, in dem er steckt.

„Er befindet sich an einem dunklen Ort und schreit – lautlos oder laut – gegen das ungerechte Schicksal an, dass ihn ereilt hat, gegen den Fluch, der auf ihm lastet und der ihn nun alles noch einmal erleben lässt. Wortlose Gedanken ziehen wie dunkle, angriffslustige Riesenvögel über ihm ihre Kreise und erinnern ihn an jene unsichtbaren Mächte, die viel mächtiger sind als er. Er betet, bittet und bettelt stumm vor sich hin, eine dieser Mächte möge den Kurs seines Schicksals korrigieren. Aber sie kennen kein Mitleid. Schmerz ist nur eine abstrakte Idee, eine Erscheinung, die unbehelligt und kraftvoll wie der unverwundete Hirsch durch ihre Schattenwelt schreitet. Angst ist wie das Rascheln der Zweige. Tod ist etwas, das nur jenseits ihrer Welt existiert.“

Ein einziger Schuss
Ein einziger Schuss
Matthew F. Jones
Ein einziger Schuss (A single shot)
Übersetzer: Robert Brack
Polar Verlag