Leonard Gardner – Fat City

 

Fat City

von Leonard Gardner

Leonhard Gardner war ein Student im Aufbaustudium für kreatives Schreiben im Staat San Francisco, als er mit dem vierjährigen Schreibprozess bis zur Endfassung von „Fat City“ begann. Er wuchs in Stockton, Kalifornien auf und kämpfte dort als Amateurboxer. Stockton, mit dem Sportstudio Lido, dem Hotel Coma, den Imbissbuden der Hauptstraße, wo die dunklen Kneipen den Männern und Frauen eine zeitweilige Ruhepause gönnen, deren rückenbrechende Arbeit auf den Feldern ihnen kaum erlaubt, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Die Stadt ist eine der zentralen Figuren im Roman. Fat City ist auch ein alter Spottname für diese historische Stadt in Kalifornien. Gardner war 36 Jahre alt, als der Roman schließlich 1969 erschien. Das Buch war auch in der Endausscheidung für den „National Book Award“ im Jahre 1970. Zusammen mit dem Roman „Schlachthaus 5“ von Kurt Vonnegut und dem letztendlichen Gewinner „Jene“ von Joyce Carol Oates. Gardner schrieb ab nun für Film und Fernsehen, einschließlich das Drehbuch für den 1972 uraufgeführten Film „Fat City“. John Huston führte Regie in diesem Film, mit einem bis dahin noch ziemlich unbekannten Stacy Keach, dem jungen Jeff Bridge und der brillanten Susan Tyrell.

Leonhard Gardners einziger Roman, ein dünnes, 223 seitiges, pralles Buch, dass seines Status als Klassiker der amerikanischen Literatur, durch seine makellose, beschwörende Prosa, eine mitfühlende, aber doch verbitterte Sicht auf das menschliche Befinden und die unbedingte Glaubwürdigkeit seiner Beschreibung des Sports der zerbrochenen Nasen verdient hat. Das Buch wird als Meisterwerk des „dreckigen Realismus“ gehandelt. Ein Roman, der Generationen von Lesern seit seinem Erscheinen verblüfft und fasziniert hat. „Fat City“ ist ein eindringlicher Roman über Hartnäckigkeit und Kampf, von dem mächtigen Versprechen eines guten Lebens und die Verzweiflung und dem Alkohol, die denjenigen auflauern, denen sich das gute Leben entzieht.
 

1969 sagte Gardner im Life-Magazine über den Titel seines Buches: „Viele Leute haben mich nach dem Titel meines Buches gefragt. Er ist Teil des Slangs der Schwarzen. Wenn du sagst, du möchtest nach Fat City gehen, meint dies, du möchtest ein gutes Leben haben. Mir kam die Idee für diesen Titel nachdem ich eine Fotografie eines Miethauses auf einer Ausstellung in San Francisco gesehen habe. Fat City war mit Kreide auf die Hauswand geschmiert worden. Der Titel ist Ironie. Fat City ist ein verrücktes Ziel und niemand wird es jemals erreichen.“ Aber wie es der alte Boxmanager von Billy Tully ausdrückt: „Es gibt immer wieder jemanden, der bereit war zu kämpfen.“

Ross Macdonald schrieb über „Fat City“: In seinem Mitleid und seiner Kunst bewegt sich Gardner über Rassen, über Schuld und Bestrafung hinaus, wie Twain und Melville es taten, in eine tragische Vergebung hinein. Ich habe selten einen solchen schönen und individuellen Roman gelesen wie diesen.“

Im Grunde genommen ist „Fat City“ kein Roman über das Boxen. „Fat City“ ist eine allgemein gültige Geschichte über düstere Gegebenheiten und vergiftete Selbsttäuschungen. Für die Männer in diesem Roman ist Boxen eine Chance, ein Schimmer von Hoffnung. Fat City ist alter Jargon und steht für Wohlstand und Annehmlichkeit – für ein gutes Leben. Bist du in Fat City, hast du Glück. Aber dieser Titel des Romans ist, wie Gardner sagt, verdrehte Ironie. Das Buch ist erfüllt mit der Erkenntnis, dass Gelegenheiten vergehen, Träume einen behindern können, kostbare Zeit verschwendet wird und alle Zukunftschancen dabei zu Asche verbrannt werden. Viele sind gefangen in diesen Lebensverhältnissen. Kein Geld und jeden Tag auf der Suche nach einem Job auf den kargen Feldern der Umgebung. Und da ist Boxen ein Ausweg. Eine alte Binsenweisheit des Boxsports ist, dass er so schwierig ist, dass nur der Verzweifelte ihn erdulden kann, als eine zermürbende Flucht aus einem kulturellen, finanziellen oder seelischen Ghetto, das sie gefangen hält. Es ist ein fordernder und schmerzhafter Weg mit keinerlei Garantie und viel Risiko. Und so ist das Buch, wie gesagt, nicht nur ein Buch über das Boxen, sondern auch ein Buch, wie es war, in Stockton zu leben, am Ende der 1950er Jahre. Der Roman zeigt dem Leser eine Welt von schmutzigen Kneipen, von ausgezehrten chinesischen Schweinswurstköchen, von ersten Freundinnen, die geheiratet werden, weil der Verlust der Jungfräulichkeit, Schwangerschaft bedeutet und vom Leben in heruntergekommenen Hotelzimmern, die die Seele weinen lässt.

Ein paar Jahre bevor die Handlung des Romans beginnt, war Billy Tully in Fat City. Er lebte anständig und gewann Kämpfe. Er hatte ein Haus, ein gutes Auto und eine hübsche Frau. Dann erlitt er eine unglückliche Niederlage im Ring, die ihm sein Selbstvertrauen raubte. Er gab das Boxen auf, fing an zu trinken, konnte seine Arbeit nicht halten, verlor sein Auto und sein Haus. Dann verließ ihn seine Frau. Nun verdiente er als Tagelöhner auf den Zwiebelfeldern des Tales gerade so viel, dass es für ein schäbiges Hotelzimmer und seine nächtlichen Sauftouren reichte.

Rowohlt 1991 „Fat City“

Wenn wir Tully zum ersten Mal im Buch begegnen, denkt er über eine sich kürzlich ereignete Kneipenschlägerei nach, in der er einen anderen Saufkumpan mit einem Schlag niedergestreckt hat. Diesen Schlag nimmt sein verkatertes Hirn als Beweis, dass er seine Fähigkeiten als Boxer noch nicht verloren hat. Er beschließt in den YMCA zu gehen und damit zu beginnen, sich wieder in Form zu bringen. Er will ein Comeback. Als Tully dort eintrifft, ist der einzige weitere Benutzer des Gym, der 18jährige Ernie Munger, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, an einer Tankstelle die Windschutzscheiben zu reinigen und Autos zu betanken. Er schlägt sich die Zeit tot, indem er auf einen Sandsack eindrischt. Tully überredet ihn, einen Sparringskampf mit ihm zu machen. Dieses Treffen verändert das Leben des jungen Ernie Munger. Tully drängt ihn, in den Box Club zu gehen und bringt ihn mit seinem alten Manager und Trainer zusammen.

New York Review Books
Fat City 2015

Der Roman verbindet die Geschichten von Billy Tully und Ernie Munger. Ernie versucht als Boxer in die Riege der Männer aufzusteigen. Billy versucht, wieder in Form zu kommen und sein Leben wieder in die Spur zu bringen. Ernie ist Tullys Vergangenheit und Tully ist Ernies Zukunft. Wir werden in jeden hineinversetzt und erhalten flüchtig Eindrücke von anderen Boxern, die um das Studio kreisen. Diese Einblicke in das Leben und Denken anderer Boxer sind durchgehend im Roman, wo Hoffnung ununterscheidbar von Selbsttäuschung ist.  

„Willst du wissen, was einen guten Boxen ausmacht?“ „Was denn?“ „Dass du an dich glaubst. Dass du siegen willst. Der Rest – Kondition. Wenn du deinen Gegner fertigmachen willst, machst du ihn fertig.“ „Hoffentlich hast du recht.“ „Wenn du ihn nicht fertigmachen willst, bist du selber dran.“

Fehler werden gemacht. Lebendig geschilderte Charaktere tauchen auf. Die Frauen im Leben der Boxer werden zu kraftvollen Mächten. Für Ernie ist es seine junge Frau, die ihm ein Kind schenkt. Für Tully ist es Oda, die streitbare Alkoholikerin, mit der er in wilder Ehe lebt, während er daran arbeitet, seine Boxkarriere wieder aufzufrischen. Ungeachtet der Verbindung zwischen den zwei Erzählungen über die zwei Boxkämpfer ist Ernies Zukunft am Schluss des Buches offen. Er wird wahrscheinlich kein großer Boxer aber er kann es vielleicht und schlussendlich dazu bringe, zu einem vernünftigen und bodenständigen menschlichen Wesen zu werden.

Cover „Fat City“ EA

Verzweiflung ist eines der Schlüsselwortes des Romans. Verzweiflung am Dasein. Am Leben, wie es einem mitspielt. Tully überkommt nach einem verlorenen Kampf und nach der Trennung seiner Freundin ein Schmerz. „Eine entsetzliche Niedergeschlagenheit brach über ihn herein, eine rauschende Welle der Verwirrung und Verzweiflung. Er hatte keinen Zweifel mehr, dass er verloren war.“ Wes Haynes, ein weiterer Boxer im Buch, überkommt die Erkenntnis, dass er ein Nichts war.

„Er drückte die Wange an das kalte Glas und dachte daran, sich umzubringen. Aber Jahre zuvor, an den Beinen seines Vaters in einer Menge stehend, hatte er einmal einen toten, im eigenen Blut liegenden Mann gesehen, seinen stumpfen, überraschten Blick – und Wes wusste, wenn er schon gewaltsam sterben sollte, würde er es bestimmt nicht selbst erledigen. Sie müssten schon kommen, um ihn zu holen, und er würde sie niederknüppeln, er würde würgen und schießen, und dann würde er abhauen.“

Dies legt aber nicht nahe, dass das Weglaufen es besser machen würde oder dass das Leben, zu dem er läuft, ein Leben ist, das er sich wünscht. Im Roman findet man beides. Schmerz, der einen zusammenzucken lässt und tiefen Genuss. Gardners Erfolg lebt aber gerade deshalb weiter, weil „Fat City“ nicht bedrückend ist. Die Erzählung ist dunkel aber ist angereichert mit Kraft. Sie ist verlockend, gewinnend und leuchtend, allen Widrigkeiten zum Trotz, durch eine Lebendigkeit, die in sich schon eine Form von Hoffnung beinhaltet. 

Der Roman ist auf seine Weise wunderbar.

 

 

Leonard Gardner
Fat City
Übersetzt von Gregor Hens
Blumenbar Verlagr

Sweetgirl von Travis Mulhauser

Sweetgirl

von Travis Muhlhauser

Ein „coming of age“ auf die harte Tour erzählt Travis Mulhauser in seinem Roman „Sweetgirl“. Percy, gerade 16 Jahre alt geworden, ist wieder einmal auf der Suche nach ihrer verschwundenen Mutter Carletta. Dies ist nicht gerade eine Überraschung für ihre Tochter. Oder wie Percy sich ausdrückt: „Eigentlich war das Einzige, was mich überraschte, meine Überraschung. Egal wie oft Carletta mich sitzen ließ, jedes Mal fühlte es sich an wie ein Schlag in den Bauch, von dem mir ganz schwindlig wurde, genau wie beim ersten Mal, als sie vergaß, mich von der Schule abzuholen.“ „Trotzdem fehlte sie mir. Sie fehlte mir, und ich hatte die Nase voll von diesem Leben, weil ich rumsaß wie bestellt und nicht abgeholt und mir dauernd Sorgen um sie machte. Ich hatte es satt, mich ständig zu fragen, wo sie war, ständig Angst um sie zu haben, die sich um mein Herz legte wie eine Schlingpflanze.“

Percy ist ein beherztes und raues Mädchen, dass die High School verlassen hat und nun ihr Geld damit verdient, alte Möbelstücke in einem einheimischen Laden aufzufrischen, um damit ihre Mutter und sich zu ernähren. „Die Ladies in Cutler nennen sie Wildfang, so hieß man hier eben, wenn man sich nicht schminkte und trotzdem keine Lesbe war.“

Carletta, methsüchtig und unfähig, sich um ihre Tochter zu kümmern, ist aus ihrer gemeinsamen schäbigen Wohnung in einem verkommenen Stadtteil verschwunden. Der Schauplatz ist Cutler County in Michigan, an der nordwestlichen Spitze der Halbinsel, zwischen dem Lake Michigan im Westen und dem Lake Huron im Osten. Das County ist erdacht, aber der Ort der Geschichte passt gut auf Petoskey in Michigan, dem ehemaligen Heimatort von Mulhauser.

Ein Freund von Percy hat Carletta bei deren Dealer gesehen. Shelton Potter, der Dealer, ist der Neffe von Rick Potter. Dieser Rick Potter verdiente sein Geld mit Kokain und Marihuana, ein ehrbares Geschäft im Vergleich zur Vorliebe für hausgemachtes Chrystal Meth. Rick war also eine Stütze der Gesellschaft, während Shelton ein Bösewicht war.

Blizzard

Percy setzt sich in ihren Pick-up und fährt, trotz eines herannahenden Blizzards, in die Berge, den North Hills, um ihre Mutter aus der Drogenhöhle nach Hause zu bringen. Dies macht sie nicht zum ersten Mal. „Ein Kind sollte nicht seiner Mutter nachlaufen.“ Und trotzdem macht sie sich auf den Weg. Ihr Verantwortungsgefühl für ihre hemmungslos süchtige Mutter hält sie fest. „Unsere Bindung war so eng, in Blut und Knochen und Seele.“. Umso mehr, als ihre ältere Schwester geheiratet und Cutler County verlassen hat. Auf dem Grundstück des Dealers Shelton Potter entdeckt sie das Auto ihrer Mutter und im Haus den Dealer selbst und eine fremde junge Frau. Beide vollgedröhnt mit Drogen. Auf der Suche nach ihrer Mutter findet sie einen toten Hund und ein schreiendes Baby, das unter einem offenen Fenster liegt und bereits mit Schnee bedeckt ist. Impulsiv nimmt sie das Baby und flieht mit ihm aus dem Haus. Entschlossen, das Baby in ein Krankenhaus zu bringen, kämpft sie sich durch den Schnee zu einem Ex-Freund ihrer Mutter, zu Portis Dale. Dieser ist Alkoholiker, aber fein und gebildet. „Portis – war ein zäher Vogel und überlebte alles Mögliche, das eigentlich nicht zu überleben war.“ Portis und Percy verbindet ein familiäres Gefühl. Für Percy ist er ein Ersatzvater. Er fühlt sich für sie verantwortlich. Durch ihre kurz entschlossene Tat setzt Percy jedoch eine Reihe von Ereignissen in Gang, die für einige Protagonisten tödlich enden werden.

Die Erzählperspektive dieses Romans wechselt sich ab, zwischen der jungen Erwachsenen, Percy und dem erwachsenen Jungen, Shelton, Zwischen Percys verzweifelten Versuchen, dem rachsüchtigen Shelton auszuweichen und Sheltons eigenen schwerfälligen Versuchen, das Baby zu finden; seine Quest durch die schneebedeckten Wälder, mit seiner vertrauensvollen Glock Pistole und seinen Selbstgesprächen. Eine Handlung voller Ereignisse und Wendungen. Carletta kreuzt zwischendurch auf und am Ende der Geschichte ist das Baby in sicheren Händen und vier Männer sind gestorben: durch Verbrennung, durch einen unglücklich abgegebenen Schuss, durch Selbstmord und durch einen Aufprall eines Schneemobils auf einen Baum. Mulhauser beschreibt die freudlose Landschaft und die sich krass auflösenden sozialen Sitten einer isolierten Gemeinschaft, wenn die Touristen verschwunden sind und die Bewohner in einem langen Winter ausharren müssen. Beide Bücher, die von Mulhauser bisher erschienen sind, „Sweetgirl“ und der im Jahre 2005 erschienene Erzählband „Greetings from Cutler County“,  beschreiben das fiktionale Cutler County. „Und das ist das Seltsame an Cutler – es ist eine raue Gegend, aber manchmal so wunderschön, dass man gar nicht weiß, was man sagen soll.“ Aber wiederum so menschenfeindlich, dass ein Gang vor das Haus schon tödlich enden kann. Das Wetter, vor allem der Schnee und der eisige Wind, ist so bedeutungsvoll für die Geschichte, dass es ein wichtiger Bestandteil des Romans ist. „Und das ist das echt üble am Winter in Cutler County – eigentlich nicht so sehr die Kälte, mehr die Tatsache, dass es sich irgendwann persönlich anfühlt.“

Der Titel des Romans „Sweetgirl“ bezieht sich auf zwei Personen. Eine ist Jenna, das Baby, die andere ist Percy selbst. Wir erfahren so ziemlich am Ende des Buches, dass Carletta auch Percy so genannt hat, als diese noch ein kleines Kind war. „Mama liebte mich. Das wusste ich. Sie liebte mich auf eine Weise, wie selbst Starr mich nicht lieben konnte. Aber es war lange her – dass ihre Liebe sich nicht konfus und irgendwie traurig angefühlt hätte. Mamas Liebe war immer kompliziert gewesen und war es bis heute geblieben. Sie war gleichzeitig die Sonne, der ich mein Leben verdankte, und der unendlich, kalte Weltraum, durch den ich um sie kreiste.“ Travis Mulhauser sagt in einem Interview über Percy: „“Ich wusste, sie war in Schwierigkeiten, war ein Kind in Not, aber ich hatte nicht erkannt, dass es über ihr Entkommen aus den Fängen ihrer Mutter gehen würde.“ „Ich war es, die sie verlassen hatte, nicht umgekehrt, und deswegen fühlte ich mich so zerrissen und verzagt. Ich hatte meine Wahl getroffen, als ich ihr Jenna aus dem Arm gerissen, sie hinaus in den Schneesturm gestoßen und die Tür abgeschlossen hatte.“

Hütte im Schnee

„Sweetgirl“ ist schlecht einzuordnen. Es ist im Ganzen kein Thriller, auch kein Krimi, bedient sich aber aus beiden Genres. „Sweetgirl“ ist trostlos und erdrückend aber voller unerwartetem Humor. Humor mit Tragödie zu verbinden ist immer ein ziemlicher Balanceakt, besonders in einem Roman über Drogenabhängigkeit, zerbrochenen Familien und Gewalt und Tod. Aber Mulhauser schafft diesen Spagat, besonders mit seinen brillanten Dialogen. Mulhauser gelingen komplexe Charakter, auch und im Besonderen mit Shelton. Mulhauser behandelt sie mit einem erstaunlichen Maß an Mitleid. So auch Shelton. Obwohl er klar ein Schurke ist, wird er mit einem sicheren Maß an Verständnis beschrieben. So definiert Shelton seine geistige Beschränktheit als Lernschwäche, aber sieht sich nicht als behindert. Er wollte so gern von allen gemocht werden. Aber keiner redete groß mit Shelton. Und in seinem Inneren spürt er die Echos der Demütigungen, die er als Kind erfahren hatte und die ihn gewalttätig werden lassen. „Manchmal, wenn ich glücklich bin“, sagte Shelton, „dann kommt es mir gar nicht echt vor. Manchmal ist Traurigkeit das Einzige, was sich echt anfühlt.“ Und eine letzte Erkenntnis, die Shelton überkommt: „…dass so wenige jemals einen Blick auf die tiefsten und schönsten Absichten in seinem Herzen erhascht hatten.“Und Percy denkt an Shelton: „Ich konnte nicht sagen, dass er ein guter Mensch gewesen wäre, aber ich wusste, dass Shelton Potter mehr war als die Summe seiner schlechten Taten.“

„Sweetgirl“ ist übermütig, herzzerreißend und wahrhaftig. „Sweetgirl“ packt den Leser am Herzen und der Gurgel und lässt ihn nicht mehr los. Die Heldin ist ein Zigarette rauchendes, großmäuliges Mädchen, die den Mut eines Kämpfers und die Zähigkeit eines Jagdhundes hat. Am Ende, beweist sie sich als großherzig und zeigt ihr Vermögen an Liebe, als sie das Baby Jenna Eltern überläßt, die sich um sie kümmern können. Es ist eine gewisse Schönheit in der Welt, die Mulhauser erschafft. Es ist eine bittere, eisige und trostlose Welt aber doch keine ohne eine gewisse Hoffnung auf Besserung oder Veränderung.

„Ich bin die, die sie gefunden hat. Aber ich bin nicht mehr dieselbe, die ich war. Durch Jenna habe ich mich verändert, und durch Portis Dale,  auch glaube ich, wir haben alle versucht, einander in dem Sturm zu retten, und zum Teil haben wir es geschafft.“

 

Travis Mulhauser
photo credit: viki redding

 

dtv premium
Deutsch von Sophie Zeitz
Deutsche Erstausgabe, 256 Seiten,
13. Januar 2017

Weiterführende Links:

https://www.dtv.de/special-travis-mulhauser-sweetgirl/start/c-1308

www.travismulhauser.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stewart O’Nan – Halloween

Im dunklen Herzen des Landes

Halloween
von Stewart O’Nan

 
An Halloween verpasst ein Toyota Camry mit fünf feiernden Teenagern durch zu schnelles Fahren eine Kurve und kollidiert frontal mit einem Baum. Was danach geschieht, mit denen die überleben, und denen, die nicht überleben, sorgt für einen wilden und bösen Ritt in Stewart O’Nans „Halloween“  („The Night Country“). Eine kleine, geisterhafte Geschichte, in der Tradition von Ray Bradbury, die Eltern eine Vor-Halloween Nervosität garantiert.
 
Es ist die Cabbage Night, die Nacht vor Halloween in Avon, eine wohlhabende Vorstadt von Connecticut. Mit gepflegtem Rasen vor den Häusern, menschenleeren, mit Licht überfluteten Straßen und Läden, gefüllt mit den allgegenwärtigen nationalen Marken. Avon ist langweilig, langweilig, langweilig. Nichts übles stört hier, niemals.
 
In der Kurzgeschichte „Willkommen in Lakewood“ schreibt O’Nan: „Wenn Sie das nächste Mal an Lakewood denken, werden Sie es nicht einordnen können,    (… ) – nur irgendeine entlegene Kleinstadt war das, durch die Sie gefahren sind, ohne auszusteigen. Folgenlos, abgesehen von dem unruhigen Gefühl, dass man nicht hierher gehörte, dass dies eine grundsätzlich andere Welt war als die, in der Sie leben. Fremd. Verlebt. Blöd. Es wird nach ein, zwei Tagen – vielleicht sogar noch heute Nacht, wenn Sie zwischen den ein wenig starren Bettlaken wegdämmern – den Anschein haben, als wäre diese Stadt dort hinten, dort drunten nichts als ein schlechter Traum.“
 
 
Tim und Kyle, zwei Kumpel, sind auf der Heimfahrt von ihrer Schicht als Aushilfen beim Stop’n Shop, verfolgt vom freundlich besorgten Officer Brooks. Jeder von ihnen war schon vor einem Jahr mit dabei, als der Toyota Camry fünf Jugendliche gegen einen Baum warf. Drei Kinder starben in dieser Nacht. Toe, der Fahrer, Danielle, Tims Freundin, und Marco, unser Erzähler. Es gab zwei Überlebende: Kyle, dessen massive Verletzungen ihn debil werden ließen, und Tim, dessen „Überlebensschuldgefühle“ sich in Selbstmordgedanken verhärtet haben. Brooks, der Offizier, der die schreckliche Szene als erster  erreichte, und der den Wagen mit Sirenengeheul verfolgt hatte, hat sich in sein Schneckenhaus zurückgezogen, um seine inneren Dämonen zu bekämpfen. Seine einzige Mission ist nun, Tim und Kyle, davon abzuhalten, diese schreckliche Szene an diesem Halloween zu wiederholen.
stop-n-shop
 

Was die Geschichte „Halloween“ so erschreckend macht, ist die jagende Präsenz der spöttischen Untoten. Das Geistertrio weht in und aus den Leben von Tim, Kyle und Brooks, schwächer werdende, verschwommene Anspielungen ihrer Selbst in einer „Andernwelt“. Obgleich O’Nan Marco, „den Stillen“, als Erzähler erwählt hat, fügen Toe und Danielle eine Fülle von Kommentaren hinzu. Beiläufig, tadelnd, böse, kommentieren die drei Untoten das Geschehen, wie der Chor einer griechischen Tragödie. Jeder der Figuren erzählt seine eigene Geschichte, erlaubt somit O’Nan ruhig die Perspektiven zu wechseln, um so ein lebhaftes Panorama aus Gefühlen und Verständnis bereitzustellen.

The Night Country
The Night Country

O’Nan, Autor von bisher zwanzig, von der Kritik freudig begrüßten Büchern, sagt in einem Interview, dass er in einer Zeitung die Nachricht über einen aktuellen Todesfall gelesen hat, in den mehrere Jugendliche verwickelt waren. Dies geschah in einer Nachbargemeinde. Er konnte dies nicht abschütteln. Ein Jahr später, an demselben Tag, stiegen zwei Überlebende in einen Jeep, einen Koffer voller Bud in Dosen und einem Handy und fuhren um die Stadt, besuchten all die alten Orte, die sie gewöhnlich mit ihren Freunden besucht hatten, telefonierten mit all ihren anderen Freunden, sagten: „Wir werden uns umbringen, wir wollen nicht mehr weiter leben wegen diesem Unfall vom letzten Jahr. Wir wollen uns von euch verabschieden.“ Und sie fuhren in denselben Baum, der ihre Freunde erschlagen hat. Danach legten ihre Freunde, die ganze Stadt, all diese Blumenkränze und Teddybären um diesen einen Baum. Dann kam die Stadt und fällte den Baum, weil sie nicht wollten, dass jemand dies wiederholt. Sehr verrückt.“

Ein Horror Fan seit seinen ersten Tagen, als er in Pittsburgh aufwuchs (auch Heimatstadt von George A. Romero, der berühmte Regisseur von „Night of the Living Dead“, bemerkt O’Nan stolz), hat O’Nan lange davon geträumt, eine Hommage an Ray Bradbury zu schreiben, dem auch „Halloween“ gewidmet ist.

„Er war einer meiner ersten großen Vorbilder. Es ist etwas magisches mit seinen Kurzgeschichten. Eines meiner Lieblingsbücher aller Zeiten ist „Something Wicked This Way Comes“ (dt. Das Böse kommt auf leisen Sohlen). Ich liebe dieses Buch und schon seit Jahren sage ich, dass ich so etwas auch schreiben möchte“, sagt O’Nan.
 
Der Unfall der Jugendlichen und der Doppelselbstmord schien die perfekte Grundlage für einen Roman zu sein. In Bradburys „Something Wicked This Way Comes“ kommt das Unheimliche in die kleine Stadt, und es liegt an den Unschuldigen dort, zwei Jungen und ihrem Vater, der Bibliothekar ist, gegen dieses gefährliche Ding, einen Jahrmarkt, zu kämpfen. Bradburys Buch ist ein moderner Klassiker zu dem Thema Kindheit und Jugend im ländlichen Amerika. Vorläufer dieses Themas ist sicherlich Mark Twains „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“.
Something Wicked This Way Comes
Something Wicked This Way Comes
„Es gibt keine kleinen Städte mehr, dort wo ich lebe, es sind alles Vorstädte. Als ich damit begann, das Buch zu schreiben, dachte ich OK, bringe diesen Zauber in diesen Ort, der fraglos nicht zauberhaft ist.
 
Wie in „Halloween“ einem seiner beliebtesten Horrorstreifen, beschwört O’Nan eine schlimme Ahnung des sehr alltäglichen Lebens in Avon. Wie schrecklich es auch sein mag, in einem verdrehten Autowrack jung zu sterben, überleben mit Kyles Behinderungen, ist weitaus entsetzlicher. „Im Kino, Fernsehen und Popsongs, wird nur über die Oberfläche von Ereignissen berichtet und geschrieben anstatt den Konsequenzen daraus,“ sagt O’Nan. „Diese Dinge geschehen und das ist wahrscheinlich der Höhepunkt. Doch mit diesem Ereignis und seinen Folgen zu leben – wie bekommst du dann dein Leben in den Griff? Wir alle müssen das. Dein Leben ist nicht plötzlich zu Ende, es muss irgendwie weitergehen“.
 
O’Nan, wie Bradbury, ist ein entschieden formal ungebundener Autor, wenn auch einige Aspekte der Gothic Novel immer wieder in solch verschiedenartigen Werken wie „Wish you Were Here“ (dt. Abschied von Chautauqua (2002)), „A Prayer for the Dying“ (dt. Das Glück der anderen (1999)) und „A World Away“ (dt. Sommer der Züge ( 1998)) auftauchen.
 
In einem Essay über den „Sniper von Washington“ schreibt er: „Die besondere Befriedung, die ein „mystery“ vermitteln kann, liegt darin, die Antworten zu erraten, bevor der Erzähler sein Geheimnis preisgibt. Irgend etwas beinahe, aber dann doch nicht ganz zu wissen, ist eine erregende Erfahrung – und das gleiche gilt für Wendungen in einer Geschichte, die den Glauben an die von uns gefundene Lösung erschüttern. Etwas nicht zu wissen, das ist genauso wichtig wie etwas zu wissen“.
 
Auf die Frage, nach seinem persönlichem Schrecken, antwortet O’Nan: „Alles. Ich dachte eine sehr, sehr lange Zeit, dass ich bei einem Autounfall sterben würde. Angst vor einem Wirtschaftskollaps. Angst vor republikanischen Präsidenten. Angst ist eines der großen Themen, die ich in jedem von meinen Romanen verarbeite.“
 
Es ist bestimmt redlich zu sagen, das Zerstreutheit Bestandteil in seinem kreativen Schreibprozess ist. „Was passiert, ist, ich beginne mit einem Buch, habe die Charaktere, die Handlung und die Szenerie, den ganzen Stoff, und ein kleiner, zarter Charakter saust über einen Satz und beansprucht damit viel mehr Aufmerksamkeit. Was ich dann mache, ist, ich folge der Person, über die ich nichts weiß, dahin, wo ich hoffe, dass es dort interessanter ist. Und das ist das Buch, welches ich zu Ende schreibe, und das Buch, welches ich zu schreiben geplant habe, vollende ich nie“.
 
Obgleich ihm die Geschichte während des Schreibens nicht unter die Haut ging, kann O’Nan nun „Halloween“ zu der Liste von Dingen dazurechnen, die ihn um den Schlaf bringen. „Nun schickt es sich an, mir ein wenig Gänsehaut zu verursachen. Ich habe eine Tochter, die gerade ihren Führerschein bekommen hat und sie geht auf die gleiche High School. Es ist sehr unheimlich. Meine große Angst ist, dass diesen Herbst etwas schlimmes passiert, gerade wenn das Buch in unserer Stadt erscheint. Ich mache mir darüber Sorgen“.
 
 O’Nan hat nicht nur ein Meisterstück subtilen Horrors geschrieben. Er hat auch einen der engagiertesten, menschlichsten und tief empfundenen Roman geschrieben. Er liefert uns wieder einen intimen Blick auf die Menschen, die die Hoffnung hochhalten und er zeigt uns die Konsequenzen, wenn sie fehlgehen.
Halloween
 
Stewart O'Nan "Halloween"
Rowohlt Verlag 2004
Übersetzer: Thomas Gunkel

Joe R. Lansdale – Akt der Liebe

Die brutale Kunst eines scharf geschliffenen Wahnsinns

 

„Akt der Liebe“
Ein Roman von Joe R. Lansdale

 
„Genreschreiberei ist eine bedrohte Spezies. Auf unserem Spielfeld hat sich über alle Maßen Unkraut breitgemacht. Man nehme ein wenig überflüssige, tumbe Gewalt, werfe etwas aufgesetzten Sex dazu, klatsche ein paar Gedärme und Haare an die nächste Wand, träufle einen Hauch von Mystik darüber … und schon spaziert man auf der dunklen Seite. So schreibt Andrew Vachss, Anwalt und Schriftsteller, in dem Vorwort zum Roman „Akt der Liebe“.
 
Akt der Liebe von Joe R Lansdale Heyne
Akt der Liebe von Joe R Lansdale Heyne
Lansdales Buch, erschienen 1981, gilt als Vorläufer für die Romane, die sich mit dem Phänomen der Serienkiller beschäftigen. Ob es Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“ von Thomas Harris, Michael Plunkett in „Stiller Schrecken“ von James Ellroy, oder Temple Goult in den Romanen von Patricia Cornwell ist – sie alle hatten einen Vorgänger: den Houston Hacker aus „Act of Love“. Und diese wiederum hatten reale Vorbilder im Leben: Randy Steven Kraft, der „Score-card-killer“, von dem man vermutet dass er über sechzig Menschen ermordet hat; David Berkowitz, alias „Son of Sam“; der „Hillside Strangler“; ,,Zodiac“; John Gacy oder der Müllsack-Mörder – sie alle berühren einen verborgenen Nerv der amerikanischen Seele.
 
Sie entsetzen und faszinieren uns gleichzeitig. Bücher und Filme – gute und schlechte – nehmen sich des Themas an. Serienmörder sind angesagt. Das Spielfeld von „Akt der Liebe“ ist Houston, Texas. Besser gesagt, das Ghetto Fifth Ward, wo „Tod, Blut und Gewalt“ keine Unbekannten sind. „Es ist eine enge, schwarze Welt, vollgestopft mit Fleisch und Armut, eine Sickergrube der Verzweiflung“. Houston. „Die Stadt. Diese krabbelnde, tosende, hämmernde Stadt.“
 
„Die Stadt und ihre Gerüche. Erbrochenes, Babywindeln, stinkende Binden, verschimmelte Unterwäsche und alle Sorten von Essensresten“. Hier, in diesem Ghetto, in dem Morast aus Ignoranz, Schmerz und Zerstörung, wie Vachss schreibt, begeht der Houston Hacker seinen ersten Mord. „Akt der Liebe“ ist ein brutales, rohes Buch. Lansdale schreibt in seinem Nachwort: “ … (das Buch) setzt(en) sich mit der dunklen Seite der menschlichen Natur auseinander, und die dunkle Seite war hier dermaßen dunkel, als gäbe es keinen Sonnenaufgang mehr. Es gibt keinen Mond und keine Sterne, eigentlich bloß eine Abwesenheit des Lichts“.
 
Fifth Ward
Fifth Ward
Gewalt wird so beschrieben wie sie ist – kalt, erschreckend, verstörend. Nichts wird geschönt. Die Opfer haben keine Chance. Der Killer suhlt sich in seiner Macht. Blut spritzt, die Opfer werden zerhackt, verstümmelt, vergewaltigt. Nichts wird ausgelassen. Kannibalismus, Vampirismus und Nekrophilie – alle Perversionen des menschlichen Handelns werden beschrieben. Lansdale schreibt dazu: „Er (der Roman) war sehr graphisch. Genau wie die Verbrechen, über die ich gelesen hatte, graphisch waren. Ich hatte wahre Verbrechen und deren Schilderungen verwendet, um meinen Roman zu schreiben. Die Gewalt mag übertrieben erscheinen – besonders damals – aber sie war sehr nahe an der Realität. .. . Ich hatte nicht den Eindruck, ich würde Gewalt banalisieren, doch ich war mir ihrer natürlichen Anziehungskraft bewusst und fühlte, wie ich versuchte, der Gewalt ins Gesicht zu blicken, um zu sehen, wie sie wirklich war…. die Gewalt kommt erbarmungslos daher, sachkundig und experimentell, wenn nicht sogar ein wenig ausbeuterisch. Auf irgendeine Art sind Gewalt und Sex immer ausbeuterisch, egal mit welcher Intention. Aber es ist die Intention, die zählt, und ich bin überzeugt, dass meine Intentionen gute waren“.
 

Der Cop.

Sein Name war Marvin Hanson. Schwarz, hässlich, aufgewachsen im Ghetto. Gebildet, ehrlich, durch und durch Polizist. Spielt bei den Verhören den Bad Boy. Sein Partner, ein Weißer, den Good Boy. Nimmt seine Arbeit persönlich. „Bei diesem Geschäft gibt es kein zweierlei Maß. Da waren die Guten und da die Bösen.“ Er gehörte zu den Guten. Aber er ist müde. Die Gewalt, das Verbrechen, laugen ihn aus. „Jeder Tag nur ein neuerliches Wälzen im Dreck. Noch mehr Tod und Zerstörung, und wieder ein Job mehr für einen Cop. Der Fall frisst ihn auf. “ … weil es der Inbegriff von allem ist, was ich hasse“. Gewalt in der Ehe, Rassismus, Machos, Kindesmisshandlung, sexueller Sadismus. Der Schrecken wird alltäglich. Eine neue Form der Normalität. Eine Normalität, die Krankheit, Tod und Verzweiflung umspannt. Alle Abnormitäten entspringen dem Normalen. Er schwört sich, den Killer zu töten, um der Gesellschaft ein Krebsgeschwür zu entfernen.

Der Autor.

„Schließlich begann ich mit dem Schreiben. Die Arbeit am Buch ging einige Monate gut und schnell voran 1980, aber es nagte an mir. All dieses Forschen in der Dunkelheit, all die dunklen Träume, die ich hatte, die Tatsache, dass ich mit der dunklen Seite meines Naturells in Berührung kam, und das Bewusstsein, dass wir alle jene dunkle Seite besitzen, war ziemlich verwirrend. Ein merkwürdiges Gefühl von Depression überkam mich. .. Willkürliche Gewalt wurde zu meinem größten Trauma“. Und die Erkenntnis: Es könnte jedermann sein. Sie. Ich.

Der Täter.

Sein Gott hieß Tod, und den Tod zu bringen war seine Form des Gebets. Ich bin der neue Messias. Ich verkünde eine neue Botschaft. Nicht die von Liebe und Frieden. Vielmehr die von Tod und Zerstörung. Tod. Der bloße Gedanke daran versetzte die meisten in Angst und Schrecken. Ihm hingegen ersetzte es das Wort Liebe. Finsternis, das Dunkel, Gestank, Schmerz und Blut verschaffen ihm Befriedigung. Und langsam näherte sich sein Element, die Nacht. Sie kroch heran, schwarzer Samt voller Geräusche der Stadt und ihrer Gerüche. Er liebte ihn. Der Geruch war Nektar. Er ist ein Produkt unserer Gesellschaft. Er weiß genau, was er tut. Er kennt keine Reue. Ist nicht verrückt. Er ist ein moderner Mensch, ein Mensch, der in unserer technologischen, gefühllosen Umgebung überleben kann. Köstlich. Es war köstlich gewesen, und das Beste, der Geruch des Todes haftete noch an ihm.
 
Akt der Liebe pulpmaster
Akt der Liebe pulpmaster
Wie schreibt Vachss in seinem Vorwort: „Lesen sie Joe Lansdale, und sehen sie selbst. Fühlen Sie es“. Und möge es in Ihrem Leben keine dunklen Momente geben.
 
Joe R. Lansdale  ,,Akt der Liebe"
pulpmaster Berlin 1999
Neuauflage Heyne 2010
aus dem amerikanischen von Gabriete Bärtels
 Teilweiser Abdruck im Literaturblatt „LISTEN“ Nr. 54/1999

Ottessa Moshfegh – McGlue

„Mein Hirn kommt nicht mit“

McGlue

Ein Roman von Ottessa Moshfegh

In einem Interview mit dem „bomb Magazine“ erzählt Ottessa Moshfegh über die Entstehung des Romans „McGlue“. Sie berichtet, dass das Buch von einem kurzen Artikel in einer Zeitschrift aus dem Jahr 1851, also aus dem Jahr, in dem auch die Handlung des Buches angesiedelt ist, angeregt wurde. Inzwischen hat sie den Artikel zwar verloren, aber in dem Moment, in dem sie den Artikel gelesen hatte, trat der Charakter von McGlue in seiner vollständigen Form hervor. Ottessa Moshfegh erzählt, dass, so weit sie sich erinnert, es ein langer zusammengesetzter Satz war und  sich ungefähr so las:

„McGlue. Salem. Mr. McGlue the sailor has been acquitted on the count of murder which he was found guilty of committing in the port of Zanzibar by reason of his being out of his mind since having hit his head when he fell from a train several months prior and because he was blacked out state of drunkenness at the time he stabbed a man to death“.

Weiter gibt sie an: „In diesem Satz lag das ganze Buch: der Charakter, die Handlung, die entstellte Sprache. Ich fühlte mich, als wäre ich auf Gold gestoßen“. Soweit Ottessa Moshfegh zur Entstehung der Geschichte um den Seefahrer McGlue, der die Welt nur im Zustand vollkommener Trunkenheit aushalten kann. Ein Trinker, der Blut nach Geschmack zuordnet: „Es ist dunkles Blut und schmeckt nach Rum. Muss meins sein“. Ein Heimatloser und Lüstling, aber mit durchaus zweifelhaften Fähigkeiten, der wenig Respekt vor Autoritäten zeigt, was den Leser dazu bringt, für den Protagonisten durchaus Sympathie zu empfinden.

Ottessa Moshfegh
Ottessa Moshfegh

Eingesperrt auf einem Schiff im Loch, auf dem Weg nach Salem, Massachusetts, angeklagt, seinen guten Freund Johnson ermordet zu haben, reist McGlue um die halbe Welt. Die Schwierigkeit ist, dass McGlue sich an nichts erinnern kann, geschweige denn, wie sein bester Freund starb oder ob er überhaupt tot ist.

McGlue ist Alkoholiker und so ist sein Denken ganz darauf ausgerichtet, an Alkohol zu kommen. Die Qual nach dem Rausch oder dem Entzug in der Haft scheint er zu genießen, lenken sie ihn doch von anderen Empfindungen seines Körpers ab. Seine Gedanken wiederholen sich, bewegen sich ständig im Kreis. Eine Menge aufeinander folgender Gedanken, voller Erinnerungen an den letzten Drink, den letzten Rausch. Als er schließlich im Schiff und später in der Gefängniszelle in Salem eingekerkert ist, beschäftigten sich seine Gedanken nur mit dem Thema, wie er an Alkohol kommen könnte. Die Qual, dass ihm der Zugriff auf den Alkohol verweigert wird, zwingen ihn dazu, sich seiner Lage zu stellen, den Grund für seine Einkerkerung zu hinterfragen und zwar den Mord an seinem Freund Johnson. Das führt dazu, dass seine Gedanken aus dem Kreislauf „Alkohol“ ausbrechen und tief, bis in sein Innerstes, in sein seelisches Leben eintauschen. Der Schmerz aus den Erkenntnissen, die ihm nach und nach bewusst werden, bewegen ihn zuerst dazu, weiterhin trinken zu wollen. Aber das Begreifen baut sich schrittweise auf, kreist um ihn, bis die Erinnerung an den Mord schlussendlich auf ein klares, vom Alkohol befreites Bewusstsein trifft.

Verhör
Verhör

Was über den Tod von Johnson so nach und nach aus dem Gedächtnis von McGlue auftaucht, ist das wahre aber auch schwierige Gefühl von Freundschaft – eine zarte Schilderung von Aufopferung von Offenbarung, von McGlues eigenen Möglichkeiten, in der widerlichsten Ecke einer brutalen und verhärteten Welt zu überleben. Es gibt verschiedene Arten von Qualen, von Selbsthass, schmerzhaften Erinnerungen und vergrabenen Dingen, Definitionen von Lastern, Einsamkeit in seinem Schädel.

McGlue und Johnson. Die Freunde – McGlue, der dem Untergang geweiht ist und Johnson, der den Untergang sucht. Jonson, denkt McGlue. „..war nur ein Adept des Elends. Er hielt es für heroisch, Glück und Wohlstand auszuschlagen und das schlimmste Schicksal zu erdulden. Auf die Frage, was er mit seinem Leben anfangen wolle, wählte er den stinkendsten Pfad, er wollte sich und sein Leben ruinieren“. „Und immer war ich für ihn da, wachte auf, um ihm zuzuhören“. „Ich diente seiner Eitelkeit. Aber da war ich schon süchtig nach ihm“. „Es ist schöner als betrunken zu sein“. Geschildert wird eine Freundschaft, die von einer fragwürdigen Männlichkeit getragen wird. Wobei es verschiedene Arten von Freundschaft gibt.

„Mich mochte er, weil ich undurchschaubar war, was er nie fertigbrachte. Im nüchternen Zustand nannte er mich eiskalt, mit einem Gesicht, so tot wie bei einer Leiche. Wenn ich trank wurde ich ein wenig durchschaubarer und offenbarte mehr. Aber wir konnten uns nie auf demselben Niveau treffen – er trank nicht so viel wie ich“.

Eine Attraktion für alle ist das Loch, der Spalt in McGlues Schädel. Bei einem Sturz aus einem fahrenden Zug schlug er sich den Schädel auf. Und jetzt kann jeder in seinen Schädel schauen. „Sieht mir von oben auf den Kopf, vermutlich will er den Sprung in meiner Tasse sehen“. Aber auch für McGlue ist dieser Spalt ein Zugang zu seinen Gedanken. „Hätte ich Schnaps zu vergießen, würde ich ihn mir da oben in den Spalt schütten, damit die Schlangen Ruhe geben. Damit sie mit dem Zucken und Zischen aufhören. Wenn ich genug trinke, liegen sie eine Weile still, und ich kann einen Augenblick einfach nur leben, wie ich es hie und da bisweilen getan habe“.

„Das ist mein verfaultes Gehirn“. „Wollen sie mir das vergammelte Gewirr aus dem Kopf ziehen und den Haien zum Fraß vorwerfen?“
 
„Sie ist echt in meiner Hand, während ich auf meinen Kopf einhacke und darin herumgrabe, so gut ich kann. Der Spalt in meinem Schädel ist nicht breit genug, um die Scherbe richtig hineinzubekommen und ihn aufzuhebeln, aber ich versuche es trotzdem. Es tut schön weh. Blut tropft mir von der Nase auf die helle Wolldecke. Ich bin fest entschlossen, jetzt will ich sehen, was in mir ist, und so arbeite ich mich weiter vor. …dass ich an mein Inneres herankomme. Meine Hände sind heiß und nass vom Blut“.
 

Je mehr McGlue aus seinem Delirium tremens erwacht, sich seine Gedanken klären, umso mehr widmen sich diese auch den existenziellen Fragen. Den Fragen nach Gott, dem Leben. „Früher einmal wusste ich, es gibt einen Gott, der meine Gedanken hört, und früher einmal gab ich acht, worüber ich nachdachte, und früher einmal, schlug ich aus Scham über das, was mir durch den Kopf ging, selbigen gegen die Wand“. Dann, als es mit dem Alkohol begann, stopfte er sich mit diesem den Kopf voll. Denn er bekam es mit der Angst zu tun. Und diese Angst war Gott“.

Cover McGlue
Cover McGlue

„Ich wollte es nicht schaffen. Ich wollte es mit ins Bett nehmen, es würgen und töten und retten und gesund pflegen und wieder erwürgen, und ich wollte gehen und vergessen, wo ich hinging, und ich wollte meinen Namen ändern und mein Gesicht vergessen und trinken und meinen Kopf zugrunde richten, aber es schaffen – darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Das hatte ich noch nie im Sinn gehabt“.

Was ist dieses „es“? Die offensichtlichste Antwort ist Nüchternheit. Aber dieses „es“ geht tiefer. Dieses „es“ ist die Erinnerung von McGlue an seinen toten Bruder, der in Salem an der Straße begraben ist. Der Bruder, „der besser war als ich, der am Feuer kochte und mich wegstieß, wenn ich die Hand danach ausstreckte“. Das „es“ bedeutet, dass Gott existiert, doch Güte trotzdem töten kann. Vielleicht gab der Tot seines Bruders den Antrieb für McGlues Alkoholismus, oder seine ständige Verweigerung nüchtern zu werden oder Frieden mit „es“ oder „ihm“ zu machen.

Ottessa Moshfegh hat eine verstörende, dunkle Geschichte über Apathie, Gedächtnis, Freundschaft und Liebe, und einen Mord geschrieben.

„Ich kann nur vermuten, dass er sterben wollte“.

 

McGlue

Ottessa Moshfegh
McGlue
Übersetzer: Anke Caroline Burger
liebeskind 2016

Cormac McCarthy „Der Feldhüter“

Tennessee ValleyTennessee Valley

Keine Spur dieser Menschen ist geblieben

„Der Feldhüter“ von Cormac McCarthy

„Er packte das verbogene Schmiedeeisen, das verdrehte Stück Zaun, und rüttelte daran. Es rührte sich nicht. Es ist komplett durch den Baum gewachsen, sagte er. Wir können nicht weitersägen. Verdammte alte Ulme macht ’ner Säge auch so schon genug zu schaffen. Der Neger nickte mit dem Kopf. Ja, sagte er. Kann man wohl sagen. Komplett durch den Baum gewachsen.“

Eine allegorische Skizze, hier ausschnittsweise zitiert, steht dem Roman voran. Es ist eine verwirrende, in kursiv verfasste kleine Geschichte. Zwei Männer, ein Neger und ein weißer Mann versuchen, einen Baum zu fällen. Ein Junge ist passiver Zuschauer. Sie entdecken, dass der Baum sich einen eisernen Zaun einverleibt hat. Hier im Zitat ist es der Zaun, der durch den Baum gewachsen ist. Im Original heißt es: „growed all through the tree“. Nimmt man das Zitat als Metapher, so scheint diese auf den ersten Blick einleuchtend zu sein: menschliche Technik, hier der Zaun, zerstört die Natur. Aber am Ende, so scheint es, holt sich die Natur zurück, was ihr gehört. Das ist im Grunde auch der Kern der Metapher, aber je weiter sich die eigentliche Erzählung „Der Feldhüter“ entwickelt, um so mehr bietet sich eine weitere Deutung an. Auf der einen Seite hat der Mensch die Neigung Natur zu zerstören. Auf der anderen Seite, ist es ebenso die Neigung des Menschen, die Natur anderer Menschen zu zerstören. Die Personen, der Ort und die Handlung der Parabel bleiben dem Leser verschlossen. Vorerst.

Einige Kritiker nannten die Handlung von „Der Feldhüter“ als nicht vorhanden, zumindest ist es ein erheblich aufgesplittertes Buch. Es gibt mehrere Sprünge und Brüche in diesem Buch. In der zeitlichen Abfolge, in der Erzählung selbst und der Perspektive. So ist dieser Roman unter den Büchern von McCarthy eines der anspruchvollsten, aufgrund der Zerstückelung und der schwer stilisierten Prosa. Dies geschieht ganz nach dem Credo von William Faulkner, der nach einer persönlichen Anstrengung des Lesers verlangt. Der Leser muß sich die Handlung der Geschichte aus verschiedenen Bruchstücken rekonstruieren. 1954 erschien William Faulkners „Go down Moses and other Stories“. Ein Roman in sieben Erzählungen, die auch die Romankapitel bilden. In diesem Roman muss sich der Leser den zeitlichen und inneren Zusammenhang selbst erarbeiten. Diese komplizierte Erzählform, die Vertauschung und Verzerrung der zeitlichen Verhältnisse und der Wechsel der Perspektive war wohl auch stilbildend für diesen Roman von McCarthy.

So verdankt McCarthys Schreibstil viel William Faulkners Art zu schreiben. Ob es sein tiefgründiger Wortschatz ist, bedeutungsschwere Rhetorik, der Gebrauch von Dialekten oder die greifbare Bedeutung der Welt. Daraus macht McCarthy auch kein Geheimnis. Seine Liste derer, die er die „guten Autoren“ nennt – Melville, Dostojewski und natürlich Faulkner – schließt all jene aus, der nicht die großen Themen, Leben und Tod, behandeln. An Melville erinnert stark eine Geschichte innerhalb des Romans. Die Geschichte um die Kneipe „Green Fly Inn“. Beim Lesen kommt einem unweigerlich Moby Dick und der Untergang der Pequod in den Sinn. Die Kneipe, erbaut über einem Steilhang und abgesichert durch Holzpfosten, rutscht eines Abends infolge eines Ungleichgewichts durch die Kneipenbesucher in eine Felsspalte -„und das ganze Wrack sackte langsam als ein Tableau von Zerstörung ab und schlug donnernd in der Senke auf“.

SchwarzbrennerSchwarzbrenner

Aber dennoch ist „Der Feldhüter“, obwohl er stark an William Faulkner erinnert, in seinem Thema, seiner Sprache und Struktur, seinen Charakteren keine bloße Nachahmung. Die Geschichte eines Jungen und zweier Männer, die sich in das Leben des Jungen ein- und wieder ausfädeln, hat eine eigene Düsternis und Knorrigkeit. So war es wohl eine gute Fügung, dass Cormac McCarthy, nach drei Jahren des Schreibens an diesem Roman, das Manuskript an Random Hose sandte, den einzigen Verlag, den er kannte, wie er sagt und es dort auf dem Schreibtisch von Albert Erskine landete, welcher der letzte Lektor von William Faulkner war. Der Debütroman von Cormac McCarthy erschien dann 1965.

„Der Feldhüter“ ist die Geschichte dreier Menschen: ein alter Mann, ein junger Mann und ein Junge. Jeder, auf seine eigene Art, ist ein Rebell, ein wilder Einzelgänger, ein einsamer Wolf. In den frühen 1940er Jahren lebt der alte Mann, der über die Hälfte des Buches keinen Namen trägt, in einer verlassen Hütte, wandert über die Berge, um am Ende, ohne ersichtlichen Grund, auf den Kriegspfad zu gehen. Der jüngere Mann ist ein sorgloser Abenteurer, ein Frauenheld, ein Kämpfer. Seine Arbeit als Schmuggler von schwarz gebrannten Alkohol hält ihn beschäftigt, indem er Autorennen fährt, Unfälle überlebt und vor dem Gesetz flieht. Der Junge ist anständig und sympathisch, mehr daran interessiert Fallen zu stellen als an den örtlichen Flittchen. Er ist mit beiden Männern kurz befreundet.

ländliche Bewohner
ländliche Bewohner

Die Handlung von „Der Feldhüter“ beschreibt das Thema von Vater und Sohn. Die drei Hauptpersonen stellen drei Generationen von Männern dar, alle vaterlos und alle verbunden durch den Mord an dem Vater des Jungen am Anfang des Romans. Dieser, Kenneth Rattner, der seine Familie unter dubiosen Umständen verlassen hat, fährt per Anhalter bei dem Whiskeyschmuggler Marion Sylder mit. Nachdem McCarthy schon geschildert hat, wie Rattner einen Autofahrer ausgeraubt hat, schildert er auch hier, wie Rattner Sylder angreift und versucht ihn zu berauben, aber Sylder tötet ihn in einem Kampf. Diesen Kampf schildert McCarthy zeitlupenhaft, was an die Filme von Sam Peckinpah erinnert. Peckinpah zeigt Gewalt sehr explizit, oft in Zeitlupe und Großaufnahme. Und so schildert auch McCarthy die Gewalt. Brutal, genau und blutig. Der Kleinganove Sylder versteckt die Leiche in einer ehemaligen Obstplantage (Orchard) und versenkt den Körper in einer aufgelassenen Betongrube für Insektizide. Der alte Mann, von dem man später erfährt, dass er Arthur Ownby heißt, entdeckt die Leiche, meldet diese aber merkwürdigerweise nicht den Behörden, sondern versteckt diese noch mehr vor weiterer Entdeckung. Und fast rituell kommt er jedes Jahr an die Grube, hält Totenwache und legt einen Zedernzweig über das „Grab“. Der Junge, Wesley Rattner, schließt nun Freundschaft mit beiden Männer, mit dem Mörder seines Vaters und dem Mann, der den Körper seines Vaters versteckt hält. Trotzdem nehmen beide eine gewisse Vaterfunktion für Wesley ein. Beide Männer wissen voneinander nichts. Sylder und Ownby treffen während der Geschichte nie direkt aufeinander. Aber sie sehen sich aus der Ferne. So sieht Ownby, wie Sylder Wiskey in seinen Wagen verlädt und Sylder sieht, wie Ownby auf einen Wassertank schießt.

Diese angedeutete Familienverbindung steht im Gegensatz zu der bürokratischen, städtischen Moral, welche die dominierende „natürliche“ Moral der ursprünglichen ländlichen Gesellschaft der Appalachen aussticht. Das ist auch der wiederkehrende Kampf, der sich durch alle Romane von Cormac McCarthy zieht. McCarthy wird angezogen von den ländlichen Außenseitern, sympathisiert bedingungslos mit ihrer Bedrängnis, wenn das moderne Amerika auf ihren Boden vordringt, obwohl er selten ihr Leben romantisiert oder sentimentalisiert. McCarthy verkörpert diese Konflikte als Lösungen oder Erklärungen anzubieten. Fortschritt ist unaufhaltsam, die Lebensweise dieser Menschen wird in einer Generation ausgelöscht sein, so viel ist klar und McCarthy zeigt kein Interesse daran, sich damit zu beschäftigen, was offensichtlich und zwangsläufig ist. Für was er sich stattdessen interessiert, ist die Art und Weise, wie Menschen auf diese unausweichlichen Veränderungen reagieren. Besonders wie sie versuchen, diese Zeit großer Unsicherheit und moralischer Verwirrung zu verstehen und welche praktischen Schritte sie zu ihrer Verteidigung unternehmen. McCarthy läßt seine Menschen die schwache Möglichkeit einer Flucht abwägen und obwohl er niemals die Flucht der Menschen gewähren kann, gibt er in seltenen Gelegenheiten bestimmten Persönlichkeiten ein gewisses Maß an Erlösung. So verlässt auch Wesley seinen Heimatort, die primitive fiktive Gemeinde Red Branch, die sich zäh an das Dasein in den Hügeln und Bergen östlich von Knoxville, Tennessee, klammert in Richtung des modernen, städtischen Amerikas. Aber darüber, wie es ihm dort ergeht, erfährt der Leser nichts.

WasserpumpeWasserpumpe

Ein Thema, das auch Faulkner umgetrieben hat. Der Zerfall des Südens. Die Zerstörung der Wildnis, der Natur, durch die Weißen. Und so wie bei Faulkner spielt auch die Jagd in diesem Buch eine große Rolle. Auch in diesem Roman wird in den Beschreibungen der Jagd, die Wildnis mystisch überhöht und die Charaktere bekommen etwas mystisches, werden auf ihren innersten Kern – gut oder böse – zurückgeworfen. Beides, böse und gut, sind menschliche Entwicklungsmöglichkeiten. Der Roman zeigt auf, dass es eines empfindsamen Gewissens bedarf, damit der Mensch das Böse verstehen und ihm entgegen wirken kann. Durch Handlungen, die die Würde und die Unabhängigkeit der Natur und der anderen Menschen verteidigt. In „Der Feldhüter“ zeigt McCarthy eine Welt, in der die traditionelle Verkörperung von Werten – Religion, gesellschaftliche Beziehungen, bäuerliche Verbundenheit mit der Scholle, verkommen sind und dies als Ergebnis des anwachsenden Drucks der städtischen Kultur, den kommerziellen Interessen und der Einmischung des Staates auf das Leben der Romanfiguren, die in erster Linie bäuerliche Charaktere sind. Diese Zerstörung ist, wie schon gesagt, das zentrale Thema in allen Romanen von McCarthy, die in den Bergen der Appalchen spielen. Dazu gehören die Bücher: „The Orchard Keeper“, „Outer Dark“, „Child of God“ und „Suttree“.

Dieser Konflikt zwischen dem ländlichen Tennessee und der um sich greifenden Urbanisierung verkörpert in diesem Roman die „Tennessee Valley Authority“ (TVA). Diese wurde 1933 im Rahmen des New-Deal-Programms von Franklin D. Roosevelt gegründet. Hauptaufgabe dieser Gesellschaft ist es, die Wasserkraft und die Flussregulierungsanlagen am Tennesseefluß zu verwalten. Heute ist die TVA der größte Energieerzeuger der USA. Symbolisiert wird die TVA in dem Roman von einem Wassertank, der in der Geschichte als Ziel dient, auf das der alte Mann seine Schüsse abgibt. Er schießt ein simples X in diesen Regierungstank und bringt damit seine grundsätzliche Ablehnung gegen die Modernisierung zum Ausdruck. Ganz erschließt sich dem Leser seine Motivation aber nicht und die Aktion erscheint dem Leser etwas wunderlich, wenn nicht sogar verrückt. Durch seine Schüsse macht er das Gesetz auf sich aufmerksam und gibt der Geschichte eine Wendung.

Am Ende kehrt John Wesley noch einmal in seinen Heimatort zurück. Zum Grab seiner Mutter. Der Roman schließt mit John Wesley im Gegenlicht eines Sonnenuntergangs. „Die Sonne brach durch die letzte Wolkenschicht und tauchte die tropfenden Bäume einen Moment lang in Blut, färbte die Steine mit durchscheinender Farbe, als hätte sich die Luft selbst in Wein verwandelt.“ Aber wie schon angeführt ist McCarthy kein Sentimentalist. John Wesley ist der Mann zu dem ihn seine Vergangenheit gemacht hat und die Vergangenheit verdammt ihn zu einer Isolation in der modernen Welt.

Nun löst sich auch die Allegorie vom Anfang des Buches auf. Es stellt sich heraus, dass der Baum, die Ulme, auf dem Friedhof steht und der Zaun den Friedhof umgrenzt. Der Grabstein seiner Mutter und der Zaun stehen für die moderne Welt, dafür, dass Menschen versuchen, etwas von Dauer zu schaffen. Diesen Werken sind aber meistens nur eine kurze Dauer beschieden. Der Baum verleibt sich den Zaun ein und der Grabstein wird von Moos überzogen. Und der eiserne Zaun erinnert den Leser daran, dass sich John Wesley, wie ein lebender Baum, sich an den eisernen Willen der sich ausbreitenden neuen Ordnung anpassen muss.

Für die Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist, ist er ein Fremder. Er bewegt sich in einem Gebiet, in dem brutale Polizisten, ungeeignete Beamte und Regierungsangestellt das Sagen haben und diese wiederum folgen nihilistischen und sinnlosen Gesetzen. Gesetze, von denen sie nicht einmal den Versuch machen, sie zu verstehen. Diese Figuren spiegeln eine Welt, die ihren Sinn auf nutzlose Formulare legt und die vorherrschende Werte ausbeuterisch und egoistisch sind. McCarthys letzte und ernüchternde Ironie ist, dass dies die Welt ist, in der wir leben und die der Leser auch als seine eigene begreifen muss.

FriedhofFriedhof

Southern Gothic

So ist die Geschichte auch im besten Sinne eine „Southern Gothic“. Die Geschichten der Southern Gothic konzentrieren sich auf groteske Themen. Während sie auch übernatürliche Elemente enthalten können, konzentrieren sie sich hauptsächlich auf beschädigte, sogar wahnhafte Personen. Southern Gothic verweilt nicht auf bloßer Spannungsliteratur oder auf der Schilderung des Übernatürlichen. Stattdessen durchwebt ein schwarzer Humor die Geschichten und sie verschreiben sich der Idee, die Probleme der Gesellschaft bloßzulegen und die Autoren tun dies, indem sie komplexe Figuren erschaffen. Viele von diesen Charakteren sind seelisch labil. Einige sind geistig kaputt und kämpfen darum, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Moral der Personen ist fraglich. Durch die Darstellung ihrer Charakter untersucht der Autor, welches Leid die Menschen anderen Menschen antun können. Ob sie nun geistig instabil sind, dunkle Seiten an sich haben oder Unschuldig sind, sie versuchen Sinn in ihrem Leben zu finden und in der Gesellschaft, in der sie leben. Die Autoren der Southern Gothic untersuchen das Verhalten der Menschen, das gewöhnlich seltsam ist, und die soziale Struktur des Südens. Durch ihre Erzählungen versuchen die Autoren aufzuzeigen, dass die soziale Ordnung zerbrechlich ist und dass die Realität hinter dieser Ordnung erschreckend sein kann. So sind die Handlungen in den Geschichten oft verstörend, enthalten Schilderungen von Rassismus, explizierter Gewalt und Schilderungen von Armut.

Der Feldhüter
Der Feldhüter

Rowohlt Verlag 2016 / Originaltitel: The Orchard Keeper

Übersetzer: Nikolaus Stingl