Sweetgirl von Travis Mulhauser

Sweetgirl

von Travis Muhlhauser

Ein „coming of age“ auf die harte Tour erzählt Travis Mulhauser in seinem Roman „Sweetgirl“. Percy, gerade 16 Jahre alt geworden, ist wieder einmal auf der Suche nach ihrer verschwundenen Mutter Carletta. Dies ist nicht gerade eine Überraschung für ihre Tochter. Oder wie Percy sich ausdrückt: „Eigentlich war das Einzige, was mich überraschte, meine Überraschung. Egal wie oft Carletta mich sitzen ließ, jedes Mal fühlte es sich an wie ein Schlag in den Bauch, von dem mir ganz schwindlig wurde, genau wie beim ersten Mal, als sie vergaß, mich von der Schule abzuholen.“ „Trotzdem fehlte sie mir. Sie fehlte mir, und ich hatte die Nase voll von diesem Leben, weil ich rumsaß wie bestellt und nicht abgeholt und mir dauernd Sorgen um sie machte. Ich hatte es satt, mich ständig zu fragen, wo sie war, ständig Angst um sie zu haben, die sich um mein Herz legte wie eine Schlingpflanze.“

Percy ist ein beherztes und raues Mädchen, dass die High School verlassen hat und nun ihr Geld damit verdient, alte Möbelstücke in einem einheimischen Laden aufzufrischen, um damit ihre Mutter und sich zu ernähren. „Die Ladies in Cutler nennen sie Wildfang, so hieß man hier eben, wenn man sich nicht schminkte und trotzdem keine Lesbe war.“

Carletta, methsüchtig und unfähig, sich um ihre Tochter zu kümmern, ist aus ihrer gemeinsamen schäbigen Wohnung in einem verkommenen Stadtteil verschwunden. Der Schauplatz ist Cutler County in Michigan, an der nordwestlichen Spitze der Halbinsel, zwischen dem Lake Michigan im Westen und dem Lake Huron im Osten. Das County ist erdacht, aber der Ort der Geschichte passt gut auf Petoskey in Michigan, dem ehemaligen Heimatort von Mulhauser.

Ein Freund von Percy hat Carletta bei deren Dealer gesehen. Shelton Potter, der Dealer, ist der Neffe von Rick Potter. Dieser Rick Potter verdiente sein Geld mit Kokain und Marihuana, ein ehrbares Geschäft im Vergleich zur Vorliebe für hausgemachtes Chrystal Meth. Rick war also eine Stütze der Gesellschaft, während Shelton ein Bösewicht war.

Blizzard

Percy setzt sich in ihren Pick-up und fährt, trotz eines herannahenden Blizzards, in die Berge, den North Hills, um ihre Mutter aus der Drogenhöhle nach Hause zu bringen. Dies macht sie nicht zum ersten Mal. „Ein Kind sollte nicht seiner Mutter nachlaufen.“ Und trotzdem macht sie sich auf den Weg. Ihr Verantwortungsgefühl für ihre hemmungslos süchtige Mutter hält sie fest. „Unsere Bindung war so eng, in Blut und Knochen und Seele.“. Umso mehr, als ihre ältere Schwester geheiratet und Cutler County verlassen hat. Auf dem Grundstück des Dealers Shelton Potter entdeckt sie das Auto ihrer Mutter und im Haus den Dealer selbst und eine fremde junge Frau. Beide vollgedröhnt mit Drogen. Auf der Suche nach ihrer Mutter findet sie einen toten Hund und ein schreiendes Baby, das unter einem offenen Fenster liegt und bereits mit Schnee bedeckt ist. Impulsiv nimmt sie das Baby und flieht mit ihm aus dem Haus. Entschlossen, das Baby in ein Krankenhaus zu bringen, kämpft sie sich durch den Schnee zu einem Ex-Freund ihrer Mutter, zu Portis Dale. Dieser ist Alkoholiker, aber fein und gebildet. „Portis – war ein zäher Vogel und überlebte alles Mögliche, das eigentlich nicht zu überleben war.“ Portis und Percy verbindet ein familiäres Gefühl. Für Percy ist er ein Ersatzvater. Er fühlt sich für sie verantwortlich. Durch ihre kurz entschlossene Tat setzt Percy jedoch eine Reihe von Ereignissen in Gang, die für einige Protagonisten tödlich enden werden.

Die Erzählperspektive dieses Romans wechselt sich ab, zwischen der jungen Erwachsenen, Percy und dem erwachsenen Jungen, Shelton, Zwischen Percys verzweifelten Versuchen, dem rachsüchtigen Shelton auszuweichen und Sheltons eigenen schwerfälligen Versuchen, das Baby zu finden; seine Quest durch die schneebedeckten Wälder, mit seiner vertrauensvollen Glock Pistole und seinen Selbstgesprächen. Eine Handlung voller Ereignisse und Wendungen. Carletta kreuzt zwischendurch auf und am Ende der Geschichte ist das Baby in sicheren Händen und vier Männer sind gestorben: durch Verbrennung, durch einen unglücklich abgegebenen Schuss, durch Selbstmord und durch einen Aufprall eines Schneemobils auf einen Baum. Mulhauser beschreibt die freudlose Landschaft und die sich krass auflösenden sozialen Sitten einer isolierten Gemeinschaft, wenn die Touristen verschwunden sind und die Bewohner in einem langen Winter ausharren müssen. Beide Bücher, die von Mulhauser bisher erschienen sind, „Sweetgirl“ und der im Jahre 2005 erschienene Erzählband „Greetings from Cutler County“,  beschreiben das fiktionale Cutler County. „Und das ist das Seltsame an Cutler – es ist eine raue Gegend, aber manchmal so wunderschön, dass man gar nicht weiß, was man sagen soll.“ Aber wiederum so menschenfeindlich, dass ein Gang vor das Haus schon tödlich enden kann. Das Wetter, vor allem der Schnee und der eisige Wind, ist so bedeutungsvoll für die Geschichte, dass es ein wichtiger Bestandteil des Romans ist. „Und das ist das echt üble am Winter in Cutler County – eigentlich nicht so sehr die Kälte, mehr die Tatsache, dass es sich irgendwann persönlich anfühlt.“

Der Titel des Romans „Sweetgirl“ bezieht sich auf zwei Personen. Eine ist Jenna, das Baby, die andere ist Percy selbst. Wir erfahren so ziemlich am Ende des Buches, dass Carletta auch Percy so genannt hat, als diese noch ein kleines Kind war. „Mama liebte mich. Das wusste ich. Sie liebte mich auf eine Weise, wie selbst Starr mich nicht lieben konnte. Aber es war lange her – dass ihre Liebe sich nicht konfus und irgendwie traurig angefühlt hätte. Mamas Liebe war immer kompliziert gewesen und war es bis heute geblieben. Sie war gleichzeitig die Sonne, der ich mein Leben verdankte, und der unendlich, kalte Weltraum, durch den ich um sie kreiste.“ Travis Mulhauser sagt in einem Interview über Percy: „“Ich wusste, sie war in Schwierigkeiten, war ein Kind in Not, aber ich hatte nicht erkannt, dass es über ihr Entkommen aus den Fängen ihrer Mutter gehen würde.“ „Ich war es, die sie verlassen hatte, nicht umgekehrt, und deswegen fühlte ich mich so zerrissen und verzagt. Ich hatte meine Wahl getroffen, als ich ihr Jenna aus dem Arm gerissen, sie hinaus in den Schneesturm gestoßen und die Tür abgeschlossen hatte.“

Hütte im Schnee

„Sweetgirl“ ist schlecht einzuordnen. Es ist im Ganzen kein Thriller, auch kein Krimi, bedient sich aber aus beiden Genres. „Sweetgirl“ ist trostlos und erdrückend aber voller unerwartetem Humor. Humor mit Tragödie zu verbinden ist immer ein ziemlicher Balanceakt, besonders in einem Roman über Drogenabhängigkeit, zerbrochenen Familien und Gewalt und Tod. Aber Mulhauser schafft diesen Spagat, besonders mit seinen brillanten Dialogen. Mulhauser gelingen komplexe Charakter, auch und im Besonderen mit Shelton. Mulhauser behandelt sie mit einem erstaunlichen Maß an Mitleid. So auch Shelton. Obwohl er klar ein Schurke ist, wird er mit einem sicheren Maß an Verständnis beschrieben. So definiert Shelton seine geistige Beschränktheit als Lernschwäche, aber sieht sich nicht als behindert. Er wollte so gern von allen gemocht werden. Aber keiner redete groß mit Shelton. Und in seinem Inneren spürt er die Echos der Demütigungen, die er als Kind erfahren hatte und die ihn gewalttätig werden lassen. „Manchmal, wenn ich glücklich bin“, sagte Shelton, „dann kommt es mir gar nicht echt vor. Manchmal ist Traurigkeit das Einzige, was sich echt anfühlt.“ Und eine letzte Erkenntnis, die Shelton überkommt: „…dass so wenige jemals einen Blick auf die tiefsten und schönsten Absichten in seinem Herzen erhascht hatten.“Und Percy denkt an Shelton: „Ich konnte nicht sagen, dass er ein guter Mensch gewesen wäre, aber ich wusste, dass Shelton Potter mehr war als die Summe seiner schlechten Taten.“

„Sweetgirl“ ist übermütig, herzzerreißend und wahrhaftig. „Sweetgirl“ packt den Leser am Herzen und der Gurgel und lässt ihn nicht mehr los. Die Heldin ist ein Zigarette rauchendes, großmäuliges Mädchen, die den Mut eines Kämpfers und die Zähigkeit eines Jagdhundes hat. Am Ende, beweist sie sich als großherzig und zeigt ihr Vermögen an Liebe, als sie das Baby Jenna Eltern überläßt, die sich um sie kümmern können. Es ist eine gewisse Schönheit in der Welt, die Mulhauser erschafft. Es ist eine bittere, eisige und trostlose Welt aber doch keine ohne eine gewisse Hoffnung auf Besserung oder Veränderung.

„Ich bin die, die sie gefunden hat. Aber ich bin nicht mehr dieselbe, die ich war. Durch Jenna habe ich mich verändert, und durch Portis Dale,  auch glaube ich, wir haben alle versucht, einander in dem Sturm zu retten, und zum Teil haben wir es geschafft.“

 

Travis Mulhauser
photo credit: viki redding

 

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Deutsch von Sophie Zeitz
Deutsche Erstausgabe, 256 Seiten,
13. Januar 2017

Weiterführende Links:

https://www.dtv.de/special-travis-mulhauser-sweetgirl/start/c-1308

www.travismulhauser.com