Cormac McCarthy „Der Feldhüter“

Tennessee ValleyTennessee Valley

Keine Spur dieser Menschen ist geblieben

„Der Feldhüter“ von Cormac McCarthy

„Er packte das verbogene Schmiedeeisen, das verdrehte Stück Zaun, und rüttelte daran. Es rührte sich nicht. Es ist komplett durch den Baum gewachsen, sagte er. Wir können nicht weitersägen. Verdammte alte Ulme macht ’ner Säge auch so schon genug zu schaffen. Der Neger nickte mit dem Kopf. Ja, sagte er. Kann man wohl sagen. Komplett durch den Baum gewachsen.“

Eine allegorische Skizze, hier ausschnittsweise zitiert, steht dem Roman voran. Es ist eine verwirrende, in kursiv verfasste kleine Geschichte. Zwei Männer, ein Neger und ein weißer Mann versuchen, einen Baum zu fällen. Ein Junge ist passiver Zuschauer. Sie entdecken, dass der Baum sich einen eisernen Zaun einverleibt hat. Hier im Zitat ist es der Zaun, der durch den Baum gewachsen ist. Im Original heißt es: „growed all through the tree“. Nimmt man das Zitat als Metapher, so scheint diese auf den ersten Blick einleuchtend zu sein: menschliche Technik, hier der Zaun, zerstört die Natur. Aber am Ende, so scheint es, holt sich die Natur zurück, was ihr gehört. Das ist im Grunde auch der Kern der Metapher, aber je weiter sich die eigentliche Erzählung „Der Feldhüter“ entwickelt, um so mehr bietet sich eine weitere Deutung an. Auf der einen Seite hat der Mensch die Neigung Natur zu zerstören. Auf der anderen Seite, ist es ebenso die Neigung des Menschen, die Natur anderer Menschen zu zerstören. Die Personen, der Ort und die Handlung der Parabel bleiben dem Leser verschlossen. Vorerst.

Einige Kritiker nannten die Handlung von „Der Feldhüter“ als nicht vorhanden, zumindest ist es ein erheblich aufgesplittertes Buch. Es gibt mehrere Sprünge und Brüche in diesem Buch. In der zeitlichen Abfolge, in der Erzählung selbst und der Perspektive. So ist dieser Roman unter den Büchern von McCarthy eines der anspruchvollsten, aufgrund der Zerstückelung und der schwer stilisierten Prosa. Dies geschieht ganz nach dem Credo von William Faulkner, der nach einer persönlichen Anstrengung des Lesers verlangt. Der Leser muß sich die Handlung der Geschichte aus verschiedenen Bruchstücken rekonstruieren. 1954 erschien William Faulkners „Go down Moses and other Stories“. Ein Roman in sieben Erzählungen, die auch die Romankapitel bilden. In diesem Roman muss sich der Leser den zeitlichen und inneren Zusammenhang selbst erarbeiten. Diese komplizierte Erzählform, die Vertauschung und Verzerrung der zeitlichen Verhältnisse und der Wechsel der Perspektive war wohl auch stilbildend für diesen Roman von McCarthy.

So verdankt McCarthys Schreibstil viel William Faulkners Art zu schreiben. Ob es sein tiefgründiger Wortschatz ist, bedeutungsschwere Rhetorik, der Gebrauch von Dialekten oder die greifbare Bedeutung der Welt. Daraus macht McCarthy auch kein Geheimnis. Seine Liste derer, die er die „guten Autoren“ nennt – Melville, Dostojewski und natürlich Faulkner – schließt all jene aus, der nicht die großen Themen, Leben und Tod, behandeln. An Melville erinnert stark eine Geschichte innerhalb des Romans. Die Geschichte um die Kneipe „Green Fly Inn“. Beim Lesen kommt einem unweigerlich Moby Dick und der Untergang der Pequod in den Sinn. Die Kneipe, erbaut über einem Steilhang und abgesichert durch Holzpfosten, rutscht eines Abends infolge eines Ungleichgewichts durch die Kneipenbesucher in eine Felsspalte -„und das ganze Wrack sackte langsam als ein Tableau von Zerstörung ab und schlug donnernd in der Senke auf“.

SchwarzbrennerSchwarzbrenner

Aber dennoch ist „Der Feldhüter“, obwohl er stark an William Faulkner erinnert, in seinem Thema, seiner Sprache und Struktur, seinen Charakteren keine bloße Nachahmung. Die Geschichte eines Jungen und zweier Männer, die sich in das Leben des Jungen ein- und wieder ausfädeln, hat eine eigene Düsternis und Knorrigkeit. So war es wohl eine gute Fügung, dass Cormac McCarthy, nach drei Jahren des Schreibens an diesem Roman, das Manuskript an Random Hose sandte, den einzigen Verlag, den er kannte, wie er sagt und es dort auf dem Schreibtisch von Albert Erskine landete, welcher der letzte Lektor von William Faulkner war. Der Debütroman von Cormac McCarthy erschien dann 1965.

„Der Feldhüter“ ist die Geschichte dreier Menschen: ein alter Mann, ein junger Mann und ein Junge. Jeder, auf seine eigene Art, ist ein Rebell, ein wilder Einzelgänger, ein einsamer Wolf. In den frühen 1940er Jahren lebt der alte Mann, der über die Hälfte des Buches keinen Namen trägt, in einer verlassen Hütte, wandert über die Berge, um am Ende, ohne ersichtlichen Grund, auf den Kriegspfad zu gehen. Der jüngere Mann ist ein sorgloser Abenteurer, ein Frauenheld, ein Kämpfer. Seine Arbeit als Schmuggler von schwarz gebrannten Alkohol hält ihn beschäftigt, indem er Autorennen fährt, Unfälle überlebt und vor dem Gesetz flieht. Der Junge ist anständig und sympathisch, mehr daran interessiert Fallen zu stellen als an den örtlichen Flittchen. Er ist mit beiden Männern kurz befreundet.

ländliche Bewohner
ländliche Bewohner

Die Handlung von „Der Feldhüter“ beschreibt das Thema von Vater und Sohn. Die drei Hauptpersonen stellen drei Generationen von Männern dar, alle vaterlos und alle verbunden durch den Mord an dem Vater des Jungen am Anfang des Romans. Dieser, Kenneth Rattner, der seine Familie unter dubiosen Umständen verlassen hat, fährt per Anhalter bei dem Whiskeyschmuggler Marion Sylder mit. Nachdem McCarthy schon geschildert hat, wie Rattner einen Autofahrer ausgeraubt hat, schildert er auch hier, wie Rattner Sylder angreift und versucht ihn zu berauben, aber Sylder tötet ihn in einem Kampf. Diesen Kampf schildert McCarthy zeitlupenhaft, was an die Filme von Sam Peckinpah erinnert. Peckinpah zeigt Gewalt sehr explizit, oft in Zeitlupe und Großaufnahme. Und so schildert auch McCarthy die Gewalt. Brutal, genau und blutig. Der Kleinganove Sylder versteckt die Leiche in einer ehemaligen Obstplantage (Orchard) und versenkt den Körper in einer aufgelassenen Betongrube für Insektizide. Der alte Mann, von dem man später erfährt, dass er Arthur Ownby heißt, entdeckt die Leiche, meldet diese aber merkwürdigerweise nicht den Behörden, sondern versteckt diese noch mehr vor weiterer Entdeckung. Und fast rituell kommt er jedes Jahr an die Grube, hält Totenwache und legt einen Zedernzweig über das „Grab“. Der Junge, Wesley Rattner, schließt nun Freundschaft mit beiden Männer, mit dem Mörder seines Vaters und dem Mann, der den Körper seines Vaters versteckt hält. Trotzdem nehmen beide eine gewisse Vaterfunktion für Wesley ein. Beide Männer wissen voneinander nichts. Sylder und Ownby treffen während der Geschichte nie direkt aufeinander. Aber sie sehen sich aus der Ferne. So sieht Ownby, wie Sylder Wiskey in seinen Wagen verlädt und Sylder sieht, wie Ownby auf einen Wassertank schießt.

Diese angedeutete Familienverbindung steht im Gegensatz zu der bürokratischen, städtischen Moral, welche die dominierende „natürliche“ Moral der ursprünglichen ländlichen Gesellschaft der Appalachen aussticht. Das ist auch der wiederkehrende Kampf, der sich durch alle Romane von Cormac McCarthy zieht. McCarthy wird angezogen von den ländlichen Außenseitern, sympathisiert bedingungslos mit ihrer Bedrängnis, wenn das moderne Amerika auf ihren Boden vordringt, obwohl er selten ihr Leben romantisiert oder sentimentalisiert. McCarthy verkörpert diese Konflikte als Lösungen oder Erklärungen anzubieten. Fortschritt ist unaufhaltsam, die Lebensweise dieser Menschen wird in einer Generation ausgelöscht sein, so viel ist klar und McCarthy zeigt kein Interesse daran, sich damit zu beschäftigen, was offensichtlich und zwangsläufig ist. Für was er sich stattdessen interessiert, ist die Art und Weise, wie Menschen auf diese unausweichlichen Veränderungen reagieren. Besonders wie sie versuchen, diese Zeit großer Unsicherheit und moralischer Verwirrung zu verstehen und welche praktischen Schritte sie zu ihrer Verteidigung unternehmen. McCarthy läßt seine Menschen die schwache Möglichkeit einer Flucht abwägen und obwohl er niemals die Flucht der Menschen gewähren kann, gibt er in seltenen Gelegenheiten bestimmten Persönlichkeiten ein gewisses Maß an Erlösung. So verlässt auch Wesley seinen Heimatort, die primitive fiktive Gemeinde Red Branch, die sich zäh an das Dasein in den Hügeln und Bergen östlich von Knoxville, Tennessee, klammert in Richtung des modernen, städtischen Amerikas. Aber darüber, wie es ihm dort ergeht, erfährt der Leser nichts.

WasserpumpeWasserpumpe

Ein Thema, das auch Faulkner umgetrieben hat. Der Zerfall des Südens. Die Zerstörung der Wildnis, der Natur, durch die Weißen. Und so wie bei Faulkner spielt auch die Jagd in diesem Buch eine große Rolle. Auch in diesem Roman wird in den Beschreibungen der Jagd, die Wildnis mystisch überhöht und die Charaktere bekommen etwas mystisches, werden auf ihren innersten Kern – gut oder böse – zurückgeworfen. Beides, böse und gut, sind menschliche Entwicklungsmöglichkeiten. Der Roman zeigt auf, dass es eines empfindsamen Gewissens bedarf, damit der Mensch das Böse verstehen und ihm entgegen wirken kann. Durch Handlungen, die die Würde und die Unabhängigkeit der Natur und der anderen Menschen verteidigt. In „Der Feldhüter“ zeigt McCarthy eine Welt, in der die traditionelle Verkörperung von Werten – Religion, gesellschaftliche Beziehungen, bäuerliche Verbundenheit mit der Scholle, verkommen sind und dies als Ergebnis des anwachsenden Drucks der städtischen Kultur, den kommerziellen Interessen und der Einmischung des Staates auf das Leben der Romanfiguren, die in erster Linie bäuerliche Charaktere sind. Diese Zerstörung ist, wie schon gesagt, das zentrale Thema in allen Romanen von McCarthy, die in den Bergen der Appalchen spielen. Dazu gehören die Bücher: „The Orchard Keeper“, „Outer Dark“, „Child of God“ und „Suttree“.

Dieser Konflikt zwischen dem ländlichen Tennessee und der um sich greifenden Urbanisierung verkörpert in diesem Roman die „Tennessee Valley Authority“ (TVA). Diese wurde 1933 im Rahmen des New-Deal-Programms von Franklin D. Roosevelt gegründet. Hauptaufgabe dieser Gesellschaft ist es, die Wasserkraft und die Flussregulierungsanlagen am Tennesseefluß zu verwalten. Heute ist die TVA der größte Energieerzeuger der USA. Symbolisiert wird die TVA in dem Roman von einem Wassertank, der in der Geschichte als Ziel dient, auf das der alte Mann seine Schüsse abgibt. Er schießt ein simples X in diesen Regierungstank und bringt damit seine grundsätzliche Ablehnung gegen die Modernisierung zum Ausdruck. Ganz erschließt sich dem Leser seine Motivation aber nicht und die Aktion erscheint dem Leser etwas wunderlich, wenn nicht sogar verrückt. Durch seine Schüsse macht er das Gesetz auf sich aufmerksam und gibt der Geschichte eine Wendung.

Am Ende kehrt John Wesley noch einmal in seinen Heimatort zurück. Zum Grab seiner Mutter. Der Roman schließt mit John Wesley im Gegenlicht eines Sonnenuntergangs. „Die Sonne brach durch die letzte Wolkenschicht und tauchte die tropfenden Bäume einen Moment lang in Blut, färbte die Steine mit durchscheinender Farbe, als hätte sich die Luft selbst in Wein verwandelt.“ Aber wie schon angeführt ist McCarthy kein Sentimentalist. John Wesley ist der Mann zu dem ihn seine Vergangenheit gemacht hat und die Vergangenheit verdammt ihn zu einer Isolation in der modernen Welt.

Nun löst sich auch die Allegorie vom Anfang des Buches auf. Es stellt sich heraus, dass der Baum, die Ulme, auf dem Friedhof steht und der Zaun den Friedhof umgrenzt. Der Grabstein seiner Mutter und der Zaun stehen für die moderne Welt, dafür, dass Menschen versuchen, etwas von Dauer zu schaffen. Diesen Werken sind aber meistens nur eine kurze Dauer beschieden. Der Baum verleibt sich den Zaun ein und der Grabstein wird von Moos überzogen. Und der eiserne Zaun erinnert den Leser daran, dass sich John Wesley, wie ein lebender Baum, sich an den eisernen Willen der sich ausbreitenden neuen Ordnung anpassen muss.

Für die Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist, ist er ein Fremder. Er bewegt sich in einem Gebiet, in dem brutale Polizisten, ungeeignete Beamte und Regierungsangestellt das Sagen haben und diese wiederum folgen nihilistischen und sinnlosen Gesetzen. Gesetze, von denen sie nicht einmal den Versuch machen, sie zu verstehen. Diese Figuren spiegeln eine Welt, die ihren Sinn auf nutzlose Formulare legt und die vorherrschende Werte ausbeuterisch und egoistisch sind. McCarthys letzte und ernüchternde Ironie ist, dass dies die Welt ist, in der wir leben und die der Leser auch als seine eigene begreifen muss.

FriedhofFriedhof

Southern Gothic

So ist die Geschichte auch im besten Sinne eine „Southern Gothic“. Die Geschichten der Southern Gothic konzentrieren sich auf groteske Themen. Während sie auch übernatürliche Elemente enthalten können, konzentrieren sie sich hauptsächlich auf beschädigte, sogar wahnhafte Personen. Southern Gothic verweilt nicht auf bloßer Spannungsliteratur oder auf der Schilderung des Übernatürlichen. Stattdessen durchwebt ein schwarzer Humor die Geschichten und sie verschreiben sich der Idee, die Probleme der Gesellschaft bloßzulegen und die Autoren tun dies, indem sie komplexe Figuren erschaffen. Viele von diesen Charakteren sind seelisch labil. Einige sind geistig kaputt und kämpfen darum, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Moral der Personen ist fraglich. Durch die Darstellung ihrer Charakter untersucht der Autor, welches Leid die Menschen anderen Menschen antun können. Ob sie nun geistig instabil sind, dunkle Seiten an sich haben oder Unschuldig sind, sie versuchen Sinn in ihrem Leben zu finden und in der Gesellschaft, in der sie leben. Die Autoren der Southern Gothic untersuchen das Verhalten der Menschen, das gewöhnlich seltsam ist, und die soziale Struktur des Südens. Durch ihre Erzählungen versuchen die Autoren aufzuzeigen, dass die soziale Ordnung zerbrechlich ist und dass die Realität hinter dieser Ordnung erschreckend sein kann. So sind die Handlungen in den Geschichten oft verstörend, enthalten Schilderungen von Rassismus, explizierter Gewalt und Schilderungen von Armut.

Der Feldhüter
Der Feldhüter

Rowohlt Verlag 2016 / Originaltitel: The Orchard Keeper

Übersetzer: Nikolaus Stingl