Guðbergur Bergsson – Wiedergelesen

Islandpferde
Islandpferde

Sie sah den schneeweißen Schwan

Roman von Guðbergur Bergsson

„Als Kind weiß man nichts von der Existenz der eigenen Heimat. Ein Kind lebt ausschließlich im Umkreis von Dingen und Menschen. Das Wort Vaterland hat da nur die Bedeutung einer unklaren Verbindung von Vater und Erde. In der Wirklichkeit des Kindes gibt es nur das Meer, die Winde, den Himmel, die Sonne, die Dunkelheit, und die Plätze, an denen es sich von Mal zu Mal bewegt. Aber sobald das Kind ins Schulalter kommt, verliert es seine Unschuld. Es entsteht nun etwas Bedrohliches, ganz außerhalb seines Horizonts: Menschheit und Welt; und mit dieser Erkenntnis verlieren das Kind selbst wie auch seine Umgebung ihr bisheriges Maß. Von nun an muss das Kind mit dem Hilfsmittel Wissen leben, damit die großen Erscheinungen es nicht zu einem Nichts machen. Es erfährt, dass das Land auf dem es sich bewegt, seine Heimat ist, und dass das Wissen in Büchern steht.“

So beginnt der isländische Schriftsteller Guðbergur Bergsson einen Aufsatz für die Zeitschrift „die horen“. Geschrieben 1986. 1991 veröffentlicht er, nach sechsjähriger Schreibpause, den Roman „Svanurinn“ (dt. „Der Schwan“). Ein Roman über ein neunjähriges Mädchen, das wegen Ladendiebstahls für einige Monate aufs Land geschickt wird. Ein Roman über Verlust und Sehnsucht, ein Roman über das Erwachsenwerden, über die innere Entwicklung und über das „Sich selbst finden“. Schon 1961 hat er einen epischen Entwicklungsroman über ein sensibles Kind geschrieben, das sich immer mehr vor der grausamen Welt der Erwachsenen in sich selbst zurückzieht („Musin sem lædist“ dt. „Die Maus, die schleicht“).

Die Aussagen seines Aufsatzes greift Bergsson auf den ersten Seiten seines Romans wieder auf. Schon im ersten Satz beschreibt er den Verlust, und die damit einhergehende Sehnsucht nach dem Verlorenen. „Schon als der Omnibus losfuhr, fing das kleine Mädchen an, sich nach den Steinen und dem Meer zu sehnen, und die Sehnsucht wurde noch schmerzlicher, nachdem man dorthin gekommen war, wo das Gras wächst, die Vögel singen, der Fluss fließt und die Sonne auf Teichen und Mooren glitzert.“ Dieses Gefühl des Verlustes, des Abschieds erzeugt Angst und die Ahnung des Todes am Ende des Lebens. „Ihre Augen bekamen das Gefühl, dass sie nach und nach sterben würde, während der Omnibus immer weiterfuhr auf der Straße“. Das Kind verliert seine Bezugspunkte, die Definition seines bisherigen Lebens. Verliert seine Unschuld. Es muss sich neu definieren, neue Beziehungen aufbauen.

Dies geht nicht ohne Schmerz, ohne die Ahnung (Sehnsucht) eines Todes. „Plötzlich spürte das kleine Mädchen in der Brust jene unendliche Härte, die immer nahe daran ist, sich in Wasser zu verwandeln. Doch man hält sie im Zaum, solange andere in der Nähe sind und es sehen. Man verbirgt die Veränderung, bis man allein ist und keiner sehen kann, wie man blind wird in seiner eigenen Tiefe und sich weit entfernt von sich selbst und anderen.“

Dieses Gefühl des Fremdseins, sich selbst und den anderen Personen gegenüber, ist ebenfalls ein zentrales Motiv des Romans. Schon nach der ersten Nacht auf dem Lande, der ersten Nacht in der neuen Umgebung beschreibt Bergsson die Veränderung: „Gleich am ersten Tag wurde sie sich selbst fremd. Es war nicht sie, die sich an diesem Ort aufhielt. Zum ersten Mal merkte sie, wie einfach es in Wirklichkeit war, Kummer und Schmerz in ihrem Innern zu verstecken, ohne dass es jemand merkte. Die Leute schauten zwar, aber sie schauten nicht, um zu sehen, deshalb wurde ihr klar, dass allein zu sein bedeutete, unter Fremden zu sein und so sein zu wollen.“ Übrigens ein Thema, das in den Romanen Bergssons oft beschrieben wird. Dinge über die wir gewöhnlich so leicht hinwegsehen. „Unsere Augen können zwar fremde Sterne beobachten, aber sie sind nicht imstande, über die Nasenspitze zu blicken und das zu sehen, was ihnen am nächsten liegt“. Geschrieben in „Madurinn er myndavel“, 1988 (dt. „Der Mensch ist eine Kamera“).

Hof auf Island
Hof auf Island

Dass der Tod untrennbar mit dem Leben verbunden ist, diese Erkenntnis, die zum Erwachsenwerden gehört, diese Angst, aber auch gleichzeitige Sehnsucht danach, beschreibt Bergsson in einem wunderschönen, poetischen Abschnitt des Romans.

„Nichts war so herrlich, wie an einem schönen Tag über den Tod nachzudenken, an einem Sonntagnachmittag auf dem Land, wenn man frei hat und nichts anderes zu tun, inmitten von Vogelgesang und dem Duft der feuchten Erde, die mit üppigen Blumen und Pflanzen bewachsen ist. Da ist es das höchste Glück, sich seinen eigenen Tod in einem Torfgraben vorzustellen, während sich die Natur in nachmittägliche Stille hüllt und man selbst voll jugendlicher Kraft ist, weit entfernt von seinen Phantasien, jung und in der Blüte seines Lebens. (…) Spring hinein, wage zu sterben, sagte sie flüsternd zu sich selbst und spürte schon, wie das Wasser sie umfing. Kühl und wonnig, denn nun war alles zu Ende. Ihr Körper löste sich auf und verschwand in der Bläue. Die Nähe des Todes machte sie ganz verwirrt, als ob sie in einer anderen Welt wäre. Jetzt ist es nur ein kleiner Schritt zwischen Leben und Tod, dachte sie. Oh, mach ihn. Los, mach den entscheidenden Schritt nach vorne und spring in den Graben. (…) Der Tod liegt so eigenartig dicht neben dem Leben. Er ist ihm immer auf den Fersen, er wird mit ihm geboren. (…) Und es ist leicht, vom Leben in den Tod hinüberzugehen, aber unmöglich, von dort wieder ins Leben zurückzukehren, mit nur einer Ausnahme: nur wenn man geboren wird.“

Diese Erkenntnis, dass das Leben endlich ist, der Tod Teil des Lebens, ist untrennbarer Teil des „Erwachsenwerdens“. Dazu gehört auch die Erkenntnis des Werdens und Vergehens in der Natur. Dieser gnadenlose Kreislauf von Geburt und Sterben. Eindrucksvoll beschrieben in der Geburt eines Kalbes und der späteren Schlachtung desselben. Ein weiterer Schritt vom Kind zur Frau ist die Wahrwerdung seines Körpers, die erwachende Sexualität. Konfrontiert wird das Mädchen mit der Sexualität durch den Knecht. Dieser, ebenso verschlossen wie melancholisch, findet Kontakt zu dem Mädchen. Im gewissen Sinne klärt dieser sie auf. Vertraut ihr seine geheimsten Gedanken an und verführt sie zu sexuellen Handlungen. Diese Verführungen werden mit kindlicher Unbefangenheit beschrieben. „Als sie bemerkte, dass das Euter der Kuh andere Zitzen hatte als am Tag vorher, fiel ihr das ein, was ihr der Knecht einmal hinter dem Stall gezeigt hatte. Danach betrachtete sie das Euter der Kühe als große Männerblase mit zahllosen kleinen Zitzen.“ Dieses Erwachen der Sexualität, einhergehend mit Neugierde und Furcht wird auch beschrieben als Abschied vom Kind sein, als Verlust der Unschuld. Liebe, auch verbunden mit Trauer und Schmerz. „…spürte sie, dass die Angst dieses Sommers und die Sehnsucht und das vage Unbehagen die ihr ständig auflauerten, aus ihrem Körper in den benebelten, stämmigen Mann mit dem sonnenverbrannten Arm übergingen, wenn sie in Gedanken ihre Zähne in ihn schlug, deshalb beschloss sie, immer an den gekrümmten Arm zu denken, nur um die Angst auf ihn zu übertragen, indem sie mit den Zähnen fest in die blutige, nicht heilende Wunde biss.“

Dass die Unbeschwertheit der Kindheit zu Ende geht, dass dieser Schritt, vom jungen Mädchen zur Frau, mit Schmerzen verbunden ist, beschreibt Bergsson mit der Figur der Bauerntochter. Diese moderne, junge Frau, die in der Stadt studiert, im Sommer zurückkommt zum Hof, dort mit ihren modernen Ansichten, Schwung in das ländliche Leben bringt, wird schwanger. Sie reist in die Stadt und lässt das Kind abtreiben. Dies wird nur andeutungsweise geschildert, aber in Verbindung und bemerkenswert beschrieben mit der Schlachtung des Kalbes und das Suchen der Kuh nach ihrem toten Kalb. „Das arme Ding, aus dem jungen Fräulein ist die Leibesfrucht geworden, die sie hat abtreiben lassen, und das macht den Körper schöner und unzugänglicher als zuvor; sie wird dadurch begehrenswerter“, hatte der Knecht zu dem kleinen Mädchen gesagt, ehe er sich mit der Tochter unterhielt. „Das kommt daher, dass sie gleichzeitig die Morgensonne und die Abendsonne geworden ist.“

Geburt und Tod. Beides vereint in der Frau. „Auf dem Weg über die Hauswiese fing sie beinahe zu weinen an, nicht aus Kummer, sondern weil es ihr so vorkam, als ob sie selbst dort sitze, an derselben Stelle an demselben Fluss, an dem zu allen Zeiten Frauen im undeutlichen Schmerz ihres Wesens gesessen sind und auch heute Nacht sitzen würden, aus dem Geschlecht, das gebiert und tötet, solange die Welt sich dreht, ohne zu wissen, weshalb, und ohne es zu wollen oder traurig zu sein, sondern sie saßen einfach bei Nacht an einem Fluss im kühlen Nachtwind.“

Mond über Island
Mond über Island

Die Natur. In einem Roman aus Island ein nur schwer auszuklammerndes Motiv. Dort, wo die Natur das Wesen und das Schicksal der Inselbewohner so sehr mitbestimmt. „Sieh die Natur überall! rief er. Oh diese freie Kreatur setzt immer ihren Willen durch und bittet gefesselte, aber selbstzufriedene Vernunftwesen wie uns nie um Erlaubnis für irgend etwas“. „Die Natur sucht nie um Erlaubnis an, bevor sie sich irgendwo niederlässt, sagte er. Schau sie dir an.“ Und: „Das Leben ist schwer, sagte der Knecht und grinste. Sei aber sicher, mit den Jahren gelingt es dir älter zu werden. Mit ihrer Hilfe gelingt alles. Unwillkürlich“. Bergsson gelingt in der Beschreibung dieser Natur wunderschöne, poetische und magische Bilder. Pferde im Moor – „Von so weit weg im hellen Sonnenschein gesehen, waren die Pferde unwirklich, in einer anderen Welt der wundersam schönen Vorahnung in ihrem Körper, und sie glänzten in der schillernden Ferne. Bisweilen schien es, als steige die Herde auf von der Erde, als wehe die Luft sie in einem kräftigen, welligen Silberstrom hin und her und mache sie teilweise oder fast ganz unsichtbar“; Vögel, „unvermutet und völlig überraschend schossen sie vor ihr in die Höhe, braun, klagende Steine mit aufgeregtem Flügelschlag“.

Wie hatte Bergsson in seinem Aufsatz geschrieben: „und dass Wissen in Büchern steht“. Ein Aspekt, der auch in diesem Roman auftaucht. „Stell dir das vor, sagte er, hier gibt es zwei große Bücherregale voller Geschichten über das glückliche Landleben (…). Und die ländlichen Gegenden stehen allein und ohne Bevölkerung da, mit ihrer Vergangenheit, die in Büchern auf verstaubten Regalen abgedruckt ist, und niemand will etwas darüber erfahren“. Der Knecht, der Tagebuch führt, und der sich „den Buchstaben mehr anvertraut als anderen Menschen“, der aber ständig auf der Suche nach der Liebe ist, nach einer Liebsten ist, hat so viele Tagebücher geschrieben, dass er, „wenn ich endlich eine Liebste finde, schon so viel über mich geschrieben habe, dass ich ihr den Stapel reiche und sage: „Also meine Hübsche, wenn du deinen zukünftigen Ehemann unbedingt kennenlernen willst, dann lies diese privaten Aufzeichnungen sorgfältig Wort für Wort“, und sie dann sagt: „Ach du liebe Güte, ich habe keine Lust, all dieses Zeug zu lesen, das lohnt sich nicht“. Dieses Motiv, das Leben, aufgeschrieben in einem Tagebuch, erinnert an Bergssons Roman „Thomas Jonsson, ein Bestseller“ von 1966. Bergssons literarischer Durchbruch in Island. Beides, die verstaubten Bücher auf den Regalen und die Tagebücher des Knechtes, die niemand lesen wird, zeigen, dass die Menschheit viel Wissen gespeichert hat, viel Wissen anbietet, aber es an jedem einzelnen liegt, was er daraus macht, ob und wie viel er von dem Hilfsmittel Wissen aufnimmt, damit die großen Erscheinungen ihn nicht zu einem Nichts machen. Aber letztendlich, die letzten Fragen der Menschheit, des „woher“ und „wohin“ und des „warum“, kann niemand beantworten. Auch die eingestreuten Sinnsprüche wie „Man stirbt, solange man lebt“ oder „Die Natur war draußen in der Natur“ sind nur hilflose Ansatzpunkte, um das Sein zu erklären.

Vielleicht suchen und warten wir alle auf den Schwan, der „mit Wasserpflanzen und Algen bedeckt, aus der Tiefe an die Oberfläche kam und dabei vom Wesen und der Zukunft dessen sang, der ihn erblickte“.

Guðbergur Bergsson „Der Schwan“ – Steidl Verlag.

Der Schwa, Steidl

Aus dem Isländischen von Hubert Seelow

Fotos vom Autoren