Joe R. Lansdale – Akt der Liebe

Die brutale Kunst eines scharf geschliffenen Wahnsinns

 

„Akt der Liebe“
Ein Roman von Joe R. Lansdale

 
„Genreschreiberei ist eine bedrohte Spezies. Auf unserem Spielfeld hat sich über alle Maßen Unkraut breitgemacht. Man nehme ein wenig überflüssige, tumbe Gewalt, werfe etwas aufgesetzten Sex dazu, klatsche ein paar Gedärme und Haare an die nächste Wand, träufle einen Hauch von Mystik darüber … und schon spaziert man auf der dunklen Seite. So schreibt Andrew Vachss, Anwalt und Schriftsteller, in dem Vorwort zum Roman „Akt der Liebe“.
 
Akt der Liebe von Joe R Lansdale Heyne
Akt der Liebe von Joe R Lansdale Heyne
Lansdales Buch, erschienen 1981, gilt als Vorläufer für die Romane, die sich mit dem Phänomen der Serienkiller beschäftigen. Ob es Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“ von Thomas Harris, Michael Plunkett in „Stiller Schrecken“ von James Ellroy, oder Temple Goult in den Romanen von Patricia Cornwell ist – sie alle hatten einen Vorgänger: den Houston Hacker aus „Act of Love“. Und diese wiederum hatten reale Vorbilder im Leben: Randy Steven Kraft, der „Score-card-killer“, von dem man vermutet dass er über sechzig Menschen ermordet hat; David Berkowitz, alias „Son of Sam“; der „Hillside Strangler“; ,,Zodiac“; John Gacy oder der Müllsack-Mörder – sie alle berühren einen verborgenen Nerv der amerikanischen Seele.
 
Sie entsetzen und faszinieren uns gleichzeitig. Bücher und Filme – gute und schlechte – nehmen sich des Themas an. Serienmörder sind angesagt. Das Spielfeld von „Akt der Liebe“ ist Houston, Texas. Besser gesagt, das Ghetto Fifth Ward, wo „Tod, Blut und Gewalt“ keine Unbekannten sind. „Es ist eine enge, schwarze Welt, vollgestopft mit Fleisch und Armut, eine Sickergrube der Verzweiflung“. Houston. „Die Stadt. Diese krabbelnde, tosende, hämmernde Stadt.“
 
„Die Stadt und ihre Gerüche. Erbrochenes, Babywindeln, stinkende Binden, verschimmelte Unterwäsche und alle Sorten von Essensresten“. Hier, in diesem Ghetto, in dem Morast aus Ignoranz, Schmerz und Zerstörung, wie Vachss schreibt, begeht der Houston Hacker seinen ersten Mord. „Akt der Liebe“ ist ein brutales, rohes Buch. Lansdale schreibt in seinem Nachwort: “ … (das Buch) setzt(en) sich mit der dunklen Seite der menschlichen Natur auseinander, und die dunkle Seite war hier dermaßen dunkel, als gäbe es keinen Sonnenaufgang mehr. Es gibt keinen Mond und keine Sterne, eigentlich bloß eine Abwesenheit des Lichts“.
 
Fifth Ward
Fifth Ward
Gewalt wird so beschrieben wie sie ist – kalt, erschreckend, verstörend. Nichts wird geschönt. Die Opfer haben keine Chance. Der Killer suhlt sich in seiner Macht. Blut spritzt, die Opfer werden zerhackt, verstümmelt, vergewaltigt. Nichts wird ausgelassen. Kannibalismus, Vampirismus und Nekrophilie – alle Perversionen des menschlichen Handelns werden beschrieben. Lansdale schreibt dazu: „Er (der Roman) war sehr graphisch. Genau wie die Verbrechen, über die ich gelesen hatte, graphisch waren. Ich hatte wahre Verbrechen und deren Schilderungen verwendet, um meinen Roman zu schreiben. Die Gewalt mag übertrieben erscheinen – besonders damals – aber sie war sehr nahe an der Realität. .. . Ich hatte nicht den Eindruck, ich würde Gewalt banalisieren, doch ich war mir ihrer natürlichen Anziehungskraft bewusst und fühlte, wie ich versuchte, der Gewalt ins Gesicht zu blicken, um zu sehen, wie sie wirklich war…. die Gewalt kommt erbarmungslos daher, sachkundig und experimentell, wenn nicht sogar ein wenig ausbeuterisch. Auf irgendeine Art sind Gewalt und Sex immer ausbeuterisch, egal mit welcher Intention. Aber es ist die Intention, die zählt, und ich bin überzeugt, dass meine Intentionen gute waren“.
 

Der Cop.

Sein Name war Marvin Hanson. Schwarz, hässlich, aufgewachsen im Ghetto. Gebildet, ehrlich, durch und durch Polizist. Spielt bei den Verhören den Bad Boy. Sein Partner, ein Weißer, den Good Boy. Nimmt seine Arbeit persönlich. „Bei diesem Geschäft gibt es kein zweierlei Maß. Da waren die Guten und da die Bösen.“ Er gehörte zu den Guten. Aber er ist müde. Die Gewalt, das Verbrechen, laugen ihn aus. „Jeder Tag nur ein neuerliches Wälzen im Dreck. Noch mehr Tod und Zerstörung, und wieder ein Job mehr für einen Cop. Der Fall frisst ihn auf. “ … weil es der Inbegriff von allem ist, was ich hasse“. Gewalt in der Ehe, Rassismus, Machos, Kindesmisshandlung, sexueller Sadismus. Der Schrecken wird alltäglich. Eine neue Form der Normalität. Eine Normalität, die Krankheit, Tod und Verzweiflung umspannt. Alle Abnormitäten entspringen dem Normalen. Er schwört sich, den Killer zu töten, um der Gesellschaft ein Krebsgeschwür zu entfernen.

Der Autor.

„Schließlich begann ich mit dem Schreiben. Die Arbeit am Buch ging einige Monate gut und schnell voran 1980, aber es nagte an mir. All dieses Forschen in der Dunkelheit, all die dunklen Träume, die ich hatte, die Tatsache, dass ich mit der dunklen Seite meines Naturells in Berührung kam, und das Bewusstsein, dass wir alle jene dunkle Seite besitzen, war ziemlich verwirrend. Ein merkwürdiges Gefühl von Depression überkam mich. .. Willkürliche Gewalt wurde zu meinem größten Trauma“. Und die Erkenntnis: Es könnte jedermann sein. Sie. Ich.

Der Täter.

Sein Gott hieß Tod, und den Tod zu bringen war seine Form des Gebets. Ich bin der neue Messias. Ich verkünde eine neue Botschaft. Nicht die von Liebe und Frieden. Vielmehr die von Tod und Zerstörung. Tod. Der bloße Gedanke daran versetzte die meisten in Angst und Schrecken. Ihm hingegen ersetzte es das Wort Liebe. Finsternis, das Dunkel, Gestank, Schmerz und Blut verschaffen ihm Befriedigung. Und langsam näherte sich sein Element, die Nacht. Sie kroch heran, schwarzer Samt voller Geräusche der Stadt und ihrer Gerüche. Er liebte ihn. Der Geruch war Nektar. Er ist ein Produkt unserer Gesellschaft. Er weiß genau, was er tut. Er kennt keine Reue. Ist nicht verrückt. Er ist ein moderner Mensch, ein Mensch, der in unserer technologischen, gefühllosen Umgebung überleben kann. Köstlich. Es war köstlich gewesen, und das Beste, der Geruch des Todes haftete noch an ihm.
 
Akt der Liebe pulpmaster
Akt der Liebe pulpmaster
Wie schreibt Vachss in seinem Vorwort: „Lesen sie Joe Lansdale, und sehen sie selbst. Fühlen Sie es“. Und möge es in Ihrem Leben keine dunklen Momente geben.
 
Joe R. Lansdale  ,,Akt der Liebe"
pulpmaster Berlin 1999
Neuauflage Heyne 2010
aus dem amerikanischen von Gabriete Bärtels
 Teilweiser Abdruck im Literaturblatt „LISTEN“ Nr. 54/1999