Etwas von der Grösse des Universums von Jón Kalman Stefánsson

„Jeder lebt sein eigenes Leben“

Dieser Roman „Etwas von der Grösse des Universums“, der eine Fortsetzung – Erweiterung – des im Jahre 2013 erschienen Romans „Fische haben keine Beine“  ist, erzählt die Geschichte von Ari und seiner Familie nicht neu sondern vertieft sie. Knöpft Erzählfäden zusammen, die in „Fische haben keine Beine“ lose und unerzählt geblieben sind. Vertieft einige Familiengeschichten, erzählt neue und lüftet einige Geheimnisse. In „Fische haben keine Beine“ kehrt Ari, ein Mann mittleren Alters, getrennt lebend und betrübt, nach Island, an den Ort seiner Kindheit zurück, um seinen kranken Vater zu besuchen. Der ungenannte Erzähler, ein Cousin von Ari, wartet in Keflavík auf Ari und erzählt aus seiner und der Kindheit von Ari. Blättert die Familienhistorie der Großeltern, deren hartes Leben als Fischer in den Ostfjorden, das Leben der Eltern und die Jugend von Ari auf. Um diese sturmgepeitschten Klippen der Ostfjorde und das Leben der Protagonisten rollt und wogt die Prosa von Stefánsson mit ungeheurerem Glanz und Pracht. „Gott“, so drückt es der literarisch angehauchte Fischer Tryggvi aus, „komponiert herrliche Verse“.
 
Das Meer trat unheimlich vor die Augen der Leser von „Fische haben keine Beine“. Ebenso die rauen Ostfjorde, die Halbinsel Reykjanes mit dem Städtchen Keflavík. Die Halbinsel und Ortschaft, die jeder Islandreisende zuerst sieht, wenn er in Island mit dem Flugzeug ankommt. Mächtig und funkelnd ist das Meer, gleichzeitig der Hintergrund und das Lebenselixier für die Geschichte von drei Generationen einer ehemaligen Fischerfamilie und wie sie sich verlieben und entlieben. Die wüste Schwärze des mit Lava überzogenen Landes wird aufgehoben durch die unberührbare Grenze des Wassers, welches das schwarze karge Land umgibt. Ein eindrucksvolles Bild eines ansonsten ziemlich trostlosen Ortes. Die Fischfabrik, in welcher der junge Ari gearbeitet hat, schloss, als betrügerische Geschäfte mit den „Meeresbaronen“, Keflavík als „quotenfreie“ Stadt zurückließ. Keine Fischfangquoten mehr, die die Stadt am Leben erhielten. 
 
 
 Wir befinden uns in Keflavík. „Es schneit auf Arbeitslosigkeit, leere Straßen, ein kleines zweistöckiges Holzhaus und das Hotel, das auf den Trümmern von Skáli Millons Kühlhaus errichtet worden ist, schneit auf diesen Ort voller Erinnerungen, auf Aris und meine Spuren, es schneit auf die Siedlung, in der Aris Vater Jakob wohnt.“ Aris ist zurück in der Stadt, in der er aufgewachsen ist, liegt im Hotel und gibt sich seinen Erinnerungen hin bzw. der Erzähler erzählt uns die Familiengeschichte von Aris. Aris ist nach Island gereist, um seinen Vater zu besuchen Ein Brief seiner Stiefmutter, die ihm geschrieben hat, dass das Leben seines Vaters zu Ende geht. Nun liegt er im Hotel und denkt über alles nach. Über sein Verhältnis zu seinem Vater, das von Schweigen beherrscht wird. „Wenn wir nicht miteinander reden können, uns nicht trauen, dann kann das Schweigen, das der Tod hinterlässt, im Laufe der Zeit größer und schwerer werden als das Leben“. Sein Verhältnis zum Vater ist gestört. Nach dem Tod der Mutter heiratet der Vater wieder. Der Sohn versteht es nicht. „Vater und Sohn, haben zusammen Tod und schwere Zeiten erlebt. Zusammen und doch endlos voneinander entfernt.“
 
 
Das zentrale Thema des Romans ist, wie es Stefánsson im Buch niederschreibt „…das uns Unbegreifliche, über das wir keine Kontrolle haben.“ Das Unbegreifliche kann die Liebe sein, der Hass, der Tod oder das Schicksal. Das Unbegreifliche in Aris Leben ist die Gewalt, die von Männern seiner Familie den Frauen gegenüber ausgeübt wird. Auch er hat Gewalt ausgeübt, hat das Geschirr vom Tisch gefegt und ist geflohen. Geflohen vor sich und seinen Dämonen. Floh vor dem Erbe in seinem Blut, „lief davon, weil er auf einmal nicht mehr wusste, wer er überhaupt war und wer er sein sollte.“ Rennt weg von seiner Frau und der Geliebten, weiß nicht, zu wem er zurückkehren soll. Rennt weg vom Fluch seiner Familie vor seinen inneren Dämonen.
 
„Aber was dauerhaft Einfluss auf Menschen ausübt, vererbt sich von einer Generation auf die andere. Darum kämpfen Familien vielfach mit denselben Ungeheuern, Generation für Generation. Bis es endlich einer schafft, aus dem Teufelskreis auszubrechen. Dann erstarrt der Troll zu Stein, und es fällt leichter zu leben. Und zu sterben. Unser innerer Troll heißt vermutlich Feigheit.“
 
Und dann gibt es den Fisch, der die Geschichte von Aris Familie und die Geschichte Islands prägte. Der Fisch, Grundstock der modernen isländischen Gesellschaft, Motor ihrer Entwicklung. Alles hatte sich um die Welt des Fisches gedreht. Aris Großvater Oddur war Fischer aus Überzeugung. „Auf See, beim Fischfang, da lösten sich seine sämtlichen Probleme, er fing für seinen Lebensunterhalt und damit das Volk die volle Unabhängigkeit erlangen und sich aus Armut und primitiven Lebensumständen befreien konnte.“  Für den Großvater Oddur war das Leben auf See eine Vorsehung. Für Margret seine Frau, brachte dieses gewaltige Element Wasser nur Einsamkeit, Furcht und Tod. Und eine verbotene Liebe, die in diesem Roman erzählt wird.
 
 

 „Sie haben geweint, weil sie dazu verdammt waren, jedes Mal einen anderen zu betrügen, wenn sie zusammen sein wollten. Ein Glück, das sich der Welt nicht offen zeigen darf, versteckt sich unter großer Traurigkeit.“ Und so ist es von der Liebe gleich weit zum Glück wie ins Unglück, wie es an einer Stelle des Buches heißt.

Der Fisch ist der Anfang und das Ende. Als der Fischfang in die Hände weniger gelangte, zerfiel die ländliche Struktur. Landflucht setzte ein. Vor allem nach Reykjavik.

Für einen Leser ohne Vorkenntnis des Vorgängerbandes ist der Einstieg in diesen Roman etwas schwierig. Zeit- und Ortswechsel, eine Familiengeschichte über drei Generationen mit einem vielfältigen Personenrepertoire macht die Lektüre nicht einfach. Aber mit dem Fortlauf der Handlung werden einem die Figuren vertrauter und man kann der Geschichte folgen. Und nach und nach enthüllen sich einige Geschehnisse und Verbindungen. Was einen unbedingt an diesem Buch festhält ist die Sprache von Stefánsson. Manchmal erinnert sie an die Sprache der alten Sagen und immer wieder stehen wunderbare poetische Sätze in diesem Buch über die man gerne nachdenkt und den Widerhall des Gesagten nachklingen lässt.

Es werden alle Gefühle geschildert, die in den Beziehungen der Menschen eine Rolle spielen – Hoffnung, Liebe, Ängste, Hass und Träume. Es geht um Liebe, verpasste Gelegenheiten und die Hoffnung auf eine zweite Gelegenheit. Um Hoffnung, es besser zu machen. Im Buch heißt es: „Aber ihr Lebenden könnt uns Toten helfen. Du musst uns aus dem Dunkel des Vergessens hervorheben, bring das Schöne an uns zum Leuchten, unsere Enttäuschungen und Gedankenlosigkeit kommen dann auch zum Vorschein. Hol dir Kraft aus dem, was gut ist, lerne aus dem weniger Guten.“ Stefánsson schildert die Figuren, ihre Träume und Hoffnungen, ihr Glück und ihren Kummer. Zeigt uns ihre Gedanken und Gefühle. Streift die wesentlichen Fragen unserer Existenz. Was macht uns aus, was bleibt. Der Tod ist allgegenwärtig und „den Tod hält niemand auf, wenn er erst einmal unterwegs ist. Er betritt die Erde, und du bist weg, verschwunden. Dann wirst du vergessen.“ Auf dem Gang über einen Friedhof fällt Ari auf,  dass „ein ganzes Leben zu einem Gedankenstrich komprimiert“ wird.

Und eine Bitte an die Nachkommen und Chronisten bleibt. Wer und wann kann man zwischen Liebe und Gewohnheiten unterscheiden. „Ist das nicht etwas, wobei ihr Dichter uns helfen solltet? Und uns nebenher erklären, warum es den Menschen so schwerfällt, glücklich zu sein? Ich meine, wozu sind Dichter denn da, wenn sie einem nicht helfen können zu leben?“ Ist es wirklich unser Unglück, dass wir zu viel nachdenken und zu wenig fühlen?

Jón Kalman Stefánsson zeigt keinen Ausweg aus diesen menschlichen Unzulänglichkeiten. Aber das Buch „Etwa von der Grösse des Universums“ bleibt im Gedächtnis. Wegen seiner Sprachpoesie und wegen seiner Figuren, die schlussendlich versuchen, ihren Weg in dieser Welt zu suchen und zu finden. Zwar fehlerverhaftet aber doch oder deshalb allzu menschlich. Etwas bleibt übrig.

 

"Etwas von der Grösse des Universums"von Jón Kalman StefánssonÜbersetzer: Karl-Ludwig Wetzig
Piper Verlag 2017

Bragi Olafsson – Die Haustiere

„Preis der Vernunft“

„Die Haustiere“
Roman von Bragi Olafsson

„Ohne zu missachten, was gut ist, bin ich rasch zur Stelle, mich dem Grauen auszusetzen, und könnte sogar gesellig damit tun – ließen sie mich nur -, denn es ist nur gut, auf vertrautem Fuße mit allen Bewohnern der Welt zu stehen, in der man wohnt.“ (aus Moby-Dick, Kapitel l)

“ … verschwand (er) durch die Tür – auf die gleiche Weise wie andere fremde Menschen, die man wieder aus den Augen verliert; Menschen, die man für den Rest seines Lebens nicht wieder zu treffen glaubt.“

Aber der Ich-Erzähler dieses Romans, Emil S. Halldórsson, trifft diesen Mann wieder, und es stellt sich im weiteren Verlauf der Geschichte heraus, dass er ihn schon lange kennt. Emil war in London auf Einkaufstour, nachdem er im Lotto gewonnen hatte. Kaum zu Hause, klingelt es an der Tür. Und er, Hávardur Knutsson, steht vor der Tür. Emil gibt sich nicht zu erkennen und versteckt sich unter dem Bett, damit Hávardur ihn nicht entdeckt. Und als dieser durch das offene Küchenfenster in die Wohnung einsteigt, beginnt eine verrückte Geschichte aus Island.

In Rückblenden wird aus der Sicht von Emil erzählt, wie Emil und Hávardur sich kennengelernt und was sie erlebt haben. Sie verbrachten einige Wochen zusammen in London, um auf die Wohnung und die Haustiere eines Bekannten aufzupassen. Dabei ging einiges schief, das Geld wurde schnell knapp, die Haustiere kamen auf mehr oder weniger makabere Art und Weise ums Leben und die Bekanntschaft ging in die Brüche. Emil gab schließlich Hávardur Geld, damit dieser verschwand.

Hávardur nahm bei seiner Abreise eine Erstausgabe des Romans „Moby-Dick“ und ein Modell des Walfängers „Essex“ mit. Schließlich erfährt man noch, dass Hávardur einige Zeit in Schweden in einer Nervenklinik verbracht hatte. Nicht nur die Erstausgabe von „Moby-Dick“ sondern auch, dass die Haustiere Namen aus diesem Roman tragen (Ahab heißt der Leguan, Moby und Dick das Kaninchen und das Meerschweinchen), führen uns zu Melville und dem Roman „Moby-Dick“. Auch der Erzähler macht ein Wortspiel mit dem Namen Ismael und Emil. Ismael – in der Bibel der Prototyp des von der Gemeinschaft mit Gott Ausgestoßenem, bei Melville ein frei handelndes  Individuum ohne Vorgeschichte oder sichtbare Verbindung zu anderen Menschen.

Unterm Bett

Und so liegt der Erzähler unter dem Bett und muss mit ansehen und anhören, wie Hávardur von seiner Wohnung, seinen Sachen, seinem Alkohol und CDs Besitz ergreift; seine Freunde und Bekannte hereinlässt und sie bewirtet und seine Telefongespräche entgegennimmt. Eigentlich sein, Emils, Leben lebt. Er rührt sich nicht. Wiederholt hat er das Gefühl, dass er in Wirklichkeit nicht hier wohnt, dass dies nicht sein Zuhause ist.

Dass ihn der Sonderling dort oben zum Besten hält.

„Gewiss ist es manchmal so, als würde irgendein Sonderling den Menschen und Dingen hier auf der Erde nach Lust und Laune Plätze zuweisen; als mache sich dort oben jemand ein Vergnügen daraus, uns aufzustellen, wie es ihm gerade in den Sinn kommt, entgegen jedem gesunden Menschenverstands. Mir ist das Gefühl nicht fremd, dass mich manchmal, in der einen oder anderen Situation, jemand im Nacken packt und zurechtrückt, oft, um mich vor Schwierigkeiten zu bewahren oder – was mir häufiger der Fall zu sein scheint – mich unmittelbar in die Klemme zu bringen.“

Auch dies ein Thema in ,,Moby-Dick“. Gedanken über Vorbestimmung und freien Willen. Was passiert, wenn ich jetzt dies tue und das sein lasse. Was verändert sich dadurch, wie verläuft „meine Geschichte“, wohin führt mich mein Weg, wenn ich zwischen diesem oder jenem Weg wähle; tue ich dies bewusst oder unbewusst. Was machen die Zufälle des Lebens aus. Was oder wer bestimmt uns? Wie steht es mit dem freien Willen? So wie Ahab „das unfassbare Phantom des Lebens“ sucht, sucht Emil nach seiner Identität, nach dem was sein Leben bestimmt. Und so wie Kapitän Ahab im weißen Wal die Personifizierung aller verborgenen Dämonen des Lebens und Denkens sah, so sieht Emil dies in Hávardur. Ismael wird als einziger gerettet. Und es heißt bei Melvilles „Moby-Dick“ am Anfang und wird so auch in diesem Roman zitiert: „Nennt mich Ismael“. Dies meint, es könnten auch Sie oder jemand anderes beauftragt sein, zu überleben und, nach dem Auszug des Menschen und allen Fährnissen des Lebens, aufzuerstehen.

Geschichten jedoch haben normalerweise ein vernünftiges Ende. Ein erkennbares Ende. Aber nicht diese seltsame, verrückt/komische Geschichte von einer fernen Insel – diese Geschichte endet mit einem großen Fragezeichen.

Bragi Olafsson
 "Die Haustiere" dtv premium
Aus dem isländischen von Tina Flecken; EA 2005