Lesung I : Clemens J. Setz

Vor der Lesung
Vor der Lesung

Am 12. Januar war Clemens J. Setz im Literaturhaus Stuttgart  zu Gast. Ich hatte mir über Weihnachten und Neujahr das Buch „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ vorgenommen zu lesen. Es ist eins dieser Bücher, die man nach einer gewissen Zeit auf den Stapel „les ich später, wenn ich viel Zeit habe“ legt oder man „kämpft“ sich in das Buch hinein. Dies habe ich dann gemacht, indem ich mir homöopathische Tagesdosen von mindestens 100 Seiten vorgegeben hatte.  Und nach dem Lesen stellt man erstaunt fest, dass der Roman die Macht hat, das Leben von den Füßen auf den Kopf zu stellen. Wenn man sich darauf einlässt. Nun wollte ich aus dem Munde des Schriftstellers hören, was seine Gedanken und Überlegungen zu diesem, über 1000 seitigen Roman, sind, den viele Kritiker als den irrsinnigsten Roman des Jahres bezeichnet hatten. Die Moderation hatte der Literaturchef der ZEIT, Ijoma Mangold. Und es wurde ein vergnüglicher und interessanter Abend.

Eröffnung
Eröffnung

Wie der Moderator Herr Mangold so treffend ausführte, sind die Lesungen mit Clemens J. Setz immer mit  einem Mehrwert verbunden. Wo sonst erfährt man gleichzeitig etwas über  künstliche Intelligenz, Trostrobotern in Japan in Gestalt einer Robbe,  zeitgenössischer Kommunikation (hauptsächlich verbunden mit modernen Kommunikationsmitteln), Stalkern und dem Betrieb in einem Behindertenwohnheim. Das alles und noch viel mehr erfährt man an einem Abend  mit Clemens J. Setz.

Setz-cover

Den Inhalt des über 1000-seitigen Buches hier wiederzugeben erübrigt sich wohl und ist meiner Meinung nach auch nicht relevant, da dieses Buch in sich sehr vielschichtig ist und sich jedem Leser eine eigene Welt auftut. Es gibt genügend Rezensionen und Blogs, die sich mit dem Inhalt des Buches beschäftigt haben und immer noch tun. Nur soviel. Der Roman hat  mindestens drei Ebenen. Einmal wäre dies die Ebene, die den Betrieb in einem betreuten Wohnheim beschreibt. Hier treffen Menschen aufeinander, die der „Norm“ entsprechen, die Pfleger und Zivis und diejenigen, die nach offizieller Meinung, dieser Norm nicht entsprechen. Wobei nicht immer ganz klar ist, ob diese Grenzen nicht auch verwischen und die Akteure außerhalb des Heims nicht eher in das Heim für betreutes Wohnen gehören.  Als zweite Ebene spielt das Genre Thriller eine Rolle. Nicht nur, dass Stephen King, als weltumspannendes Phänomen, namentlich erwähnt wird, sondern auch, dass die Figur des „Stalkers“ in all seinen Aspekten durchgespielt wird. Die dritte Ebene ist die Ebene der Kommunikation. In all seinen Formen und technischen Möglichkeiten und  Ausprägungen. Nach Meinung Setz ist die heutige Kommunikation mit smartphones oder sonstigen technischen Geräten (hier sei nur das Stichwort cleverbot erwähnt) nur ein  Mittel, um sich der eigenen Existenz zu versichern. Gespräche so sinnvoll oder sinnentleert sie auch sein mögen, dienen also nur dazu, sich selbst und der Welt gewiss zu sein. Dazu zählt Seitz auch das Selbstgespräch, was er, wie er erwähnt, sehr gerne praktiziert.

Clemens J. Setz hat ein ausgeprägtes Interesse für die Abweichung jedweder Art. Ob es Personen sind, die durch ihr Verhalten irritieren, so wie die Hauptperson des Romans, Natalie Reinegger, deren Sexualpraktiken neben anderen Verhaltensmustern sehr gewöhnungsbedürftig sind, oder die soziale Interaktionen zwischen den Menschen. Setz setzt hier sehr auf das Mittel der Wahrnehmunsirritation. Wie nehmen wir die Umwelt wahr? Sehen zwei Menschen, wenn sie zum Beispiel eine rote Fläche sehen, dasselbe? Setz meint nein. Setz, der selbst unter anderem Synästhetiker ist, schöpft hier natürlich aus dem Vollen. Jeder lebt in seiner Welt und es ist, wie mit den Träumen: Ein Gebiet auf dem vorher niemand war und auf das einem niemand folgen kann. Und das man kein zweites Mal betritt.

Zum Schluss der Lesung wurde es noch einmal ernst, als er auf die Intention zu sprechen kam, dieses Buch zu schreiben. Es sei das Thema „Hass auf Frauen“ gewesen. Etwas was er nicht begreifen kann. Die markanteste Figur, die diesen Hass verkörpert ist Alexander Dorm, der Stalker.

Ein Satz, der auf der Lesung fiel und der bleibt: „Liebe ist, geometrische Klimmzüge ineinander gesteckter Körper“.

Und ein guter Rat wurde den Zuhörern auch noch mit auf den Weg gegeben: „Hindurchgehen durch die Langeweile, um dort anzukommen wo alles spannend ist – so überlebt man.“

Und auf den Titel angesprochen „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ meinte Clemens J. Setz es sei eine Assoziation von dem Begriff der Abenddämmerung, der in Italien verwendet wird.  „Tra cane e lupo“, „zwischen Hund und Wolf„, nennt man in Italien den Zeitpunkt der Dämmerung, was  hierzulande eher die „blaue Stunde“ genannt wird. Und sicherlich hat der Titel auch etwas mit der Form des Gittarenkörpers mit der Form des Frauenkörpers zu tun. Und unwillkürlich hat man da sofort das Bild von Man Ray im Kopf. Die Frau als Violine.

Le Violon dÌngres, 1924 © Man Ray
Le Violon dÌngres, 1924
© Man Ray