Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Ein ausgebuffter Western

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick       von Joe R. Lansdale

Helden im Überfluss. Flüche, die wild durch die Gegend fliegen. Nonchalant erzähltes Grauen. Trockener, beißender, gelegentlich auch schwarzer Humor, fließt so frei und ungestüm wie Blut über die Seiten dieses Romans und es gibt sogar Raum für romantische Liebe. Basierend auf einer wahren Geschichte bietet dieser Western der besonderen Art ein starkes Gemenge aus geistreicher Schlagfertigkeit und stürmischer Schlacht. Zwischen all diesem wahren Leben eines Draufgängers namens Nat Love mögen sich auch ein paar Unwahrheiten eingeschlichen haben. Aber wer möchte das wirklich wissen. Ist dieser Roman doch wahre Unterhaltung mit einem Humor, der bisweilen die Schwärze eines Grabes annimmt.

Oder wie Willi Jackson, genannt Nat Love, auf der ersten Seite des Buches erklärt: „Groschenromane wurden schon über mich verfasst, wobei manche behaupten, ich hätte den Namen Deadwood Dick, schwarzer Reiter der Prärie, bloß angenommen, um im Leben mehr herzumachen, und in den Geschichten ginge es gar nicht wirklich um mich. Das ist nicht wahr, auch wenn die Romanschreiber in diesen Heften verdammte Lügen verzapft haben, und das will ich jetzt endlich von Anfang bis Ende richtig stellen.“

Lansdale erzählt die Geschichte eines Mannes, der als Sklave vor dem amerikanischen Bürgerkrieg geboren wurde und aus dem der sagenumrankte Deadwood Dick wurde; der wahre Deadwood Dick. Wer war dieser legendäre Westernheld? Er könnte einer von vielen gewesen sein. Oder eine Melange aus ihnen. Oder alle. Oder vielleicht keiner von ihnen, vielleicht ein rein fiktionaler Charakter, der nicht nach dem wirklichen Leben gezeichnet wurde.

Und das ist die Geschichte von Deadwood Dick im Roman von Joe R. Lansdale: Es beginnt in Piney Woods Country, als der fast 20jährige frühere Sklave namens Willie Jackson eines Tages einen verstohlenen Blick auf den gut verhüllten Hintern der Dame des Bezirks (manche sagen auch: die Hure), die zufällig eine Weiße ist, wirft. Das ist die Todesstrafe für einen jungen Schwarzen in jener Zeit und an diesem Ort. Ihr Mann, Sam Ruggert, ein verbitterter Trunkenbold, sieht die auf seine Frau gerichteten Augen von Willie. Gerade rechtzeitig gelingt es Willie einem Lynchmob zu entkommen. Von einem Augenblick auf den anderen schaffte er es nicht nur, sich, aufgrund eines Missverständnisses, in Schwierigkeiten zu bringen, sondern begeht auf seiner Flucht auch noch einen Pferdediebstahl. Sein Vater verhilft ihm zur Flucht, jedoch, letztendlich, sein Vater und, als Zugabe, das Familienschwein gehen in Rauch auf, umgebracht durch die Hände einer empörten Meute weißer Männer. Auch Willie wäre gefangen und getötet worden, wäre da nicht der weiße Mann Tate Loving gewesen, mit dem er sich anfreundet. Tate Loving, ein ehemaliger weißer Prediger und Bürgerkriegsveteran, gibt ihm auf seiner Farm Schutz. Bei ihm lernt der ausgerissene Arschgaffer, nebenberufliche Pferdedieb und aushilfsweise Farmarbeiter, schreiben und lesen, schießen und reiten wie ein Comanche. Schließlich bricht Willie weiter nach Westen auf, als er von einem Reisenden wiedererkannt wird und befürchten muss, dass dieser ihn an Ruggert verrät. Dieser Ruggert hat einen Steckbrief auf seinen Namen ausgestellt und eine Belohnung ausgeschrieben. Denn, wenn es um Schwarze geht, haben Weiße ein gutes Gedächtnis für unwichtige Sachen. Auf der Suche nach seinem Schicksal nimmt er einen neuen Namen an: Nat Love, abgeleitet aus dem Namen seines Wohltäters.

Nat Love reitet schließlich nach Westen, wo es eine Armee der Schwarzen geben soll. Er landet im Fort McKavett, und schließt sich den Buffalo Soldiers an. Buffalo Soldiers, so werden die schwarzen Soldaten der US Kavallerie von den Indianern genannt, weil die krausen Haare der Soldaten sie an Büffelfell erinnern. Dies tut er zusammen mit einem anderen Schwarzen namens Cullen, den er unterwegs trifft und der sein Weggefährte und Freund wird. Das Credo von Cullen ist, dass er jemanden braucht, einen, „der mir sagt, was ich machen soll“ und so hat er beschlossen, dass die Armee das Richtige für ihn ist. Nachdem die beiden nach der Ausbildung im Fort als einzige einen haarsträubenden Apachenhinterhalt überleben, beschließen sie, das Soldatenleben hinter sich zu lassen. Auf ihrem weiteren Ritt treffen sie auf vier Chinesinnen, mit denen sie weiterziehen und es sich gut gehen lassen. Oder wie es ihm Buch heißt: „vier Chinesinnen geliebt, alle in derselben Nacht und demselben Wagen.“ Bis sie in Deadwood landen.

Todesanzeige von Wild Bill Hickock
Todesanzeige von Wild Bill Hickock

In Deadwood trifft er auf Wild Bill Hickock, rettet ihm das Leben und verliebt sich in Win Finn, deren erster Kuss ihn von der Erde in den Himmel hob. Ihn in das Paradies entführt. „Paradise Sky“, so lautet auch der Originaltitel. Er ist dabei, als Hickock beim Pokerspielen ermordet wird und schließlich kommt er dort auch zu seinem Nicknamen, nachdem er im Roman ein Wettschießen, in der „wirklichen“ Welt ein Mustangreiten, Lassowerfen und einen Schießwettbewerb gewonnen hatte. Dies fand am 04.07.1876 statt, nur wenige Tage später, nachdem General Custer die Schlacht am Little Bighorn verheerend verloren hatte.

Deadwood
Deadwood

Doch die Bürgerwehr, die weiße Meute, bestehend aus Kopfgeldjägern und feigen, hinterhältigen Schurken, sind ihm weiter auf den Fersen und nicht mehr fern. Angeführt von dem hasserfüllten Ruggert überfallen sie Nat Love und Win Finn, verüben rigoros schreckliche Rache an denen, die Nat liebt, treiben den Cowboy wieder in die Prärie, wo er nicht nur Ruggert gegenübertreten muss, in dessen hasserfüllten Kopf „der Süden wieder aufersteht“, sondern er muss sich auch den Fragen an seinen tiefen Glauben, an die Natur von Gott, den Wert des Lebens und die Grenzen der Rache stellen. Aus dem Gejagten wird ein Jäger. Dabei trifft er auf den schwarzen Prediger Luther Pine, der mit seiner Tochter Ruthie und seinem Sohn unterwegs ist und Nat Love zu ihrem Schutz anheuert, da es durch das Indianergebiet geht. Nat verliebt sich in Ruthie, fühlt sich aber noch an Fin gebunden. Er plant seine eigene Rache an dem Mann, der ihm sein Glück gestohlen hatte. Nat wird zu einem der Deputy Marshals von Judge Parker, einem Richter in Fort Smith, Arkansas, der für seine Härte legendär war und der sich den Namen „Hanging Judge“ verdiente. „Gibt’s denn schwarze Marshals?“ „Bei Judge Parker  schon. Der da ist der härteste und beste Marshal überhaupt, egal ob schwarz oder weiß, rot oder braun. Er heißt Bess Reeves.“

Nat Love aka Deadwood Dick
Nat Love aka Deadwood Dick

Zwei Vaterfiguren spielen eine Rolle in Nats Leben: Tate Loving und Luther Pine. Beides Prediger. Tate, ist Christ aber ohne diesen ganzen Christenquatsch. Seine Sicht von Gott ist, „dass Gott kein Liebender ist. Er ist wie ein großer Uhrmacher, und wir sind das Innere seiner Uhr, und die Erde hier, auf der wir stehen, ist das rutschige Ziffernblatt. Gott hat die Uhr fertig gebaut und aufgezogen, und als sie getickt hat, hat er sich zurückgelehnt und gesagt: „Na dann, viel Glück ihr armen Schweine, ich bin nämlich fertig hier.“ Luther dagegen nimmt die Bibel nicht so wie sie ist. Seine Position ist, dass er (Gott) uns im Leben hilft. „Vielleicht nicht so, wie wir’s wollen und wann wir’s wollen. Ich weiß, manchem fällt es schwer, das zu akzeptieren, aber ich glaube, dass es einen übergeordneten Plan gibt. Ich denke, er hat ihn festgelegt, aber nicht in Stein gemeißelt. Wir können den Plan verändern, es besser machen oder schlechter.“ Zwischen diesen beiden Polen muss Nat seinen Weg finden.

Die Abenteuer von Nat erinnern einen an die von Huckleberry Finn, nur ist er im wahren Westen, seine Wege kreuzen sich mit wirklichen Personen wie Calamity Jane und Wild Bill Hickock, Bess Reeves, Judge Parker und erfundenen Personen wie Burned Man, Big Boy, Bronco Bob und Prickley Pear, nicht zu vergessen ein Pferd namens Satan. Jeder hat seine eigene Geschichte, die sie Nat erzählen, der geduldig zuhört. Eine dieser Geschichten erzählt Luther Pine, der als Jugendlicher aus Missouri flüchten musste, nachdem er einen weißen Kopfgeldjäger erschossen hatte. Dieser hatte von Luthers Vater verlangt seinen Sohn auszupeitschen, weil dieser eine Pistole gestohlen hatte. Sein Vater wurde dabei verletzt und Luther brachte ihn zu einer alten schwarzen Frau, die als Heilerin bekannt war. Von einem Hügel aus konnte er zu seinem Entsetzen beobachten, wie die Frau, nachdem sie die Hütte verlassen hatte, wieder zurückkam. „Dicht hinter ihr kamen Männer mit Laternen, einige auf Pferden, andere zu Fuß. Sie gingen zur Hütte, und da wusste ich, dass sie uns verraten hatte. Sie zerrten ihn raus. Er wurde buchstäblich herausgeschleift. Sie legten ihm einen Strick um den Hals, suchten einen Ast und zogen ihn rauf. Sie haben ihm nicht das Genick gebrochen, wie beim richtigen Erhängen, sie haben ihn stranguliert. Wahrscheinlich hat sie einen Schinken und eine extra Kelle voll Mehl von ihrem früheren Herrn bekommen.“

Deputy US-Marshals 1893
Deputy US-Marshals 1893

In einem Beitrag für seinen Verlag Muholland, schreibt Joe R. Lansdale unter anderem darüber, wie er zu der Idee kam, „Paradise Sky“ zu schreiben. Er wollte über die wahren Erfahrungen der Schwarzen im Westen schreiben und zur gleichen Zeit, die Geschichte größer machen als das Leben. Lansdale hatte auch die Autobiographie über das Leben im Westen eines schwarzen Cowboys namens Nat Love gelesen. Die Erfahrungen Nat Loves waren ohne Zweifel von den „Dime“ Romanen jener Zeit beeinflusst, so dass die Geschichte mit Vorbehalt gelesen werden musste. Aber seine Geschichte ist heroisch und es ist deutlich, dass er sein Geschäft kennt, wenn er beschreibt, wie er ein Cowboy geworden ist. Nat kannte die Welt seiner Zeit und er war in der Lage, sie so in Worte zu kleiden, dass man sich in diese Welt zurückversetzt fühlte. Es war die Art von Buch, das Lansdale schreiben wollte. Und noch besser – es war ein Buch von einem tatsächlichen schwarzen Cowboy. Nat Love tat die gleichen Sachen, die viele Weiße getan haben. Er nahm Körnchen vom Wahren und formte es in eine Art „Bastardprodukt“, das beides beinhaltet, die Wirklichkeit und gottverdammte Lügen.

Bass Reeves Deputy US-Marshal
Bass Reeves US-Marshal

Lansdale hatte Fakten über den Wilden Westen aus jener Zeit in der Hand, aber liebte die Art und Weise, wie Nat eine Geschichte erzählte. Lansdale wollte, dass sein Roman beinahe mythisch wird. Lansdale war elf Jahre alt, als er zum ersten Mal die „Ilias“ und „Odyssee“ von Homer las und danach alle griechischen Sagen verschlungen hatte. Dieses Durchstreifen der epischen Abenteuer von Göttern und Helden, traf ihn mitten ins Herz. Er dachte Jahre lang daran, ein Ausdrucksmittel für einen Roman über die Erfahrungen der Schwarzen im Westen zu finden, der mystisch oder legendär sein sollte. Als Lansdale in seinen späten Zwanzigern war, nahm die Idee, dies mit einem realistischen Hintergrund zu verbinden, Formen an und es war der Weg, den er beschloss zu gehen. Mehr Wirklichkeit als Mythos und anstelle der griechischen Form der Sagen wählte er die Sprache der Pioniere, so wie sie von Nat Love und den „Dime“ Groschenromanen benutzt wurde.

Überall in „Paradise Sky“ gibt Joe R. Lansdale, der Meister des Geschichtenerzählens, Lektionen darüber, wie mit schlichtem, gutem alten Schreiben Standpunkte, Ton, Handlung, Ironie und Personenentwicklung zu bändigen sind. Lansdale spielt mit den alten Wild West Klischees angefangen von unmöglichen Gewehrschüssen, wilden Indianern, ohne dabei aber die Kritik an der Besiedelung des Westens außer acht zu lassen. Und natürlich mit schönen und klugen Frauen, die ihren Mann stehen.

Das Schlusswort gehört nun Nat Love: „Und das hier ist, was passiert ist, bis dahin, wo ich’s erzählt hab. Wie ich Deadwood Dick geworden bin, und das allermeiste davon ist so wahr, wie’s gerade ging, wenn man bedenkt, dass keiner langweilige Stellen mag.“

 

Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des DEADWOOD DICK                               (Originaltitel: Paradise Sky)                                                                   Tropen Verlag 2016; Übersetzer: Conny Lösch

Cover
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