Stewart O’Nan – Halloween

Im dunklen Herzen des Landes

Halloween
von Stewart O’Nan

 
An Halloween verpasst ein Toyota Camry mit fünf feiernden Teenagern durch zu schnelles Fahren eine Kurve und kollidiert frontal mit einem Baum. Was danach geschieht, mit denen die überleben, und denen, die nicht überleben, sorgt für einen wilden und bösen Ritt in Stewart O’Nans „Halloween“  („The Night Country“). Eine kleine, geisterhafte Geschichte, in der Tradition von Ray Bradbury, die Eltern eine Vor-Halloween Nervosität garantiert.
 
Es ist die Cabbage Night, die Nacht vor Halloween in Avon, eine wohlhabende Vorstadt von Connecticut. Mit gepflegtem Rasen vor den Häusern, menschenleeren, mit Licht überfluteten Straßen und Läden, gefüllt mit den allgegenwärtigen nationalen Marken. Avon ist langweilig, langweilig, langweilig. Nichts übles stört hier, niemals.
 
In der Kurzgeschichte „Willkommen in Lakewood“ schreibt O’Nan: „Wenn Sie das nächste Mal an Lakewood denken, werden Sie es nicht einordnen können,    (… ) – nur irgendeine entlegene Kleinstadt war das, durch die Sie gefahren sind, ohne auszusteigen. Folgenlos, abgesehen von dem unruhigen Gefühl, dass man nicht hierher gehörte, dass dies eine grundsätzlich andere Welt war als die, in der Sie leben. Fremd. Verlebt. Blöd. Es wird nach ein, zwei Tagen – vielleicht sogar noch heute Nacht, wenn Sie zwischen den ein wenig starren Bettlaken wegdämmern – den Anschein haben, als wäre diese Stadt dort hinten, dort drunten nichts als ein schlechter Traum.“
 
 
Tim und Kyle, zwei Kumpel, sind auf der Heimfahrt von ihrer Schicht als Aushilfen beim Stop’n Shop, verfolgt vom freundlich besorgten Officer Brooks. Jeder von ihnen war schon vor einem Jahr mit dabei, als der Toyota Camry fünf Jugendliche gegen einen Baum warf. Drei Kinder starben in dieser Nacht. Toe, der Fahrer, Danielle, Tims Freundin, und Marco, unser Erzähler. Es gab zwei Überlebende: Kyle, dessen massive Verletzungen ihn debil werden ließen, und Tim, dessen „Überlebensschuldgefühle“ sich in Selbstmordgedanken verhärtet haben. Brooks, der Offizier, der die schreckliche Szene als erster  erreichte, und der den Wagen mit Sirenengeheul verfolgt hatte, hat sich in sein Schneckenhaus zurückgezogen, um seine inneren Dämonen zu bekämpfen. Seine einzige Mission ist nun, Tim und Kyle, davon abzuhalten, diese schreckliche Szene an diesem Halloween zu wiederholen.
stop-n-shop
 

Was die Geschichte „Halloween“ so erschreckend macht, ist die jagende Präsenz der spöttischen Untoten. Das Geistertrio weht in und aus den Leben von Tim, Kyle und Brooks, schwächer werdende, verschwommene Anspielungen ihrer Selbst in einer „Andernwelt“. Obgleich O’Nan Marco, „den Stillen“, als Erzähler erwählt hat, fügen Toe und Danielle eine Fülle von Kommentaren hinzu. Beiläufig, tadelnd, böse, kommentieren die drei Untoten das Geschehen, wie der Chor einer griechischen Tragödie. Jeder der Figuren erzählt seine eigene Geschichte, erlaubt somit O’Nan ruhig die Perspektiven zu wechseln, um so ein lebhaftes Panorama aus Gefühlen und Verständnis bereitzustellen.

The Night Country
The Night Country

O’Nan, Autor von bisher zwanzig, von der Kritik freudig begrüßten Büchern, sagt in einem Interview, dass er in einer Zeitung die Nachricht über einen aktuellen Todesfall gelesen hat, in den mehrere Jugendliche verwickelt waren. Dies geschah in einer Nachbargemeinde. Er konnte dies nicht abschütteln. Ein Jahr später, an demselben Tag, stiegen zwei Überlebende in einen Jeep, einen Koffer voller Bud in Dosen und einem Handy und fuhren um die Stadt, besuchten all die alten Orte, die sie gewöhnlich mit ihren Freunden besucht hatten, telefonierten mit all ihren anderen Freunden, sagten: „Wir werden uns umbringen, wir wollen nicht mehr weiter leben wegen diesem Unfall vom letzten Jahr. Wir wollen uns von euch verabschieden.“ Und sie fuhren in denselben Baum, der ihre Freunde erschlagen hat. Danach legten ihre Freunde, die ganze Stadt, all diese Blumenkränze und Teddybären um diesen einen Baum. Dann kam die Stadt und fällte den Baum, weil sie nicht wollten, dass jemand dies wiederholt. Sehr verrückt.“

Ein Horror Fan seit seinen ersten Tagen, als er in Pittsburgh aufwuchs (auch Heimatstadt von George A. Romero, der berühmte Regisseur von „Night of the Living Dead“, bemerkt O’Nan stolz), hat O’Nan lange davon geträumt, eine Hommage an Ray Bradbury zu schreiben, dem auch „Halloween“ gewidmet ist.

„Er war einer meiner ersten großen Vorbilder. Es ist etwas magisches mit seinen Kurzgeschichten. Eines meiner Lieblingsbücher aller Zeiten ist „Something Wicked This Way Comes“ (dt. Das Böse kommt auf leisen Sohlen). Ich liebe dieses Buch und schon seit Jahren sage ich, dass ich so etwas auch schreiben möchte“, sagt O’Nan.
 
Der Unfall der Jugendlichen und der Doppelselbstmord schien die perfekte Grundlage für einen Roman zu sein. In Bradburys „Something Wicked This Way Comes“ kommt das Unheimliche in die kleine Stadt, und es liegt an den Unschuldigen dort, zwei Jungen und ihrem Vater, der Bibliothekar ist, gegen dieses gefährliche Ding, einen Jahrmarkt, zu kämpfen. Bradburys Buch ist ein moderner Klassiker zu dem Thema Kindheit und Jugend im ländlichen Amerika. Vorläufer dieses Themas ist sicherlich Mark Twains „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“.
Something Wicked This Way Comes
Something Wicked This Way Comes
„Es gibt keine kleinen Städte mehr, dort wo ich lebe, es sind alles Vorstädte. Als ich damit begann, das Buch zu schreiben, dachte ich OK, bringe diesen Zauber in diesen Ort, der fraglos nicht zauberhaft ist.
 
Wie in „Halloween“ einem seiner beliebtesten Horrorstreifen, beschwört O’Nan eine schlimme Ahnung des sehr alltäglichen Lebens in Avon. Wie schrecklich es auch sein mag, in einem verdrehten Autowrack jung zu sterben, überleben mit Kyles Behinderungen, ist weitaus entsetzlicher. „Im Kino, Fernsehen und Popsongs, wird nur über die Oberfläche von Ereignissen berichtet und geschrieben anstatt den Konsequenzen daraus,“ sagt O’Nan. „Diese Dinge geschehen und das ist wahrscheinlich der Höhepunkt. Doch mit diesem Ereignis und seinen Folgen zu leben – wie bekommst du dann dein Leben in den Griff? Wir alle müssen das. Dein Leben ist nicht plötzlich zu Ende, es muss irgendwie weitergehen“.
 
O’Nan, wie Bradbury, ist ein entschieden formal ungebundener Autor, wenn auch einige Aspekte der Gothic Novel immer wieder in solch verschiedenartigen Werken wie „Wish you Were Here“ (dt. Abschied von Chautauqua (2002)), „A Prayer for the Dying“ (dt. Das Glück der anderen (1999)) und „A World Away“ (dt. Sommer der Züge ( 1998)) auftauchen.
 
In einem Essay über den „Sniper von Washington“ schreibt er: „Die besondere Befriedung, die ein „mystery“ vermitteln kann, liegt darin, die Antworten zu erraten, bevor der Erzähler sein Geheimnis preisgibt. Irgend etwas beinahe, aber dann doch nicht ganz zu wissen, ist eine erregende Erfahrung – und das gleiche gilt für Wendungen in einer Geschichte, die den Glauben an die von uns gefundene Lösung erschüttern. Etwas nicht zu wissen, das ist genauso wichtig wie etwas zu wissen“.
 
Auf die Frage, nach seinem persönlichem Schrecken, antwortet O’Nan: „Alles. Ich dachte eine sehr, sehr lange Zeit, dass ich bei einem Autounfall sterben würde. Angst vor einem Wirtschaftskollaps. Angst vor republikanischen Präsidenten. Angst ist eines der großen Themen, die ich in jedem von meinen Romanen verarbeite.“
 
Es ist bestimmt redlich zu sagen, das Zerstreutheit Bestandteil in seinem kreativen Schreibprozess ist. „Was passiert, ist, ich beginne mit einem Buch, habe die Charaktere, die Handlung und die Szenerie, den ganzen Stoff, und ein kleiner, zarter Charakter saust über einen Satz und beansprucht damit viel mehr Aufmerksamkeit. Was ich dann mache, ist, ich folge der Person, über die ich nichts weiß, dahin, wo ich hoffe, dass es dort interessanter ist. Und das ist das Buch, welches ich zu Ende schreibe, und das Buch, welches ich zu schreiben geplant habe, vollende ich nie“.
 
Obgleich ihm die Geschichte während des Schreibens nicht unter die Haut ging, kann O’Nan nun „Halloween“ zu der Liste von Dingen dazurechnen, die ihn um den Schlaf bringen. „Nun schickt es sich an, mir ein wenig Gänsehaut zu verursachen. Ich habe eine Tochter, die gerade ihren Führerschein bekommen hat und sie geht auf die gleiche High School. Es ist sehr unheimlich. Meine große Angst ist, dass diesen Herbst etwas schlimmes passiert, gerade wenn das Buch in unserer Stadt erscheint. Ich mache mir darüber Sorgen“.
 
 O’Nan hat nicht nur ein Meisterstück subtilen Horrors geschrieben. Er hat auch einen der engagiertesten, menschlichsten und tief empfundenen Roman geschrieben. Er liefert uns wieder einen intimen Blick auf die Menschen, die die Hoffnung hochhalten und er zeigt uns die Konsequenzen, wenn sie fehlgehen.
Halloween
 
Stewart O'Nan "Halloween"
Rowohlt Verlag 2004
Übersetzer: Thomas Gunkel

Stewart O’Nan „Westlich des Sunset“

Premiere in Hollywood
Premiere in Hollywood

Im Grunde ist alles Leben ein Prozess des Niedergangs

Stewart O’Nan „Westlich des Sunset“

1936 erschien in der Zeitschrift „Esquire“ zwischen Februar und April ein autobiographischer Essay von F. Scott Fitzgerald unter dem Titel „The Crack-Up“. Der Essay beginnt mit den Worten  „Of course all life is a process of breaking down“. In diesem Essay, der unter dem deutschen Titel „Der Knacks“ erschienen ist, entwickelt und beschreibt Fitzgerald seine Vorstellung eines „emotionalen Bankrotts“. Diese persönliche Abhandlung gilt als wichtigstes Dokument für die Lebenskrise Fitzgeralds.

Diesen Niedergang von F. Scott Fitzgerald beschreibt Stewart O’Nan anhand der letzten Jahre, die Fitzgerald in Hollywood verbracht hatte, um sich dort als Lohnschreiber in den dortigen Studios zu verdingen. Geschuldet war dies seiner prekären finanziellen Situation. In seiner romanhaften Biografie „Westlich des Sunset“ unternimmt Stewart O’Nan den heiklen Versuch diese angespannten Jahre zu bebildern, indem er einen Erzähler in der dritten Person benutzt, der die Gedanken von Fitzgerald reflektiert. Wieder ein Buch, das sich in die vielstimmige Sekundärliteratur über F. Scott Fitzgerald einreiht, mag man denken. Auf diesen Einwurf hat Stewart O’Nan auf  einer Lesung in Stuttgart gesagt, dass Sekundärliteratur immer die Perspektive von  anderen aufzeigt. Von Freunden, Briefpartnern und Zeitgenossen. Keine zeigt den Blickwinkel des Protagonisten. Dies aber hat ihn interessiert. Die Gefühls- und Gedankenwelt von Fitzgerald aufzuzeigen. Beschreiben wie es war. Durch diesen Kniff, einen Erzähler zu bemühen, wollte er näher an Fitzgerald sein, seine Emotionen zeigen. Aber, was im Menschen Fitzgerald passiert und vorgegangen ist, weiß man nicht. Alle Biografien können nur Annäherungen an den Menschen Fitzgerald sein. Gereizt hat ihn, die neue Lebenssituation von Fitzgerald zu beschreiben. Den Frondienst und die Demütigungen, die er erfahren hat. Der gefeierte Schriftsteller als Lohnschreiber von Drehbüchern und konfrontiert mit einer neuen Liebe.

Seine Jahre in Hollywood fingen mit seiner Ankunft im Jahr 1937 an, ausgestattet mit einem lukrativen Vertrag von MGM, und dauerten bis zu seinem frühen Tod durch einen Herzinfarkt im Alter von 44 Jahren. O’Nan benutzt zur Beschreibung dieser Jahre auch die Menschen, mit denen Fitzgerald  Umgang hatte und Ereignisse, die die Person Fitzgerald am besten beschreiben: Fitzgeralds Umgang mit seinen Kumpanen wie Humphrey Bogart, Ernest Hemingway, von dem auch der Satz stammt, Fitzgerald habe seine Gabe verraten, Aldous Huxley, Anita Loos, Dorothy „Dottie“ Parker, mit ihren spritzigen Bonmots und ihr Mann Alan Campbell und Marlene Dietrich. Seine intensive Liebe zu der jungen, blonden Gesellschaftsreporterin Sheilah Graham, die sich präsentierte, als ob sie von der englischen Upper Class abstammte aber als Lily Sheil in einem Londoner Slum geboren wurde. Die nutz- und sinnlose Arbeit als Drehbuchschreiber in seinem Büro wird penibel aufgezeichnet. Schlussendlich taucht sein Name nur bei einem Film im Abspann auf.

F. Scott Fitzgerald war schon zweimal vor 1937 in Hollywood gewesen, jeweils als ein ganz anderer Mensch. Beim ersten Mal hatte er triumphal in die Stadt Einzug gehalten, das goldene Wunderkind und seine Flapper-Braut, die wilde Zelda. Eine der Ikonen jener Zeit, eine junge Frau, die kurze Röcke und kurzes Haar trug und selbstbewusst ihr Leben lebte. Beim letzten Mal schlich er sich in die Stadt an den Reportern vorbei, um die kranke Zelda zu besuchen. Und jetzt ging er anonym in der Menge der Reisenden unter. Kein Empfangskomitee erwartete ihn.

F. Scott Fitzgerald war auf der einen Seite ein perfektes aber auch ein abschreckendes Aushängeschild für Hollywood. Sein jugendlicher Ruhm verlieh ihm eine scharfsinnige Sicht auf diese seichte, flitterhafte Stadt. Diese Stadt, die trotz ihrer tropischen Schönheit etwas Reizloses, Hartes, und Vulgäres hatte, das so unzweifelhaft amerikanisch war wie die Filmindustrie. Aber gerade da er in den letzten drei Jahren seines Lebens dort gearbeitet hatte, war es auch ein trauriger Fall: ein von Schulden geplagtes Genie, ein Alkoholiker, der sich selbst verkaufte, um an zweitklassigen Drehbücher mitzuarbeiten. Hat man jemals von dem Film „A Yank at Oxford“ gehört? Kein Wunder, dass sein großer und unvollendeter Roman „The Love of the Last Tycoon“ die Romantik, die Illusionen und  Flitterhaftigkeit der Filmindustrie zum Thema hat.

Warum die Hollywood-Jahre? Auch dazu äußerte sich O’Nan in Stuttgart. Ihn reizte, den Niedergang nach dem Erfolg zu beschreiben. Auch den Wesenszug von Fitzgerald, den Glamour und die Nähe von erfolgreichen und berühmten Leute zu suchen. Teil dieser Glamourwelt, dieser abgeschiedenen Welt der Privilegierten zu werden und zu sein. Ein Leben lang hatte er sich von den ganz Großen angezogen gefühlt, in der Hoffnung, sein beflissenes Verständnis könnte ihm einen Platz unter ihnen einbringen. Aber auch die Angst vorm Schreiben, das Wissen um die Verschwendung seines Talents, dessen sich Fitzgerald auch bewusst war. Der exzessive Genuss von Drogen und Alkohol. Fitzgerald war für O’Nan zu dieser Zeit ein Außenseiter, bedingt durch seine Schulden und seine Heimatlosigkeit, der versuchte, in Hollywood einen neuen Weg für ein neues Leben zu finden. Aber auch das Kapitel Filmindustrie, das ja auch in diesen späten dreißiger Jahre in Hollywood geschrieben wurde und die Zeitgeschichte, die Politik, hier auch der spanische Bürgerkrieg, beschrieben durch die Aktivitäten von Hemingway und Parker, das Wissen, dass ein Krieg kommen wird, dieses Zeitpanorama, wollte er ebenfalls illustrieren.

Das Buch beginnt mit Fitzgeralds Besuch bei Zelda an ihrem 17ten Hochzeitstag, kurz bevor er nach Westen, nach Hollywood geht. Die Frau, die er trifft, ist in ihren späten Dreißigern und erinnert kaum an die legendäre Zelda. Gezeichnet von ihrer Krankheit, die O’Nan eine bipolare Störung nennt. Einmal fragt sich Fitzgerald, ob sie schon die ganze Zeit verrückt gewesen war und er das anziehend gefunden hatte. Zelda ist hager und verhärmt, einem alten Weib ähnlich, ihr Lächeln ruiniert durch einen abgebrochenen Zahn. Nachdem er nach Hollywood umgezogen war, fuhr er noch einige Male nach Osten, um sie zu besuchen, und jedes Mal notierte er, wie sich Zelda verändert hatte: Sie hat an Gewicht zugelegt, ihre Haare waren gefärbt in einem wenig schmeichelhaften braun, ihre altmodischen Kleider waren Zuwendungen des Sanatoriums. Er beobachtete sie nach Anzeichen. Ist sie stabil oder ist sie wieder dabei, den Erzengel Michael zu sehen? Sie gaben sich gegenseitig vor und auch vor sich selbst, dass sie irgendwann wieder zusammen leben würden. O’Nan überzeugt am meisten, wenn er über die herzzerbrechende Schuld berichtet, die Fitzgerald verspürt, wenn er daran denkt, auf wie viele Weisen er Zelda in den letzten Jahren verlassen hatte. Die Frage, ob er Zelda alleine lassen kann – diese Frage beschäftigt ihn und er hat Schuldgefühle, die ihn für den Rest seines Lebens quälten. Er hatte ein schlechtes Gewissen, als hätte er sie, so unmöglich es auch gewesen war, retten müssen. In einem Brief an Zelda im April 1938 schrieb er: „Wir waren einmal ein einziger Mensch, und ein bißchen wird es immer so bleiben.“ Auch erleichterte es ihn sehr, dass er Zelda nicht persönlich über den Entschluss, nach Hollywood zu gehen, informieren kann, sonder dies per Brief erledigte. Er schämte sich, ist hilflos, weiß um sein Scheitern.

„Natürlich. Ich bin der König, des Schiefgehens.“
„Und ich deine Königin.“
„Stimmt“, sagte er, denn obwohl der Thron viele Jahre lang leer geblieben und das Schloss, wie auch das Reich, längst zerstört war, war sie seine Königin. Trotz allem, was sie vergeudet hatten, würde er nie bestreiten, dass sie füreinander geschaffen waren.
Zelda Fitzgerald
Zelda Fitzgerald
So ein Dialog aus dem Roman oder an anderer Stelle: „Wir haben viel zu früh angefangen, schlechte Karten zu ziehen“
Der Knacks

In dem bereits angeführten Essay vom Februar 1936 „Der Knacks“ schrieb er: „Im Grunde ist alles Leben ein Prozeß des Niedergangs, aber die Schläge, die das eigentlich Dramatische dabei ausmachen – jene plötzlichen schweren Schläge, die von außen oder scheinbar von außen kommen, an die man sich erinnert, für die man die Dinge verantwortlich macht und über die man in schwachen Momenten auch zu seinen Freunden spricht -, diese Schläge zeigen ihre Wirkung nicht mit einem Mal. Es gibt noch einen andere Art von Schlägen, die von innen kommen und die man nicht spürt, bis es zu spät ist, etwas dagegen zu tun, bis einem endgültig klar wird, daß man als Mensch in dieser oder jener Hinsicht nie wieder soviel taugt wie früher. Die erste Art von Knacks kommt rasch, die zweite Art kommt, fast ohne daß man es merkt, aber dann spürt man es plötzlich um so mehr.“

Es muss ein Gefühl gewesen sein, als ob jemand einem den Teppich unter den Füßen weggerissen hätte. Im Alter von vierzig Jahren war er durch eine Reihe von Rückschlägen, die Fitzgerald eher als Pech betrachtete, zu einem Heimatlosen geworden. Da seine Tochter Scottie im Internat wohnte und Zelda im Sanatorium brauchte er keinen Haushalt mehr zu führen, eine Erleichterung, weil sich damit seine Ausgaben verringerten. Allerdings gab es jetzt keinen Ort mehr, an den sie zurückkehren konnten, und die Dinge, die ihnen am meisten bedeuteten, waren in muffigen Abstellräumen gelagert. Er hatte sich so weit wie möglich eingeschränkt, und dennoch reichte sein Geld nicht, um für die Klinik und Scotties Schulgeld aufzukommen, aber er weigerte sich – aus falschem Ehrgefühl oder schlichter Verblendung -, seine Pflichten zu vernachlässigen. Aber er staunte über seinen eigenen Sturz und seine Fähigkeit, sich dessen bewusst zu sein. Auch ein Gedanke, den O’Nan bei der Lesung ausführte. Warum war Fitzgerald zu jener Zeit aus der Mode gekommen? Hatte Hemingway mit seinem Bonmot recht, dass Scott seine Gabe verraten hatte? O’Nan meint, dass bedingt durch die Weltwirtschaftskrise und den dadurch verursachten Börsencrash, die Menschen andere Sorgen hatten, als sich um das Glamourpärchen, Scott und Zelda Fitzgerald zu kümmern. Das Leben dieses Pärchen war aus der Zeit gefallen.

Fitzgerald schreibt wiederum im Essay: „Nun kann ein Mann auf mancherlei Art kaputtgehen – zum Beispiel im Kopf, in welchem Fall ihm die Entscheidungsfreiheit von anderen abgenommen wird! oder körperlich. In Hollywood wurde ihm auf jeden Fall vorgeschrieben, an was er zu arbeiten hatte. Die Entlohnung war für einen Normalverdiener extrem hoch, sechs Monate für tausend Dollar die Woche aber die „Eiserne Lunge“, wie der Bürotrakt von MGM bei den Drehbuchschreibern hieß, verschlang auch so manchen Autoren. So hatte Fitzgerald im Laufe der Jahre beobachtet, wie Hollywood seine Freunde aus dem Osten verschlang, wie es ihre edleren Ambitionen untergrub und ihnen die Taschen füllte. Er schreibt dazu „…und wenn jemand mir einen Knochen mit genügend Fleisch daran hinwirft, werde ich ihm vielleicht sogar die Hand lecken.“
F.Scott Fitzgerald und Sheilah Graham
F.Scott Fitzgerald und Sheilah Graham
Und dann traf er die Engländerin Sheilah Graham, eine erfolgreiche Klatschkolumnistin. Obwohl sie blondes Haar hatte und diese zudem wellig waren, hätte sie Zeldas Zwillingsschwester sein können. Nach der Meinung O’Nans fand Fitzgerald in Sheilah, was er in seinem Buch „Der große Gatsby“ beschrieben hatte. Jemand, der sich selbst erschuf. Sheilah, so O’Nan, hat sich selbst erfunden. Von der proletarischen armen Auswanderin aus England, zu einer erfolgreichen Klatschreporterin Hollywoods. Mit Mut, Esprit, Witz und Intelligenz, smart, mutig und kräftig hat sie sich ihren Platz erobert. Sie war ihrer Zeit voraus und war die stärkere von beiden. Fitzgerald konnte sich nie aus dem Zwiespalt zwischen Zelda und Sheilah lösen. Dazu dürften auch die Briefe beigetragen haben, die Zelda ihm zukommen ließ, so wie der vom März 39: „Liebster, ich bin immer dankbar für all die Loyalität, die Du mir gegenüber bewahrt hast, und ich bleibe immer den Begriffen treu, die uns so lange zusammengehalten haben: dem Glauben, daß das Leben tragisch ist, daß der geistige Lohn eines Menschen im Festhalten an seinem Glauben, wir sollten einander nicht verletzten, besteht. Und ich liebe, immer, Dein schönes schriftstellerisches Talent, Deine Toleranz und Großzügigkeit und alle Deine glücklichen Begabungen. Nichst (sonst) könnte unser Leben überdauert haben.“
Die Liebe des letzten Tycoon

Neben seiner Liebe fand Fitzgerald auch wieder zum Schreiben. Neben zahlreichen Short-Stories, die er wegen seiner Geldnot schrieb, fing er wieder an einem neuen Roman an, den er nicht fertig stellen konnte, ihm aber neue Hoffnung gab. Ihm aber gleichzeitig bewusst machte, dass er viel Zeit verschwendet hatte. So schrieb er, ebenfalls im Herbst 39 an Zelda: „Den ganzen Tag habe ich an einem Roman gearbeitet, bei dem die Herausgeber der Zeitschrift mich zu fördern bereit sind, wenn ihnen die ersten zwölftausend Wörter gefallen. Es sieht aus, als könnte es die Rettung sein, und ich lege alles, was ich habe, hinein.“

Es scheint, als ob das komplette Scheitern Fitzgeralds, sein Absturz durch Alkohol, ihn soweit zurückgeworfen hatte, dass er wieder zu sich selbst gefunden hatte. Und so konnte er am 23.10.1940 wiederum an Zelda schreiben: “ Ich stecke tief in meinem Roman, ich lebe darin, und er macht mich glücklich. Es ist ein konstruierter Roman wie Gatsby mit Passagen poetischer Prosa, wenn sie zur Handlung passen, aber keinen Grübeleien oder Nebenepisoden wie in Tender. Alles muß zur dramatischen Bewegung beitragen.“

Stewart O'Nan
Stewart O’Nan

Die schönsten Passagen des Romans „Westlich des Sunset“ liegen nicht nur in den eleganten beschreibenden Abschnitten und den lebhaften Berichten über Hollywood auf seinem Höhepunkt, sondern auch im Ton des Romans. O`Nan hat durch die Benutzung  von Fitzgeralds Briefen und Werke einen Hintergrund geschaffen, der die Verfassung und die Seelenqualen Fitzgeralds widerspiegelt. Der Leser wird in eine Welt versetzt, in der Fitzgerald zu einer menschlichen Figur wird – angenehm, talentiert, schwach, sich ganz seinem Talent widmend und darin sorgenfrei sein kann. Man merkt diesem Buch an, dass O’Nan seine Figuren liebt, er die Menschen mag über die er schreibt und sie nicht verachtet oder sich über sie lustig macht in ihrem Bemühen um ein aufrechtes Leben.

Was fasziniert Stewart O’Nan an dem Autoren Fitzgerald. Darauf antwortet er: „Mir gefällt die Figurenbeschreibung, die Komik von Fitzgerald, das Positive in seinem Schreiben, die Musik seiner Sprache und die Emotionen. Das präzise, elegante und konzentrierte Schreiben und die Spannbreite seines Schaffens.

Veränderung ist die einzige Konstante in diesem Roman. Von Fitzgeralds kurzlebigen Drehbuchentwürfen bis zu den in die Jahren gekommenen Filmstars, der Zerfall von Zelda. Die ganze Welt scheint dem Schicksal verfallen zu sein, zu verschwinden. O’Nan beschreibt das Gefühl eines freien Falls, den unkontrollierbare Veränderungen mit sich bringen können. Zitat aus „Der große Gatsby“ – „So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.“

Westlich des Sunset
Stewart O`Nan
„Westlich des Sunset“ („West of Sunset„)
Übersetzer: Thomas Gunkel

Melanie Rae Thon „Iona Moon“

with no eyes to cry
with no eyes to cry

Moral – der Kampf ein Leben zu leben von Mitgefühl und Anstand

„Das zweite Gesicht des Mondes“ ein Roman von Melanie Rae Thon

 

„Sobald ich anfing, die Geschichte von Iona zu erzählen, wurde sie absolut wirklich für mich. Sie war in mir. Das ist nicht immer so, wenn ich schreibe. Manchmal braucht es Monate, um nahe genug an die Personen zu kommen, um ihre Stimmen zu hören und um zu verstehen, was in ihrem Leben geschieht. Aber Iona, ich fühlte, ich wusste alles über sie – oder dass ich alles über sie wissen könnte, wenn ich geduldig genug wäre, wenn ich über sie nachdachte und sie erinnern ließe. (…) Für mich war sie einzigartig. Sobald sie sprach, war sie wild und beharrlich. Sie konnte niemand anderes sein, als sie selbst.“

So Melanie Rae Thon in einem Interview über ihre Hauptfigur Iona Moon in dem gleichnamigen Roman (dt. „Das zweite Gesicht des Mondes“). Grundlage des Romans sind zwei Kurzgeschichten aus ihrem Erzählband „Girls in the Grass“: „Iona Moon“ und „Snake River“.

In klarer prächtiger Prosa, gibt Melanie Rae Thon uns eine kraftvolle Darstellung derer, die sich nach Liebe sehnen, während sie am schmerzlichen Rand der Wirklichkeit gehen. „Iona Moon“ ist ein starker Roman – weich und schmerzhaft an Verlangen. Die Prosa ist wunderbar balladenhaft und genau. Der Text ist herb und oft unerwartet – zuerst erscheint er einfach, sehr wie Iona Moon selbst, die sich im Laufe des Romans als ungewöhnlich widerstandsfähig, zu großer Zärtlichkeit fähig, und sehr oft als weise erweist.

In „Iona Moon“ erschafft Thon eine Stadt – White Falls, Idaho – voller Menschen, die sich abmühen ein Leben zu gestalten von Anstand und Erfüllung durch Erkenntnis, durch Witz, durch Arbeit, durch Vertrauen. White Falls (und der bäuerliche Außenbezirk, die Kila Flats) ist ein Ort, wo das Leben die Menschen bricht und wo Menschen sich selber zerbrechen, manchmal langsam, manchmal abrupt, manchmal mit guten Absichten, manchmal mit überhaupt keinen Absichte

Gasoline
Gasoline

Die Zukunft in diesem Provinznest amerikanischen Zuschnitts scheint für jeden vorausbestimmt. Die Mädchen heiraten nach der High-School, bekommen ihr erstes Kind und danach jedes Jahr ein weiteres, werden Kassiererinnen oder Arzthelferinnen. Die Jungen schaffen es vielleicht aufs College oder treten in die Fußstapfen ihrer Väter. Angst beherrscht ihr Leben. Angst vor der Zukunft „vor all den Tagen, die genauso beginnen würden, wie dieser. Er konnte sich kein eigenes Leben vorstellen, kein Leben mit Frau und Kind. Eines Tages in nicht allzu ferner Zeit würde er auf dem Stuhl seines Vaters sitzen, die Gedanken seines Vaters im Kopf. Er sah sich schon als alten Mann, sah sich als Toten“. Aber Iona hat Mitgefühl, Mitleid – weil man ein noch so jämmerliches Leben haben kann und es trotzdem immer noch andere Möglichkeiten gibt. Wir sind alle auf Vergebung angewiesen.

Sterblichkeit, in der Tat, hat alle wichtigen Männer in Ionas Leben gebrochen – von ihrem Vater und ihren Brüdern bis zu ihren Liebhabern. Wie sagt Iona zärtlich zu einem Liebhaber: „Jeder ist auf seine Weise mitleiderregend“. Durch all diese Traurigkeit und Schmerzen, finden Thons Menschen zum Verständnis zueinander und zu ihrem Leben, zu dem sie sich bekennen müssen.

Meeting place
Meeting place

Als Ionas Mutter stirbt, ruft Iona sich die Worte ihrer Mutter ins Gedächtnis zurück: „Es gibt nur drei Wege raus aus der Stadt – der Fluss, die Bahngleise und die lange, gewundene Straße und doch kommt man anscheinend nur fort von hier, indem man stirbt“. Es gibt kein Entkommen. „Einerlei, wie weit du rennst, du nimmst dich immer selbst mit“.

Iona Moon – ein Mädchen, in vielem schon eine Frau, nicht schön, knochig, gelbe Haut, ihr Busen klein, aber warm. Tochter eines Kartoffelbauers in den Kila Flats. Stinkt nach Stallmist. Ihre drei Brüder geben ihr Geld. Einen Quarter und sie lässt sich unter den Rock fassen, einen Dollar und ihr älterer Bruder kann mit ihr auf den Heuschober. „Ich habe einen Quarter. Und was bietest du für einen Dollar? Früher oder später bekam sie von jedem Jungen

das gleiche zu hören.” Thon sagt über Iona: „Ja, sie ist begehrenswert, weil sie leidenschaftlich ist. Sie hat keine Angst vor ihrem eigenen Körper. Sie hat keine Angst vor ihrer Sexualität. An einem Punkt sagt sie:

Was für einen Sinn macht es, alles für einen speziellen Anlass aufzusparen, der vielleicht niemals kommt? Sie lebt in der Gegenwart und tut was sie will – oder was nötig ist – in jedem einzelnen Moment. Diese Eigenschaft macht sie verführerisch aber auch erschreckend. Es gibt ihr eine große Macht über Jungen, die von ihr angezogen werden. Sie verführt die Jungen, die sie wollen, wirft sie aus dem Gleichgewicht. Ich denke, deshalb ist sie auch eine „Schlampe“. Wenn sie zu bedrohlich wird, können die Jungen wieder zu ihren moralischen Wertvorstellungen zurückkehren. Sie können über sie als „schmutzig“ denken – körperlich und geistig. Sie können ihr entkommen, indem sie sich selbst davon überzeugen, sie bevorzugen „nice“ girls, Mädchen, denen beigebracht wurde, sich von ihrem Körper zu entfremden. „Ich bin keine Schlampe, Willy, ich bin bloß großzügiger, als die meisten Mädchen, die du kennst“. Oder wie sie zu ihrer Mutter sagte: „Weil ich einen Körper habe. Hände und Rücken, Blut und Haut“.

„Er beobachtete sie, betrachtete ihren Körper – gelbliche Arme, dunkles Gesicht, zottelige Haare und spitze Nase, all die zarten, beinahe sichtbaren Knochen. Ein seltsamer Trost, dieses Mädchen, aber es tröstete ihn, an ihre Rippen und Knie zu denken, an ihre knochigen Hüften, all das was er spüren würde, wenn er sich zu ihr legte, nichts Weiches und Einfaches, nur die harte Wirklichkeit – dieses eine Mädchen, diese Nacht, dieser Körper neben seinem.“

Liebe, jeder ist auf der Suche nach Geborgenheit, Nähe, etwas, was dem Leben einen Sinn gibt. „Sie wollte weg, endgültig. Aber vor allem anderen wollte sie diese Menschen lieben. Das war die Wunde, die nie zuheilte: das schlichte Verlangen zu lieben, nicht einfach irgendwen, sondern diese vier: Rafe, Dale, Leon, Frank (die Brüder und der Vater). Sie wünschte, sie würden alle etwas tun, nur eine Kleinigkeit, etwas Nettes, damit sie zumindest an die Möglichkeit von Liebe glauben konnte. Sie wünschte, Hannah hätte sie beschützt, denn dann hätte sie die vier jetzt nicht hassen müssen.“

Die Mütter, es steht viel über Mütter in diesem Roman. Sharla, Ionas Freundin, die von ihrem Vater geschwängert, von ihm in den Keller gesperrt wurde und dort eine Fehlgeburt erleidet weint, „weinte jetzt auch, um Iona und um sich selbst, um Hannah Moon und um ihre eigene Mutter, die Frau mit den großen, verschwommenen Augen, um alle Mütter, die zu früh die Augen schlossen, die ihre Brille absetzten und starben, die nicht hinsehen wollten, und um alle Töchter, die so lange die Wahrheit verschwiegen, bis sie nicht mehr zu retten waren, die nur weinten und sich aneinander festhalten konnten, in der hell erleuchteten Küche irgendwo in einer frühmorgendlich stillen Straße.“

ohne Titel
ohne Titel

Die Differenz zwischen Selbstmitleid und Qual, und den Abstand zwischen persönlicher Verzweiflung und allgemeiner Hoffnung schildernd, ist „Iona Moon“ reif, aufschlussreich und wunderbar. Und Melanie Rae Thon entlässt den Leser am Schluss nicht ohne Hoffnung:

„Manchmal gab einem der Snake River eine zweite Chance, ob man sie nun haben wollte oder nicht“.

Rowohlt Verlag
Rowohlt Verlag

Bisher von Melanie Rae Thon erschienen:                          

„Niemandes Töchter“ -Erzählungen

“Augustnächte” -Roman

“Das zweite Gesicht des Mondes” -Roman  Rowohlt

Illustrationen von Tomi Ungerer

 

Tomatenrot von Daniel Woodrell

Tomatenrot

Ein Buch, wie ein Rockabilly SONG

DU BIST KEIN UNSCHULDSLAMM, und du weißt, wie das so läuft: Freitag ist Zahltag, und der Tag ist grau und ganz durchgesuppt von einem langsamen, hässlichen Regen. In deiner Trübsal suchst du Gesellschaft…“ Das ist der Anfang des meisterhaften ersten Kapitels von Daniel Woodrells sechstem Roman, der nun in einer Neuübersetzung im liebeskind Verlag erschienen ist. Und wie die Leser von Daniel Woodrell es erwarten, spielt auch dieser Roman in den Ozarks. Um genauer zu sein, in West Table, Missouri.

Der Erzähler heißt Sammy Barlach. Und die Geschichte, die Barlach zu erzählen hat, ist eine Tragödie. Aber diese zu lesen, ist eine Freude, wie die New York Times schrieb. Dieses fulminante erste Kapitel, das ganz dem Erzähler gehört, ist ein furioser Einstieg in den Roman. Barlach erzählt seinen Werdegang. Ohne Punkt und Komma wie es scheint, atemlos. Er schwadroniert wie die Menschen im Ozark sprechen. Sammy öffnet sich, ist schonungslos sich selbst gegenüber und sein Motto ist: Hier bin ich, nehmt mich wie ich bin, ich kann nicht anders. Es ist kein Bewusstseinstrom, kein steam-of-consciousness Monolog, sondern klare kompromisslose, ehrliche Sprache.

Gerade erst Arbeit in einer Hundemittelfabrik gefunden, trifft er ein Mädchen, die gut mit Crank (Meth) versorgt ist und die nach dem Wochenendtrinkgelage auf die Idee kommt, in die Villa einer reichen Familie einzubrechen, die gerade wieder einmal in Urlaub ist. Hier wird er sich seiner Herkunft bewusst: „Ich hasste mich und alle von meiner Sorte vor mir. Dieses Haus stand zig Ebenen über jedem, in dem ich jemals gewesen war.“ Er muss sich ins Gedächtnis rufen kein Abschaum zu sein und gleichzeitig dem Drang widerstehen, alles kurz und klein zu schlagen. Ein Drang, der immer da war, im Hintergrund, aber immer nach vorne gespült wurde. Er hat noch ein zweites Bedürfnis: es musste immer etwas zu essen in Reichweite sein. Ohne was zu essen konnte er nicht schlafen. Nur die Gewissheit, dass etwas Nahrhaftes greifbar war, beruhigte ihn schon.

In der Villa trifft Sammy die Einbrecher Jamalee und Jason Meridew, ein Geschwisterpaar aus Venus Holler. Die zwei leben zusammen wie Bruder und Schwester, „die früher wohl erheblich öfter Doktor gespielt hatten, als es sich gehörte.“ Die Geschwister brechen in reiche verlassene Häuser ein, um dort für eine Nacht den Luxus zu genießen. Kleider anzuziehen und so zu tun, als sei man reich. Jamalee jedoch hat Träume, will groß herauskommen, indem sie ihren Bruder, der durch sein Aussehen allen Frauen den Kopf verdreht, dazu benutzt, reiche Frauen zu verführen und dann versucht, diese zu erpressen. Nur einen Haken hat die Sache: Jason macht sich nichts aus Frauen. Und das ist gefährlich. Trotz seiner Schönheit. „Schönheit half nicht gegen Bösartigkeit, und Bösartigkeit hatte genau hier ihren Willen gekriegt“, heißt es im Roman, als das Trio durch eine Gewalttat getrennt wird. Oder wie Bev Meridew, die Mutter der Geschwister, zu Sammy sagt: „Da draußen gibt es alles mögliche Böse auf zwei Beinen.“

Beverly Meridew ist als Gelegenheitsprostituierte und gelegentlicher Polizeispitzel unterwegs. Bev lebte nach Meinung ihrer Tochter nach dem Motto: „Lebe schnell, lerne langsam.“ „Sie war eine der Frauen, die sich wie eine Kinderpuppe stylen. Eine Barbie, die mit Truckstop-Wiskey und frittiertem Hühnchen aus dem Leim gegangen war.“ Aber sie hat sich mit diesem Leben abgefunden, hat sich darin eingerichtet. Sammy zieht zu dieser inzestuösen Familie, da Jamalee auf die Idee kommt, Sammy als Beschützer zu engagieren, um sich oder ihre Träume von Reichtum vor den fiesen Elementen von Venus Holler zu beschützen. Venus Holler, „die zwielichtigste Gegend der Stadt“. Es handelt sich dabei „um eine Senke voll kleiner eckiger Häuser, die sich ein wenig zur Seite neigten wie ein Haufen Trinker.“ Trotzdem findet Sammy hier, was er so sehnlich suchte und sich wünschte: „irgendwo dazuzugehören, und das waren die Leute, die mich ließen.“

Die im Grunde bedeutungslosen Charaktere, den wen interessiert schon eine Familie, und einen Verlierertyp tief in den Ozarks, bringen sich durch ihre Handlungen, die sich durch große Dummheit auszeichnen, in Schwierigkeiten. In so große Schwierigkeiten, dass das deprimierende Ende voraussehbar ist. „Die anständige Welt hatte kaum Notiz davon genommen“, heißt es an einer Stelle des Buches. Es hatte keinerlei Aufsehen erregt, als Jason tot aufgefunden wurde, und es eigentlich allen klar war, dass er ermordet worden war. „Der beiläufige Tod eines Typen wie Jason mit einer Adresse in Venus Holler interessierte die Öffentlichkeit nicht sonderlich.“

„Tomatenrot“ ist kein Kriminalroman, kein „Noir“-Krimi. Es ist ein Roman, in dem die Hauptpersonen des Romans lernen, dass das Leben, so wie sie es kennen, keine Hoffnung für sie übrig lässt oder dass es auf irgendeine Weise für sie besser werden könnte. Wenn Sammy, Jason und Jamalee zusammen sind, strahlt der Roman eine positive Stimmung aus, in der wunderbaren Unvollkommenheit des Trios, und doch, wohin immer sie auch gehen, haben sie keine Hoffnung, wenn sie so bleiben wie sie sind und manchmal sagt der Erzähler Sammy „schämte (ich) mich für das schlecht ausgestattete Leben, in das ich hineingeboren worden war.“

Jamalee „war winzig und unerbittlich. Ihr Kopf sah aus wie eine robuste Tomate nach einem heftigen, reinigenden Wolkenbruch. Sollte ich jemals einen Mustang, Baujahr ’65, Vier-Gang mit Faltdach besitzen, dann musste er die Farbe ihrer Haare haben.“ „Sie kam auf Lösungen, wo ich noch nicht mal ein Problem erkannt hatte.“ Aber sie ist ebenso verletzlich wie Sammy und sie ist ebenso auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit, nach besseren Zeiten. Als Sammy und sie zum ersten Mal körperlich zusammenkommen, sagt sie zu ihm „Sei gut zu mir“. „Oder böse“. So zwiespältig das Verhältnis von Jamalee zu Sammy ist, so klar ist das Verhältnis von Bev zu Sammy. Hier bekommt er, was er vorerst von Jamalee nicht bekommt: Sex. Sammy ist in beide Frauen verliebt, denen jeweils eine vorhersehbare Rolle zugeteilt ist – die Hure und die unerreichbare Göttin. Während Bev eine ungehörige Menge an Vergnügen aus ihrem Gewerbe zieht hat Jamalee ambivalentere Gefühle gegenüber der körperlichen Liebe. Sie begegnet ihr mit einer Portion Furcht. Die Anziehungskraft von Sammy für die beiden Frauen ist aufgeladen durch die Mutter-Tochter-Beziehung und durch seine eigene sexuelle Unsicherheit. Auch gegenüber Jason.

Woodrell befasst sich mit der Hoffnungslosigkeit der Armut in den Ozarks. Er beschreibt die triste Wirklichkeit der Armut und die Außenseiter, die diese hervorbringt. In „Tomatenrot“, hält Woodrell seinen traurigen Themen eine Erzählweise entgegen, die lebendig, lustig und voller ablehnender Haltung ist. Sammy hat eine Stimme wie ein Schnappmesser und er benutzt die scharfe Schneide, um die Erwartungen des Lesers an die Leute vom Lande und die Gewalt zu untergraben. Barlach ist der Held von „Tomatenrot“ und wir reden von einem klassischen tragischen Helden. Er ist, wie alle guten „Noir“ Helden, fremd und zum Handeln gezwungen. Sammy strebt nicht danach ein besserer Mensch zu sein und doch versucht er, sich anzupassen. Woodrells Beschreibung, wie jemand das Lebensnotwendige verweigert wird und der dadurch zu einer unsicheren und verwahrlosten Existenz verdammt wird, ist für den Leser schwierig mitzuerleben, obwohl Sammy einen gewissen Sinn für Humor besitzt. Armut, so Woodrells Fazit, führt dazu, dass jeder schlussendlich auf sich allein gestellt ist und für sich selbst sorgen muss. Ob es Sammy, Beverly, Jamalee oder Jason ist, alle müssen sich der tiefgründigen Entfremdung stellen. Als Jamalee ihre Entscheidung fällt und Sammy am Schluss wieder einmal verraten wird, bleibt ihm nur die sinnlose Gewalt. Die Gewalt, die im Hintergrund schon immer gelauert hat und nun aus ihm herausbricht. Diese raue rohe Gewalt wird unerbittlich geschildert und wird zur Selbsterfüllung von Sammys Prognose.

Sammy ist auf der Suche. Er sucht einen Sinn, dass alles. was ihm passiert, einen Sinn ergeben muss. „Hinter all dem Schrecken muss es doch einen Sinn geben, es muss, aber ich kann ihn einfach nicht finden, und das ist meine Schuld, also quäl ich mich weiter damit herum.“

Gebt die Schuld wem ihr wollt. Jetzt wisst ihr alles.

„Ich liebe diesen Song. Da kriege ich immer so ein Kribbeln.“ Der Song war I’m left, You’re Right, She’s Gone. „Er wird ja nicht ohne Grund der King genannt.“

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Daniel Woodrell „Tomatenrot“

Übersetzer: Peter Torberg

liebeskind Verlag 2016

 

 

 

 

 

Cormac McCarthy „Der Feldhüter“

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Keine Spur dieser Menschen ist geblieben

„Der Feldhüter“ von Cormac McCarthy

„Er packte das verbogene Schmiedeeisen, das verdrehte Stück Zaun, und rüttelte daran. Es rührte sich nicht. Es ist komplett durch den Baum gewachsen, sagte er. Wir können nicht weitersägen. Verdammte alte Ulme macht ’ner Säge auch so schon genug zu schaffen. Der Neger nickte mit dem Kopf. Ja, sagte er. Kann man wohl sagen. Komplett durch den Baum gewachsen.“

Eine allegorische Skizze, hier ausschnittsweise zitiert, steht dem Roman voran. Es ist eine verwirrende, in kursiv verfasste kleine Geschichte. Zwei Männer, ein Neger und ein weißer Mann versuchen, einen Baum zu fällen. Ein Junge ist passiver Zuschauer. Sie entdecken, dass der Baum sich einen eisernen Zaun einverleibt hat. Hier im Zitat ist es der Zaun, der durch den Baum gewachsen ist. Im Original heißt es: „growed all through the tree“. Nimmt man das Zitat als Metapher, so scheint diese auf den ersten Blick einleuchtend zu sein: menschliche Technik, hier der Zaun, zerstört die Natur. Aber am Ende, so scheint es, holt sich die Natur zurück, was ihr gehört. Das ist im Grunde auch der Kern der Metapher, aber je weiter sich die eigentliche Erzählung „Der Feldhüter“ entwickelt, um so mehr bietet sich eine weitere Deutung an. Auf der einen Seite hat der Mensch die Neigung Natur zu zerstören. Auf der anderen Seite, ist es ebenso die Neigung des Menschen, die Natur anderer Menschen zu zerstören. Die Personen, der Ort und die Handlung der Parabel bleiben dem Leser verschlossen. Vorerst.

Einige Kritiker nannten die Handlung von „Der Feldhüter“ als nicht vorhanden, zumindest ist es ein erheblich aufgesplittertes Buch. Es gibt mehrere Sprünge und Brüche in diesem Buch. In der zeitlichen Abfolge, in der Erzählung selbst und der Perspektive. So ist dieser Roman unter den Büchern von McCarthy eines der anspruchvollsten, aufgrund der Zerstückelung und der schwer stilisierten Prosa. Dies geschieht ganz nach dem Credo von William Faulkner, der nach einer persönlichen Anstrengung des Lesers verlangt. Der Leser muß sich die Handlung der Geschichte aus verschiedenen Bruchstücken rekonstruieren. 1954 erschien William Faulkners „Go down Moses and other Stories“. Ein Roman in sieben Erzählungen, die auch die Romankapitel bilden. In diesem Roman muss sich der Leser den zeitlichen und inneren Zusammenhang selbst erarbeiten. Diese komplizierte Erzählform, die Vertauschung und Verzerrung der zeitlichen Verhältnisse und der Wechsel der Perspektive war wohl auch stilbildend für diesen Roman von McCarthy.

So verdankt McCarthys Schreibstil viel William Faulkners Art zu schreiben. Ob es sein tiefgründiger Wortschatz ist, bedeutungsschwere Rhetorik, der Gebrauch von Dialekten oder die greifbare Bedeutung der Welt. Daraus macht McCarthy auch kein Geheimnis. Seine Liste derer, die er die „guten Autoren“ nennt – Melville, Dostojewski und natürlich Faulkner – schließt all jene aus, der nicht die großen Themen, Leben und Tod, behandeln. An Melville erinnert stark eine Geschichte innerhalb des Romans. Die Geschichte um die Kneipe „Green Fly Inn“. Beim Lesen kommt einem unweigerlich Moby Dick und der Untergang der Pequod in den Sinn. Die Kneipe, erbaut über einem Steilhang und abgesichert durch Holzpfosten, rutscht eines Abends infolge eines Ungleichgewichts durch die Kneipenbesucher in eine Felsspalte -„und das ganze Wrack sackte langsam als ein Tableau von Zerstörung ab und schlug donnernd in der Senke auf“.

SchwarzbrennerSchwarzbrenner

Aber dennoch ist „Der Feldhüter“, obwohl er stark an William Faulkner erinnert, in seinem Thema, seiner Sprache und Struktur, seinen Charakteren keine bloße Nachahmung. Die Geschichte eines Jungen und zweier Männer, die sich in das Leben des Jungen ein- und wieder ausfädeln, hat eine eigene Düsternis und Knorrigkeit. So war es wohl eine gute Fügung, dass Cormac McCarthy, nach drei Jahren des Schreibens an diesem Roman, das Manuskript an Random Hose sandte, den einzigen Verlag, den er kannte, wie er sagt und es dort auf dem Schreibtisch von Albert Erskine landete, welcher der letzte Lektor von William Faulkner war. Der Debütroman von Cormac McCarthy erschien dann 1965.

„Der Feldhüter“ ist die Geschichte dreier Menschen: ein alter Mann, ein junger Mann und ein Junge. Jeder, auf seine eigene Art, ist ein Rebell, ein wilder Einzelgänger, ein einsamer Wolf. In den frühen 1940er Jahren lebt der alte Mann, der über die Hälfte des Buches keinen Namen trägt, in einer verlassen Hütte, wandert über die Berge, um am Ende, ohne ersichtlichen Grund, auf den Kriegspfad zu gehen. Der jüngere Mann ist ein sorgloser Abenteurer, ein Frauenheld, ein Kämpfer. Seine Arbeit als Schmuggler von schwarz gebrannten Alkohol hält ihn beschäftigt, indem er Autorennen fährt, Unfälle überlebt und vor dem Gesetz flieht. Der Junge ist anständig und sympathisch, mehr daran interessiert Fallen zu stellen als an den örtlichen Flittchen. Er ist mit beiden Männern kurz befreundet.

ländliche Bewohner
ländliche Bewohner

Die Handlung von „Der Feldhüter“ beschreibt das Thema von Vater und Sohn. Die drei Hauptpersonen stellen drei Generationen von Männern dar, alle vaterlos und alle verbunden durch den Mord an dem Vater des Jungen am Anfang des Romans. Dieser, Kenneth Rattner, der seine Familie unter dubiosen Umständen verlassen hat, fährt per Anhalter bei dem Whiskeyschmuggler Marion Sylder mit. Nachdem McCarthy schon geschildert hat, wie Rattner einen Autofahrer ausgeraubt hat, schildert er auch hier, wie Rattner Sylder angreift und versucht ihn zu berauben, aber Sylder tötet ihn in einem Kampf. Diesen Kampf schildert McCarthy zeitlupenhaft, was an die Filme von Sam Peckinpah erinnert. Peckinpah zeigt Gewalt sehr explizit, oft in Zeitlupe und Großaufnahme. Und so schildert auch McCarthy die Gewalt. Brutal, genau und blutig. Der Kleinganove Sylder versteckt die Leiche in einer ehemaligen Obstplantage (Orchard) und versenkt den Körper in einer aufgelassenen Betongrube für Insektizide. Der alte Mann, von dem man später erfährt, dass er Arthur Ownby heißt, entdeckt die Leiche, meldet diese aber merkwürdigerweise nicht den Behörden, sondern versteckt diese noch mehr vor weiterer Entdeckung. Und fast rituell kommt er jedes Jahr an die Grube, hält Totenwache und legt einen Zedernzweig über das „Grab“. Der Junge, Wesley Rattner, schließt nun Freundschaft mit beiden Männer, mit dem Mörder seines Vaters und dem Mann, der den Körper seines Vaters versteckt hält. Trotzdem nehmen beide eine gewisse Vaterfunktion für Wesley ein. Beide Männer wissen voneinander nichts. Sylder und Ownby treffen während der Geschichte nie direkt aufeinander. Aber sie sehen sich aus der Ferne. So sieht Ownby, wie Sylder Wiskey in seinen Wagen verlädt und Sylder sieht, wie Ownby auf einen Wassertank schießt.

Diese angedeutete Familienverbindung steht im Gegensatz zu der bürokratischen, städtischen Moral, welche die dominierende „natürliche“ Moral der ursprünglichen ländlichen Gesellschaft der Appalachen aussticht. Das ist auch der wiederkehrende Kampf, der sich durch alle Romane von Cormac McCarthy zieht. McCarthy wird angezogen von den ländlichen Außenseitern, sympathisiert bedingungslos mit ihrer Bedrängnis, wenn das moderne Amerika auf ihren Boden vordringt, obwohl er selten ihr Leben romantisiert oder sentimentalisiert. McCarthy verkörpert diese Konflikte als Lösungen oder Erklärungen anzubieten. Fortschritt ist unaufhaltsam, die Lebensweise dieser Menschen wird in einer Generation ausgelöscht sein, so viel ist klar und McCarthy zeigt kein Interesse daran, sich damit zu beschäftigen, was offensichtlich und zwangsläufig ist. Für was er sich stattdessen interessiert, ist die Art und Weise, wie Menschen auf diese unausweichlichen Veränderungen reagieren. Besonders wie sie versuchen, diese Zeit großer Unsicherheit und moralischer Verwirrung zu verstehen und welche praktischen Schritte sie zu ihrer Verteidigung unternehmen. McCarthy läßt seine Menschen die schwache Möglichkeit einer Flucht abwägen und obwohl er niemals die Flucht der Menschen gewähren kann, gibt er in seltenen Gelegenheiten bestimmten Persönlichkeiten ein gewisses Maß an Erlösung. So verlässt auch Wesley seinen Heimatort, die primitive fiktive Gemeinde Red Branch, die sich zäh an das Dasein in den Hügeln und Bergen östlich von Knoxville, Tennessee, klammert in Richtung des modernen, städtischen Amerikas. Aber darüber, wie es ihm dort ergeht, erfährt der Leser nichts.

WasserpumpeWasserpumpe

Ein Thema, das auch Faulkner umgetrieben hat. Der Zerfall des Südens. Die Zerstörung der Wildnis, der Natur, durch die Weißen. Und so wie bei Faulkner spielt auch die Jagd in diesem Buch eine große Rolle. Auch in diesem Roman wird in den Beschreibungen der Jagd, die Wildnis mystisch überhöht und die Charaktere bekommen etwas mystisches, werden auf ihren innersten Kern – gut oder böse – zurückgeworfen. Beides, böse und gut, sind menschliche Entwicklungsmöglichkeiten. Der Roman zeigt auf, dass es eines empfindsamen Gewissens bedarf, damit der Mensch das Böse verstehen und ihm entgegen wirken kann. Durch Handlungen, die die Würde und die Unabhängigkeit der Natur und der anderen Menschen verteidigt. In „Der Feldhüter“ zeigt McCarthy eine Welt, in der die traditionelle Verkörperung von Werten – Religion, gesellschaftliche Beziehungen, bäuerliche Verbundenheit mit der Scholle, verkommen sind und dies als Ergebnis des anwachsenden Drucks der städtischen Kultur, den kommerziellen Interessen und der Einmischung des Staates auf das Leben der Romanfiguren, die in erster Linie bäuerliche Charaktere sind. Diese Zerstörung ist, wie schon gesagt, das zentrale Thema in allen Romanen von McCarthy, die in den Bergen der Appalchen spielen. Dazu gehören die Bücher: „The Orchard Keeper“, „Outer Dark“, „Child of God“ und „Suttree“.

Dieser Konflikt zwischen dem ländlichen Tennessee und der um sich greifenden Urbanisierung verkörpert in diesem Roman die „Tennessee Valley Authority“ (TVA). Diese wurde 1933 im Rahmen des New-Deal-Programms von Franklin D. Roosevelt gegründet. Hauptaufgabe dieser Gesellschaft ist es, die Wasserkraft und die Flussregulierungsanlagen am Tennesseefluß zu verwalten. Heute ist die TVA der größte Energieerzeuger der USA. Symbolisiert wird die TVA in dem Roman von einem Wassertank, der in der Geschichte als Ziel dient, auf das der alte Mann seine Schüsse abgibt. Er schießt ein simples X in diesen Regierungstank und bringt damit seine grundsätzliche Ablehnung gegen die Modernisierung zum Ausdruck. Ganz erschließt sich dem Leser seine Motivation aber nicht und die Aktion erscheint dem Leser etwas wunderlich, wenn nicht sogar verrückt. Durch seine Schüsse macht er das Gesetz auf sich aufmerksam und gibt der Geschichte eine Wendung.

Am Ende kehrt John Wesley noch einmal in seinen Heimatort zurück. Zum Grab seiner Mutter. Der Roman schließt mit John Wesley im Gegenlicht eines Sonnenuntergangs. „Die Sonne brach durch die letzte Wolkenschicht und tauchte die tropfenden Bäume einen Moment lang in Blut, färbte die Steine mit durchscheinender Farbe, als hätte sich die Luft selbst in Wein verwandelt.“ Aber wie schon angeführt ist McCarthy kein Sentimentalist. John Wesley ist der Mann zu dem ihn seine Vergangenheit gemacht hat und die Vergangenheit verdammt ihn zu einer Isolation in der modernen Welt.

Nun löst sich auch die Allegorie vom Anfang des Buches auf. Es stellt sich heraus, dass der Baum, die Ulme, auf dem Friedhof steht und der Zaun den Friedhof umgrenzt. Der Grabstein seiner Mutter und der Zaun stehen für die moderne Welt, dafür, dass Menschen versuchen, etwas von Dauer zu schaffen. Diesen Werken sind aber meistens nur eine kurze Dauer beschieden. Der Baum verleibt sich den Zaun ein und der Grabstein wird von Moos überzogen. Und der eiserne Zaun erinnert den Leser daran, dass sich John Wesley, wie ein lebender Baum, sich an den eisernen Willen der sich ausbreitenden neuen Ordnung anpassen muss.

Für die Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist, ist er ein Fremder. Er bewegt sich in einem Gebiet, in dem brutale Polizisten, ungeeignete Beamte und Regierungsangestellt das Sagen haben und diese wiederum folgen nihilistischen und sinnlosen Gesetzen. Gesetze, von denen sie nicht einmal den Versuch machen, sie zu verstehen. Diese Figuren spiegeln eine Welt, die ihren Sinn auf nutzlose Formulare legt und die vorherrschende Werte ausbeuterisch und egoistisch sind. McCarthys letzte und ernüchternde Ironie ist, dass dies die Welt ist, in der wir leben und die der Leser auch als seine eigene begreifen muss.

FriedhofFriedhof

Southern Gothic

So ist die Geschichte auch im besten Sinne eine „Southern Gothic“. Die Geschichten der Southern Gothic konzentrieren sich auf groteske Themen. Während sie auch übernatürliche Elemente enthalten können, konzentrieren sie sich hauptsächlich auf beschädigte, sogar wahnhafte Personen. Southern Gothic verweilt nicht auf bloßer Spannungsliteratur oder auf der Schilderung des Übernatürlichen. Stattdessen durchwebt ein schwarzer Humor die Geschichten und sie verschreiben sich der Idee, die Probleme der Gesellschaft bloßzulegen und die Autoren tun dies, indem sie komplexe Figuren erschaffen. Viele von diesen Charakteren sind seelisch labil. Einige sind geistig kaputt und kämpfen darum, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Moral der Personen ist fraglich. Durch die Darstellung ihrer Charakter untersucht der Autor, welches Leid die Menschen anderen Menschen antun können. Ob sie nun geistig instabil sind, dunkle Seiten an sich haben oder Unschuldig sind, sie versuchen Sinn in ihrem Leben zu finden und in der Gesellschaft, in der sie leben. Die Autoren der Southern Gothic untersuchen das Verhalten der Menschen, das gewöhnlich seltsam ist, und die soziale Struktur des Südens. Durch ihre Erzählungen versuchen die Autoren aufzuzeigen, dass die soziale Ordnung zerbrechlich ist und dass die Realität hinter dieser Ordnung erschreckend sein kann. So sind die Handlungen in den Geschichten oft verstörend, enthalten Schilderungen von Rassismus, explizierter Gewalt und Schilderungen von Armut.

Der Feldhüter
Der Feldhüter

Rowohlt Verlag 2016 / Originaltitel: The Orchard Keeper

Übersetzer: Nikolaus Stingl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Daniel Woodrell II

Die Welt des Daniel Woodrell

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass nichts von alledem passiert ist

Einer der wohl am meisten übersehenen Autoren Amerikas war im September 2012 auf einer kurzen Lesereise quer durch Deutschland und Österreich: Daniel Woodrell, der erst durch die Verfilmung seines Romans „Winterknochen“ einem größeren Lesepublikum bekannt wurde. Obwohl er seit über 35 Jahren sein Leben als Schriftsteller verbringt, war sein Werk sowohl in Amerika als auch in Deutschland lange Zeit vergriffen und nur noch antiquarisch zu erhalten. Erst mit dem großen Kinoerfolg von „Winterknochen“ wurde sein Werk in Amerika wieder neu aufgelegt und ein Erzählband „The Outlaw Album“ veröffentlicht. In Deutschland hat der Verlag liebeskind in München sich dem Werk Woodrells angenommen und veröffentlich fast nun jedes Jahr ein Buch. Nach „Winterknochen“ folgte „Der Tod von Sweet Mister“, danach „In Almas Augen“. Nun ist auch wieder die Neuübersetzung von „Tomato red“ in den Buchhandlungen zu haben.

Tomaro red
Tomaro red

Das Buch „Der Tod von Sweet Mister“, bereits im Jahre 2001 in Amerika erst veröffentlicht und 2011 neu aufgelegt, zeigt erneut die Meisterschaft dieses amerikanischen Autoren. Woodrell, Jahrgang 1953 wurde in Springfield Missouri geboren. Seine frühen Jahre verbrachte der Autor in West Plains, einer Kleinstadt in den Ozarks. Mit 17 Jahren trat er in die Marines ein. Dort wurde er wegen eines Drogendelikts entlassen, bevor ihn die Army nach Vietnam versetzten konnte. Danach nahm er eine Auszeit. Er schlug sich mit verschiedenen Tätigkeiten durch und trampte durch Amerika. Zwischen den Reisen besuchte er College Kurse an der Universität von Kansas und nahm an Workshops teil. Seinen ersten Roman „Under the Bright Lights“ schrieb er 1986. Ein Kriminalroman mit und über den Polizisten Rene Shade, und dessen Familie. Zwei weitere Kriminalromane mit Shade folgten, die aber nicht sehr erfolgreich waren. Dieser Misserfolg der Bayou-Trilogie und des Bürgerkriegsromans „Woe To Live on“ ließen Woodrell in einer schlechten finanziellen und mentalen Lage zurück. Woodrell fiel in ein tiefes Loch, wollte nicht mehr schreiben. Alle seine Bücher waren aus den Buchhandlungen verschwunden, ohne einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. Er zog wieder von Ort zu Ort: Arkansas, Cleveland, nach hier und dort und schließlich für ein paar Jahre nach San Franzisco. Und es war dort in San Franzisco, wo sich die Dinge änderten. Daniel Woodrell begann an „Give us a kiss“ zu schreiben und dieses mal schrieb er über etwas, das er kannte.

Der Protagonist des Buches, Doyle Redmond, ein gescheiterter Autor, kehrt in die Ozarks zurück und wird sehr bald in blutige Fehden zwischen lokalen Drogenbanden verstrickt. Es ist ein bitterer, auf seltsame Weise lyrischer Roman, der die Ozarks und seine Bewohner eindringlich zum Leben erweckt. Eine Vorauszahlung zu diesem Buch ermöglichten es ihm, sich ein Haus in West Plain zu kaufen. Nun war er wieder zu Hause, bei seinen Wurzeln. Die Ozarks ist eine Hochlandregion, die die südliche Hälfte von Missouri und Teile von Arkansas einnimmt und sich ebenso in das nordöstliche Oklahoma sowie in den äußersten Südosten von Kansas erstreckt. Aber nicht nur die Landschaft ist mit dem Begriff Ozark verbunden. Es ist auch die besondere Kultur, die Bevölkerung mit einem Dialekt, der dort gesprochen wird. Die Wurzeln von Woodrells Familie reichen bis in das Jahr 1840 in den Ozarks zurück. Nun wohnt er nur einen Steinwurf von dem Haus weg, in dem seine Mutter geboren wurde. Der Roman „Give us a kiss“ war der Übergang zu den Ozark Romanen. Es folgten „The Death of Sweet Mister“, „Tomato Red“, und „Winter’s Bone“. Woodrell hatte sein Thema gefunden.

Nun saß er also in der Stadtbibliothek in Dortmund und las im Rahmen des Krimifestivals „Mord am Hellweg“ aus seinem Buch „Der Tod von Sweet Mister“. Der Roman, geschrieben aus der Perspektive eines 12 Jahre alten Jungen, bleibt unvergesslich. Der Junge namens Shug lebt mit seiner über vorsorglichen Mutter in einer heruntergekommenen Hausmeister-wohnung auf einem Friedhof. „Kindliche Erzähler können ein wenig süß klingen“ sagte Woodrell. „Shug ist es nicht, denke ich. Als ich anfing zu schreiben, bekam ich ein Gefühl für ihn und seine Mutter. Die Idee, beim Schreiben, innerhalb einer Person, einer Kultur oder Familie zu sein, dass auch beinhalten kann, Grenzen zu überschreiten, ist sehr komfortabel für mich. Ich muss keinen großen Sprung machen. Alles lag vor meiner Tür. Der Ursprung der Geschichte, so erzählte Woodrell liegt in seiner Kindheit. Eines Tages ging er mit einem Schulkameraden zu diesem nach Hause. Dort im Wohnzimmer standen über 300 Radios herum. Der Vater war nicht sehr erfreut, einen fremden Jungen in seiner Wohnung zu haben. Erst im Nachhinein kam es ihm merkwürdig vor, dass jemand 300 Radios zu Hause hatte. Diese kleine Begebenheit, dieses Familiengeheimnis und die latente Gewalt des Vaters seines Schulkameraden, ging ihm nicht aus dem Kopf und mit „Sweet Mister“ hat er diese Episode zu Literatur gemacht.

Buchliste

1986 „Under the Bright Lights“ dt. „Cajun Blues“, Heyne 1994.                      .

1987 „Woe to Live On“ dt „Zum Leben verdammt“, Rowohlt, 1998.

1988 „Muscle for the Wing“ dt. „Zoff für die Bosse“, Heyne 1995.

1992 „The Ones You Do“ dt. „John X“., Rowohlt, 1999.

1996 „Give Us a Kiss“ dt. „Stoff ohne Ende“. Rowohlt, 1998.

1998 „Tomato Red“ dt. „Tomato Red“, Rowohlt, 2001; „Tomatenrot“, Liebeskind 2016.

2001 „The Death of Sweet Mister“ dt. „Der Tod von Sweet Mister“, Liebeskind, 2012.

2006 „Winter’s Bone“ dt. „Winters Knochen“ Liebeskind, 2011,

2011 „The Outlaw Album“

2013 „The Maid’s Version“ dt. „In Almas Augen“; Liebeskind 2014