Stewart O’Nan – Halloween

Im dunklen Herzen des Landes

Halloween
von Stewart O’Nan

 
An Halloween verpasst ein Toyota Camry mit fünf feiernden Teenagern durch zu schnelles Fahren eine Kurve und kollidiert frontal mit einem Baum. Was danach geschieht, mit denen die überleben, und denen, die nicht überleben, sorgt für einen wilden und bösen Ritt in Stewart O’Nans „Halloween“  („The Night Country“). Eine kleine, geisterhafte Geschichte, in der Tradition von Ray Bradbury, die Eltern eine Vor-Halloween Nervosität garantiert.
 
Es ist die Cabbage Night, die Nacht vor Halloween in Avon, eine wohlhabende Vorstadt von Connecticut. Mit gepflegtem Rasen vor den Häusern, menschenleeren, mit Licht überfluteten Straßen und Läden, gefüllt mit den allgegenwärtigen nationalen Marken. Avon ist langweilig, langweilig, langweilig. Nichts übles stört hier, niemals.
 
In der Kurzgeschichte „Willkommen in Lakewood“ schreibt O’Nan: „Wenn Sie das nächste Mal an Lakewood denken, werden Sie es nicht einordnen können,    (… ) – nur irgendeine entlegene Kleinstadt war das, durch die Sie gefahren sind, ohne auszusteigen. Folgenlos, abgesehen von dem unruhigen Gefühl, dass man nicht hierher gehörte, dass dies eine grundsätzlich andere Welt war als die, in der Sie leben. Fremd. Verlebt. Blöd. Es wird nach ein, zwei Tagen – vielleicht sogar noch heute Nacht, wenn Sie zwischen den ein wenig starren Bettlaken wegdämmern – den Anschein haben, als wäre diese Stadt dort hinten, dort drunten nichts als ein schlechter Traum.“
 
 
Tim und Kyle, zwei Kumpel, sind auf der Heimfahrt von ihrer Schicht als Aushilfen beim Stop’n Shop, verfolgt vom freundlich besorgten Officer Brooks. Jeder von ihnen war schon vor einem Jahr mit dabei, als der Toyota Camry fünf Jugendliche gegen einen Baum warf. Drei Kinder starben in dieser Nacht. Toe, der Fahrer, Danielle, Tims Freundin, und Marco, unser Erzähler. Es gab zwei Überlebende: Kyle, dessen massive Verletzungen ihn debil werden ließen, und Tim, dessen „Überlebensschuldgefühle“ sich in Selbstmordgedanken verhärtet haben. Brooks, der Offizier, der die schreckliche Szene als erster  erreichte, und der den Wagen mit Sirenengeheul verfolgt hatte, hat sich in sein Schneckenhaus zurückgezogen, um seine inneren Dämonen zu bekämpfen. Seine einzige Mission ist nun, Tim und Kyle, davon abzuhalten, diese schreckliche Szene an diesem Halloween zu wiederholen.
stop-n-shop
 

Was die Geschichte „Halloween“ so erschreckend macht, ist die jagende Präsenz der spöttischen Untoten. Das Geistertrio weht in und aus den Leben von Tim, Kyle und Brooks, schwächer werdende, verschwommene Anspielungen ihrer Selbst in einer „Andernwelt“. Obgleich O’Nan Marco, „den Stillen“, als Erzähler erwählt hat, fügen Toe und Danielle eine Fülle von Kommentaren hinzu. Beiläufig, tadelnd, böse, kommentieren die drei Untoten das Geschehen, wie der Chor einer griechischen Tragödie. Jeder der Figuren erzählt seine eigene Geschichte, erlaubt somit O’Nan ruhig die Perspektiven zu wechseln, um so ein lebhaftes Panorama aus Gefühlen und Verständnis bereitzustellen.

The Night Country
The Night Country

O’Nan, Autor von bisher zwanzig, von der Kritik freudig begrüßten Büchern, sagt in einem Interview, dass er in einer Zeitung die Nachricht über einen aktuellen Todesfall gelesen hat, in den mehrere Jugendliche verwickelt waren. Dies geschah in einer Nachbargemeinde. Er konnte dies nicht abschütteln. Ein Jahr später, an demselben Tag, stiegen zwei Überlebende in einen Jeep, einen Koffer voller Bud in Dosen und einem Handy und fuhren um die Stadt, besuchten all die alten Orte, die sie gewöhnlich mit ihren Freunden besucht hatten, telefonierten mit all ihren anderen Freunden, sagten: „Wir werden uns umbringen, wir wollen nicht mehr weiter leben wegen diesem Unfall vom letzten Jahr. Wir wollen uns von euch verabschieden.“ Und sie fuhren in denselben Baum, der ihre Freunde erschlagen hat. Danach legten ihre Freunde, die ganze Stadt, all diese Blumenkränze und Teddybären um diesen einen Baum. Dann kam die Stadt und fällte den Baum, weil sie nicht wollten, dass jemand dies wiederholt. Sehr verrückt.“

Ein Horror Fan seit seinen ersten Tagen, als er in Pittsburgh aufwuchs (auch Heimatstadt von George A. Romero, der berühmte Regisseur von „Night of the Living Dead“, bemerkt O’Nan stolz), hat O’Nan lange davon geträumt, eine Hommage an Ray Bradbury zu schreiben, dem auch „Halloween“ gewidmet ist.

„Er war einer meiner ersten großen Vorbilder. Es ist etwas magisches mit seinen Kurzgeschichten. Eines meiner Lieblingsbücher aller Zeiten ist „Something Wicked This Way Comes“ (dt. Das Böse kommt auf leisen Sohlen). Ich liebe dieses Buch und schon seit Jahren sage ich, dass ich so etwas auch schreiben möchte“, sagt O’Nan.
 
Der Unfall der Jugendlichen und der Doppelselbstmord schien die perfekte Grundlage für einen Roman zu sein. In Bradburys „Something Wicked This Way Comes“ kommt das Unheimliche in die kleine Stadt, und es liegt an den Unschuldigen dort, zwei Jungen und ihrem Vater, der Bibliothekar ist, gegen dieses gefährliche Ding, einen Jahrmarkt, zu kämpfen. Bradburys Buch ist ein moderner Klassiker zu dem Thema Kindheit und Jugend im ländlichen Amerika. Vorläufer dieses Themas ist sicherlich Mark Twains „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“.
Something Wicked This Way Comes
Something Wicked This Way Comes
„Es gibt keine kleinen Städte mehr, dort wo ich lebe, es sind alles Vorstädte. Als ich damit begann, das Buch zu schreiben, dachte ich OK, bringe diesen Zauber in diesen Ort, der fraglos nicht zauberhaft ist.
 
Wie in „Halloween“ einem seiner beliebtesten Horrorstreifen, beschwört O’Nan eine schlimme Ahnung des sehr alltäglichen Lebens in Avon. Wie schrecklich es auch sein mag, in einem verdrehten Autowrack jung zu sterben, überleben mit Kyles Behinderungen, ist weitaus entsetzlicher. „Im Kino, Fernsehen und Popsongs, wird nur über die Oberfläche von Ereignissen berichtet und geschrieben anstatt den Konsequenzen daraus,“ sagt O’Nan. „Diese Dinge geschehen und das ist wahrscheinlich der Höhepunkt. Doch mit diesem Ereignis und seinen Folgen zu leben – wie bekommst du dann dein Leben in den Griff? Wir alle müssen das. Dein Leben ist nicht plötzlich zu Ende, es muss irgendwie weitergehen“.
 
O’Nan, wie Bradbury, ist ein entschieden formal ungebundener Autor, wenn auch einige Aspekte der Gothic Novel immer wieder in solch verschiedenartigen Werken wie „Wish you Were Here“ (dt. Abschied von Chautauqua (2002)), „A Prayer for the Dying“ (dt. Das Glück der anderen (1999)) und „A World Away“ (dt. Sommer der Züge ( 1998)) auftauchen.
 
In einem Essay über den „Sniper von Washington“ schreibt er: „Die besondere Befriedung, die ein „mystery“ vermitteln kann, liegt darin, die Antworten zu erraten, bevor der Erzähler sein Geheimnis preisgibt. Irgend etwas beinahe, aber dann doch nicht ganz zu wissen, ist eine erregende Erfahrung – und das gleiche gilt für Wendungen in einer Geschichte, die den Glauben an die von uns gefundene Lösung erschüttern. Etwas nicht zu wissen, das ist genauso wichtig wie etwas zu wissen“.
 
Auf die Frage, nach seinem persönlichem Schrecken, antwortet O’Nan: „Alles. Ich dachte eine sehr, sehr lange Zeit, dass ich bei einem Autounfall sterben würde. Angst vor einem Wirtschaftskollaps. Angst vor republikanischen Präsidenten. Angst ist eines der großen Themen, die ich in jedem von meinen Romanen verarbeite.“
 
Es ist bestimmt redlich zu sagen, das Zerstreutheit Bestandteil in seinem kreativen Schreibprozess ist. „Was passiert, ist, ich beginne mit einem Buch, habe die Charaktere, die Handlung und die Szenerie, den ganzen Stoff, und ein kleiner, zarter Charakter saust über einen Satz und beansprucht damit viel mehr Aufmerksamkeit. Was ich dann mache, ist, ich folge der Person, über die ich nichts weiß, dahin, wo ich hoffe, dass es dort interessanter ist. Und das ist das Buch, welches ich zu Ende schreibe, und das Buch, welches ich zu schreiben geplant habe, vollende ich nie“.
 
Obgleich ihm die Geschichte während des Schreibens nicht unter die Haut ging, kann O’Nan nun „Halloween“ zu der Liste von Dingen dazurechnen, die ihn um den Schlaf bringen. „Nun schickt es sich an, mir ein wenig Gänsehaut zu verursachen. Ich habe eine Tochter, die gerade ihren Führerschein bekommen hat und sie geht auf die gleiche High School. Es ist sehr unheimlich. Meine große Angst ist, dass diesen Herbst etwas schlimmes passiert, gerade wenn das Buch in unserer Stadt erscheint. Ich mache mir darüber Sorgen“.
 
 O’Nan hat nicht nur ein Meisterstück subtilen Horrors geschrieben. Er hat auch einen der engagiertesten, menschlichsten und tief empfundenen Roman geschrieben. Er liefert uns wieder einen intimen Blick auf die Menschen, die die Hoffnung hochhalten und er zeigt uns die Konsequenzen, wenn sie fehlgehen.
Halloween
 
Stewart O'Nan "Halloween"
Rowohlt Verlag 2004
Übersetzer: Thomas Gunkel

Stewart O’Nan „Westlich des Sunset“

Premiere in Hollywood
Premiere in Hollywood

Im Grunde ist alles Leben ein Prozess des Niedergangs

Stewart O’Nan „Westlich des Sunset“

1936 erschien in der Zeitschrift „Esquire“ zwischen Februar und April ein autobiographischer Essay von F. Scott Fitzgerald unter dem Titel „The Crack-Up“. Der Essay beginnt mit den Worten  „Of course all life is a process of breaking down“. In diesem Essay, der unter dem deutschen Titel „Der Knacks“ erschienen ist, entwickelt und beschreibt Fitzgerald seine Vorstellung eines „emotionalen Bankrotts“. Diese persönliche Abhandlung gilt als wichtigstes Dokument für die Lebenskrise Fitzgeralds.

Diesen Niedergang von F. Scott Fitzgerald beschreibt Stewart O’Nan anhand der letzten Jahre, die Fitzgerald in Hollywood verbracht hatte, um sich dort als Lohnschreiber in den dortigen Studios zu verdingen. Geschuldet war dies seiner prekären finanziellen Situation. In seiner romanhaften Biografie „Westlich des Sunset“ unternimmt Stewart O’Nan den heiklen Versuch diese angespannten Jahre zu bebildern, indem er einen Erzähler in der dritten Person benutzt, der die Gedanken von Fitzgerald reflektiert. Wieder ein Buch, das sich in die vielstimmige Sekundärliteratur über F. Scott Fitzgerald einreiht, mag man denken. Auf diesen Einwurf hat Stewart O’Nan auf  einer Lesung in Stuttgart gesagt, dass Sekundärliteratur immer die Perspektive von  anderen aufzeigt. Von Freunden, Briefpartnern und Zeitgenossen. Keine zeigt den Blickwinkel des Protagonisten. Dies aber hat ihn interessiert. Die Gefühls- und Gedankenwelt von Fitzgerald aufzuzeigen. Beschreiben wie es war. Durch diesen Kniff, einen Erzähler zu bemühen, wollte er näher an Fitzgerald sein, seine Emotionen zeigen. Aber, was im Menschen Fitzgerald passiert und vorgegangen ist, weiß man nicht. Alle Biografien können nur Annäherungen an den Menschen Fitzgerald sein. Gereizt hat ihn, die neue Lebenssituation von Fitzgerald zu beschreiben. Den Frondienst und die Demütigungen, die er erfahren hat. Der gefeierte Schriftsteller als Lohnschreiber von Drehbüchern und konfrontiert mit einer neuen Liebe.

Seine Jahre in Hollywood fingen mit seiner Ankunft im Jahr 1937 an, ausgestattet mit einem lukrativen Vertrag von MGM, und dauerten bis zu seinem frühen Tod durch einen Herzinfarkt im Alter von 44 Jahren. O’Nan benutzt zur Beschreibung dieser Jahre auch die Menschen, mit denen Fitzgerald  Umgang hatte und Ereignisse, die die Person Fitzgerald am besten beschreiben: Fitzgeralds Umgang mit seinen Kumpanen wie Humphrey Bogart, Ernest Hemingway, von dem auch der Satz stammt, Fitzgerald habe seine Gabe verraten, Aldous Huxley, Anita Loos, Dorothy „Dottie“ Parker, mit ihren spritzigen Bonmots und ihr Mann Alan Campbell und Marlene Dietrich. Seine intensive Liebe zu der jungen, blonden Gesellschaftsreporterin Sheilah Graham, die sich präsentierte, als ob sie von der englischen Upper Class abstammte aber als Lily Sheil in einem Londoner Slum geboren wurde. Die nutz- und sinnlose Arbeit als Drehbuchschreiber in seinem Büro wird penibel aufgezeichnet. Schlussendlich taucht sein Name nur bei einem Film im Abspann auf.

F. Scott Fitzgerald war schon zweimal vor 1937 in Hollywood gewesen, jeweils als ein ganz anderer Mensch. Beim ersten Mal hatte er triumphal in die Stadt Einzug gehalten, das goldene Wunderkind und seine Flapper-Braut, die wilde Zelda. Eine der Ikonen jener Zeit, eine junge Frau, die kurze Röcke und kurzes Haar trug und selbstbewusst ihr Leben lebte. Beim letzten Mal schlich er sich in die Stadt an den Reportern vorbei, um die kranke Zelda zu besuchen. Und jetzt ging er anonym in der Menge der Reisenden unter. Kein Empfangskomitee erwartete ihn.

F. Scott Fitzgerald war auf der einen Seite ein perfektes aber auch ein abschreckendes Aushängeschild für Hollywood. Sein jugendlicher Ruhm verlieh ihm eine scharfsinnige Sicht auf diese seichte, flitterhafte Stadt. Diese Stadt, die trotz ihrer tropischen Schönheit etwas Reizloses, Hartes, und Vulgäres hatte, das so unzweifelhaft amerikanisch war wie die Filmindustrie. Aber gerade da er in den letzten drei Jahren seines Lebens dort gearbeitet hatte, war es auch ein trauriger Fall: ein von Schulden geplagtes Genie, ein Alkoholiker, der sich selbst verkaufte, um an zweitklassigen Drehbücher mitzuarbeiten. Hat man jemals von dem Film „A Yank at Oxford“ gehört? Kein Wunder, dass sein großer und unvollendeter Roman „The Love of the Last Tycoon“ die Romantik, die Illusionen und  Flitterhaftigkeit der Filmindustrie zum Thema hat.

Warum die Hollywood-Jahre? Auch dazu äußerte sich O’Nan in Stuttgart. Ihn reizte, den Niedergang nach dem Erfolg zu beschreiben. Auch den Wesenszug von Fitzgerald, den Glamour und die Nähe von erfolgreichen und berühmten Leute zu suchen. Teil dieser Glamourwelt, dieser abgeschiedenen Welt der Privilegierten zu werden und zu sein. Ein Leben lang hatte er sich von den ganz Großen angezogen gefühlt, in der Hoffnung, sein beflissenes Verständnis könnte ihm einen Platz unter ihnen einbringen. Aber auch die Angst vorm Schreiben, das Wissen um die Verschwendung seines Talents, dessen sich Fitzgerald auch bewusst war. Der exzessive Genuss von Drogen und Alkohol. Fitzgerald war für O’Nan zu dieser Zeit ein Außenseiter, bedingt durch seine Schulden und seine Heimatlosigkeit, der versuchte, in Hollywood einen neuen Weg für ein neues Leben zu finden. Aber auch das Kapitel Filmindustrie, das ja auch in diesen späten dreißiger Jahre in Hollywood geschrieben wurde und die Zeitgeschichte, die Politik, hier auch der spanische Bürgerkrieg, beschrieben durch die Aktivitäten von Hemingway und Parker, das Wissen, dass ein Krieg kommen wird, dieses Zeitpanorama, wollte er ebenfalls illustrieren.

Das Buch beginnt mit Fitzgeralds Besuch bei Zelda an ihrem 17ten Hochzeitstag, kurz bevor er nach Westen, nach Hollywood geht. Die Frau, die er trifft, ist in ihren späten Dreißigern und erinnert kaum an die legendäre Zelda. Gezeichnet von ihrer Krankheit, die O’Nan eine bipolare Störung nennt. Einmal fragt sich Fitzgerald, ob sie schon die ganze Zeit verrückt gewesen war und er das anziehend gefunden hatte. Zelda ist hager und verhärmt, einem alten Weib ähnlich, ihr Lächeln ruiniert durch einen abgebrochenen Zahn. Nachdem er nach Hollywood umgezogen war, fuhr er noch einige Male nach Osten, um sie zu besuchen, und jedes Mal notierte er, wie sich Zelda verändert hatte: Sie hat an Gewicht zugelegt, ihre Haare waren gefärbt in einem wenig schmeichelhaften braun, ihre altmodischen Kleider waren Zuwendungen des Sanatoriums. Er beobachtete sie nach Anzeichen. Ist sie stabil oder ist sie wieder dabei, den Erzengel Michael zu sehen? Sie gaben sich gegenseitig vor und auch vor sich selbst, dass sie irgendwann wieder zusammen leben würden. O’Nan überzeugt am meisten, wenn er über die herzzerbrechende Schuld berichtet, die Fitzgerald verspürt, wenn er daran denkt, auf wie viele Weisen er Zelda in den letzten Jahren verlassen hatte. Die Frage, ob er Zelda alleine lassen kann – diese Frage beschäftigt ihn und er hat Schuldgefühle, die ihn für den Rest seines Lebens quälten. Er hatte ein schlechtes Gewissen, als hätte er sie, so unmöglich es auch gewesen war, retten müssen. In einem Brief an Zelda im April 1938 schrieb er: „Wir waren einmal ein einziger Mensch, und ein bißchen wird es immer so bleiben.“ Auch erleichterte es ihn sehr, dass er Zelda nicht persönlich über den Entschluss, nach Hollywood zu gehen, informieren kann, sonder dies per Brief erledigte. Er schämte sich, ist hilflos, weiß um sein Scheitern.

„Natürlich. Ich bin der König, des Schiefgehens.“
„Und ich deine Königin.“
„Stimmt“, sagte er, denn obwohl der Thron viele Jahre lang leer geblieben und das Schloss, wie auch das Reich, längst zerstört war, war sie seine Königin. Trotz allem, was sie vergeudet hatten, würde er nie bestreiten, dass sie füreinander geschaffen waren.
Zelda Fitzgerald
Zelda Fitzgerald
So ein Dialog aus dem Roman oder an anderer Stelle: „Wir haben viel zu früh angefangen, schlechte Karten zu ziehen“
Der Knacks

In dem bereits angeführten Essay vom Februar 1936 „Der Knacks“ schrieb er: „Im Grunde ist alles Leben ein Prozeß des Niedergangs, aber die Schläge, die das eigentlich Dramatische dabei ausmachen – jene plötzlichen schweren Schläge, die von außen oder scheinbar von außen kommen, an die man sich erinnert, für die man die Dinge verantwortlich macht und über die man in schwachen Momenten auch zu seinen Freunden spricht -, diese Schläge zeigen ihre Wirkung nicht mit einem Mal. Es gibt noch einen andere Art von Schlägen, die von innen kommen und die man nicht spürt, bis es zu spät ist, etwas dagegen zu tun, bis einem endgültig klar wird, daß man als Mensch in dieser oder jener Hinsicht nie wieder soviel taugt wie früher. Die erste Art von Knacks kommt rasch, die zweite Art kommt, fast ohne daß man es merkt, aber dann spürt man es plötzlich um so mehr.“

Es muss ein Gefühl gewesen sein, als ob jemand einem den Teppich unter den Füßen weggerissen hätte. Im Alter von vierzig Jahren war er durch eine Reihe von Rückschlägen, die Fitzgerald eher als Pech betrachtete, zu einem Heimatlosen geworden. Da seine Tochter Scottie im Internat wohnte und Zelda im Sanatorium brauchte er keinen Haushalt mehr zu führen, eine Erleichterung, weil sich damit seine Ausgaben verringerten. Allerdings gab es jetzt keinen Ort mehr, an den sie zurückkehren konnten, und die Dinge, die ihnen am meisten bedeuteten, waren in muffigen Abstellräumen gelagert. Er hatte sich so weit wie möglich eingeschränkt, und dennoch reichte sein Geld nicht, um für die Klinik und Scotties Schulgeld aufzukommen, aber er weigerte sich – aus falschem Ehrgefühl oder schlichter Verblendung -, seine Pflichten zu vernachlässigen. Aber er staunte über seinen eigenen Sturz und seine Fähigkeit, sich dessen bewusst zu sein. Auch ein Gedanke, den O’Nan bei der Lesung ausführte. Warum war Fitzgerald zu jener Zeit aus der Mode gekommen? Hatte Hemingway mit seinem Bonmot recht, dass Scott seine Gabe verraten hatte? O’Nan meint, dass bedingt durch die Weltwirtschaftskrise und den dadurch verursachten Börsencrash, die Menschen andere Sorgen hatten, als sich um das Glamourpärchen, Scott und Zelda Fitzgerald zu kümmern. Das Leben dieses Pärchen war aus der Zeit gefallen.

Fitzgerald schreibt wiederum im Essay: „Nun kann ein Mann auf mancherlei Art kaputtgehen – zum Beispiel im Kopf, in welchem Fall ihm die Entscheidungsfreiheit von anderen abgenommen wird! oder körperlich. In Hollywood wurde ihm auf jeden Fall vorgeschrieben, an was er zu arbeiten hatte. Die Entlohnung war für einen Normalverdiener extrem hoch, sechs Monate für tausend Dollar die Woche aber die „Eiserne Lunge“, wie der Bürotrakt von MGM bei den Drehbuchschreibern hieß, verschlang auch so manchen Autoren. So hatte Fitzgerald im Laufe der Jahre beobachtet, wie Hollywood seine Freunde aus dem Osten verschlang, wie es ihre edleren Ambitionen untergrub und ihnen die Taschen füllte. Er schreibt dazu „…und wenn jemand mir einen Knochen mit genügend Fleisch daran hinwirft, werde ich ihm vielleicht sogar die Hand lecken.“
F.Scott Fitzgerald und Sheilah Graham
F.Scott Fitzgerald und Sheilah Graham
Und dann traf er die Engländerin Sheilah Graham, eine erfolgreiche Klatschkolumnistin. Obwohl sie blondes Haar hatte und diese zudem wellig waren, hätte sie Zeldas Zwillingsschwester sein können. Nach der Meinung O’Nans fand Fitzgerald in Sheilah, was er in seinem Buch „Der große Gatsby“ beschrieben hatte. Jemand, der sich selbst erschuf. Sheilah, so O’Nan, hat sich selbst erfunden. Von der proletarischen armen Auswanderin aus England, zu einer erfolgreichen Klatschreporterin Hollywoods. Mit Mut, Esprit, Witz und Intelligenz, smart, mutig und kräftig hat sie sich ihren Platz erobert. Sie war ihrer Zeit voraus und war die stärkere von beiden. Fitzgerald konnte sich nie aus dem Zwiespalt zwischen Zelda und Sheilah lösen. Dazu dürften auch die Briefe beigetragen haben, die Zelda ihm zukommen ließ, so wie der vom März 39: „Liebster, ich bin immer dankbar für all die Loyalität, die Du mir gegenüber bewahrt hast, und ich bleibe immer den Begriffen treu, die uns so lange zusammengehalten haben: dem Glauben, daß das Leben tragisch ist, daß der geistige Lohn eines Menschen im Festhalten an seinem Glauben, wir sollten einander nicht verletzten, besteht. Und ich liebe, immer, Dein schönes schriftstellerisches Talent, Deine Toleranz und Großzügigkeit und alle Deine glücklichen Begabungen. Nichst (sonst) könnte unser Leben überdauert haben.“
Die Liebe des letzten Tycoon

Neben seiner Liebe fand Fitzgerald auch wieder zum Schreiben. Neben zahlreichen Short-Stories, die er wegen seiner Geldnot schrieb, fing er wieder an einem neuen Roman an, den er nicht fertig stellen konnte, ihm aber neue Hoffnung gab. Ihm aber gleichzeitig bewusst machte, dass er viel Zeit verschwendet hatte. So schrieb er, ebenfalls im Herbst 39 an Zelda: „Den ganzen Tag habe ich an einem Roman gearbeitet, bei dem die Herausgeber der Zeitschrift mich zu fördern bereit sind, wenn ihnen die ersten zwölftausend Wörter gefallen. Es sieht aus, als könnte es die Rettung sein, und ich lege alles, was ich habe, hinein.“

Es scheint, als ob das komplette Scheitern Fitzgeralds, sein Absturz durch Alkohol, ihn soweit zurückgeworfen hatte, dass er wieder zu sich selbst gefunden hatte. Und so konnte er am 23.10.1940 wiederum an Zelda schreiben: “ Ich stecke tief in meinem Roman, ich lebe darin, und er macht mich glücklich. Es ist ein konstruierter Roman wie Gatsby mit Passagen poetischer Prosa, wenn sie zur Handlung passen, aber keinen Grübeleien oder Nebenepisoden wie in Tender. Alles muß zur dramatischen Bewegung beitragen.“

Stewart O'Nan
Stewart O’Nan

Die schönsten Passagen des Romans „Westlich des Sunset“ liegen nicht nur in den eleganten beschreibenden Abschnitten und den lebhaften Berichten über Hollywood auf seinem Höhepunkt, sondern auch im Ton des Romans. O`Nan hat durch die Benutzung  von Fitzgeralds Briefen und Werke einen Hintergrund geschaffen, der die Verfassung und die Seelenqualen Fitzgeralds widerspiegelt. Der Leser wird in eine Welt versetzt, in der Fitzgerald zu einer menschlichen Figur wird – angenehm, talentiert, schwach, sich ganz seinem Talent widmend und darin sorgenfrei sein kann. Man merkt diesem Buch an, dass O’Nan seine Figuren liebt, er die Menschen mag über die er schreibt und sie nicht verachtet oder sich über sie lustig macht in ihrem Bemühen um ein aufrechtes Leben.

Was fasziniert Stewart O’Nan an dem Autoren Fitzgerald. Darauf antwortet er: „Mir gefällt die Figurenbeschreibung, die Komik von Fitzgerald, das Positive in seinem Schreiben, die Musik seiner Sprache und die Emotionen. Das präzise, elegante und konzentrierte Schreiben und die Spannbreite seines Schaffens.

Veränderung ist die einzige Konstante in diesem Roman. Von Fitzgeralds kurzlebigen Drehbuchentwürfen bis zu den in die Jahren gekommenen Filmstars, der Zerfall von Zelda. Die ganze Welt scheint dem Schicksal verfallen zu sein, zu verschwinden. O’Nan beschreibt das Gefühl eines freien Falls, den unkontrollierbare Veränderungen mit sich bringen können. Zitat aus „Der große Gatsby“ – „So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.“

Westlich des Sunset
Stewart O`Nan
„Westlich des Sunset“ („West of Sunset„)
Übersetzer: Thomas Gunkel