S. Craig Zahler „Die Toten der North Ganson Street“

Dystopia in Amerika

Die Toten der North Ganson Street
von S. Craig Zahler

Dystopia, ein imaginärer Ort, an dem alles so schlimm ist, wie es nur sein kann. Und schlimm ist es, in Victory, diesem „Nicht-Ort“ in Missouri, der vor sich hin verrottet, mit einem zusammengebrochenen Sozialsystem und lokalen Verbrechen. Die Einwohner verachten die Polizei, hassen das System und seine Diener. Entweder wegen der Korruption oder wegen ihrer Unfähigkeit, die Flut an Gewaltverbrechen einzudämmen. Und überall war nichts als Armut und die Sonne verbarg sich hinter schmutzigen Wolken.

Shitopia

In diese Stadt wird der schwarze Detective Bettinger strafversetzt. Seine erste Fahrt in die Stadt, vorbei an dem schiefen, zerschossenen Schild mit der Aufschrift AUSFAHRT 58 VICTORY, hinein in die sich weit ausdehnende graue Metropole, die etwas von einer ausgekippten Kloake hat, lässt ihn Schlimmes erahnen. Wo wird sonst eine Stadt in „Shitopia“ und „Toilet“ unterteilt. Sein loses Mundwerk hat ihn vom sonnigen Arizona hierher, ins frostige Missouri verschlagen. Und er hasst Kälte. Ihm erschien die Stadt wie Treibgut aus der dritten Welt, das irgendwie mitten in Amerika gelandet war. Und wo sogar Jesus Christus eine besonders zornige Gesinnung zu haben schien.

Eine vermasselte Anhörung hat Bettinger in diese Lage gebracht. Ein verzweifelter weißer Mann begeht Selbstmord auf dem Revier, kurz nach dem Gespräch mit ihm. Ein 47 Jahre alter Junggeselle, der seine Familie, sein Geld und seine Würde verloren hatte – nicht wegen einer hübschen jungen Hure, sondern wegen seiner Schwächen; seiner Undankbarkeit, seiner Geilheit und seiner unglaublichen Fähigkeit zum Selbstbetrug. Oder, wie der Vorgesetzte von Bettinger es ihm erklärt: der Mann, hat sich hilfesuchend an dieses Revier gewandt, ist in ihr Büro gegangen, wieder rausgekommen und hat sich umgebracht. Ein weiteres Problem ist, dass die Ex-Frau des Selbstmörders die Schwester des Bürgermeisters ist. Und die wenigsten Politiker möchten mit Untreue oder Selbstmord oder Huren in Verbindung gebracht werden.

Daraufhin wird der Detective Jules Bettinger aus Arizona in die vor sich hin verfallende Stadt Victory im „Rust Belt“ strafversetzt. Eine Stadt von 26.000 Einwohnern mit einer exorbitanten Verbrechensrate. Jeder der 24 Beamten „ist verantwortlich für ein Minimum an 700 Kriminelle, von denen 400-500 in Gewaltverbrechen verstrickt sind“. Und die schon vom Hörensagen so schlimm ist, dass Bettinger sich mit seiner Familie, seiner Frau und zwei Kindern, 80 Meilen von der Stadt entfernt niederlässt. Sein neuer Vorgesetzte Zwolinski erklärt ihm, dass das unterbesetzte Polizeirevier sich nur auf die schlimmsten Verbrechen konzentrieren kann und gibt ihm einen Mordfall zur Bearbeitung. Der Tod einer Hure, deren Mörder Sex mit ihrem toten Körper hatte, scheint schlimm genug zu sein. Während der Ermittlungen begreift Bettinger, dass dies nur ein Mord in einer Serie ähnlicher Gewalttaten ist.

Trash Day
Trash Day

 Toilet

Die Cops zeigen keine große Willkommensfreude. Bettinger findet früh heraus, dass Beamte, darunter auch sein neuer, pöbelhafter und brutaler Partner Dominic Williams, nicht nach den Regeln spielen. Williams stammt aus Victory und ist ein Produkt dieser Gegend. Er hat gegen ein paar Gesetze verstoßen und negative Schlagzeilen produziert. Bettinger erfährt, dass Dominic frisch degradiert worden war. Seine ersten Runden durch die Stadt mit Williams sind entmutigend. Victory ist eine riesige städtische Ödnis überzogen mit dem Mehltau des Zerfalls. Bettinger ist bestürzt über die Bilder der Verwüstung um ihn herum. Die verlassenen Gebäude und die aufgerissenen Straßen. Die beißende Kälte treibt ihm die Tränen in die Augen.

Die Brutalität Williams und die seiner Kollegen, die einen Kriminellen als zerschmetterten Krüppel hinterlassen, initiiert einen Krieg, der mit der Ermordung zweier Polizisten beginnt und Victory in ein Schlachtfeld verwandelt. Die zwei Polizisten wurden gezielt hingerichtet; auf grausame Weise verstümmelt. Daraufhin konzentriert sich die ganze Polizeimacht darauf, die Killer zu finden. Aber das Gemetzel eskaliert und hinterläßt viele tote Cops unter grauenerregenden Umständen. Das Blutbad scheint mit dem verkrüppelten Drogendealer zusammenzuhängen, der plötzlich, zusammen mit seiner Schwester und seiner Freundin, verschwunden ist. Bettinger ist überzeugt, dass der Dealer hinter dieser Orgie an Gewalt steckt. Als Bettingers Familie in das Fadenkreuz des Killers gerät, steigt Bettinger auf das Niveau seiner Kollegen hinab. Obwohl er von den Handlungen seiner Kollegen abgestoßen ist, beginnt er sie besser zu verstehen, als er die Geschichte erfährt, warum diese den Dealer verkrüppelt haben.

Elf Jugendliche sind kurz nach der Abiturfeier am schlechten Heroin, gestreckt mit einer tödlichen Menge Chinin, gestorben. Die Aufregung war groß und es musste eine Lösung gefunden werden. Die Lösung war, dass jemand auf der anderen Seite eingesetzt wurde, der die Dinge überwachte und regelte. Eine geduldete Übereinkunft wurde getroffen. Eine, die für beide Seiten lukrativ war. Bis eine Seite ausscherte. Ein Detective wird aus Rache brutal getötet und seine Kollegen nehmen Rache. Bettinger steht zwischen den Fronten. Nach allem, was er gesehen und gehört hatte, sind die Cops auf der gegnerischen Seite, spielen in der gleichen Mannschaft wie Krebs und Autounfälle. Früher, in einem anderen Leben, hätte er solche Männer erschossen oder verhaftet. Jetzt schienen sie seine Verbündete zu sein.

Bald ist auch Bettinger im Visier des Killers. Er entkommt knapp, aber nicht alle aus seiner Familie haben dieses Glück. Zusammen mit seinem Partner und anderen Cops, die den Dealer versehrt haben, stürzt er sich kopfüber tiefer in den nördlichen verfallenen Stadtteil, um nach dem Anführer in einem rasenden Schneesturm zu suchen. Schnee erstickt die verlassene Betonwelt. Die Suche nach dem Dealer in einer alptraumhaften, unmenschlichen und widerlichen Landschaft wird zu einer Reise in die Finsternis. Ein wichtiger Teil seines Lebens, seine Achtung für das Menschliche, existiert nicht mehr und ein wütendes, trauerndes Etwas, das in der Lage war, vernünftiges Denken auszuschalten, hat sich dieser Leere bemächtigt.  Und so suchen die Detective in einem Elendsgebiet, gegen dass sogar die Hölle als ein freundlicher Ort erscheint, nach Erlösung.  Die Stadt Victory selbst wird zum Feind.

Blueprint
Blueprint

Autoren dystopischer Geschichten wollen mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbildes auf bedenkliche Entwicklungen der Gegenwart aufmerksam machen und vor deren Folgen warnen. Aber hier scheint dies schon zu spät zu sein. Das Drogenproblem in Victory wird nicht gelöst. Das Drogenproblem kann nirgendwo gelöst werden. Armut und Gewalt, ist allgegenwärtig. Die Grenzen von staatlicher Gewalt und Verbrechen sind verschwunden. Die Grenzen verwischen. Es herrscht Krieg. Eine Bestandsaufnahme des heutigen Amerikas? Polizeigewalt, tödliche Schüsse gegen Schwarze, Ermordung von Polizisten aus Rache? So geschehen am 08.07.2016 in Dallas, als während eines „Black Lives Matter“ Protestes fünf Polizisten erschossen wurden.

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Und dann sind da die Tauben. Die überall tot herumliegen. Tod vom Himmel fallen, überfahren werden und allgegenwärtig sind. Deren Kadaver überall auf den Straßen verwesen. Tauben, die für Unschuld und Schönheit stehen, ein Wahrzeichen von Frieden sind, den Geist der Hoffnung verbreiten, fallen hier der Endzeitstimmung, der Apokalypse zum Opfer. Stehen für eine Veränderung im negativen Sinn, für eine brutale Veränderung. Hart, zynisch und brutal beschreibt Zahler ein Amerika, das womöglich aktueller ist, als uns lieb sein kann.

Eine Verfilmung des Romans ist in Vorbereitung.

Die Toten der North Ganson Street
Die Toten der North Ganson Street
S. Craig Zahler
„Die Toten der North Ganson Street“
(Mean Business On North Ganson Street)
Übersetzer: Katrin Mrugalla, Richard Betzenbichler

Hermann Hesse

Öde des Lebens

Hermann Hesse in Esslingen am Neckar

Innere Brücke Esslingen
Innere Brücke Esslingen
Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen was von selber aus  mir  heraus wollte. Warum war das so sehr schwer? (Demian)1

Ob der junge Hermann Hesse, gerade einmal 16 Jahre alt, nachdem er, vermutlich nach dem Abendessen, die Zehentstrasse in Esslingen am 30. Oktober 1893 heimlich verließ oder sich noch verabschiedete, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob er seine bewegliche Habe mitnahm. Jedenfalls kehrte er nicht mehr in die Logis der Lehrersfamile Krauß zurück. Zwei Nächte blieb er verschwunden und meldete sich erst am 2. November in Stuttgart wieder. Und ob er diese Nächte, die sicherlich nicht warm waren, in den Weinbergen rund um Esslingen und Stuttgart oder am Neckar verbrachte, ist auch nicht bekannt. Und ob ihn diese Nächte, die er wahrscheinlich unter freiem Himmel verbrachte auch zu den Gedanken geführt hat, die er später in seiner Erzählung „Schön ist die Jugend“ festgehalten hat, wissen wir auch nicht:

„Bei Nacht im Freien unterwegs zu sein, unter dem schweigenden Himmel, das ist stets geheimnisvoll und regt die Gründe der Seele auf. Wir sind dann unserm Ursprung näher, fühlen Verwandtschaft mit Tier und Gewächs, fühlen dämmernde Erinnerungen an ein vorzeitliches Leben, da noch keine Häuser und Städte gebaut waren und der heimatlos streifende Mensch Wald, Strom und Gebirg, Wolf und Habicht als seinesgleichen, als Freunde oder Todfeinde lieben und hassen konnte. Auch entfernt die Nacht das gewohnte Gefühl eines gemeinschaftlichen Lebens; wenn kein Licht mehr brennt und keine Menschenstimme mehr zu hören ist, spürt der etwa noch Wachende Vereinsamung und sieht sich losgetrennt und auf sich selber gewiesen. Jenes furchtbarste menschliche Gefühl, unentrinnbar allein zu sein, allein zu leben und allein den Schmerz, die Furcht und den Tod schmecken und ertragen zu müssen, klingt dann bei jedem Gedanken leise mit, dem Gesunden und Jungen ein Schatten und eine Mahnung, dem Schwachen ein Grauen.“2

Wovor flüchtete der junge Hermann? Es war ja nicht das erste Mal, dass er davonlief. Dieser Flucht aus Esslingen nun gingen wenige Tage voraus, die Hermann Hesse in der Stadt verbracht hatte. Drei Tage insgesamt, wie es in den meisten Biographien steht. Wobei diese Tage in Hermann Hesses Leben den Biographen nur wenige Zeilen wert sind. So schreibt zum Beispiel Wilfried Setzler: „Eine Woche später erfolgte ein weiterer und vorerst letzter Versuch der Eltern, den Weg des Sohnes in die bürgerliche Existenz zu bahnen: eine Lehrstelle als Buchhändler in Esslingen. Nach drei Tagen bricht Hermann ab.“3 Die Vorgeschichte zu diesem Esslinger Intermezzo ist dagegen ausführlicher beschrieben worden. Esslingen ist wie ein Schlussstrich unter einer gescheiterten jugendlichen Existenz. Alle waren rat- und hilflos.

der junge Hesse

Später schrieb Hesse über diese Zeit in Maulbronn und Cannstatt: „Mehr als vier Jahre lang ging alles unweigerlich schief, was man mit mir unternehmen wollte, keine Schule wollte mich behalten, in keiner Lehre hielt ich es lange aus. Jeder Versuch, einen brauchbaren Menschen aus mir zu machen, endete mit Misserfolg, mehrmals mit Schande und Skandal, mit Flucht oder mit Ausweisung.“4  Die Vorgeschichte ist sattsam bekannt.

Das Scheitern in Maulbronn, die Aufenthalte in einer Nervenheilanstalt, eine unglückliche Liebe und einen Selbstmordversuch, dann Basel, um zur Ruhe zu kommen. Von dort erreicht dann auch ein Brief des Pfarrers Pfister, bei dem Hermann sich aufhält, die Eltern. Darin schreibt er: „Ich sagte ihm, ich glaube, es sei Zeit, dass er irgend in eine geordnete Tätigkeit, sei es theoretischer sei es praktischer Art komme. Langeweile und Ungewissheit nage an ihm und rege ihn auf mehr als Arbeit (…) Ob er denn überhaupt so aufs Studium versessen sei. Er meinte, das nicht, aber er möchte doch als Deutscher den Einjährigen erlangen. (Ein Beruf wie Buchhändler würde ihm auch einleuchten, wenn es nicht gut weiterginge).“ Und weiter: „Er kam dann auf das Gymnasium zu Cannstatt zu sprechen mit dessen Rektor Du bekannt seiest und in dem die Schülerzahl nicht zu groß sei; wo auch bei Herrn Rektor sich ein Platz finden würde.“5 So der Pfarrer Pfister an Johannes Hesse am 27.10.1892. Nur wenige Tage später war alles organisiert. Der Vater reiste nach Cannstatt und „brachte alles soweit ins Reine. H. soll bei Praezeptor Geiger wohnen mit 3 Anderen und kann eintreten sobald er will. Nun wird er in den nächsten Tagen heimreisen.“6 Hermann kann es aber abwenden, mit drei anderen Mitschülern ein Zimmer teilen zu müssen und zieht in das Haus gegenüber zu Frau von Montigel. Dort wird er seine Zeit in Cannstatt verbringen. Aber auch die Cannstatter Zeit ist nicht frei von Sorge und Ärger. Schon bald drängt es Hermann wieder, das Gymnasium zu verlassen, möchte die Prüfung früher ablegen. Ist unzufrieden und verzweifelt. Er suhlt sich in einer Art Selbstmitleid, schreibt unter anderem: „Turgenjeff  sagt, es gewähre einen angenehmen Schmerz, vernarbte Wunden wieder aufzureißen. So geht mir’s auch. (…) Doch einerlei, es macht mir Vergnügen, die Wunden aufzureißen: Ihr braucht’s ja nicht zu lesen“7 Ein Weltschmerz umflort ihn, den er auch seinen Eltern mitteilt: „Ich sitze da in Cannstatt und lebe und lerne, was sie da zu sorgen und zu bemitleiden. Wenn du glaubst, ich sei traurig über das letzte Jahr, über Enttäuschungen, Liebesschmerz; mich quäle die Reue wegen des Selbstmords, irrst Du Dich. Dass meine Ideale von Welt und Liebe und Kunst und Leben und Wissen etc. verknallt sind, darüber gräme ich mich wenig. Denn alle diese Träume, der Wunsch, geliebt zu sein, etc. waren ja unnötig und unsinnig.“ Und weiter: „Aber ich interessiert mich für nichts. Da schwatzt man Tag für Tag an mich hin, von Sprachen, Verfassungen, Kriegen, Völkern, Zahlen, Vermutungen, Forschungen, Kaisern, Kräften, Elektroskopen, und wie der Schund heißt – und ich höre zu; das Eine behalte ich, das Andre nicht und alles, alles ist mir einerlei.“8 Weiter schreibt er, dass ein weiteres Studium für ihn nicht in Frage komme, er kein „Studienrat oder so was werden, der das Privilegium hat, dumm zu sein und einen großen Bauch und seidne Weste mit goldener Uhrkette zu tragen“9 Am gleichen Abend, dem 20. Januar 1893 schreibt er an dem Brief weiter und es kommt noch dramatischer: „..heute Nachmittag hatt‘ ich wieder so einen häßlichen Anfall, wie seit Basel nimmer. Ich saß da und las im Eichendorff, da kam mit einem Mal der ganze alte böse (unleserlich) über mich, all das trübe Herzweh, der grüttelnde Liebesschmerz, die Erinnerung an alles, was ich in Boll erlebt. Ich nahm rasch einige Bücher, ohne Auswahl, und kaufte in Stuttgart dafür – einen Revolver. Und jetzt sitz ich wieder da und vor mir liegt das rostige Ding. –.“10 Sofort eilt die Mutter nach Cannstatt. Es wurde für beide keine gute Nacht. Hermann ist zornig und unglücklich. Die Mutter bleibt über Nacht, übernachtet in einer kleinen Kammer neben ihm. Am Sonntag morgen erkundigt sie sich bei den Lehrern über Hermann. Die finden nur Lob. Hermann tobt, schreit seine Mutter an und beschimpft sie, sieht seine Pläne, dass Cannstatter Gymnasium frühzeitig zu verlassen, gefährdet. Krank und hilflos, reist seine Mutter ab.

Doch schließlich und endlich kommt die befreiende Nachricht aus Cannstatt: Am 18. Juli 1983 schreibt Hermann Hesse in einem Brief an Johannes und Marie Hesse: „Das Examen ist, wenn auch nicht glänzend, bestanden! Mein Kopfweh ist seit drei Wochen in flore.“11

Hesse selbst schreibt über die Zeit in seinen kurzen biographischen Skizzen, die er gelegentlich verfasst: „8.11.1982 Eintritt ins Gymnasium in Cannstatt (7. Klasse). Pension Geiger. Arbeite bald fast nichts, außer mit Liebe Latein. Musik. Werde Sozialdemokrat und laufe ins Wirtshaus. Bier und Raisonieren. Lese fast nur Heine, den ich sehr nachahmte. Stehe mit Calw immer schlecht und mache in den Ferien Szenen“.12 So Hesse in seinen Aufzeichnungen „1899 – November 1902 in „Bagels Geschäftskalender“ vom 14.03. In einem anderen autobiographischen Beitrag von 1903 für Franz Brümmer und seinem Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten im Reclam Verlag in Leipzig schreibt er, nicht ohne geschickt Hinweise auf zwei seiner Bücher einzustreuen,  etwas ausführlicher: “ Herbst 1982 kam ich, nach monatelangen Herumsitzen (siehe Unterm Rad) ins Gymnasium Cannstatt, wo ich ein wenig länger als ein Jahr blieb, bis in die Obersekunda, aus der ich während des Schuljahrs austrat. Ich war in Sprachen, Geschichte etc. gut, das hielt mich, dagegen kam ich in der Mathematik, gegen die ich ganz gleichgültig war, nicht mit, und geriet damals in Kameradschaft mit den „Lumpen“ und übel angesehenen älteren Schülern, lernte die Abende verbotenerweise in Wirtshäusern hinbringen, tüchtig saufen etc. Einiges davon steht im „Demian.“13

Dieses Einjährig-Freiwilligen-Examen, nicht ohne Müh und Not und auch nicht ohne Ärger mit der Familie und der Vermieterin Montigel, in Cannstatt abgelegt, befreite den nun sechzehnjährigen Jungen gleichzeitig auch von einer dreijährigen Wehrpflicht. Hermann Hesse und seine Eltern standen  nun vor der Frage, wie es in seinem Leben weitergehen sollte.

Das Kopfweh, das Hesse in den letzten Wochen vor den Prüfungen heftig plagte, wie auch aus einem Brief von Lotte Geiger an Marie Hesse14 hervorgeht, nimmt dieser zum Anlass, Cannstatt erst einmal zu verlassen und zu seinen Eltern nach Calw zurück zu kehren. In dieser Zeit in Calw scheint er unbekümmert zu sein. So schreibt seine Mutter an Adele Hesse, die Schwester, am 15. August 1893: „Hermann ist ordentlich und traktabel, fischt, badet, spaziert doch auch mit hie und da, und raucht fast immer fort (…)15 In diesen Tagen scheint auch der Entschluss gefallen zu sein, dass Hermann Hesse ein weiteres Jahr in die Schule nach Cannstatt gehen sollte. Denn in diesem Monat August wurde mit der Vermieterin Frieda Montigel ein weiteres Jahr Aufenthalt vereinbart. Und so neigt sich die Ferienzeit seinem Ende zu. Hermann reist am 17. September 1893 wieder nach Cannstatt, um am 19. September wieder mit der Schule anzufangen. Aber schon die ersten Briefe nach Hause zeigen, wie unzufrieden und unglücklich der junge Hesse ist. Seine Laune ist verdorben und schlechtes Wetter bringt ihm sein Kopfweh und Rheumatismus zurück. Diese Briefe stehen aber im Kontrast zu den Briefen, welche die Eltern Hesses von der Vermieterin oder von dem Lehrer Geiger erhalten. Dort wird geschrieben, dass sie recht zufrieden mit dem Verhalten und Fleiß des jungen Hesses sind. Er sei heiter und freundlich und kommt der Hausordnung nach. Der Lehrer Geiger drückt aus, dass es ihn freuen würde, wenn es Hesse gelänge, „auch das neu begonnen Schuljahr mit Glück und Erfolg zu Ende zu bringen.“16

Aber dies sollte sich schon im Oktober ändern. Zuerst meldet sich Frau Montigel bei der Mutter Hesse: „Mit Hermann hatten wir etwas Sorge. Erst war er wieder aufbrausend, und dann aß er längere Zeit nicht, bis ihm natürlich ganz dumpf im Kopf war. Ach es ist dem armen Hermann so schrecklich schwer beizukommen.“17 Fast am gleichen Tag schreibt Hesse selbst an seine Mutter. Es ist ein dringlicher Brief, der die Eltern dazu auffordert nach ihm zu sehen, da ihm „von Tag zu Tag schrecklich Angst auch Sorgen und Schule und Arbeit und böse Worte; jeder Tag, den Ihr früher nach der Sache seht, ist mir Geldes wert.“

Dieser Brief setzt einiges in Bewegung. Der Vater versucht noch, seinen Sohn dazu zu bringen, in der Schule durchzuhalten, in der Klasse fortzukommen. Sie würden auch versuchen Erleichterungen in der Schule zu erreichen und er könnte auch einige Tage, einige Wochen in Calw verbringen, um wieder zur Ruhe kommen. Im gleichen Brief schreibt er aber auch: „Andrerseits legt sich auch der Gedanke einem nahe: wenn Dein Kopf auf die Dauer das Studium doch nicht aushält, solltest du dann nicht so bald als möglich etwas anderes anfangen, sage: in eine Kaufmannslehre oder so etwas eintreten? Vielleicht ließe sich sogar hier in Calw etwas finden.“18 Während die Bitte um Austritt aus der Schule immer drängender wird, suchen die Eltern nach einer Lösung. Diese findet nun David Gundert, der Onkel von Hermann. In einem Brief  vom 13. Oktober an  Johannes  Hesse  schreibt er: „In Eßlingen  ist der  Buchhändler  Mayer,  auf  den ich  große  Stücke  halte,  Sohn  eines  frommen  Lehrers, kleines Geschäft, guter Prinzipal, nur kann er Lehrling nicht im Haus haben, sondern in Lehrersfamilie daneben.

Die Maille-1904
Die Maille-1904

Wenn Hermann wirklich lernen will, so kann ich bei Mayer anfragen. Auf Handelsschule halte ich für einen Seminaristen wenig; das Nötige von Buchführung, Rechnen etc lernt sich leicht und schnell in einem rechten Geschäft. Anderseits will ich gar nicht von Kaufmannschaft abraten. Ein tüchtiger Kaufmann kriegt wohl besseren Gehalt als der Buchhändler. Also muss Hermann selbst sich entschließen. Nur mein ich, nicht nochmals (bis 17 1/2 Jahre) bloß theoretisch lernen.“19

Über den weiteren Inhalt des Briefes ist nic1hts bekannt, da die weiteren Seiten fehlen. Hermann, wohl froh, Aussicht auf einen Ausweg aus der Schule aufgezeigt zu bekommen, muss dem Vorschlag seines Onkels wohl zugestimmt haben. So schildert er es auch in seinen autobiographischen Skizzen: „Oktober 1983, kaum nach Beginn der achten Klasse, dränge ich zum Austritt, um Buchhändler zu werden. Trete Ende Oktober in Eßlingen ein, wo ich nur drei Tage aushalte“.20 In dem Beitrag für Franz Brümmer, klingt es schon etwas differenzierter: „Als ich mich im Gymnasium nicht mehr halten konnte, wurde ich in die Lehre zu einem kleinen Buchhändler nach Eßlingen geschickt…“21

Werfen wir nun einen Blick auf diese kleine Buchhandlung in Esslingen und ihre Geschichte. Die Buchhandlung Samuel Mayer wurde im Jahre 1800 in Esslingen als älteste Buchhandlung in ihrem damaligen Domizil, im Haus Innere Brücke 8 bis 10 gegründet. Die Innere Brücke, verbunden durch die Pliensaustrasse mit der Äußeren Brücke (Pliensaubrücke), war damals die Hauptstrasse in Esslingen. Über die Innere Brücke kam man auf die Ritterstrasse, von dort über die Küferstrasse und durch das Wolfstor wieder aus dem Esslinger Stadtkern hinaus. Hier, auf der Inneren Brücke unterhielt Samuel Mayer nun seinen Buchladen, als Hermann Hesse dort seine Lehre antrat. 1904 verkaufte Samuel Mayer die Buchhandlung an Eduard Paulus Senior. Von 1905 bis 1937 firmierte die Buchhandlung unter Samuel Mayers Buchhandlung, Inhaber Eduard Paulus, auf der Inneren Brücke 8 bis 10. Im Eckhaus Fischbrunnenstrasse 8 bis 10 präsentierte sich nach der Jahrhundertwende die Buchhandlung Franz Sigleur im rechten Laden des Gebäudes. Franz Sigleur – und vor ihm Wilhelm Hammer – firmierten ebenso wie Sigleurs Nachfolger August Stocker, als Rechtsnachfolger der 1870 von August Weismann am Hafenmarkt gegründeten Weismannschen Sortimentsbuchhandlung, die einige Jahre auch ihr Ladengeschäft im Gebäude Innere Brücke 7 hatte. Im Juli 1928 übernahm Eduard Paulus zusätzlich die Buchhandlung Stocker am Fischbrunnen (heute Postmichelbrunnen) und sicherte sich damit, neben seinem Hauptgeschäft im Gebäude Innere Bücke, einen weiteren Standort im Vorfeld der Inneren Brücke. Eduard Paulus Junior kam, als er bereits die Regie in der Buchhandlung Stocker übernommen hatte, bei einem Tieffliegerangriff im Jahre 1945 auf der Maille ums Leben. Danach übernahm Gottfried Paulus, ein Neffe von Eduard Paulus Senior, die „Vereinigten Buchhandlungen August Stocker und Samuel Mayers Nachfolger Eduard Paulus“, und zwar unter der Firmierung Stocker und Paulus. 1959 verließ die Buchhandlung das Gebäude Innere Brücke und beschränkte sich auf die Räume am jetzigen Standort.

Nun zurück in das Jahr 1893. Hesses Eltern, erleichtert, dass Hermann einen neuen Weg einschlagen möchte, ob nun freiwillig oder nicht, organisierten den Umzug von Hermann von Cannstatt nach Esslingen.. Hermann, noch in Calw auf Erholung, soll, wenn er auf Durchreise von Calw nach Esslingen ist, den Schlüssel des Koffers bei den Vermietern Montigel abholen und seinen Überzieher, Schirm und weitere Dinge noch mitnehmen. Das Bett und einen Koffer mit Büchern sind schon nach Eßlingen geschickt worden. Auch soll er nicht vergessen, den Hausschlüssel abzugeben. So schreibt Frieda Montigel an Marie Hesse am 18. Oktober.22

Wie überraschend und schnell diese neue Entwicklung in Hermann Hesses Leben eintrat und wie zügig alles organisiert wurde, geht aus einem Brief hervor, den die Mutter an die Schwester von Hermann, Adele am 19. Oktober schrieb: „..Ich muß nämlich am 25. Morgens nach Eßlingen mit Hermann, der jetzt einige Tage hier ist und der in eine Buchhandlung in die Lehre eintritt am 25. Das überrascht Dich wohl sehr, da es alles so gar plötzlich kam. Uns selbst ist’s auch eine Überraschung gewesen. Hermann schrieb, es gehe nicht weiter mit dem Lernen, er habe immer einen Druck im Kopf und sei nun bereit, sich einem praktischen Beruf zuzuwenden. Zuerst dachten wir dran, ihn hier in die Handelsschule gehen zu lassen, bis sich etwas für ihn zeigte. Onkel David aber schlug sofort das passendste Plätzchen vor und fragte auf unsre Bitte bei Herrn Buchhändler Mayer in Eßlingen an, der sich bereit erklärte, es mit H. zu probieren. So war ich am Sonntag in Cannstatt und ordnete den Abzug an. Die gute Frau Montigel war bitter enttäuscht, sie hat Hermann lieb und hatte gehofft, ihn durch ihre Bemutterung ganz zurecht zu bringen. (…) Ich fand Hermann mager und elend aussehend, er hatte in letzter Zeit keinen Appetit und oft Kopfweh. Der Rektor hatte sich über sein Schulversäumnis geärgert und wendete nichts ein gegen den Austritt.“23

Am gleichen Tag nun schreibt der Esslinger Buchhändler Samuel Mayer an den Onkel David Gundert: „Beifolgend übersende ich Ihnen den Lehrvertrag mit der Bitte, das Weitere gefälligst veranlassen zu wollen. Der von Hermann Hesse abgeschriebene und mit den nötigen Unterschriften versehene Lehrvertrag kann vom Lehrling bei dessen Eintritt mitgebracht werden.

Lehrvertrag
Lehrvertrag von Hermann Hesse

Es war mir ein Anliegen vor Gott, den richtigen jungen Mann als Lehrling zu bekommen, und so hoffe und wünsche ich, daß die von mir getroffene Wahl für beide Teile und in jeder Beziehung nur gut getroffen sein möge.“24

Wie viel Hoffnung, Spannung und Erwartung in diesen neuen Lebensweg ihres Sohnes die Eltern Hesses setzten, geht aus einem Brief der Mutter nur zwei Tage nachdem sie ihren Sohn nach Esslingen begleitet hatte, heraus. Sie schreibt: „In Gedanken gehe ich immer mit Dir um, besonders gestern morgen dachte ich so dran, wie Du ins Geschäft mußtest und hätte Dich am liebsten begleitet und Dir zugesehen bei allem.“25

Aber die Hoffnung wurde nach drei Tagen im Keime erstickt. Hermann Hesse brach die Lehre ab, verschwand und tauchte erst einige Zeit später in Stuttgart wieder auf. 1955 gab Eduard Paulus in der Eßlinger Zeitung einen Einblick, wie es dazu kommen konnte. „Der freiheitsdurstige und allem äußeren Zwang abholde junge Hermann Hesse und der pietistisch strenge Samuel Mayer paßten so wenig zusammen, daß die Eßlinger Lehrlingsherrlichkeit bald zu Ende war. Hesses Verhältnis zu Gott ließ sich eben nicht in das Reglement von Bibelstunden und dergleichen pressen.

In die rechte Gasse geht es zu Frau Oberlehrerin Krauß in der Zehentstraße
In die rechte Gasse geht es zu Frau Oberlehrerin Krauß in der Zehentstraße

Hingegen hat es dem jungen Dichter (…) beim Mittagstisch der Eßlinger Frau Oberlehrer Krauß in der Zehentstraße (heute Neubau Kögel) recht gut gefallen. In dieser Beziehung befand er sich damals keineswegs „unterm Rad.“26

Einmal im Plaudern gibt er noch eine weitere Anekdote preis: Im Hirsauer Pfarrhaus trafen Eduard Paulus als Pfarrerssohn und auch Hermann Hesse als Missionarssohn von Calw zusammen. Hermann Hesse, so erzählt Paulus, war ein kräftiger und nicht unbedingt nachgiebiger Bub, der einem jungenhaften Streithändel keineswegs aus dem Weg ging. „Jedenfalls weiß ich noch, daß er mir einmal unheimlich den Buckel verschlug“, lacht Herr Paulus verschmitzt. Ob es nur die zwei Jahre ausmachten, die Hesse älter war als er, oder ob Hesses kräftige  Statur und seine handfeste Konstitution den Ausschlag gaben, kann und mag heute unser Eßlinger Buchhändler Paulus nicht mehr entscheiden“.27

Wie sehr diese Flucht aus Esslingen die Familie erschütterte geht aus einem Tagebucheintrag hervor: „..David fand eine Buchhändlerlehre in Eßlingen; man lieferte ihn am 25. Oktober dort ein. Am 30. war er auf und davon, niemand wußte wo. Am 2. November tauchte er in Stuttgart auf. Johannes eilte hin, am 3. November und nahm ihn mit sich nach Winnenthal zu Dr. Zeller zur Beratung. Ich machte daheim Todesängste durch und konnte nur Gott erleichtert danken, als abends beide wieder heimkehrten. Hermann sollte sich bei uns erholen. O eine schwere bittre Zeit für unser ganzes Haus (…).“28

Mit Dr. Zeller aus Winnenden hatte der Vater schon am 01. November brieflich Kontakt aufgenommen, um Hermann zur Beobachtung dort zu lassen. Wie hilf- und ratlos die Eltern zu dieser Zeit waren geht aus dem Brief hervor: „Mein Sohn Hermann, 16 1/2 Jahr alt, scheint an „moral insanity“ zu leiden und ist vorigen Montag aus seiner eben erst angetretenen Buchhändlerlehre in Eßlingen durchgegangen, nachdem er schon 1892 aus dem Evangel. Seminar Maulbronn davongelaufen und dann im Cannstatter Gymnasium es auch nicht aushalten konnte. Ich hoffe, morgen mit ihm nach Winnenthal zu kommen im Gedanken, daß Sie ihn dann vielleicht zur Beobachtung dort behalten. Bitte, haben Sie die Güte, wenn ich komme, mich vorzulassen und den Jungen anzusehn. Wir wissen rein nicht, wohin mit ihm.“29

Am 4. November meldet sich dann der Buchhändler Mayer wieder bei Johannes Hesse. „Beim Einliefern Ihres Sohnes Hermann in mein Geschäft, war ich weit entfernt zu denken, daß sein Aufenthalt von so kurzer Dauer sein sollte. Wenn mir auch Herr Gundert die Eigenschaften, welche Hermann mitbringt, einigermaßen schilderte, so hatte ich doch keine Ahnung davon, daß dieselben in solcher Ausgeprägtheit vorhanden seien. Von dem hochgradigen Mangel an Willensfestigkeit bekam ich ja doch erst Kenntnis, nachdem sich, oder richtiger gesagt, dadurch daß sich Ihr Sohn entfernte. Denn in den wenigen Tagen seiner Tätigkeit bekundete er den jedem neueintretenden Lehrling eigenen Eifer. Abnorm schien mir nur die höchst unklare Handschrift Ihres Sohnes. Die einfachsten Wörter oder Namen konnte er z. B. mitunter nicht zu Papier bringen, ohne zu korrigieren. Diese Korrektur war dann wieder eine unklare Form von ineinander gefügten Strichen. In wie weit sich bei Hermann absolute Krankheit und Eigenwille, d. h. ein gegen die Ordnung sich auflehnender Sinn, vereinigt, ist auch mir vorerst nicht ganz klar. Dem sei nun wie ihm wolle, ich wünsche von Herzen, daß Sie an Ihrem Sohn künftig mehr Freude erleben möchten, als er Ihnen seither bereitet hat, und daß er von dem großen Arzt Leibes und der Seele gründlich kuriert werden möge. Einen Heimatschein erhielt ich bisher nicht; eventuell werde ich Ihnen denselben zugehen lassen. Den Lehrvertrag werde ich vernichten.“30

Zu Hermann Hesses Glück, verweigerte Zeller die Aufnahme des jungen Hesses in die Klinik und verordnete ihm Ruhe. Hesse kehrte zurück in den Schoß der Familie. Und Hermann Hesse selbst? Wie sah er es und sein Scheitern?

In einem Brief an seinen Vater, wahrscheinlich vor dem 5. Juni 1894 geschrieben, heißt es: „Im Seminar gefiel es mir nicht, eben so wenig in Cannstatt und Eßlingen. Daß ich ohne weiteres immer weggelaufen, gilt Euch für krankhaft. Es war natürlich nicht das Richtige, aber ich fühlte zu allem, was Ihr aus mir machen wolltet, keine Lust, keine Kraft, keinen Mut. Wenn ich so ohne jedes Interesse an meiner Arbeit Stunde um Stunde im Geschäft oder Studium war, ergriff mich eben Ekel.“ Weiter schreibt der junge Hesse: „Ich versuchte es ja mit dem Buchhandel, hatte den Willen, wenn ich der Sache auch nur eine einzige freundliche Sache abgewinne, mich anzustrengen, etc etc; aber es ekelte mich an.“ Erstaunlich ist, dass er im  gleichen Brief alles daran setzt, seine Freiheit, seine Selbstständigkeit zu erhalten: „- Ich möchte versuchen, mit dem, was ich privatim gelernt, mein Brot zu verdienen. Anfangen würde ich da, wo ich schon Boden habe, in Cannstatt, Eßlingen, Stuttgart.“31

Er würde also auch eine Rückkehr in die kleine Stadt in Kauf nehmen, die er so fluchtartig verlassen und die ihn so angewidert hat, wie er in einem kurzgefassten Lebenslauf von 1944 schrieb: „Dann war ich drei Tage lang Kaufmannslehrling, lief  wieder fort und war einige Tage und Nächte zur großen Sorge meiner Eltern verschwunden.“32 Oder etwa 40 Jahre früher, in dem bereits erwähnten autobiographischen Beitrag von 1903 an Franz Brümmer schreibt Hesse „wo ich, von der Öde des Lebens als Lehrling in einem Landstädchen angewidert, schon nach drei Tagen davonlief.“33

Klein-Venedig
Das sogenannte „Klein-Venedig“ im Jahre 1892. Die Gebäude Innere Brücke 6-10 wurden kurz danach abgebrochen, der Unterbau von der Maschinenfabrik Esslingen durch Stahlträger stabilisiert und die Häuser neu aufgebaut

Wiederum in seiner Erzählung „Schön ist die Jugend“, die man auch durchaus als autobiografisch lesen kann,  kommt er auf diese durchaus unglückliche Zeit zu sprechen. So schreibt er: “ … so war doch mein Leben in den letzten Jahren nicht durchaus sauber und  durchsichtig gewesen.“ Und in einem Gespräch des Ich-Erzählers mit seiner Tante merkt er an, dass die Rede auf seine Schicksale, Erlebnisse und Aussichten kam, und sie fanden, er hätte Glück gehabt und sei auf gutem Wege. Und es  ergibt sich folgender Dialog:

„Wer hätte das vor sechs Jahren gedacht!“ meinte sie. „Stand es eigentlich damals so traurig mit mir?“ musste ich nun doch fragen. „Das nicht gerade, das nicht. Aber es war damals doch eine rechte Sorge für deine Eltern.“ Ich wollte sagen ‚für mich auch‘, aber sie hatte im Grunde recht, und ich wollte die Streitigkeiten von damals nicht wieder aufwärmen.“

Soweit Hesse in seiner Erzählung „Schön ist die Jugend“.34 Weiter schreibt er in seinem autobiografischen Beitrag: „Ich trieb mich mehrere Tage herum und wurde von Eltern etc. mit Angst gesucht, schließlich stellte ich mich dem Vater, wurde betrübt, aber nicht allzu böse empfangen und mit nach Calw genommen, und dort saß ich nun gegen zwei Jahre herum, eine Unglückszeit, in der meine Eltern an mir verzweifelten, und auch ich selber oft, in der ich aber, in der sehr großen Bibliothek meines Großvaters und Vaters, ziemlich gründliche und mannigfaltige Privatstudien machte, d.h. vor allem die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts, die dort sehr gut vertreten war, kennen lernte. Ich las damals Goethe, Gellert, Weiße, Hamann, Jean Paul, Hettners Literaturgeschichte, einiges von David Friedrich Strauß und viel andres und legte den Grund zu meiner späteren Belesenheit, die ziemlich groß war, bis zunehmende Augenschmerzen mich einschränkten“.35

Weiter schreibt er: „Lese viel und lege Grund zu literarischen Kenntnissen. Sehr wichtig Hettners36 18. Jahrhundert. Erste ernste Goethe-Lektüre. Auch Orientalisches und Übersetzungen, sowie Lavater und Ähnliche“.37

Danach begann  er in Calw eine Lehre in der Werkstatt des Herrn Perrot, der Turmuhren herstellte. Diese bringt er zu Ende. Nach der Lehre in Calw geben er und sein Vater ein Inserat auf: „In einer Buchhandlung wird für einen jungen Mann mit Lateinbildung eine Lehrstelle gesucht“. Auf diese Anzeige hin meldet sich die Heckenhauerische Buchhandlung in Tübingen. Und dort bringt Hesse zu Ende, was ihm in Esslingen nicht geglückt ist. Eine Buchhändlerlehre. In der Esslinger Zeitung schreibt Prof. L. Bosch in einer Antwort auf den Artikel „Als Hermann Hesse mir den Buckel verschlug“: „..denn im Herbst 1898, als ich zur Hochschule kam, war er Lehrling bei Heckenhauer in Tübingen und hat mir verschiedene gekaufte Bücher eingewickelt. Seine einstigen Mitseminaristen studierten damals bereits seit 1895“.38

Und wenn Hermann Hesse, trotz seinem drei Tage Erlebnis mit dieser Stadt Esslingen später zu seinen „Lieblingen unter den schwäbischen Städten“39 erkor, mag dies doch ein versöhnlicher Schluss sein.

Literatur- und Bildhinweise:

1) Hermann Hesse, Demian, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 3: Roßhalde, Knulp, Demian, Siddhartha, S. 309. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
2) Hermann Hesse, „Schön ist die Jugend. Eine Sommeridylle“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels. Band 7: Die Erzählungen 2, S. 52. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
3) Mit Hesse von Ort zu Ort: Lebensstationen des Dichters in Baden-Württemberg von Wilfried Setzler; Silberburg Verlag Tübingen 2012
4) Hermann Hesse, „Kurzgefaßter Lebenslauf“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 12: Autobiographische Schriften 2, S. 49. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
5) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 295;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.                                                 6) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 298;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(7) [Cannstatt, 15./16.1.1893], aus: Hermann Hesse, »Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!«. Briefe 1881-1904, S. 117. Herausgegeben von Volker Michels. © Suhrkamp Verlag Berlin 2012.
(8) [Cannstatt, 20.1.1893], aus: Hermann Hesse, »Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!«. Briefe 1881-1904, S. 120f. Herausgegeben von Volker Michels. © Suhrkamp Verlag Berlin 2012.
(9) ebda
(10) ebda
(11) Textauszug aus: Hermann Hesse, Gesammelte Briefe. Herausgegeben von Volker Michels. (c) Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1990. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(12) Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899 – November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(13) Hermann Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899 – November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(14) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 382;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(15) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 385;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(16) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 392;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(17) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 394;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(18) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 396;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(19) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 397  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(20) Hermann Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899-November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(21) Hermann Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899-November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(22) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 398  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
23) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 398/399;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(24) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 400  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(25) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 401;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(26) Eßlinger Zeitung vom 11.10.1955 Seite 3 „Als Hermann Hesse mir den Buckel verschlug“ (M.K.)
(27) ebda
(28) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 407;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(29) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 402;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(30) Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 406;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(31) [55 An seinen Vater], aus: Hermann Hesse, »Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!«. Briefe 1881-1904, S. 134f. Herausgegeben von Volker Michels. © Suhrkamp Verlag Berlin 2012.
(32) Hermann Hesse, „Kurzgefaßter Lebenslauf“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 12: Autobiographische Schriften 2, S. 49. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(33) Hermann Hesse, „Biographische Notizen“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 12: Autobiographische Schriften 2, S. 19. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(34) Hermann Hesse, „Schön ist die Jugend. Eine Sommeridylle“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels. Band 7: Die Erzählungen 2, S. 41f. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(35) Hermann Hesse, „Biographische Notizen“, in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 12: Autobiographische Schriften 2, S. 19f. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin. (36) Hermann Hettner Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts 3 Bde. Vieweg Braunschweig 1894
(37) Hermann Hesse, [Aufzeichnungen vom 14.3.1899-November 1902] (in „Bagels Geschäftskalender), in: ders., Sämtliche Werke in 20 Bänden. Herausgegeben von Volker Michels, Band 11: Autobiographische Schriften 1, S. 186. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.
(38) Eßlinger Zeitung vom 18.10.1955; Leserbrief
(39) „Esslingen am Neckar“ Otto Borst; Bechtle Verlag; 2. Auflage 1967
(40) Fotos aus „Esslingen – Schön  wars Teil 2″“ von Werner Mey, Bechtle Verlag 1998 u.a. „Lehrvertrag“ aus „Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877-1895“, , Herausgegeben von Ninon Hesse; Seite 396;  Erscheinungsjahr 1973 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.

 

 

 

Lesung I : Clemens J. Setz

Vor der Lesung
Vor der Lesung

Am 12. Januar war Clemens J. Setz im Literaturhaus Stuttgart  zu Gast. Ich hatte mir über Weihnachten und Neujahr das Buch „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ vorgenommen zu lesen. Es ist eins dieser Bücher, die man nach einer gewissen Zeit auf den Stapel „les ich später, wenn ich viel Zeit habe“ legt oder man „kämpft“ sich in das Buch hinein. Dies habe ich dann gemacht, indem ich mir homöopathische Tagesdosen von mindestens 100 Seiten vorgegeben hatte.  Und nach dem Lesen stellt man erstaunt fest, dass der Roman die Macht hat, das Leben von den Füßen auf den Kopf zu stellen. Wenn man sich darauf einlässt. Nun wollte ich aus dem Munde des Schriftstellers hören, was seine Gedanken und Überlegungen zu diesem, über 1000 seitigen Roman, sind, den viele Kritiker als den irrsinnigsten Roman des Jahres bezeichnet hatten. Die Moderation hatte der Literaturchef der ZEIT, Ijoma Mangold. Und es wurde ein vergnüglicher und interessanter Abend.

Eröffnung
Eröffnung

Wie der Moderator Herr Mangold so treffend ausführte, sind die Lesungen mit Clemens J. Setz immer mit  einem Mehrwert verbunden. Wo sonst erfährt man gleichzeitig etwas über  künstliche Intelligenz, Trostrobotern in Japan in Gestalt einer Robbe,  zeitgenössischer Kommunikation (hauptsächlich verbunden mit modernen Kommunikationsmitteln), Stalkern und dem Betrieb in einem Behindertenwohnheim. Das alles und noch viel mehr erfährt man an einem Abend  mit Clemens J. Setz.

Setz-cover

Den Inhalt des über 1000-seitigen Buches hier wiederzugeben erübrigt sich wohl und ist meiner Meinung nach auch nicht relevant, da dieses Buch in sich sehr vielschichtig ist und sich jedem Leser eine eigene Welt auftut. Es gibt genügend Rezensionen und Blogs, die sich mit dem Inhalt des Buches beschäftigt haben und immer noch tun. Nur soviel. Der Roman hat  mindestens drei Ebenen. Einmal wäre dies die Ebene, die den Betrieb in einem betreuten Wohnheim beschreibt. Hier treffen Menschen aufeinander, die der „Norm“ entsprechen, die Pfleger und Zivis und diejenigen, die nach offizieller Meinung, dieser Norm nicht entsprechen. Wobei nicht immer ganz klar ist, ob diese Grenzen nicht auch verwischen und die Akteure außerhalb des Heims nicht eher in das Heim für betreutes Wohnen gehören.  Als zweite Ebene spielt das Genre Thriller eine Rolle. Nicht nur, dass Stephen King, als weltumspannendes Phänomen, namentlich erwähnt wird, sondern auch, dass die Figur des „Stalkers“ in all seinen Aspekten durchgespielt wird. Die dritte Ebene ist die Ebene der Kommunikation. In all seinen Formen und technischen Möglichkeiten und  Ausprägungen. Nach Meinung Setz ist die heutige Kommunikation mit smartphones oder sonstigen technischen Geräten (hier sei nur das Stichwort cleverbot erwähnt) nur ein  Mittel, um sich der eigenen Existenz zu versichern. Gespräche so sinnvoll oder sinnentleert sie auch sein mögen, dienen also nur dazu, sich selbst und der Welt gewiss zu sein. Dazu zählt Seitz auch das Selbstgespräch, was er, wie er erwähnt, sehr gerne praktiziert.

Clemens J. Setz hat ein ausgeprägtes Interesse für die Abweichung jedweder Art. Ob es Personen sind, die durch ihr Verhalten irritieren, so wie die Hauptperson des Romans, Natalie Reinegger, deren Sexualpraktiken neben anderen Verhaltensmustern sehr gewöhnungsbedürftig sind, oder die soziale Interaktionen zwischen den Menschen. Setz setzt hier sehr auf das Mittel der Wahrnehmunsirritation. Wie nehmen wir die Umwelt wahr? Sehen zwei Menschen, wenn sie zum Beispiel eine rote Fläche sehen, dasselbe? Setz meint nein. Setz, der selbst unter anderem Synästhetiker ist, schöpft hier natürlich aus dem Vollen. Jeder lebt in seiner Welt und es ist, wie mit den Träumen: Ein Gebiet auf dem vorher niemand war und auf das einem niemand folgen kann. Und das man kein zweites Mal betritt.

Zum Schluss der Lesung wurde es noch einmal ernst, als er auf die Intention zu sprechen kam, dieses Buch zu schreiben. Es sei das Thema „Hass auf Frauen“ gewesen. Etwas was er nicht begreifen kann. Die markanteste Figur, die diesen Hass verkörpert ist Alexander Dorm, der Stalker.

Ein Satz, der auf der Lesung fiel und der bleibt: „Liebe ist, geometrische Klimmzüge ineinander gesteckter Körper“.

Und ein guter Rat wurde den Zuhörern auch noch mit auf den Weg gegeben: „Hindurchgehen durch die Langeweile, um dort anzukommen wo alles spannend ist – so überlebt man.“

Und auf den Titel angesprochen „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ meinte Clemens J. Setz es sei eine Assoziation von dem Begriff der Abenddämmerung, der in Italien verwendet wird.  „Tra cane e lupo“, „zwischen Hund und Wolf„, nennt man in Italien den Zeitpunkt der Dämmerung, was  hierzulande eher die „blaue Stunde“ genannt wird. Und sicherlich hat der Titel auch etwas mit der Form des Gittarenkörpers mit der Form des Frauenkörpers zu tun. Und unwillkürlich hat man da sofort das Bild von Man Ray im Kopf. Die Frau als Violine.

Le Violon dÌngres, 1924 © Man Ray
Le Violon dÌngres, 1924
© Man Ray