„Auf der Jagd“ von Tom Bouman

Auf der Jagd

von Tom Bouman

Die ausgeplünderten Berge und die fruchtbaren Flusstäler des Nordostens von Pennsylvania hüten einige schreckliche Geheimnisse.
 
Der Polizist Henry Farrell  ist, nachdem er als Soldat aus Somalia zurückgekehrt ist und einen Posten als Polizist in Wyoming innehatte, um alles beraubt und seelisch beschädigt, in das Land seiner Geburt zurückgekehrt, nachdem seine Frau an einer Vielzahl von Gesundheitsproblemen gestorben ist. Wir befinden uns in der kleinen fiktiven Stadt Wild Thyme im Holebrook County. Sippen und Geschichten reichen zurück bis zum Bürgerkrieg und darüber hinaus. Die Bewohner sind diejenigen, die „die Gesetze umgehen, Einwände gegen die Regierung haben, Gewinne aus dem Land ziehen. Wilderer von Holz und Rotwild, Einbrecher, und solche, von denen gesagt wird, ihre Hände im Drogenhandel zu haben und die glauben, sie kämpfen eine ewige Whiskey-Rebellion. In der stillen Ecke von Henrys Pennsylvania kämpfen ärmliche Milchbauern und Kleinbetriebe ums Überleben. Über Jahre gab es nur wenig Arbeit und viel Armut. Aber dies änderte sich durch den Einfluss von Firmen, die Land für Gasbohrungen pachten. Farrell kennt die Nebenstraßen um die Berge und Grate und auch die Geschichten der Familien, die dort leben. Es ist eine harte Welt, die immer noch geteilt ist durch alte Familienfehden und deren Geheimnisse.
 
Ein bitterkalter Winter weicht einem trägen März, der den Körper eines jungen Mannes enthüllt. Der verstümmelte Körper wird auf dem Besitz von Aub Dunigan gefunden. Zur gleichen Zeit erscheint Danny Stiobhard in einer örtlichen Klinik, um sich Schrottkugeln aus seinem Körper herauspicken zu lassen, nachdem Aub „aus Versehen“ auf ihn schoss. Henry begreift, dass er den Sheriff und die Staatspolizei hinzuziehen muss. Farrell wird auf der Fahrt zum Grundstück von Aub, von dessen Cousin Kevin begleitet. Vieles im Roman beschreibt verwandtschaftliche Verhältnisse, egal wie zerrüttet die Familien sind durch Kummer und Verrat. Farrell verfolgt diese Tragödien bis auf die Bohrfelder, den verlassenen Häusern, auf Berge und in die Sümpfe, und in verzweifelte Gespräche in kleinen traurigen Küchen. Aub, der an Demenz leidet, hat wenig zu sagen, und Danny verschwindet, bevor die Polizei zu viele Fragen stellen kann. Das Leben von Henry wird nicht leichter, als Henrys Stellvertreter, George Ellis, erschossen wird und Henry ein altes, gut verstecktes Grab, ebenfalls auf Aubs Grundstück,  entdeckt. Henry kennt viele der Verdächtigten aus seinen Kindertagen, ging mit ihnen zur Schule und glaubt, dass, abgesehen von ihren gelegentlichen Diebstählen und Wildereien, keiner von ihnen imstande ist, einen Mord zu begehen. Aber das Bohren nach Gas hat zu einem Zustrom von nicht einheimischen Arbeitern geführt, verhärtet Nachbar gegen Nachbar und öffnet die Tür zu gefährlichen Drogenköchen und Heroindealern, die ihre Geschäfte in verlassenen Stätten aufbauen. Der Schlüssel, der zur Lösung von Henrys Fall führen könnte, liegt vielleicht in dem gut konservierten Körper, der in dem versteckten Grab gefunden wurde. Familienbande und die Fesseln, die sie Menschen auferlegen können, sind ein starkes Thema im Roman. Die berührende Geschichte des alten Aub Dunigan und seiner verlorenen Liebe nimmt zentralen Platz ein. Aber in den meisten der beschriebenen Familien gibt es ein destabilisierendes Element, dunkel und zerstörerisch.
 
 
Boumans Erstlingswerk, ein aufregendes und vor allem aufwühlendes Buch, zeigt ländlichen „Noir“ vom Feinsten: ein poetisch geschriebener Kriminalroman über einen Mann, der mit seinen inneren Dämonen kämpft und einer Landschaft mit einer großen natürlichen Schönheit – vor dem Gas Boom.
 
„Die Natur der Landschaft, über die ich schreibe, ist die, dass sie wunderschön und wild ist und gleichzeitig verwüstet, oft voller Müll. Es gibt einen Bereich von sozioökonomischen Bedingungen – Armut und so fort an einem Ende, und ein wenig Wohlstand und Komfort am anderen Ende. Und immer eine starke gesellschaftliche Engstirnigkeit über die ganze Bandbreite, sogar zwischen Menschen, die als Individuen unerbittlich unabhängig sind. Wenn ich über Verbrechen auf dem Land schreibe, schreibe ich zum größten Teil nicht über Menschen, die sich vom Rest der Gesellschaft losgesagt und getrennt haben. Ich schreibe, über jemandes Cousin oder so etwas.“
 
Der Roman spielt in der bergigen Region im Nordosten von Pennsylvania über der Marcellus-Formation, ein ausgedehnter geologischer Schatz, ausgebeutet und aufgebrochen wegen seiner natürlichen Gasvorkommen. Natur findet man hinter jeder Ecke. So wie auch Eingriffe der Zivilisation – und die Ausbeutung des Landes – und die Verzweiflung der Armut. Es gibt Hoffnung (Fracking Geld und Verpachtungen an die Energieunternehmen) und Sehnsüchte (Meth).
 
„In jenen Frühzeiten des Booms äußerte man sich nur sehr zurückhaltend über „Gasgeld“. Die Menschen sagten nie geradeheraus, wie teuer sie sich ihre Unterschrift hatten bezahlen lassen, aber ihre Cottages und neuen Trucks sprachen für sich…Nachbarn blieben sich zwar nachbarlich verbunden, hielten aber ein wachsames Auge auf ihre Grundstücksgrenze.“
 
Fracking
Die Wälder sind dunkel und düster, die Sümpfe trübe. Nachbarn, die in Fehde miteinander liegen, wegen der Frage, ob sie die Bohrrechte an Firmen verpachten sollen, um dann beschuldigt zu werden, die Umwelt zu vergiften. Ein Land voller alter Sünden, die einen langen Schatten werfen. Da ist es kein Wunder, dass ein alter verrückter Einsiedler wie Aubrey Dunigan sehr gereizt auf jeden reagiert, der auf seiner heruntergekommenen Farm herumschleicht. Aber diese Berge sind auch überrannt von Meth-Köchen, Drogenhändlern und mexikanischen Drogenkartellen. So macht die Tatsache, dass ein Fremder auf seinem Grundstück gefunden wurde, aus dem armen alten Aubrey noch keinen Mörder.

Der Polizist Henry Farrell ist einer dieser stoischen Helden, die sehen, was vor ihren Augen geschieht, aber sich deshalb die Herzen nicht zerbrechen lassen. Er spielt Geige, an  Dienstagabenden mit seinen Freunden, die noch die alten Blue Grass Noten spielen können. Er jagt Rotwild und hält seine Waffe sauber, obwohl er sich schlecht fühlt, bei dem Gedanken an die Wälder, die voller Müll sind, übersät mit den Trümmern von gedankenlos gelebten Leben. Farrell wird vom ersten Augenblick an für den Leser lebendig und zieht ihn in die Geschichte vom ersten flüchtigen Blick auf ihn, barfuss auf der Veranda, mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Als ein geduldiger und sorgfältiger Cop versucht sich Farrell an die alte Regel seines Geigenlehrers zu halten – „an die Kraft der Langsamkeit.“

 
Die Handlung deckt langsam die Vergangenheit von Farrell auf und entwickelt seinen Charakter. Er ist in vielerlei Hinsicht einnehmend, durch seine nachdenkliche, bedächtige, ab und zu grüblerische und vorsichtige Art und Weise. Er ist einer dieser wohlbekannten Gestalten aus der Kriminalliteratur, der Außenseiter ist, gleichzeitig aber auch die Innenansicht hat und ein einsamer Sucher der Wahrheit ist. Nicht, dass es Henry einfach hätte oder alles in Wild Thyme entspannt wäre. Kaum. Der Fall erfordert jedes bisschen Energie; aber er ist kein Jammerlappen. Er ist ein unermüdlicher Verfolger der Wahrheit und ist sich seiner Situation voll bewusst. Er weiß, dass zuhören genauso wichtig ist, wie das beobachten. Seine Methode, einen Fall zu klären, zeigt sich an seiner Erklärung des Begriffes „still hunter“.
 
„Ein Pirschgänger, der allein auf die Jagd geht. Er hat niemanden dabei, der ihm das Wild zutreibt. Er weiß, wo der Hirsch stehen wird. Er ist nicht „still“ im  Sinne von „reglos“, er schleicht durchaus ein wenig herum. Er begegnet dem Wild auf Augenhöhe.“
 
Die andere Geschichte, die Tom Bouman erzählt, ist entmutigender, als die Kriminalerzählung selbst. Eine Geschichte vom Schmerz über einen Verlust, dessen Ursache man nicht eindeutig zuordnen kann. Von dem man aber vermutet, was es ausgelöst haben könnte. Die Umweltvergiftung durch Fracking. Und die Hilflosigkeit gegenüber dem Landplünderer. Es ist eine Geschichte über eine hoffnungslose Generation von ländlichen Amerikanern, die nicht mehr ihr eignes Land bearbeiten – wenn sie überhaupt noch ein wenig Land übrig haben und noch irgendeine Arbeit. Die Sippe Stiobhards sind ein schauriger Haufen und ihre Engstirnigkeit und ihre bösartigen Ränke spuken durch das Buch. Farrell hat Freunde in Wild Thyme aber keine besonderen Feinde. Nur solche, wie die Stiobhards, die nicht zögern würden, ihn zu verletzen, sollte er ihnen in die Quere kommen. Die Sippe der Stiobhards kämpft wild um ihren Besitz, verbunden mit Gewalt, Kriminalität und Diebstahl. Es eine zähe und dunkle Seite von Amerika.
 
„dass die einzigen Dinge, derentwegen es sich zu prügeln lohnte, die Dinge waren, die man nicht haben konnte oder für die man nichts konnte.“
 

 
Diese in ihren Nischen und Sümpfen übersehenen Familien, sind beschädigt durch Ignoranz und Armut. Verdächtige Menschen leben mit ihren Wachhunden in Trailern und verlassenen Schulbussen und sie sind so erfüllt mit blindem Hass gegenüber jeder Art von Autorität, dass sie den Abgrund unter ihren Füssen nicht sehen können.
 
„Sie offenbarte einen Anflug von Trotz, der eine harte Kindheit vermuten ließ, als misstraue sie jeglicher Autorität, die nicht mit brutaler Gewalt daherkam, und eine jederzeit abrufbare Verachtung der Welt, weil diese so funktionierte.“
 
Was Tom Bouman bemerkenswert gut macht, ist, den Leser zu überzeugen, dass die Menschen im Buch schmerzlich „real“ sind. Die Entwicklungsgeschichte Farrells von einem von Gram heimgesuchten Wittwer zu einem Gesetzeshüter mit einer festen inneren Entschlossenheit, die sich durch das Buch hindurch zieht, ist glaubhaft geschildert. Dazu gibt es immer wieder eingestreute Passagen, in denen der Autor ein bewegendes Bild auf die sich verändernde Landschaft wirft. Durch das Szenario vorgegeben, gibt es eine starke Unterströmung von Isolation gegen die Idee von Gemeinschaft, von Zusammenarbeit und Verbundenheit durch Familie und gemeinsamen Ansichten.
 
„Die Welt, über die ich schreibe, ist nicht strikt eingeteilt in Kriminelle und aufrichtigen Bürgern, oder entlang politischer, kulturellen oder sozialökonomischen Grenzen geschrieben. Alles ist ineinander übergreifend.“
 
Bouman behandelt alle Figuren im Buch, ob nun Neben- oder Hauptdarsteller, mit der gleichen Genauigkeit und Mitgefühl, sogar wenn ihr Erscheinen auf den Seiten des Buches nur sehr kurzlebig ist. Dazu sagt Tom Bouman:
 
„Ich neige dazu, mehr von meinen Figuren zu wissen, als das, was später im Buch erscheint. Und dies deshalb, da sie Dinge tun müssen, und um zu wissen, welche Dinge sie dabei sind zu tun, muss ich wissen, welche ihre Motivation dazu ist. Und dies beinhaltet, in der Vergangenheit zu schürfen, in der Kindheit, der Familie, in Enttäuschungen, Glücksmomenten, Geheimnissen, Religionen, Sucht, Sehnsüchten, Obsessionen, Vorurteile, Bildung, Liebeserlebnisse und so weiter. Wenn Figuren nicht mit Liebe und Respekt behandelt werden hat es einen abstumpfenden Einfluss auf das gesamte Werk und ich arbeite hart, um dies zu vermeiden.“
 
Der Autor Tom Bouman
Menschen, die darüber entzweit sind, ob sie sich und ihre Heimat an die Gasgesellschaften verkaufen sollen oder nicht, ist ein Handlungsstrang. Die Landschaft verdirbt und gutes Farmland verwandelt sich zurück in Buschland und Sümpfe. Es ist ein alter Ort, einst besiedelt durch irische Söldner, die im Bürgerkrieg gekämpft haben, den ein Gefühl von Verfall und Zusammenbruch durchdrängt. Dies alles ist ein plastischer Hintergrund für die sich entwickelnde, übereinander  gelagerten Handlungen, die Vergangenheit mit Gegenwart verbinden und alte Wunden und Rivalitäten offen legen. Die schlussendliche Lösung des Falles bringt, auf eine sehr befriedigende Weise, diese Fäden wieder zusammen..
 
Der Originaltitel des Romans „Dry Bones in the Valley“ bezieht sich wahrscheinlich auf Ezechiel, einem der drei großen Schriftpropheten und auf einen Abschnitt des alten Testaments. Ezechiels Traum vom Tal der verdorrten Gebeine. Ezechiel macht darin deutlich, dass die Gegenwart Gottes den entscheidenden Unterschied zwischen den Lebendigen und den Toten ausmacht. Es gibt Hoffnung für die Toten. Das Ende aber auch der Neubeginn liegt in seiner Hand. Aus dem Grauen der Hoffnungslosigkeit wird zuletzt ein Schauder der Gottesfurcht.
 
 
 
Tom Bouman
Übersetzt von Röckelein, Gottfried
Auf der Jagd (Dry Bones in the Valley)
ars vivendi 2017