Tomatenrot von Daniel Woodrell

Tomatenrot

Ein Buch, wie ein Rockabilly SONG

DU BIST KEIN UNSCHULDSLAMM, und du weißt, wie das so läuft: Freitag ist Zahltag, und der Tag ist grau und ganz durchgesuppt von einem langsamen, hässlichen Regen. In deiner Trübsal suchst du Gesellschaft…“ Das ist der Anfang des meisterhaften ersten Kapitels von Daniel Woodrells sechstem Roman, der nun in einer Neuübersetzung im liebeskind Verlag erschienen ist. Und wie die Leser von Daniel Woodrell es erwarten, spielt auch dieser Roman in den Ozarks. Um genauer zu sein, in West Table, Missouri.

Der Erzähler heißt Sammy Barlach. Und die Geschichte, die Barlach zu erzählen hat, ist eine Tragödie. Aber diese zu lesen, ist eine Freude, wie die New York Times schrieb. Dieses fulminante erste Kapitel, das ganz dem Erzähler gehört, ist ein furioser Einstieg in den Roman. Barlach erzählt seinen Werdegang. Ohne Punkt und Komma wie es scheint, atemlos. Er schwadroniert wie die Menschen im Ozark sprechen. Sammy öffnet sich, ist schonungslos sich selbst gegenüber und sein Motto ist: Hier bin ich, nehmt mich wie ich bin, ich kann nicht anders. Es ist kein Bewusstseinstrom, kein steam-of-consciousness Monolog, sondern klare kompromisslose, ehrliche Sprache.

Gerade erst Arbeit in einer Hundemittelfabrik gefunden, trifft er ein Mädchen, die gut mit Crank (Meth) versorgt ist und die nach dem Wochenendtrinkgelage auf die Idee kommt, in die Villa einer reichen Familie einzubrechen, die gerade wieder einmal in Urlaub ist. Hier wird er sich seiner Herkunft bewusst: „Ich hasste mich und alle von meiner Sorte vor mir. Dieses Haus stand zig Ebenen über jedem, in dem ich jemals gewesen war.“ Er muss sich ins Gedächtnis rufen kein Abschaum zu sein und gleichzeitig dem Drang widerstehen, alles kurz und klein zu schlagen. Ein Drang, der immer da war, im Hintergrund, aber immer nach vorne gespült wurde. Er hat noch ein zweites Bedürfnis: es musste immer etwas zu essen in Reichweite sein. Ohne was zu essen konnte er nicht schlafen. Nur die Gewissheit, dass etwas Nahrhaftes greifbar war, beruhigte ihn schon.

In der Villa trifft Sammy die Einbrecher Jamalee und Jason Meridew, ein Geschwisterpaar aus Venus Holler. Die zwei leben zusammen wie Bruder und Schwester, „die früher wohl erheblich öfter Doktor gespielt hatten, als es sich gehörte.“ Die Geschwister brechen in reiche verlassene Häuser ein, um dort für eine Nacht den Luxus zu genießen. Kleider anzuziehen und so zu tun, als sei man reich. Jamalee jedoch hat Träume, will groß herauskommen, indem sie ihren Bruder, der durch sein Aussehen allen Frauen den Kopf verdreht, dazu benutzt, reiche Frauen zu verführen und dann versucht, diese zu erpressen. Nur einen Haken hat die Sache: Jason macht sich nichts aus Frauen. Und das ist gefährlich. Trotz seiner Schönheit. „Schönheit half nicht gegen Bösartigkeit, und Bösartigkeit hatte genau hier ihren Willen gekriegt“, heißt es im Roman, als das Trio durch eine Gewalttat getrennt wird. Oder wie Bev Meridew, die Mutter der Geschwister, zu Sammy sagt: „Da draußen gibt es alles mögliche Böse auf zwei Beinen.“

Beverly Meridew ist als Gelegenheitsprostituierte und gelegentlicher Polizeispitzel unterwegs. Bev lebte nach Meinung ihrer Tochter nach dem Motto: „Lebe schnell, lerne langsam.“ „Sie war eine der Frauen, die sich wie eine Kinderpuppe stylen. Eine Barbie, die mit Truckstop-Wiskey und frittiertem Hühnchen aus dem Leim gegangen war.“ Aber sie hat sich mit diesem Leben abgefunden, hat sich darin eingerichtet. Sammy zieht zu dieser inzestuösen Familie, da Jamalee auf die Idee kommt, Sammy als Beschützer zu engagieren, um sich oder ihre Träume von Reichtum vor den fiesen Elementen von Venus Holler zu beschützen. Venus Holler, „die zwielichtigste Gegend der Stadt“. Es handelt sich dabei „um eine Senke voll kleiner eckiger Häuser, die sich ein wenig zur Seite neigten wie ein Haufen Trinker.“ Trotzdem findet Sammy hier, was er so sehnlich suchte und sich wünschte: „irgendwo dazuzugehören, und das waren die Leute, die mich ließen.“

Die im Grunde bedeutungslosen Charaktere, den wen interessiert schon eine Familie, und einen Verlierertyp tief in den Ozarks, bringen sich durch ihre Handlungen, die sich durch große Dummheit auszeichnen, in Schwierigkeiten. In so große Schwierigkeiten, dass das deprimierende Ende voraussehbar ist. „Die anständige Welt hatte kaum Notiz davon genommen“, heißt es an einer Stelle des Buches. Es hatte keinerlei Aufsehen erregt, als Jason tot aufgefunden wurde, und es eigentlich allen klar war, dass er ermordet worden war. „Der beiläufige Tod eines Typen wie Jason mit einer Adresse in Venus Holler interessierte die Öffentlichkeit nicht sonderlich.“

„Tomatenrot“ ist kein Kriminalroman, kein „Noir“-Krimi. Es ist ein Roman, in dem die Hauptpersonen des Romans lernen, dass das Leben, so wie sie es kennen, keine Hoffnung für sie übrig lässt oder dass es auf irgendeine Weise für sie besser werden könnte. Wenn Sammy, Jason und Jamalee zusammen sind, strahlt der Roman eine positive Stimmung aus, in der wunderbaren Unvollkommenheit des Trios, und doch, wohin immer sie auch gehen, haben sie keine Hoffnung, wenn sie so bleiben wie sie sind und manchmal sagt der Erzähler Sammy „schämte (ich) mich für das schlecht ausgestattete Leben, in das ich hineingeboren worden war.“

Jamalee „war winzig und unerbittlich. Ihr Kopf sah aus wie eine robuste Tomate nach einem heftigen, reinigenden Wolkenbruch. Sollte ich jemals einen Mustang, Baujahr ’65, Vier-Gang mit Faltdach besitzen, dann musste er die Farbe ihrer Haare haben.“ „Sie kam auf Lösungen, wo ich noch nicht mal ein Problem erkannt hatte.“ Aber sie ist ebenso verletzlich wie Sammy und sie ist ebenso auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit, nach besseren Zeiten. Als Sammy und sie zum ersten Mal körperlich zusammenkommen, sagt sie zu ihm „Sei gut zu mir“. „Oder böse“. So zwiespältig das Verhältnis von Jamalee zu Sammy ist, so klar ist das Verhältnis von Bev zu Sammy. Hier bekommt er, was er vorerst von Jamalee nicht bekommt: Sex. Sammy ist in beide Frauen verliebt, denen jeweils eine vorhersehbare Rolle zugeteilt ist – die Hure und die unerreichbare Göttin. Während Bev eine ungehörige Menge an Vergnügen aus ihrem Gewerbe zieht hat Jamalee ambivalentere Gefühle gegenüber der körperlichen Liebe. Sie begegnet ihr mit einer Portion Furcht. Die Anziehungskraft von Sammy für die beiden Frauen ist aufgeladen durch die Mutter-Tochter-Beziehung und durch seine eigene sexuelle Unsicherheit. Auch gegenüber Jason.

Woodrell befasst sich mit der Hoffnungslosigkeit der Armut in den Ozarks. Er beschreibt die triste Wirklichkeit der Armut und die Außenseiter, die diese hervorbringt. In „Tomatenrot“, hält Woodrell seinen traurigen Themen eine Erzählweise entgegen, die lebendig, lustig und voller ablehnender Haltung ist. Sammy hat eine Stimme wie ein Schnappmesser und er benutzt die scharfe Schneide, um die Erwartungen des Lesers an die Leute vom Lande und die Gewalt zu untergraben. Barlach ist der Held von „Tomatenrot“ und wir reden von einem klassischen tragischen Helden. Er ist, wie alle guten „Noir“ Helden, fremd und zum Handeln gezwungen. Sammy strebt nicht danach ein besserer Mensch zu sein und doch versucht er, sich anzupassen. Woodrells Beschreibung, wie jemand das Lebensnotwendige verweigert wird und der dadurch zu einer unsicheren und verwahrlosten Existenz verdammt wird, ist für den Leser schwierig mitzuerleben, obwohl Sammy einen gewissen Sinn für Humor besitzt. Armut, so Woodrells Fazit, führt dazu, dass jeder schlussendlich auf sich allein gestellt ist und für sich selbst sorgen muss. Ob es Sammy, Beverly, Jamalee oder Jason ist, alle müssen sich der tiefgründigen Entfremdung stellen. Als Jamalee ihre Entscheidung fällt und Sammy am Schluss wieder einmal verraten wird, bleibt ihm nur die sinnlose Gewalt. Die Gewalt, die im Hintergrund schon immer gelauert hat und nun aus ihm herausbricht. Diese raue rohe Gewalt wird unerbittlich geschildert und wird zur Selbsterfüllung von Sammys Prognose.

Sammy ist auf der Suche. Er sucht einen Sinn, dass alles. was ihm passiert, einen Sinn ergeben muss. „Hinter all dem Schrecken muss es doch einen Sinn geben, es muss, aber ich kann ihn einfach nicht finden, und das ist meine Schuld, also quäl ich mich weiter damit herum.“

Gebt die Schuld wem ihr wollt. Jetzt wisst ihr alles.

„Ich liebe diesen Song. Da kriege ich immer so ein Kribbeln.“ Der Song war I’m left, You’re Right, She’s Gone. „Er wird ja nicht ohne Grund der King genannt.“

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Daniel Woodrell „Tomatenrot“

Übersetzer: Peter Torberg

liebeskind Verlag 2016

 

 

 

 

 

Daniel Woodrell II

Die Welt des Daniel Woodrell

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass nichts von alledem passiert ist

Einer der wohl am meisten übersehenen Autoren Amerikas war im September 2012 auf einer kurzen Lesereise quer durch Deutschland und Österreich: Daniel Woodrell, der erst durch die Verfilmung seines Romans „Winterknochen“ einem größeren Lesepublikum bekannt wurde. Obwohl er seit über 35 Jahren sein Leben als Schriftsteller verbringt, war sein Werk sowohl in Amerika als auch in Deutschland lange Zeit vergriffen und nur noch antiquarisch zu erhalten. Erst mit dem großen Kinoerfolg von „Winterknochen“ wurde sein Werk in Amerika wieder neu aufgelegt und ein Erzählband „The Outlaw Album“ veröffentlicht. In Deutschland hat der Verlag liebeskind in München sich dem Werk Woodrells angenommen und veröffentlich fast nun jedes Jahr ein Buch. Nach „Winterknochen“ folgte „Der Tod von Sweet Mister“, danach „In Almas Augen“. Nun ist auch wieder die Neuübersetzung von „Tomato red“ in den Buchhandlungen zu haben.

Tomaro red
Tomaro red

Das Buch „Der Tod von Sweet Mister“, bereits im Jahre 2001 in Amerika erst veröffentlicht und 2011 neu aufgelegt, zeigt erneut die Meisterschaft dieses amerikanischen Autoren. Woodrell, Jahrgang 1953 wurde in Springfield Missouri geboren. Seine frühen Jahre verbrachte der Autor in West Plains, einer Kleinstadt in den Ozarks. Mit 17 Jahren trat er in die Marines ein. Dort wurde er wegen eines Drogendelikts entlassen, bevor ihn die Army nach Vietnam versetzten konnte. Danach nahm er eine Auszeit. Er schlug sich mit verschiedenen Tätigkeiten durch und trampte durch Amerika. Zwischen den Reisen besuchte er College Kurse an der Universität von Kansas und nahm an Workshops teil. Seinen ersten Roman „Under the Bright Lights“ schrieb er 1986. Ein Kriminalroman mit und über den Polizisten Rene Shade, und dessen Familie. Zwei weitere Kriminalromane mit Shade folgten, die aber nicht sehr erfolgreich waren. Dieser Misserfolg der Bayou-Trilogie und des Bürgerkriegsromans „Woe To Live on“ ließen Woodrell in einer schlechten finanziellen und mentalen Lage zurück. Woodrell fiel in ein tiefes Loch, wollte nicht mehr schreiben. Alle seine Bücher waren aus den Buchhandlungen verschwunden, ohne einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. Er zog wieder von Ort zu Ort: Arkansas, Cleveland, nach hier und dort und schließlich für ein paar Jahre nach San Franzisco. Und es war dort in San Franzisco, wo sich die Dinge änderten. Daniel Woodrell begann an „Give us a kiss“ zu schreiben und dieses mal schrieb er über etwas, das er kannte.

Der Protagonist des Buches, Doyle Redmond, ein gescheiterter Autor, kehrt in die Ozarks zurück und wird sehr bald in blutige Fehden zwischen lokalen Drogenbanden verstrickt. Es ist ein bitterer, auf seltsame Weise lyrischer Roman, der die Ozarks und seine Bewohner eindringlich zum Leben erweckt. Eine Vorauszahlung zu diesem Buch ermöglichten es ihm, sich ein Haus in West Plain zu kaufen. Nun war er wieder zu Hause, bei seinen Wurzeln. Die Ozarks ist eine Hochlandregion, die die südliche Hälfte von Missouri und Teile von Arkansas einnimmt und sich ebenso in das nordöstliche Oklahoma sowie in den äußersten Südosten von Kansas erstreckt. Aber nicht nur die Landschaft ist mit dem Begriff Ozark verbunden. Es ist auch die besondere Kultur, die Bevölkerung mit einem Dialekt, der dort gesprochen wird. Die Wurzeln von Woodrells Familie reichen bis in das Jahr 1840 in den Ozarks zurück. Nun wohnt er nur einen Steinwurf von dem Haus weg, in dem seine Mutter geboren wurde. Der Roman „Give us a kiss“ war der Übergang zu den Ozark Romanen. Es folgten „The Death of Sweet Mister“, „Tomato Red“, und „Winter’s Bone“. Woodrell hatte sein Thema gefunden.

Nun saß er also in der Stadtbibliothek in Dortmund und las im Rahmen des Krimifestivals „Mord am Hellweg“ aus seinem Buch „Der Tod von Sweet Mister“. Der Roman, geschrieben aus der Perspektive eines 12 Jahre alten Jungen, bleibt unvergesslich. Der Junge namens Shug lebt mit seiner über vorsorglichen Mutter in einer heruntergekommenen Hausmeister-wohnung auf einem Friedhof. „Kindliche Erzähler können ein wenig süß klingen“ sagte Woodrell. „Shug ist es nicht, denke ich. Als ich anfing zu schreiben, bekam ich ein Gefühl für ihn und seine Mutter. Die Idee, beim Schreiben, innerhalb einer Person, einer Kultur oder Familie zu sein, dass auch beinhalten kann, Grenzen zu überschreiten, ist sehr komfortabel für mich. Ich muss keinen großen Sprung machen. Alles lag vor meiner Tür. Der Ursprung der Geschichte, so erzählte Woodrell liegt in seiner Kindheit. Eines Tages ging er mit einem Schulkameraden zu diesem nach Hause. Dort im Wohnzimmer standen über 300 Radios herum. Der Vater war nicht sehr erfreut, einen fremden Jungen in seiner Wohnung zu haben. Erst im Nachhinein kam es ihm merkwürdig vor, dass jemand 300 Radios zu Hause hatte. Diese kleine Begebenheit, dieses Familiengeheimnis und die latente Gewalt des Vaters seines Schulkameraden, ging ihm nicht aus dem Kopf und mit „Sweet Mister“ hat er diese Episode zu Literatur gemacht.

Buchliste

1986 „Under the Bright Lights“ dt. „Cajun Blues“, Heyne 1994.                      .

1987 „Woe to Live On“ dt „Zum Leben verdammt“, Rowohlt, 1998.

1988 „Muscle for the Wing“ dt. „Zoff für die Bosse“, Heyne 1995.

1992 „The Ones You Do“ dt. „John X“., Rowohlt, 1999.

1996 „Give Us a Kiss“ dt. „Stoff ohne Ende“. Rowohlt, 1998.

1998 „Tomato Red“ dt. „Tomato Red“, Rowohlt, 2001; „Tomatenrot“, Liebeskind 2016.

2001 „The Death of Sweet Mister“ dt. „Der Tod von Sweet Mister“, Liebeskind, 2012.

2006 „Winter’s Bone“ dt. „Winters Knochen“ Liebeskind, 2011,

2011 „The Outlaw Album“

2013 „The Maid’s Version“ dt. „In Almas Augen“; Liebeskind 2014