Stewart O’Nan „Westlich des Sunset“

Premiere in Hollywood
Premiere in Hollywood

Im Grunde ist alles Leben ein Prozess des Niedergangs

Stewart O’Nan „Westlich des Sunset“

1936 erschien in der Zeitschrift „Esquire“ zwischen Februar und April ein autobiographischer Essay von F. Scott Fitzgerald unter dem Titel „The Crack-Up“. Der Essay beginnt mit den Worten  „Of course all life is a process of breaking down“. In diesem Essay, der unter dem deutschen Titel „Der Knacks“ erschienen ist, entwickelt und beschreibt Fitzgerald seine Vorstellung eines „emotionalen Bankrotts“. Diese persönliche Abhandlung gilt als wichtigstes Dokument für die Lebenskrise Fitzgeralds.

Diesen Niedergang von F. Scott Fitzgerald beschreibt Stewart O’Nan anhand der letzten Jahre, die Fitzgerald in Hollywood verbracht hatte, um sich dort als Lohnschreiber in den dortigen Studios zu verdingen. Geschuldet war dies seiner prekären finanziellen Situation. In seiner romanhaften Biografie „Westlich des Sunset“ unternimmt Stewart O’Nan den heiklen Versuch diese angespannten Jahre zu bebildern, indem er einen Erzähler in der dritten Person benutzt, der die Gedanken von Fitzgerald reflektiert. Wieder ein Buch, das sich in die vielstimmige Sekundärliteratur über F. Scott Fitzgerald einreiht, mag man denken. Auf diesen Einwurf hat Stewart O’Nan auf  einer Lesung in Stuttgart gesagt, dass Sekundärliteratur immer die Perspektive von  anderen aufzeigt. Von Freunden, Briefpartnern und Zeitgenossen. Keine zeigt den Blickwinkel des Protagonisten. Dies aber hat ihn interessiert. Die Gefühls- und Gedankenwelt von Fitzgerald aufzuzeigen. Beschreiben wie es war. Durch diesen Kniff, einen Erzähler zu bemühen, wollte er näher an Fitzgerald sein, seine Emotionen zeigen. Aber, was im Menschen Fitzgerald passiert und vorgegangen ist, weiß man nicht. Alle Biografien können nur Annäherungen an den Menschen Fitzgerald sein. Gereizt hat ihn, die neue Lebenssituation von Fitzgerald zu beschreiben. Den Frondienst und die Demütigungen, die er erfahren hat. Der gefeierte Schriftsteller als Lohnschreiber von Drehbüchern und konfrontiert mit einer neuen Liebe.

Seine Jahre in Hollywood fingen mit seiner Ankunft im Jahr 1937 an, ausgestattet mit einem lukrativen Vertrag von MGM, und dauerten bis zu seinem frühen Tod durch einen Herzinfarkt im Alter von 44 Jahren. O’Nan benutzt zur Beschreibung dieser Jahre auch die Menschen, mit denen Fitzgerald  Umgang hatte und Ereignisse, die die Person Fitzgerald am besten beschreiben: Fitzgeralds Umgang mit seinen Kumpanen wie Humphrey Bogart, Ernest Hemingway, von dem auch der Satz stammt, Fitzgerald habe seine Gabe verraten, Aldous Huxley, Anita Loos, Dorothy „Dottie“ Parker, mit ihren spritzigen Bonmots und ihr Mann Alan Campbell und Marlene Dietrich. Seine intensive Liebe zu der jungen, blonden Gesellschaftsreporterin Sheilah Graham, die sich präsentierte, als ob sie von der englischen Upper Class abstammte aber als Lily Sheil in einem Londoner Slum geboren wurde. Die nutz- und sinnlose Arbeit als Drehbuchschreiber in seinem Büro wird penibel aufgezeichnet. Schlussendlich taucht sein Name nur bei einem Film im Abspann auf.

F. Scott Fitzgerald war schon zweimal vor 1937 in Hollywood gewesen, jeweils als ein ganz anderer Mensch. Beim ersten Mal hatte er triumphal in die Stadt Einzug gehalten, das goldene Wunderkind und seine Flapper-Braut, die wilde Zelda. Eine der Ikonen jener Zeit, eine junge Frau, die kurze Röcke und kurzes Haar trug und selbstbewusst ihr Leben lebte. Beim letzten Mal schlich er sich in die Stadt an den Reportern vorbei, um die kranke Zelda zu besuchen. Und jetzt ging er anonym in der Menge der Reisenden unter. Kein Empfangskomitee erwartete ihn.

F. Scott Fitzgerald war auf der einen Seite ein perfektes aber auch ein abschreckendes Aushängeschild für Hollywood. Sein jugendlicher Ruhm verlieh ihm eine scharfsinnige Sicht auf diese seichte, flitterhafte Stadt. Diese Stadt, die trotz ihrer tropischen Schönheit etwas Reizloses, Hartes, und Vulgäres hatte, das so unzweifelhaft amerikanisch war wie die Filmindustrie. Aber gerade da er in den letzten drei Jahren seines Lebens dort gearbeitet hatte, war es auch ein trauriger Fall: ein von Schulden geplagtes Genie, ein Alkoholiker, der sich selbst verkaufte, um an zweitklassigen Drehbücher mitzuarbeiten. Hat man jemals von dem Film „A Yank at Oxford“ gehört? Kein Wunder, dass sein großer und unvollendeter Roman „The Love of the Last Tycoon“ die Romantik, die Illusionen und  Flitterhaftigkeit der Filmindustrie zum Thema hat.

Warum die Hollywood-Jahre? Auch dazu äußerte sich O’Nan in Stuttgart. Ihn reizte, den Niedergang nach dem Erfolg zu beschreiben. Auch den Wesenszug von Fitzgerald, den Glamour und die Nähe von erfolgreichen und berühmten Leute zu suchen. Teil dieser Glamourwelt, dieser abgeschiedenen Welt der Privilegierten zu werden und zu sein. Ein Leben lang hatte er sich von den ganz Großen angezogen gefühlt, in der Hoffnung, sein beflissenes Verständnis könnte ihm einen Platz unter ihnen einbringen. Aber auch die Angst vorm Schreiben, das Wissen um die Verschwendung seines Talents, dessen sich Fitzgerald auch bewusst war. Der exzessive Genuss von Drogen und Alkohol. Fitzgerald war für O’Nan zu dieser Zeit ein Außenseiter, bedingt durch seine Schulden und seine Heimatlosigkeit, der versuchte, in Hollywood einen neuen Weg für ein neues Leben zu finden. Aber auch das Kapitel Filmindustrie, das ja auch in diesen späten dreißiger Jahre in Hollywood geschrieben wurde und die Zeitgeschichte, die Politik, hier auch der spanische Bürgerkrieg, beschrieben durch die Aktivitäten von Hemingway und Parker, das Wissen, dass ein Krieg kommen wird, dieses Zeitpanorama, wollte er ebenfalls illustrieren.

Das Buch beginnt mit Fitzgeralds Besuch bei Zelda an ihrem 17ten Hochzeitstag, kurz bevor er nach Westen, nach Hollywood geht. Die Frau, die er trifft, ist in ihren späten Dreißigern und erinnert kaum an die legendäre Zelda. Gezeichnet von ihrer Krankheit, die O’Nan eine bipolare Störung nennt. Einmal fragt sich Fitzgerald, ob sie schon die ganze Zeit verrückt gewesen war und er das anziehend gefunden hatte. Zelda ist hager und verhärmt, einem alten Weib ähnlich, ihr Lächeln ruiniert durch einen abgebrochenen Zahn. Nachdem er nach Hollywood umgezogen war, fuhr er noch einige Male nach Osten, um sie zu besuchen, und jedes Mal notierte er, wie sich Zelda verändert hatte: Sie hat an Gewicht zugelegt, ihre Haare waren gefärbt in einem wenig schmeichelhaften braun, ihre altmodischen Kleider waren Zuwendungen des Sanatoriums. Er beobachtete sie nach Anzeichen. Ist sie stabil oder ist sie wieder dabei, den Erzengel Michael zu sehen? Sie gaben sich gegenseitig vor und auch vor sich selbst, dass sie irgendwann wieder zusammen leben würden. O’Nan überzeugt am meisten, wenn er über die herzzerbrechende Schuld berichtet, die Fitzgerald verspürt, wenn er daran denkt, auf wie viele Weisen er Zelda in den letzten Jahren verlassen hatte. Die Frage, ob er Zelda alleine lassen kann – diese Frage beschäftigt ihn und er hat Schuldgefühle, die ihn für den Rest seines Lebens quälten. Er hatte ein schlechtes Gewissen, als hätte er sie, so unmöglich es auch gewesen war, retten müssen. In einem Brief an Zelda im April 1938 schrieb er: „Wir waren einmal ein einziger Mensch, und ein bißchen wird es immer so bleiben.“ Auch erleichterte es ihn sehr, dass er Zelda nicht persönlich über den Entschluss, nach Hollywood zu gehen, informieren kann, sonder dies per Brief erledigte. Er schämte sich, ist hilflos, weiß um sein Scheitern.

„Natürlich. Ich bin der König, des Schiefgehens.“
„Und ich deine Königin.“
„Stimmt“, sagte er, denn obwohl der Thron viele Jahre lang leer geblieben und das Schloss, wie auch das Reich, längst zerstört war, war sie seine Königin. Trotz allem, was sie vergeudet hatten, würde er nie bestreiten, dass sie füreinander geschaffen waren.
Zelda Fitzgerald
Zelda Fitzgerald
So ein Dialog aus dem Roman oder an anderer Stelle: „Wir haben viel zu früh angefangen, schlechte Karten zu ziehen“
Der Knacks

In dem bereits angeführten Essay vom Februar 1936 „Der Knacks“ schrieb er: „Im Grunde ist alles Leben ein Prozeß des Niedergangs, aber die Schläge, die das eigentlich Dramatische dabei ausmachen – jene plötzlichen schweren Schläge, die von außen oder scheinbar von außen kommen, an die man sich erinnert, für die man die Dinge verantwortlich macht und über die man in schwachen Momenten auch zu seinen Freunden spricht -, diese Schläge zeigen ihre Wirkung nicht mit einem Mal. Es gibt noch einen andere Art von Schlägen, die von innen kommen und die man nicht spürt, bis es zu spät ist, etwas dagegen zu tun, bis einem endgültig klar wird, daß man als Mensch in dieser oder jener Hinsicht nie wieder soviel taugt wie früher. Die erste Art von Knacks kommt rasch, die zweite Art kommt, fast ohne daß man es merkt, aber dann spürt man es plötzlich um so mehr.“

Es muss ein Gefühl gewesen sein, als ob jemand einem den Teppich unter den Füßen weggerissen hätte. Im Alter von vierzig Jahren war er durch eine Reihe von Rückschlägen, die Fitzgerald eher als Pech betrachtete, zu einem Heimatlosen geworden. Da seine Tochter Scottie im Internat wohnte und Zelda im Sanatorium brauchte er keinen Haushalt mehr zu führen, eine Erleichterung, weil sich damit seine Ausgaben verringerten. Allerdings gab es jetzt keinen Ort mehr, an den sie zurückkehren konnten, und die Dinge, die ihnen am meisten bedeuteten, waren in muffigen Abstellräumen gelagert. Er hatte sich so weit wie möglich eingeschränkt, und dennoch reichte sein Geld nicht, um für die Klinik und Scotties Schulgeld aufzukommen, aber er weigerte sich – aus falschem Ehrgefühl oder schlichter Verblendung -, seine Pflichten zu vernachlässigen. Aber er staunte über seinen eigenen Sturz und seine Fähigkeit, sich dessen bewusst zu sein. Auch ein Gedanke, den O’Nan bei der Lesung ausführte. Warum war Fitzgerald zu jener Zeit aus der Mode gekommen? Hatte Hemingway mit seinem Bonmot recht, dass Scott seine Gabe verraten hatte? O’Nan meint, dass bedingt durch die Weltwirtschaftskrise und den dadurch verursachten Börsencrash, die Menschen andere Sorgen hatten, als sich um das Glamourpärchen, Scott und Zelda Fitzgerald zu kümmern. Das Leben dieses Pärchen war aus der Zeit gefallen.

Fitzgerald schreibt wiederum im Essay: „Nun kann ein Mann auf mancherlei Art kaputtgehen – zum Beispiel im Kopf, in welchem Fall ihm die Entscheidungsfreiheit von anderen abgenommen wird! oder körperlich. In Hollywood wurde ihm auf jeden Fall vorgeschrieben, an was er zu arbeiten hatte. Die Entlohnung war für einen Normalverdiener extrem hoch, sechs Monate für tausend Dollar die Woche aber die „Eiserne Lunge“, wie der Bürotrakt von MGM bei den Drehbuchschreibern hieß, verschlang auch so manchen Autoren. So hatte Fitzgerald im Laufe der Jahre beobachtet, wie Hollywood seine Freunde aus dem Osten verschlang, wie es ihre edleren Ambitionen untergrub und ihnen die Taschen füllte. Er schreibt dazu „…und wenn jemand mir einen Knochen mit genügend Fleisch daran hinwirft, werde ich ihm vielleicht sogar die Hand lecken.“
F.Scott Fitzgerald und Sheilah Graham
F.Scott Fitzgerald und Sheilah Graham
Und dann traf er die Engländerin Sheilah Graham, eine erfolgreiche Klatschkolumnistin. Obwohl sie blondes Haar hatte und diese zudem wellig waren, hätte sie Zeldas Zwillingsschwester sein können. Nach der Meinung O’Nans fand Fitzgerald in Sheilah, was er in seinem Buch „Der große Gatsby“ beschrieben hatte. Jemand, der sich selbst erschuf. Sheilah, so O’Nan, hat sich selbst erfunden. Von der proletarischen armen Auswanderin aus England, zu einer erfolgreichen Klatschreporterin Hollywoods. Mit Mut, Esprit, Witz und Intelligenz, smart, mutig und kräftig hat sie sich ihren Platz erobert. Sie war ihrer Zeit voraus und war die stärkere von beiden. Fitzgerald konnte sich nie aus dem Zwiespalt zwischen Zelda und Sheilah lösen. Dazu dürften auch die Briefe beigetragen haben, die Zelda ihm zukommen ließ, so wie der vom März 39: „Liebster, ich bin immer dankbar für all die Loyalität, die Du mir gegenüber bewahrt hast, und ich bleibe immer den Begriffen treu, die uns so lange zusammengehalten haben: dem Glauben, daß das Leben tragisch ist, daß der geistige Lohn eines Menschen im Festhalten an seinem Glauben, wir sollten einander nicht verletzten, besteht. Und ich liebe, immer, Dein schönes schriftstellerisches Talent, Deine Toleranz und Großzügigkeit und alle Deine glücklichen Begabungen. Nichst (sonst) könnte unser Leben überdauert haben.“
Die Liebe des letzten Tycoon

Neben seiner Liebe fand Fitzgerald auch wieder zum Schreiben. Neben zahlreichen Short-Stories, die er wegen seiner Geldnot schrieb, fing er wieder an einem neuen Roman an, den er nicht fertig stellen konnte, ihm aber neue Hoffnung gab. Ihm aber gleichzeitig bewusst machte, dass er viel Zeit verschwendet hatte. So schrieb er, ebenfalls im Herbst 39 an Zelda: „Den ganzen Tag habe ich an einem Roman gearbeitet, bei dem die Herausgeber der Zeitschrift mich zu fördern bereit sind, wenn ihnen die ersten zwölftausend Wörter gefallen. Es sieht aus, als könnte es die Rettung sein, und ich lege alles, was ich habe, hinein.“

Es scheint, als ob das komplette Scheitern Fitzgeralds, sein Absturz durch Alkohol, ihn soweit zurückgeworfen hatte, dass er wieder zu sich selbst gefunden hatte. Und so konnte er am 23.10.1940 wiederum an Zelda schreiben: “ Ich stecke tief in meinem Roman, ich lebe darin, und er macht mich glücklich. Es ist ein konstruierter Roman wie Gatsby mit Passagen poetischer Prosa, wenn sie zur Handlung passen, aber keinen Grübeleien oder Nebenepisoden wie in Tender. Alles muß zur dramatischen Bewegung beitragen.“

Stewart O'Nan
Stewart O’Nan

Die schönsten Passagen des Romans „Westlich des Sunset“ liegen nicht nur in den eleganten beschreibenden Abschnitten und den lebhaften Berichten über Hollywood auf seinem Höhepunkt, sondern auch im Ton des Romans. O`Nan hat durch die Benutzung  von Fitzgeralds Briefen und Werke einen Hintergrund geschaffen, der die Verfassung und die Seelenqualen Fitzgeralds widerspiegelt. Der Leser wird in eine Welt versetzt, in der Fitzgerald zu einer menschlichen Figur wird – angenehm, talentiert, schwach, sich ganz seinem Talent widmend und darin sorgenfrei sein kann. Man merkt diesem Buch an, dass O’Nan seine Figuren liebt, er die Menschen mag über die er schreibt und sie nicht verachtet oder sich über sie lustig macht in ihrem Bemühen um ein aufrechtes Leben.

Was fasziniert Stewart O’Nan an dem Autoren Fitzgerald. Darauf antwortet er: „Mir gefällt die Figurenbeschreibung, die Komik von Fitzgerald, das Positive in seinem Schreiben, die Musik seiner Sprache und die Emotionen. Das präzise, elegante und konzentrierte Schreiben und die Spannbreite seines Schaffens.

Veränderung ist die einzige Konstante in diesem Roman. Von Fitzgeralds kurzlebigen Drehbuchentwürfen bis zu den in die Jahren gekommenen Filmstars, der Zerfall von Zelda. Die ganze Welt scheint dem Schicksal verfallen zu sein, zu verschwinden. O’Nan beschreibt das Gefühl eines freien Falls, den unkontrollierbare Veränderungen mit sich bringen können. Zitat aus „Der große Gatsby“ – „So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.“

Westlich des Sunset
Stewart O`Nan
„Westlich des Sunset“ („West of Sunset„)
Übersetzer: Thomas Gunkel